Der Begriff der sozialen Innovation ist schwammig und weit gefasst, die Inhalte sozialer Innovationen sind dabei je nach wissenschaftlicher Couleur breit ausdifferenziert, weswegen es an einer einheitlichen Definition der sozialen Innovation fehlt. So beschreibt Zapf in seinem Aufsatz „Über soziale Innovationen“ sieben Ansätze zur Einordnung sozialer Innovationen, u.a. aus dem betriebswirtschaftlichen, sozialtechnologischen und politischen Bereich (dazu Zapf 1989). Jeder dieser Ansätze setzt den Fokus der Betrachtung sozialer Innovationen auf ein disziplinspezifisches Spektrum. Häufig werden soziale Innovationen dabei als Rand oder Folgeerscheinungen technischer Innovationen verstanden und beleuchten so nur Ausschnitte des sozialen Geschehens (dazu Aderhold/John 2005).
Im Jahr 2000 hat Katrin Gillwald mit ihrer Arbeit „Konzepte sozialer Innovationen“ eine umfangreiche Literaturanalyse der Thematik unternommen und damit verschiedene Ansätze der Innovationsforschung vorgestellt und zusammengeführt und wichtige Merkmale sozialer Innovationen herausgearbeitet, um den Begriff der sozialen Innovation fassbar zu machen.
In dieser Arbeit „Der deutsche Sozialstaat als soziale Innovation“ soll der Frage nachgegangen werden, ob der deutsche Sozialstaat den Kriterien einer sozialen Innovation entspricht und somit als soziale Innovation bezeichnet werden kann. Dazu werden im Folgenden einige Merkmale Gillwalds Konzepts sozialer Innovationen mit Hilfe Zapfs Definition der sozialen Innovation genutzt, um zwei markante Strukturen des deutschen Sozialstaates hin auf sozial-innovatorisches Potential zu untersuchen.
Vorerst wird aber in die Begrifflichkeiten sozialer Innovationen eingeführt, um einen eigenen Merkmalskatalog sozialer Innovation aufzustellen. Sodann wird der deutsche Sozialstaat mit seinen Kernelementen der Sozialhilfe und der Sozialversicherung vorgestellt, um ihn im Folgenden mit dem Merkmalskatalog sozialer Innovationen zu untersuchen.
Inhaltsverzeichnis
1. EINLEITUNG
2. SOZIALE INNOVATIONEN
2.1 MERKMALE SOZIALER INNOVATIONEN
3. DER SOZIALSTAAT
3.1 HERLEITUNG DES BEGRIFFS SOZIALSTAAT
4. DIE INHALTE DEUTSCHER SOZIALSTAATLICHKEIT
4.1 BETRACHTUNG DER SOZIALHILFE
4.1.1 DIE ENTWICKLUNG DER SOZIALHILFE
4.1.2 MERKMALE SOZIALER INNOVATIONEN UND DIE SOZIALHILFE
4.2 BETRACHTUNG DER SOZIALVERSICHERUNG
4.2.1 DIE ENTWICKLUNG DER SOZIALVERSICHERUNG
4.2.2 MERKMALE SOZIALER INNOVATIONEN UND DIE SOZIALVERSICHERUNGEN
5. FAZIT
6. KRITIK
Zielsetzung und Themen
Die Arbeit untersucht, ob der deutsche Sozialstaat als soziale Innovation im Sinne der Innovationsforschung bezeichnet werden kann, indem sie dessen Strukturen (Sozialhilfe und Sozialversicherung) anhand eines Merkmalskatalogs für soziale Innovationen analysiert.
