[...] Basierend auf Ergebnissen sozialwissenschaftlicher Forschungen, daß Alltagsästhetik
zunehmend zum entscheidenden Faktor sozialer Differenzierungs- und Orientierungsprozesse
wird, richtet sich ihr Fokus auf eben diesen Wandel und seinen Einfluß auf politische
Bildung und politische Kommunikation.1
Der Paradigmenwechsel von einer durch ökonomische Determinanten wie Einkommen,
Berufstruktur etc. streng vertikal untergliederten Gesellschaft, hin zu vermehrt durch sozialästhetische
Kriterien wie Lebensstil und Habitus horizontal geprägten Gesellschafts- und
Kommunikationsformen, resultiert dabei für die Autoren in vier zentralen Forderungen an
politische Bildung:
1. Politische Bildung muß sich dieser Ausdifferenzierungen und den daraus folgenden
Zugangsbarrieren zu den einzelnen Zielgruppen bewußt sein.
2. Danach müssen aus den milieuspezifisch unterschiedlichen Kommunikationsformen
Ansatzpunkte für politische Bildung gewonnen werden.
3. Die Ästhetisierung der Lebenswelt muß aufgrund ihrer Bedeutung selber ins Zentrum
politischer Bildung rücken.
4. Die durch eine sozialästhetische Partikularisierung der Gesellschaft entstehenden
Verständigungsprobleme über gesamtgesellschaftlich relevante Fragen müssen zur
zentralen Herausforderung von politischer Bildung werden.
Vor diesem Hintergrund soll zunächst auf Bedeutungen der Alltagsästhetik für politische
Kultur eingegangen werden. Nach einer Einführung in das Lebensweltmodell der Sinus-
Milieus werden Konturen einer hieraus abgeleiteten Alltagsästhetik skizziert, bevor daraus resultierende Folgen und Perspektiven für politische Bildung nachgezeichnet und in ihrer
Herleitung und Darstellung hinterfragt und diskutiert werden sollen.
1 Zur Fixierung des Begriffes Ästhetik im Zusammenhang mit Alltagsästhetik sei erwähnt, daß sie für die
Autoren den „Sinn eines qualitativen Bedeutungszuwachses von Sinnenorientierung, Bildlichkeit, Wahrnehmungszentrierung
im Gegensatz zu Sprachlichkeit, Diskursorientierung oder sozio-ökonomischen Kategorien
hat und nicht auf die Bedeutungsbereiche Kunst und Kunsttheorie angelegt ist.“ vgl. Flaig, Berthold Bodo,
Meyer, Thomas, Ueltzhöffer, Jörg. Alltagsästhetik und politische Kultur. Zur ästhetischen Dimension politischer
Bildung und politischer Kommunikation. Bonn, Dietz, 1993, S. 10
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Facetten einer Ästhetisierung
2.1 Ästhetisierung der Lebenswelt
2.2 Ästhetisierung der Politik
2.3 Ästhetisierung der Lebensweise
2.4 Die sozialästhetische Segmentierung
3. Das Sinus Milieu-Konzept
4. Alltagsästhetik
5. Ätherisierung und politische Bildung
6. Schlußfolgerungen und Perspektiven für eine politische Bildung
7. Kritische Reflexion
8. Literatur-und Quellenverzeichnis
9. Anhang
Zielsetzung und Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das komplexe Beziehungsgeflecht zwischen Alltagsästhetik und politischer Kultur. Ziel ist es, den Einfluss von Lebensstil-Segmentierungen auf die politische Kommunikation und Bildungsarbeit zu analysieren und kritisch zu hinterfragen, wie politische Bildung vor dem Hintergrund ästhetisierter Lebenswelten gestaltet werden kann.
- Bedeutung der Alltagsästhetik für soziale Differenzierungsprozesse
- Analyse des Sinus-Milieu-Konzepts als Instrument der Lebensweltforschung
- Auswirkungen der Ästhetisierung auf die politische Urteilsfähigkeit
- Herausforderungen für die politische Bildung in einer segmentierten Gesellschaft
- Kritische Auseinandersetzung mit Lebensstil-Typologien und deren Vermittlungspotenzial
Auszug aus dem Buch
2.2 Ästhetisierung der Politik
Diese Dimension beschreibt die Tendenz einer zunehmend auf Scheinhandeln angelegten symbolischen Politik im Sinne strategischer Zwecke. Argumente, Informationen oder Diskurse treten in den Hintergrund. Medienkonforme, symbolische Politik zielt vielmehr auf wirkungsvolle Inszenierung, der politische Schein regiert über Argumente, Probleme werden ausgeklammert. Für die Autoren ist symbolische Politik dadurch eine Form, um die Urteilsfähigkeit des Bürgers zu unterlaufen. Tenscher weist in diesem Zusammenhang darauf hin, daß für die große Mehrheit der Bevölkerung Politik in ihrer ganzen Komplexität nicht direkt erfahrbar ist. Dadurch wird, von der Öffentlichkeit weitestgehend unbemerkt, die mediengerechte Darstellung von Politik in Form von Ritualen, Stereotypen, Symbolen und geläufigen Denkschemata zur allgemein akzeptierten Vorstellung von politischer Wirklichkeit.
