Exegese des Psalms 137


Hausarbeit, 2010

21 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Text
2.1 Übersetzungskritik
2.2 Textkritik
2.3 Textgliederung

3. Entstehung des Textes
3.1 Überlieferungsgeschichte
3.2 Literarkritik
3.3 Redaktionsgeschichte

4. Hintergrund des Textes
4.1 Formgeschichte
4.2 Traditionsgeschichte
4.3 Historischer Ort

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis
6.1 Textausgaben
6.2 Sekundärliteratur

1. Einleitung

Der Exils-Psalm 137 gehört in das fünfte Buch des Psalters[1] und verkörpert, zwischen Wallfahrtsliedern und einer kleinen Sammlung von Davidspsalmen positioniert, ein Einzelstück[2]. Aufgrund der zutiefst emotionalen Schilderung der Situation der jüdischen Exulanten in Babylon, die von der Sehnsucht nach ihrer verlorenen Heimat ergriffen sind, findet Psalm 137 noch heute großen Anklang in unserer Kultur. Da dieser Psalm sich überwiegend durch eine dichterische Ästhetik auszeichnet, rufen die grausamen Bilder der Schlussverse 7-9 zunächst Irritation und Unverständnis beim Leser hervor. Die christliche Sichtweise nimmt besonders an Vers 9 Anstoß und empfindet ihn als Widerspruch zum Neuen Testament, was zur Folge hat, dass in christlichen Gottesdiensten häufig auf die Verse 7-9 ganz verzichtet wird[3].

Zudem scheint eine Gattungseinordnung dieses Liedes kompliziert: Die große Vielfalt an sprachlichen Elementen und Motiven lässt keine klare Klassifizierung zu.

Schon allein diese Aspekte motivieren zu einer genaueren Auseinandersetzung mit Psalm 137 in Form einer historisch-kritischen Exegese. Dabei sollen der Text selbst, sein Werdegang und seine Voraussetzungen anhand passender Methodenschritte erarbeitet werden. Abschließend bildet eine theologische Reflexion ein Fazit aus den Ergebnissen der einzelnen Analysen.

2. Text

2.1 Übersetzungskritik

Ein Vergleich verschiedener Übersetzungen des Psalms 137 macht deutlich, dass es durchaus Differenzen in den unterschiedlichen Bibel-Editionen und Kommentaren gibt, auch wenn die verschiedenen Übersetzungsvarianten dieses Psalms nur in geringem Maße von einander abweichen. Im Folgenden werden die bedeutendsten Unterschiede näher beleuchtet und diskutiert.

Schon zu Beginn fällt auf, dass die Septuaginta[4], anders als beispielsweise die Neue Zürcher Bibel[5], die sich durch eine große Nähe zum masoretischen Text auszeichnet, eine Überschrift aufweist: „Bezogen auf David“. Zweifellos wird hier David als Verfasser des Liedes herausgestellt[6]. Überliefert ist allerdings noch eine weitere Überschrift mit dem Zusatz „Durch Jeremia“, sodass dieser ebenfalls als Autor in den Blick genommen wird.

Vers 2 ist bezüglich der Bezeichnungen für die dort genannten Musikinstrumente und Baumarten großen semantischen Schwankungen unterworfen. So spricht die NZB von „Leiern“ und „Weiden“, während die Revidierte Elberfelder Bibel[7] von „Zithern“ und „Pappeln[8] “ schreibt. In der LXX.D hingegen ist von „Weiden“ und dem allgemeinen Oberbegriff „Instrumenten“ die Rede, was Hartberger auf eine „kulturgeschichtliche Differenz“[9] zurückführt.

Vers 3c weist ein Hapaxlegomenon auf, dessen Übersetzung bis heute umstritten ist. NZB und ELB bieten hier „wehklagen“ und „quälen“, während die LXX.D „wegführen“ bevorzugt, was aufgrund der parallelen Satzstruktur zur vorausgehenden Zeile durchaus vertretbar wäre[10]. Anstelle der sich ergebenden Übersetzung „die uns weggeführt hatten“ werden von verschiedenen Exegeten unter anderem auch „Plünderer“[11], „Antreiber“[12] oder auch „Zwingherrn“[13] als Konjekturen angegeben. Über die richtige Lösung kann nur spekuliert werden: Wissenschaftlich betrachtet erhält keine der genannten Varianten gegenüber den anderen einen besonderen Vorzug. Ins Auge fällt auch, dass die in NZB und ELB genannte „Freude“ bzw. „Freudengesänge“ in der LXX.D als Lobgesänge oder auch Hymnen bezeichnet werden, was kontextuell betrachtet durchaus angemessen ist.

Vers 5b bietet eine weitere Abweichung: Während die NZB überliefert „soll meine Rechte verdorren“, sprechen an dieser Stelle sowohl die ELB als auch die LXX.D passivisch von „vergessen werden“. Nach Hartberger kommt die Abweichung „verdorren“ durch eine Konsonantenmetathese im masoretischen Text zustande, die zwar annehmbar wäre, stilistisch gesehen jedoch weniger überzeugt[14].

Vers 5b bietet eine weitere Abweichung: Während die NZB überliefert „soll meine Rechte verdorren“, sprechen an dieser Stelle sowohl die ELB als auch die LXX.D passivisch von „vergessen werden“. Nach Hartberger kommt die Abweichung „verdorren“ durch eine Konsonantenmetathese im masoretischen Text zustande, die zwar annehmbar wäre, stilistisch gesehen jedoch weniger überzeugt[14].

