Literatur und Sozialer Anspruch

Eine Untersuchung der kubanischen Gegenwartsliteratur


Studienarbeit, 2007

13 Seiten, Note: 2


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das Konzept von Carlos Fuentes

3. Die Frage der Marginalität

4. Die Frage der Perspektive

5. Die Frage der Autorintention

6. Die Frage des Publikums

7. Konklusion

8. Quellen

1. Einleitung

In der vorliegenden Arbeit geht es um den sozialen Anspruch des Autors bzw. seiner Literatur. Wenn wir den Begriff „sozialer Anspruch“ verwenden, meinen wir den Anspruch des Autors, mit Hilfe seines geschriebenen Textes der Gesellschaft eines Landes oder einer darin beschriebenen Region gewissermaßen einen Spiegel vorzuhalten. Der Leser soll dazu angeregt werden, über dieses Spiegelbild nachzudenken und es entweder positiv oder negativ zu bewerten.

Jean-Paul Sartre, der berühmte französische Philosoph und Schriftsteller, stellt die Behauptung auf, dass jeder Text eines Autors ein Appell ist: „Da das Schaffen seinen Abschluss erst in der Lektüre finden kann, da der Künstler einem anderen anvertrauen muss, zu vollenden, was er begonnen hat, […] ist jedes literarische Werk ein Appell.“[1] Seiner Meinung nach ist ein literarisches Werk also erst dann vollendet, wenn es vom Leser gelesen worden ist.

Weiters schreibt er davon, dass ein literarischer Text nie für den Autor selbst geschrieben wird. Er sagt dazu: „Es ist also nicht wahr, dass man für sich selbst schreibt: das wäre das schlimmste Scheitern; wenn man seine Emotionen auf das Papier projiziert, kann man ihnen allenfalls eine matte Verlängerung geben…“[2]

In dieser Arbeit möchte ich mich den Überlegungen Sartres zum Thema des sozialen Anspruchs in der Literatur anschließen.

Wenn aber nun ein Autor immer für den Leser schreibt und immer einen besonderen sozialen Appell an ihn richtet, muss es auch bestimmte, konkrete Prinzipien geben, nach denen man ein literarisches Werk im Hinblick auf seinen sozialen Anspruch interpretieren kann. Es gibt hier sicherlich mehrere Modelle, die man zu Rate ziehen könnte. Ich habe mich für das eines lateinamerikanischen Autors entschieden: In seinem Buch, Geografía de la novela, nutzt Carlos Fuentes, ein mexikanischer Schriftsteller, das erste Kapitel, um über den Sinn des literarischen Textes, insbesondere des Romans, in unserer Zeit nachzudenken. In der vorliegenden Arbeit möchte ich die in diesem Kapitel erklärten Prinzipien darlegen, und sie dann anschließend bei einer Auswahl von kubanischen Gegenwartstexten anwenden.

Die verwendeten Texte sind der Roman La nada cotidiana von Zoé Valdés und die Kurzgeschichten Retrato de una infancia habanaviejera von Valdés und Un poema para Alicia von Karla Suárez, die in dem Sammelband Nuevos narradores cubanos erschienen sind (herausgegeben von Michi Strausfeld).

2. Das Konzept von Carlos Fuentes

Zu Beginn seiner Ausführungen argumentiert Fuentes, dass wir bereits seit einigen Jahren in einem Zeitalter der Information leben. Durch die neuen Medien, allen voran das Internet und das Fernsehen, befinden wir uns in der besonderen Situation, dass wir kaum noch nach Informationen suchen müssen. Wir werden geradezu damit überschüttet und können dieser „Info-Flut“ gar nicht ausweichen. Fuentes schreibt dazu: „La información nos llega. No necesitamos buscarla. Mucho menos, crearla.”[3] Von dieser Annahme des Informationsüberflusses ausgehend, kam Mitte des letzten Jahrhunderts in Fuentes’ Heimatland Mexiko Kritik an dem Roman an sich auf. Durch die verschiedenen Medien, die uns mit Information versorgen, sei er überflüssig geworden. Vielerorts wurde die Frage gestellt ¿Ha muerto la novela?

