Der Exils-Psalm 137 gehört in das fünfte Buch des Psalters 1 und verkörpert, zwischen Wallfahrtsliedern und einer kleinen Sammlung von Davidspsalmen positioniert, ein Einzelstück 2 . Aufgrund der zutiefst emotionalen Schilderung der Situation der jüdischen Exulanten in Babylon, die von der Sehnsucht nach ihrer verlorenen Heimat ergriffen sind, findet Psalm 137 noch heute großen Anklang in unserer Kultur. Da dieser Psalm sich überwiegend durch eine dichterische Ästhetik auszeichnet, rufen die grausamen Bilder der Schlussverse 7-9 zunächst Irritation und Unverständnis beim Leser hervor. Die christliche Sichtweise nimmt besonders an Vers 9 Anstoß und empfindet ihn als Widerspruch zum Neuen Testament, was zur Folge hat, dass in christlichen Gottesdiensten häufig auf die Verse 7-9 ganz verzichtet wird 3 .
Zudem scheint eine Gattungseinordnung dieses Liedes kompliziert: Die große Vielfalt an sprachlichen Elementen und Motiven lässt keine klare Klassifizierung zu. Schon allein diese Aspekte motivieren zu einer genaueren Auseinandersetzung mit Psalm 137 in Form einer historisch-kritischen Exegese. Dabei sollen der Text selbst, sein Werdegang und seine Voraussetzungen anhand passender Methodenschritte erarbeitet werden. Abschließend bildet eine theologische Reflexion ein Fazit aus den Ergebnissen der einzelnen Analysen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Text
2.1 Übersetzungskritik
2.2 Textkritik
2.3 Textgliederung
3. Entstehung des Textes
3.1 Überlieferungsgeschichte
3.2 Literarkritik
3.3 Redaktionsgeschichte
4. Hintergrund des Textes
4.1 Formgeschichte
4.2 Traditionsgeschichte
4.3 Historischer Ort
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit verfolgt das Ziel, eine umfassende historisch-kritische Exegese des Psalms 137 durchzuführen, um den Text, seinen Werdegang sowie seine theologischen und historischen Voraussetzungen wissenschaftlich zu erschließen.
- Philologische Analyse und Übersetzungskritik verschiedener Textfassungen
- Literarkritische Untersuchung der Textkohärenz und Redaktionsgeschichte
- Gattungsgeschichtliche Einordnung zwischen Klage- und Theodizeepsalm
- Traditionsgeschichtliche Analyse der Vergeltungsmotive und Kindermord-Thematik
- Historische Verortung im Kontext des babylonischen Exils
Auszug aus dem Buch
2.2 Textkritik
„Die Aufgabe der Textkritik besteht darin, die im Vollzug des Abschreibens eines Textes entstandenen unabsichtlichen Fehler oder absichtlichen Änderungen zu erkennen und – sofern dies noch möglich ist – rückgängig zu machen.“ Diese Aufgabe ist besonders in Hinsicht auf den Psalter als nicht einfach einzuschätzen, da dieser durch seine häufige Verwendung in Gottesdiensten einem steten Wandel in Form von Erweiterungen, Änderungen oder Streichungen unterliegt. Was jedoch Psalm 137 angeht, vertritt Freedman die These, dass er aufgrund seiner metrischen Einheitlichkeit vollständig überliefert ist.
Wie bereits in der Übersetzungskritik herausgestellt, gibt es einige sprachliche Differenzen zwischen den betrachteten Übersetzungen. Im folgenden Arbeitsschritt soll nun geklärt werden, welche Variante jeweils als ursprünglich angesehen werden kann. Dabei wird das Hauptaugenmerk auf die Übersetzungen der LXX.D und der NZB gelegt.
Dass sich weder in der Qumran Schrift (11QPsa) noch im masoretischen Text eine Überschrift findet, weist darauf hin, dass es sich hierbei um eine sekundäre Einfügung der LXX.D handelt: Die Überschrift ist nachkompositionell hinzugefügt worden.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die Thematik des Exils-Psalms 137 und Darstellung der Problematik seiner Gattungseinordnung sowie der christlichen Rezeptionsgeschichte.
2. Text: Analyse der sprachlichen Varianten in verschiedenen Bibelübersetzungen, textkritische Untersuchung zur ursprünglichen Lesart und Gliederung des Psalmtextes.
3. Entstehung des Textes: Untersuchung der Überlieferungsgeschichte, der literarischen Einheit des Psalms durch Literarkritik sowie Diskussion möglicher redaktioneller Erweiterungen.
4. Hintergrund des Textes: Formgeschichtliche Gattungsbestimmung als Mischform, traditionsgeschichtliche Analyse der drastischen Schlussverse und historisch-geografische Einordnung.
5. Fazit: Zusammenfassende theologische Reflexion über die Bedeutung von Psalm 137 als Zeugnis verzweifelter, aber hoffnungsvoller Exilerfahrung.
Schlüsselwörter
Psalm 137, Exegese, Altes Testament, Babylonisches Exil, Textkritik, Literarkritik, Redaktionsgeschichte, Formgeschichte, Theodizee, Vergeltungswunsch, Zion, Septuaginta, Masoretischer Text, Klage, Exil.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit bietet eine historisch-kritische Exegese von Psalm 137, einem der bekanntesten Klagelieder des Alten Testaments.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die Untersuchung konzentriert sich auf die sprachliche Überlieferung, die Entstehung des Textes durch verschiedene redaktionelle Schichten sowie den historischen und formgeschichtlichen Hintergrund.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Ziel ist es, den Textbestand, die Struktur und die Genese des Psalms wissenschaftlich zu erarbeiten und seine theologische Aussagekraft im Kontext des Exils zu bestimmen.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Es wird das Instrumentarium der historisch-kritischen Exegese angewandt, insbesondere Übersetzungskritik, Literarkritik, Redaktionsgeschichte und Formgeschichte.
Was wird im Hauptteil der Arbeit detailliert behandelt?
Der Hauptteil analysiert Vers für Vers die textlichen Differenzen, prüft die Einheitlichkeit des Textes, diskutiert redaktionelle Eingriffe und untersucht die Gattung sowie die Traditionsgeschichte der umstrittenen Schlussverse.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Psalm 137, Exegese, Babylonisches Exil, Theodizee, Textkritik und Traditionsgeschichte klassifizieren.
Wie bewertet der Autor die Schlussverse 7-9?
Der Autor ordnet die drastischen Vergeltungswünsche in den altorientalischen Kontext ein und diskutiert sie als Ausdruck einer theologischen Sehnsucht nach Wiederherstellung der göttlichen Ordnung anstelle eines bloßen Racheakts.
Warum wird Psalm 137 als "Mischform" bezeichnet?
Aufgrund der Kombination aus volksklagenden Elementen, hymnischen Zügen und individuellen, chiastisch strukturierten Selbstverfluchungen entzieht sich der Psalm einer eindeutigen, monolitischen Gattungszuordnung.
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- Nadine Stuke (Author), 2010, Exegese des Psalms 137, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/191569