Die Robinsonade zwischen Philosophie und Publikum


Zwischenprüfungsarbeit, 2003

16 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

1 Vorüberlegungen, Vorbemerkung

Die Robinsonade als gattungsähnlicher Begriff der Literaturwissenschaft ist deutlich geprägt von Defoes ,,Robinson Crusoe“ - gilt doch allein der Name des Helden als Namensgeber. Aus diesem Grunde ist Defoes Werk zum Mittelpunkt dieser Arbeit erwählt worden.

Aufgrund von inhaltlichen Differenzen zwischen der hier verwendeten Übersetzung des Robinson von Hannelore Novak, markiert durch [Def73] wird an ausgewählten Stellen der Vergleich zu Defoes Original, gekennzeichnet durch [Def81], gesucht.

1.1 Zum Thema

Diese Hausarbeit beschäftigt sich sowohl mit in Daniel Defoes Robinson Crusoe zu findenden philosophischen Einflüssen dieser Zeit als auch mit der weiteren Entwicklung selbiger Gedanken. Ein besonderes Augenmerk gilt hier den Hauptdenkern des 17. und 18. Jahrhunderts, unter welchen insbesondere Francis Bacon und Jean-Jacques Rousseau hervorzuheben sind.

Defoes ,,Robinson Crusoe“ hat literarische, aber auch philosophische Wel- len geschlagen, diente sowohl als Vorlage für neue Ansätze, bot und bietet aber auch eine klare Linie philosophischer Gedanken seiner Zeit. Der Robin- son fügt sowohl in der Defoe’schen Urfassung als auch in den deutschspra- chigen Nachbearbeitungen des 18. Jahrhunderts Literatur und Philosophie zusammen, greift alte Gedanken auf und untermalt sie in farbenfroher Sze- nerie.

Inhaltlich wird der Bogen geschlagen von Francis Bacon und Aristotelischer Logik über die literarische Umsetzung Defoes bis hin zu Rousseaus pädagogischen Forderungen, welche in den Robinson-Bearbeitungen von Campe und Wezel Niederschrift fanden.

Wesentliches Merkmal ist zudem die Betrachtung einer Robinsonade im Spiegel der Rezipienten sowie des vorherrschenden Lebensverständnisses ei- ner Zeit.

1.2 Über die Auswahl der Philosophen

Bei der Lektüre von Defoes ,,Robinson Crusoe“ wird schnell deutlich, mit welcher Beobachtungsgabe und Genauigkeit der Protagonist seine Umwelt wahrnimmt, aus ihr lernt, Erfahrungen macht und diese schließlich umsetzt. Man beachte beispielsweise Robinsons detaillierte Beschreibung des Sturms, welcher schließlich zu seiner Strandung führte.

Francis Bacon wurde im 17. Jahrhundert als ’Moses’ seiner Zeit gesehen, welcher sein Volk aus der Tiefe wilder Dunkelheit an die Grenze eines neuen Zeitalters führte . Die moderne Nachbetrachtung seiner Werke zeigt deutlich, dass Bacon nicht bloß Wissenschaftler, sondern auch Propagandist für die Reform von Methodik und Intellektualität war. So schreibt Vickers in ’Defoe and the New Sciences’:

Realising that traditional methods of investigation failed to se- cure intellectual progress, he demanded, ’must be laid in natu- ral history [...] of a new kind and gathered on a new principle’. These ideas were first published in The Advancement of Lear- ning (London, 1603); they were repeated in the Instauratio Ma- gna (London, 1620), containing his Novum Organum or ’New In- strument’ of scientific method. Although some of Bacon’s major ideas had been expressed before, he was the first to collect and incorporate them into an effective programme for the reform of learning.[Vic96, Seite 9-10] Thomas Hobbes, welcher mehrmals persönlichen Kontakt mit Francis Bacon hatte und zeitweilig als dessen Sekretär arbeitete, hat in seinem Hauptwerk ,,Leviathan“ wesentliche Grundzüge der modernen Staatstheorie dargestellt. Sowohl er als auch John Locke gelten als geistige Väter des modernen Staates und haben wesentlichen Einfluss auf das Gedankengut der Aufklärung genommen. Besonders Rousseaus Theorien bauen auf den Gedanken von Hobbes und Locke auf. Hobbes wie auch Locke sind nur indirekt im Robinson zu finden: in den Gedanken Bacons.