Auf der einen Seite befinden wir uns also in einer Zeit des Informationsüberflusses, auf der anderen allerdings auch in einer Zeit der fehlenden Fantasie oder Vorstellungskraft. Das behauptet zumindest Carlos Fuentes: „…En cambio, hay poca imaginación.“[4]

Ein weiterer Diskussionspunkt war zu seiner Zeit die Frage nach der Realität des Romantextes. So manchem Autor wurde vorgeworfen seine Werke seien realitätsfremd. Fuentes kontert diese Kritik mit folgendem Argument: “La obra de arte añade algo a la realidad que antes no estaba allí, y al hacerlo, forma la realidad, pero una realidad que no es, muchas veces, inmediatamente perceptible o material.”[5] Oder anders gesagt: Durch die Fantasie des Schriftstellers entsteht eine neue Realität, die genauso real ist wie jene, die von den Literaturkritikern vermisst wurde. Denn selbst wenn es sich um fiktionale Texte handelt, beschreiben diese dennoch den Alltag und das soziale Gefüge einer Gesellschaft, die durchaus real ist.

Aus diesem Grund wurde für Fuentes und seine Kollegen sehr bald die Frage nach dem Tod des Romans durch eine ganz andere abgelöst: ¿Qué puede decir la novela que no puede decirse de ninguna otra manera?

Doch zunächst beantwortet Fuentes in seinem Buch diese Frage nicht, sondern beschäftigt sich weiter mit der Realität des Romans. Er sagt dazu weiter: „La novela ni muestra ni demuestra al mundo, sino que añade algo al mundo.”[6] Der Roman ist also nicht dazu da, die Welt lediglich widerzuspiegeln, sondern ihr die Fantasie – und damit eine neue Realität – hinzuzufügen. Laut Fuentes war dies vor allem durch die Informationsübersättigung möglich. In diesem Zusammenhang spricht er auch von der „neuen Stimme“ des Romans.

Fuentes führt weiters aus: „La novela es una búsqueda verbal de lo que espera ser escrito”[7], und meint damit, dass es offensichtlich bestimmte Dinge gibt, die man nur mit Hilfe des Romans darlegen kann. Um diese seine These dem Leser noch deutlicher zu machen, verwendet er ein Beispiel. In seinem Buch Die satanischen Verse, erzählt der indische Autor Salman Rushdie die Geschichte von zwei Indern, die ein Flugzeugunglück über London überleben und sich von nun an in der westlichen Großstadt zurechtfinden müssen. Laut Fuentes ist das Hauptthema des Romans die Immigration und die Thematisierung der Kluft zwischen dem reichen Westen/Norden und dem armen Osten/Süden. Diese heiklen Themen hätten auf diese Art und Weise in den klassischen Medien nicht angesprochen werden können. Aus diesem Grund ist der Roman für Fuentes so wichtig und kann durch kein anderes Medium ersetzt werden. Somit hat er auch die Frage nach der Einzigartigkeit des Romans beantwortet (¿Qué puede decir la novela que no puede decirse de ninguna otra manera?).

Gegen Ende seines Einführungskapitels stellt Fuentes dann noch eine interessante These auf. „Más que una respuesta, la novela es una pregunta crítica acerca del mundo, pero también acerca de ella misma. [...] No han inventado las sociedades humanas instrumento mejor o más completo de crítica global, creativa, interna y externa, objetiva y subjetiva, individual y colectiva, que el arte de la novela.”[8] Dieser Absatz erinnert unwillkürlich an die eingangs erwähnten Überlegungen Sartres, der davon ausgeht, dass jeder literarische Text ein Appell ist.

[...]


[1] Sartre, Jean-Paul: Was ist Literatur?, Reinbek: Rohwolt 1986, S. 41

[2] Idem., S. 39

[3] Fuentes, Carlos: Geografía de la novela, Madrid: Santillana 1993, S. 12

[4] Idem., S. 14

[5] Idem., S. 22

[6] Ibid.

[7] Idem., S. 36

[8] Idem., S. 39

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Literatur und Sozialer Anspruch
Untertitel
Eine Untersuchung der kubanischen Gegenwartsliteratur
Hochschule
Universität Salzburg
Note
2
Autor
Jahr
2007
Seiten
13
Katalognummer
V191606
ISBN (eBook)
9783656165231
ISBN (Buch)
9783656165774
Dateigröße
483 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
literatur, sozialer, anspruch, eine, untersuchung, gegenwartsliteratur
Arbeit zitieren
Carsten Vogel (Autor), 2007, Literatur und Sozialer Anspruch, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/191606

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