- Definition und theoretische Grundlagen sozialer Innovationen
- Der Sozialstaat als politisches und rechtliches Konstrukt in Deutschland
- Analyse der Sozialhilfe als Instrument der Existenzsicherung
- Analyse der Sozialversicherung als System der sozialen Sicherheit
- Diskussion des innovatorischen Potenzials und kritische Reflexion
Auszug aus dem Buch
2.1 Merkmale sozialer Innovationen
Hieraus lassen sich nun die folgenden vier Merkmale ableiten, mit denen ein sozialer Tatbestand als eine soziale Innovation beschrieben und von „sonstigen Verhaltensveränderungen“ (Gillwald 2000: 41) abgegrenzt werden kann:
- Andersartigkeit: Soziale Innovationen zeichnen sich als „eine Störung routinierter Abläufe (...)“ (Aderhold/John 2005: 10) aus. Sie knüpfen dabei häufig an bereits bestehende Praktiken an, bieten aber neu organisierte, teilweise erstmalige Lösungswege und weichen von einem vorher gewohnten Schema ab (vgl. Gillwald 2000: 1) und verändern so die Verhaltensweisen der Betroffenen
- Verbreitung und Stabilisierung: Soziale Innovationen werden fortwährend angepasst bzw. reformiert und zeichnen sich durch einen steigende Diffusion durch die betroffene Gruppe aus. Betrifft eine soziale Innovation einen breiten Personenkreis, so kann von einer Basisinnovation gesprochen werden (vgl. Gillwald 2000: 15)
- Dauerhaftigkeit: Eine soziale Innovation ist keine bloße kurzweilige Modeerscheinung, sondern eine dauerhaft bestehende Institution mit tiefer gesellschaftlicher Verankerung (Gillwald 2000: 41)
- Gesellschaftliche Auswirkung: Soziale Innovationen haben durch die vorhergehenden Merkmale tiefgreifenden Einfluss auf die Richtung gesellschaftlicher Entwicklungen und können Folgewirkungen nach sich ziehen (Gillwald 2000: 16)
Zusammenfassung der Kapitel
1. EINLEITUNG: Es wird die Zielsetzung der Arbeit erläutert, den deutschen Sozialstaat auf Basis theoretischer Konzepte der Innovationsforschung zu bewerten.
2. SOZIALE INNOVATIONEN: Dieses Kapitel definiert den Begriff der sozialen Innovation durch Abgrenzung vom allgemeinen sozialen Wandel und stellt theoretische Ansätze zur Identifizierung vor.
3. DER SOZIALSTAAT: Hier wird der Begriff des Sozialstaats im deutschen Kontext hergeleitet, insbesondere unter Bezugnahme auf das Grundgesetz und die Abgrenzung zum Wohlfahrtsstaat.
4. DIE INHALTE DEUTSCHER SOZIALSTAATLICHKEIT: Dieses Kapitel bildet den Hauptteil, in dem Sozialhilfe und Sozialversicherung als zentrale Elemente des Sozialstaats detailliert analysiert werden.
5. FAZIT: Die Arbeit fasst die Untersuchungsergebnisse zusammen und kommt zu dem Schluss, dass der Sozialstaat als soziale Basisinnovation betrachtet werden kann.
6. KRITIK: Eine kritische Reflexion des methodischen Vorgehens und der Grenzen der Analyse, einschließlich der Herausforderungen durch den demografischen Wandel.
Schlüsselwörter
Sozialstaat, Soziale Innovation, Sozialhilfe, Sozialversicherung, Wohlfahrtsstaat, Innovationstheorie, Sozialpolitik, Subsidiarität, Solidarität, Eigenverantwortung, Gesellschaftlicher Wandel, Basisinnovation, Soziale Sicherheit, Interventionismus, Existenzminimum
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Forschungsfrage, ob der deutsche Sozialstaat die Kriterien einer sozialen Innovation erfüllt und somit entsprechend klassifiziert werden kann.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder sind die Definition von sozialen Innovationen, die historische und rechtliche Herleitung des Sozialstaatsbegriffs sowie die Analyse der Systeme Sozialhilfe und Sozialversicherung.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es, den deutschen Sozialstaat durch einen Merkmalskatalog für soziale Innovationen zu prüfen, um dessen Rolle und Wirkung im gesellschaftlichen Kontext theoretisch neu einzuordnen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine Literaturanalyse basierend auf den Konzepten von Zapf und Gillwald, um einen analytischen Rahmen für die Untersuchung des Sozialstaats als soziales Konstrukt zu schaffen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil konzentriert sich auf die zwei Säulen der deutschen Sozialstaatlichkeit: die Sozialhilfe als Existenzsicherung und die Sozialversicherung als staatlich organisiertes Vorsorgesystem.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den wichtigsten Begriffen zählen Sozialstaat, soziale Innovation, Sozialpolitik, Solidaritätsprinzip, Äquivalenzprinzip und die systemische Analyse staatlicher Interventionen.
Wie unterscheidet sich die Sozialhilfe von der Sozialversicherung laut dieser Arbeit?
Während die Sozialhilfe primär als Fürsorgeleistung zur Sicherung des Existenzminimums fungiert, basiert die Sozialversicherung auf dem Versicherungs- und Äquivalenzprinzip für Erwerbstätige.
Welche Kritik übt der Autor am eigenen methodischen Vorgehen?
Der Autor kritisiert, dass der verwendete Merkmalskatalog nur eine Auswahl darstellt und die Begriffe im Kontext sozialer Innovationen oft mit einem positiven Bias verwendet werden.
- Quote paper
- Joel Eiglmeier (Author), 2011, Der deutsche Sozialstaat als soziale Innovation, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/191599