Jean-Jacques Rousseau dagegen wirkt in keinster Weise auf die Werke Defoes ein; publiziert doch Defoe schon lange vor Rousseaus Geburt. Aller- dings ist eine entgegengesetzte Entwicklung zu beobachten: Rousseau schöpft neue Gedanken aus der Lektüre Defoes - und setzt diese in völlig neuem Kon- text ganz anderen Ideen entgegen. Beschäftigt man sich näher mit Rousseaus pädagogischen Schriften, bemerkt man im dritten Band des Émile seine Be- geisterung für Defoes Robinson Crusoe. Rousseau allerdings ist von ganz anderen Dingen begeistert, die noch Defoe selbst zur Anfertigung des Ro- binson bewegten, prägt diese Meinung und wird aufgrund seiner Popularität maßgeblich an der neuen Variation des ,,Robinson-Themas“ beteiligt sein.

1.3 Über die Auswahl der Texte

Die Verbreitung des Robinson über die Landesgrenzen Englands hinaus hat zu vielfältiger literarischer Auseinandersetzung mit dem Stoff geführt. Zum einen seien die vielfältigen modernen Varianten bis hin zur Verfilmung genannt, zum anderen aber auch die zeitnahe Bearbeitung des Robinsonthemas. Ein gutes Beispiel für die Popularität des Robinson gibt Horst Brunner in seinem Aufsatz ,,Kinderbuch und Idylle“ wieder:

Es gibt ihrer bereits im ersten Jahrzehnt nach Erscheinen des Robinson wenigstens achtundzwanzig. Soweit es sich dabei nicht bloß um Bücher handelt, die ihren Robinsontitel aus Reklamezwecken führen und oft nicht einmal Romane sind, [...].[Mal98] Brunner zufolge hat das alleinige Verwenden des Wortes ,,Robinson“ im Titel bereits eine verkaufsfördernde Wirkung erzielt. Um der Fülle an Wahlmöglichkeiten entgegen zu wirken, soll an dieser Stelle das vornehmliche Augenmerk auf die zeitnahe deutsche Literatur gelegt werden. Die direkte Verbindung zu geistigen Strömungen der Aufklärung bzw. der Philosophie der ,,New Sciences“ steht hier im Vordergrund.

2 Philosophie im Robinson

,,Wissen ist Macht“ schrieb Francis Bacon in seinen Essays[Vic96] und schuf damit ein noch heute weltbekanntes, geflügeltes Wort1. Den Wahrheitsgehalt dieses Wortes erfährt auch Robinson auf seiner Insel, wo er abseits von den Annehmlichkeiten der Zivilisation - ausgerüstet mit lediglich einigen Werk- zeugen, Kleidung, etwas Nahrung und anderen Kleinigkeiten, welche er aus dem gestrandeten Wrack zu retten wusste[Def73, Seiten 70-80] - sogar in den Genuss von selbstgebackenem Brot sowie selbstgetöpfertem Geschirr gelangt. Abseits von Bibliotheken, Handwerkern, Meistern und Innungen lässt Defoe seinen Robinson erfahren, dass tradiertes Wissen, Geschick und eine gute Beobachtungsgabe letztlich doch unersetzlicher Lehrmeister sein können.

