Vertreibung der wissenschaftlichen Elite aus Österreich im Ständestaat und der Nazi-Diktatur als Kontinuität


Seminararbeit, 2011
14 Seiten

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Der österreichische Ständestaat
2.1 Das politische System
2.2 Reaktionäre Politik in Bildung und Wissenschaft und Emigration der Elite

3. DerNationalsozialismus
3.1 Politisches System
3.2 Wissenschafts- und Bildungspolitik

4. Vergleich und Fazit

Literaturverzeichnis:

1. Einleitung

Österreich sieht sich geme als Kultumation, als Land der Dichter und Denker. Kulturelles Erbe wird groß gehalten und dient scheinbar als identitätsstiftend. Zudem werden Genies, Künstler und Wissenschaftler alter Generation immer noch verehrt. Es wird darauf hingewiesen, dass das Land trotz seiner kleinen Größe außerordentliche Menschen und Leistungen hervorgebracht habe. Im Gegensatz dazu die aktuellsten PISA-Ergebnisse, in welchen Österreichs Schüler im internationalen Vergleich fast schon dramatisch schlecht dastehen. Oder der aktuelle Budgetentwurf, in dem Bildung und Wissenschaft nur eine Nebenrolle spielen und durch den außeruniversitäre Forschungseinrichtungen ums Überleben kämpfen müssen.

Wie ist dieser Gegensatz zwischen Vergangenheit und Gegenwart zu erklären bzw. wo ist ein Bruch festzustellen? Zu Zeiten der Monarchie galt Wien als eines der wichtigsten kulturellen Zentren der Welt und auch noch zu während der Ersten Republik konnte das nun kleine Land außerordentliche wissenschaftliche Erfolge nachweisen. Dabei kann man zum Beispiel an Sigmund Freud, Karl Popper oder die zahlreichen Nobelpreisträger dieser Zeit denken. Somit bleibt als logischer Zeitpunkt eines Bruches die Jahre der Nazi-Herrschaft, in welcher mit den Juden die wohl wichtigste Gruppe der österreichischen Wissenschaft vertrieben oder vernichtet wurde.

Oftmals vergessen in der Österreichischen Geschichte wird jedoch die Zeit des Ständestaates. Die Kanzler Schuschnigg und vor allem davor Dollfuß errichteten ein autoritäres oder sogar faschistisches Regime, unterstützt durch und mit einer großen Nähe zur Katholischen Kirche, welches ebenfalls auf Konfrontationskurs mit der Bildungs- und Wissenschaftselite ging. Die These dieser Arbeit lautet daher, dass die anti-elitäre Stimmung und Politik in Österreich nicht in der Nazi­Herrschaft begann, sondern dass eine gewisse Kontinuität zwischen dem Beginn des Ständestaates und der Zeit des Anschlusses gab.

Dazu muss natürlich gleich vorausgeschickt werden, dass auch wenn sich die These bestätigen sollte und eine Kontinuität festzustellen ist, es sich im Nationalsozialismus um eine gänzlich andere Intensität ging. Das Hitler-Regime exekutierte nichts anderes als eine Politik der Auslöschung einer oder mehrerer ganzen Bevölkerungsgruppen. Die Verbrechen zur Zeit des Austrofaschismus sind dazu in ihrer Intensität natürlich nicht zu vergleichen.

Zudem ist es vermessen zu sagen ein bestimmtes Denkmuster, in diesem Fall eine anti-elitäre Einstellung beginnt an diesem oder jenem Tag. Auch wenn Gesetze oder Verordnungen erlassen werden, so benötigt es vorher zumindest eine teilweise Unterstützung in der Bevölkerung. Es soll daher in dieser Arbeit nicht gesagt werden, dass diese Stellung gegen Wissenschaft im Austrofaschismus wurzelt, nur dass es in dieser Zeit zu einer Steigerung kam.

In der Arbeit wird zur Überprüfung der These die beiden Zeiträume untersucht und gegenübergestellt. Welche Art von Anti-Bildungs- und Wissenschaftspolitik bzw. sogar Vertreibung von der Elite kam vor? Gibt es dabei ähnliche Muster, die den Schluss zulassen, dass man von einer Kontinuität sprechen kann?

Unterstützt sind die Ausführungen von der immer zahlreicher werdenden Literatur zum Thema. Herausragend dabei ist aber immer noch der 1987 von Friedrich Stadler erschienene Band Vertriebene Vernunft.