Für Flaig et al. entsteht hierdurch, angelehnt an Bernhard Claußen, die Befürchtung, daß die Adressaten von Politik diese so mehr und mehr als „inhaltsarme Veranstaltung“ beurteilen, sei es dadurch, daß sie die Inszenierung durchschauen oder sich von ihr blenden lassen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in das von Flaig, Meyer und Ueltzhöffer beschriebene Beziehungsgeflecht zwischen Alltagsästhetik und politischer Bildung ein und formuliert zentrale Anforderungen an die politische Kommunikation.
2. Facetten einer Ästhetisierung: Dieses Kapitel erläutert die zunehmende Fokussierung auf Wahrnehmung und Inszenierung in der Lebenswelt, der Politik sowie der Lebensweise und analysiert die daraus resultierende soziale Segmentierung.
3. Das Sinus Milieu-Konzept: Hier wird das Lebensweltmodell des Sinus-Instituts vorgestellt, das soziale Gruppen nicht mehr primär über Schichtzugehörigkeit, sondern über inhaltliche Lebensstilgemeinschaften definiert.
4. Alltagsästhetik: Das Kapitel befasst sich mit der milieuspezifischen Gestaltung der Alltagswelt und untersucht, wie Waren und ästhetische Vorstellungen identitätsstiftend wirken.
5. Ätherisierung und politische Bildung: Es wird analysiert, wie die gesellschaftliche Ausdifferenzierung die politische Bildungsarbeit erschwert und warum herkömmliche Angebote an den Zielgruppen vorbeigehen können.
6. Schlußfolgerungen und Perspektiven für eine politische Bildung: Das Kapitel leitet aus der Analyse Forderungen ab, wie politische Bildung durch Re-Ästhetisierung und die Öffnung des sozialen Raumes zu einem echten Diskurs beitragen kann.
7. Kritische Reflexion: Der Verfasser hinterfragt kritisch das Design der Sinus-Studien, die Validität von Lebensstil-Typologien und das Fehlen pragmatischer Umsetzungsvorschläge für die politische Praxis.
8. Literatur-und Quellenverzeichnis: Auflistung der verwendeten Fachliteratur und Quellen.
9. Anhang: Zusammenstellung der Kurzcharakteristiken der Sinus-Milieus des Jahres 2002.
Schlüsselwörter
Alltagsästhetik, Politische Kultur, Politische Bildung, Sinus-Milieus, Lebensstil, Ästhetisierung, Soziale Segmentierung, Symbolische Politik, Identitätsbildung, Kommunikationsgewohnheiten, Gesellschaftlicher Wandel, Zielgruppenansprache, Urteilsfähigkeit, Sozialstruktur.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie die zunehmende Bedeutung von Ästhetik im Alltag und in Lebensstilen die politische Kultur sowie die Vermittlung von politischer Bildung beeinflusst.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Zentrum stehen die Ästhetisierung von Lebenswelten, die Segmentierung der Gesellschaft in soziale Milieus und die daraus resultierenden Herausforderungen für den politischen Diskurs.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Ziel ist es zu klären, wie politische Bildung auf den Wandel hin zu einer sozialästhetisch geprägten Gesellschaft reagieren muss, um weiterhin politische Integrationsfähigkeit und Mündigkeit zu fördern.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer theoretischen Auseinandersetzung mit der Lebensweltforschung des Sinus-Instituts sowie auf einer kritischen Reflexion der von Flaig, Meyer und Ueltzhöffer entwickelten Thesen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Mechanismen der Ästhetisierung in verschiedenen Lebensbereichen, stellt das Sinus-Milieu-Modell vor und untersucht dessen Auswirkungen auf das Wählerverhalten und die Anforderungen an politische Seminarangebote.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Schlagworte sind Alltagsästhetik, politische Bildung, Sinus-Milieus, soziale Segmentierung und symbolische Politik.
Inwiefern beeinflusst das Sinus-Milieu-Konzept die politische Bildungsarbeit?
Das Konzept verdeutlicht, dass Standardangebote aufgrund unterschiedlicher ästhetischer Vorlieben und Kommunikationsstile der verschiedenen Milieus oft wirkungslos bleiben, weshalb eine zielgruppenspezifische Anpassung notwendig ist.
Welche Hauptkritik äußert der Autor an den verwendeten Studien?
Der Autor kritisiert insbesondere die wissenschaftliche Beliebigkeit bei der Auswahl der Variablen in der Sinus-Forschung sowie das Fehlen konkreter, praxisnaher Umsetzungskonzepte für die politische Bildungsarbeit.
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- Lars von Hugo (Author), 2003, Alltagsästhetik und politische Kultur, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/19155