2.1 Defoe und mehr

Robinson Crusoes wesentlicher Hang zur ,,Individualisierung und lebenswelt- lichen Verankerung“[Sch87, Seite 63] steht in klarem Zusammenhang mit zeitgenössischen soziokulturellen Prozessen; vor allem die kalvinistische Heils- lehre, welche ,,die Innerlichkeit des Menschen zur Stätte weitreichender Ent- scheidungen“ erhebt, wirkt wesentlich auf den Fortschritt solcher Prozesse ein.

Defoe säkularisiert die Motive kalvinistischer Heilslehre2 in seinem Roman, indem Selbstbehauptung ,,zum Heilszeichen par excellence“[Sch87, Seite 63] wird. Selbstbeobachtung und Selbstdisziplinierung als Grundvoraussetzungen puritanischer (kalvinistischer) Glaubensgewissheit ist auf Robinsons Eiland nicht lediglich Bedingung zur Selbsterhaltung, sondern Bewahrer frühbürgerlicher, kalvinistisch geprägter Identität.

Diese Identität formulierte Hobbes in seinen Überlegungen zum Staat und definierte das Selbstinteresse als grundlegende Triebkraft intersubjektiven Verhaltens.3

2.2 The New Scientists

Unter der Bezeichnung ,,New Scientists“ trat im England des 16. und 17. Jahrhunderts die Gruppe um Francis Bacon an die Öffentlichkeit. Anspruch der ’Neuen Wissenschaft’ war vor allem eine strukturelle und inhaltliche Neu- ordnung wissenschaftlicher Arbeit, welche nicht zuletzt in einem pragmati- schen Schema geistiger Ordnung und Organisation kulminierte. Die entwi- ckelte Methode wissenschaftlichen Arbeitens forderte gedankliche Struktur und normierte Vorgehensweise, versuchte Denkvorgänge zu ergründen und darzulegen und setzte vor allem auf die Tradierung von Wissen. Dieser letzt- genannte, wesentliche Punkt trug maßgeblich zu dem sichtbaren Erfolg der neuen Methodik bei.

Die Ideen Bacons führen sowohl von der deduktiven Logik der ,,Schoolmen“ als auch von der klassischen Induktion Aristoteles fort. Bacon kritisiert die induktive Logik, welche durch Rückschlussverfahren den Wahrheitsgehalt einer Aussage verifizieren soll. Observation und Empirie sind die neuen Methoden, derer sich Bacon und die Wissenschaftler seiner Zeit bedienen. Ein umfangreiches Lebenswerk setzt sich detailliert mit logischen Vorgängen und Gedankenstrukturen auseinander, klassifiziert Wissen und Denken und gibt Anleitung zur richtigen Forschung. Noch heute ist Bacons Philosophie Grundstruktur wissenschaftlichen Arbeitens.

Bei der Lektüre des ,,Robinson“ fällt schnell auf, dass sich Robinson of- fensichtlich genau dieser Methodik bedient. Die akribische Genauigkeit, mit welcher die Umgebung und das Leben bis ins kleinste Detail beschrieben wer- den, zeugt von seiner ausgeprägten Beobachtungsgabe und Aufmerksamkeit. Ein gutes Beispiel hierfür findet sich bei [Def73] auf der Seite 173: Robinson baut eine Zeder salomonischer Größe und verkündet dem Leser die Ausma-ße selbiger. Deutlich wird die naturwissenschaftliche Prägung, die Robinson die erstaunliche Fähigkeit verleiht, fern jeglicher Zivilisation dem Leser die Angabe zu machen, die gefällte Zeder habe ,,am dickeren Ende nächst dem Stumpf einen Durchmesser von fünf Fuß zehn Zoll, und nach zweiundzwan- zig Fuß Länge hatte sie noch immer einen Durchmesser von vier Fuß elf Zoll´´. Im selben Kontext steht die gesuchte Realitätsnähe Defoes: Robinson gibt an, er habe ,,by Observation´´ [Def81, Seite 64] herausgefunden, dass er sich ,,unter 9 Grad 22 Minuten nördlicher Breite´´ [Def73, Seite 89]befinden müsse.