Ein anderes Interpretationsproblem stellt Vers 8a dar: Hier bereitet ein passives Partizip Übersetzungsschwierigkeiten. Gibt man den Vers mit „Tochter Babel, du Verwüstete“ wieder, wie es Seybold unglücklicherweise tut[15], so entsteht der Eindruck, dass Babel bereits zerstört wurde. Auf diese Weise macht natürlich der folgende Vergeltungswunsch keinen Sinn mehr. In ihrem Kommentar weisen Zenger und Hossfeld auf zwei Übersetzungsalternativen hin: entweder eine aktivische Übersetzung[16] oder die Beibehaltung des Passivs. Hier jedoch erscheint eine futurische Ausrichtung des Partizips der eigentlichen Aussage des Fluches näher zu kommen[17], da so gewährleistet wird, dass der folgende Rachewunsch nicht als überflüssig zu bewerten ist.

Grundsätzlich ist anzumerken, dass sich Übersetzungsvarianten entweder durch einen abweichenden zugrunde gelegten Text oder durch eine abweichende Interpretation des Übersetzers erklären lassen. Was Psalm 137 angeht, so lässt sich hier im Allgemeinen eine große Übereinstimmung zwischen den Übersetzungen feststellen.

2.2 Textkritik

„Die Aufgabe der Textkritik besteht darin, die im Vollzug des Abschreibens eines Textes entstandenen unabsichtlichen Fehler oder absichtlichen Änderungen zu erkennen und – sofern dies noch möglich ist – rückgängig zu machen.“[18] Diese Aufgabe ist besonders in Hinsicht auf den Psalter als nicht einfach einzuschätzen, da dieser durch seine häufige Verwendung in Gottesdiensten einem steten Wandel in Form von Erweiterungen, Änderungen oder Streichungen unterliegt. Was jedoch Psalm 137 angeht, vertritt Freedman die These, dass er aufgrund seiner metrischen Einheitlichkeit vollständig überliefert ist[19].

[...]


[1] Vgl. Zenger, Einleitung, 354.

[2] Vgl. Seybold, Psalmen, 509.

[3] Vgl. Risse, Auslegungsgeschichte, 373.

[4] Septuaginta Deutsch, Psalm 136 [137], im Folgenden abgekürzt durch LXX.D.

[5] Im Folgenden abgekürzt durch NZB.

[6] An dieser Stelle kann von dem Phänomen der Davidisierung des Psalters gesprochen werden, welches in der Septuaginta-Tradition deutlich wird (vgl. Brütsch, Psalmen, 205).

[7] Im Folgenden abgekürzt durch ELB.

[8] Nötscher verwendet in seiner Übersetzung ebenfalls das Wort „Weiden“, vermutet später aber, dass es sich wohl um die für Babylonien typischen und weidenähnlichen Euphratpappeln handeln wird (vgl. Nötscher, Psalmen, 291).

[9] Vgl. Hartberger, Babylon, 205.

[10] Vgl. Kellermann, Psalm 137, 45.

[11] Vgl. Gunkel, Psalmen, 578.

[12] Vgl. Seybold, Psalmen, 508.

[13] Vgl. Zenger, Altes Testament, 1200.

[14] Vgl. Hartberger, Babylon, 208. An dieser Stelle ist meiner Meinung nach die Variante „soll meine Rechte vergessen werden“ aus der LXX.D der Überlieferung der NZB vorzuziehen: Bereits in Vers 5a ist vom Gedenken an Jerusalem die Rede, sodass das Verb „verdorren“ unwahrscheinlich erscheint und nicht ins Wortfeld passt. Eine ähnliche Position bezieht auch Kellermann, der mit „Möge meine Rechte vergessen“ stark das Fehlen eines passenden Akkusativ-Objekts betont (vgl. Kellermann, Psalm, 44). Baethgen begründet das Ausbleiben des grammatischen Objekts mit einer Aposiopese (vgl. Baethgen, Psalmen, 400).

[15] Vgl. Seybold, Psalmen, 508.

[16] Diese Art der Übersetzung mit Babel als aktive „Verwüsterin“ findet sich z.B. in der ELB oder der Luther-Bibel. Die LXX.D spielt mit „du Elende“ möglicherweise auf einen ethischen Gesichtspunkt an.

[17] In der NZB heißt es „Tochter Babel, der Vernichtung geweiht“, woran klar erkennbar ist, dass die Zerstörung Babels erst künftig geschehen wird.

[18] Becker, Exegese, 17.

[19] Vgl. Freedman, Structure, 188.

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Exegese des Psalms 137
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster  (Evangelisch-Theologische Fakultät)
Veranstaltung
Proseminar: Einführung in die Exegese des Alten Testaments (ohne Hebräisch)
Note
1,3
Autor
Jahr
2010
Seiten
21
Katalognummer
V191569
ISBN (eBook)
9783656163442
ISBN (Buch)
9783656163985
Dateigröße
547 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Babylon, Exegese, AT, Bibel, Psalmen, Religion
Arbeit zitieren
Nadine Stuke (Autor), 2010, Exegese des Psalms 137, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/191569

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