Ganz im Sinne Bacons erforscht und probiert Robinson, und nutzt vor allem altes Wissen4, um sein Leben zu zivilisieren.

Die endgültige Zuordnung zu Bacon kann schließlich in der Gesamtheit der Robinsonschen Experimente gemacht werden: Er ist nicht immer erfolg- reich, sondern hat auch mit Niederschlägen zu kämpfen. Diese Fehler, die teilweise durch Unachtsamkeit5 oder Überschätzung6 auftreten, werden je- doch sorgsam bedacht und dienen letzten Endes immer als Wegweiser in die richtige Richtung.

3 Das Robinsonthema in der Literatur

Es ist wohl eines der meistbearbeiteten Themen der Weltliteratur: Das Ro- binsonthema. Bereits in kürzester zeitlicher Nähe erschienen erste Derivate und Kopien; mit fortgeschrittener Popularität des Robinson versuchten sich Autoren auch an zahlreichen Neubearbeitungen7 und setzten sich auf ih- re Weise mit dem Thema auseinander8. Die Qualität der Werke umfasst im

[...]


1 Vgl. dazu auch Büchner, Georg: Geflügelte Worte

2 In der kalvinistischen Heilslehre ist weniger die Erfüllung sozialer Pflichten als viel- mehr die individuelle Verantwortung, motiviert und bestätigt durch besondere Heilszei- chen, Garant des individuellen Heils. Diese Selbsterforschung reicht von absoluter Selbs- terniedrigung vor Gott bis hin zu gottähnlicher Selbsterhöhung; maßgeblich ist der Grad der Auserwähltheit, welcher sich in den eben genannten Heilszeichen manifestiert.

3 Interessanterweise rekurriert Defoe in seinem 1706 verfassten Gedicht ,,Jure Divi- no“ explizit auf diese Theorie. Der Schluss liegt nahe, dass wesentliche Grundzüge und -gedanken Hobbes in seinem literarischen Hauptwerk ,,Robinson Crusoe“ zur Anwendung kamen.

4 Robinson flechtet mehrere Körbe; dieses Wissen hat er nach eigenen Angaben erhalten, als er einmal im Kindesalter einem Korbflechter zusehen konnte.

5 Robinsons erste Saatversuche enden fruchtlos. Erst die Besinnung und erneute ,,observation´´[Def81, Seite 79] führen schließlich zum gewünschten Erfolg. 6 Robinsons erstes Boot hat solche Ausmaße, dass er es keinen Zentimeter vom Fleck bewegen kann.

7 Es seien hier J. D. Wyss: ,,Der schweizerische Robinson“ (erschienen 1841) und J.M. Coetzee: ,,Foe“ (erschienen 1986) beispielhaft genannt. Die Breite reicht allerdings von Comic-Bearbeitungen über moderne Kinderbücher bis hin zu Theaterinszenierungen.

8 Ein interessanter kleiner Versuch liefert erstaunliche Ergebnisse: Sucht man im Ver- zeichnis lieferbarer Bücher (http://www.buchhandel.de) nach dem Stichwort ,,Robinson“, erhält man immerhin knapp 500 Suchergebnisse. Die gleiche Suche fördert bei dem eng-

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Die Robinsonade zwischen Philosophie und Publikum
Hochschule
Universität Paderborn  (Fachbereich Germanistik)
Note
1,3
Autoren
Jahr
2003
Seiten
16
Katalognummer
V19157
ISBN (eBook)
9783638233392
Dateigröße
481 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Ohne Inhaltsverzeichnis.
Schlagworte
Robinsonade, Philosophie, Publikum
Arbeit zitieren
Sebastian Stüwe (Autor)Carmen Ikenmeier (Autor), 2003, Die Robinsonade zwischen Philosophie und Publikum, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/19157

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