2. Der österreichische Ständestaat

2.1 Das politische System

Der Ständestaat wird oftmals nicht genau abgegrenzt oder als Teil der Ersten Republik gesehen. In dieser Arbeit wird die Zeit von 1934, dem Inkrafttreten der Neuen Verfassung und dem Anschluss ans Deutsche Reich 1938 beleuchtet. Zuvor gegangen waren Auseinandersetzungen zwischen dem konservativ-katholischen und dem sozialistischen Lager, welche in Kämpfen, den so genannten Österreichischen Bürgerkrieg vom September 1934 mündeten. Ein Jahr zuvor wurde bereits der Nationalrat ausgeschaltet und im Zuge des Februarkrieges die Sozialdemokratie verboten. Als Beginn des autoritären Ständestaates wird aber deshalb der Mai 1934 gesehen, da der Veränderungsprozess des politischen Systems unter Kanzler Dollfuß seinen vorläufigen Abschluss findet.[1]In der historischen Analyse wird weiterhin diskutiert, ob das Regime als nur autoritär oder als faschistisch zu sehen sei, wobei dies in dieser Arbeit der Begriff Austrofaschismus verwendet wird. Als Grund hierfür ist neben anderen Gründen vor allem die Nähe zu Italien hinsichtlich Anspruch und Methoden zu sehen.[2]

Was nun den Ständestaat auszeichnete ist das Einparteiensystem unter der neu geschaffenen Vaterländischen Front (VF) und großer Vollmacht für den Bundeskanzler Dollfuß und später Schuschnigg, der Verbot aller anderen Parteien und die Nähe zur Katholischen Kirche. Als Meilenstein des neuen Systems gilt deshalb auch die Ratifizierung des Konkordats am selben Tag wie das Inkrafttreten der neuen Verfassung. Der Vertrag mit dem Heiligen Stuhl „etablierte die alte Einheit von Staat und Kirche im Zeichen der österreichischen Gegenreformation.“[3]

Eine solche Einheit stand natürlich auf einem gewissen Konfrontationskurs zur Wissenschaft. So forderte die katholische Kirche auch die Einheit von Religion und Wissenschaft, was sich vor allem auf neuere wissenschaftliche Erkenntnisse wie zum Beispiel die Psychoanalyse niederschlug. Als 1936 der Erkenntnistheoretiker,Professor an der Universität Wien und Haupt des Wiener Kreises Moritz Schlick ermordet wurde, kam diese Sichtweise in den Zeitungskommentaren zum Ausdruck. So wird beispielsweise in Sturm über Österreich vom 27.9.1939 geschrieben: „Dürfen Lehrer, deren Weltanschauung nackter Materialismus ist, weiterhin den Glauben unseren jungen Menschen entreißen? ... Darf es möglich sein, daß im neuen Österreich,...unsere Jugend...gottlos erzogen wird?“[4]Das Fazit dazu lauter: „Jede Wissenschaft, die von Gott abzieht, ist objektiv eine Lüge.“[5]

2.2 Reaktionäre Politik in Bildung und Wissenschaft und Emigration der Elite

Die freie Wissenschaft stand also im Gegensatz zum neuen Austromarxismus. Damit einher ging schlussendlich auch die Emigration zahlreicher Wissenschaftler ins Ausland, da sie in Österreich keine Perspektive mehr vorfanden oder ihren Job verloren. Es ist jedoch falsch zu sagen, dass dieser Exodus erst 1934 startete. Bereits vorher kam es vor allem auf Grund der schlechten wirtschaftlichen Lage im Land im Zuge der Weltwirtschaftskrise zu einem brain drain. Eine entscheidende Rolle spielte hierbei auch schon der stärker werdende Antisemitismus in Österreich. Als Folge waren die Migranten vor 1934 vor allem jüdischer Abstammung.[6]In der Zeit des Austrofaschismus kamen mit den Sozialisten eine neue Gruppe dazu, die aufgrund des Verbots der Sozialdemokratie in allen Bereichen des Staates emigrieren mussten.

Im Österreich des Ständestaates herrschte eine reaktionäre Stimmung. Das Land bzw. die herrschende Klasse befindet sich auf Identitätssuche und findet diese im Katholizismus; die Einheit aus Staat und Religion, aus Religion und Wissenschaft wird propagiert. Dies richtet sich gegen die Aufklärung und gegen einen großen Teil der Wissenschaftler: Juden. Wissenschaft war in der Zwischenkriegszeit fast gänzlich auf die Universitäten beschränkt.[7]Zusätzlich bildeten sich in Österreich bereits am Ende des 19. Jahrhunderts drei Lager heraus, welche im ganzen öffentlichen Leben eine Rolle spielten. Die Universitäten waren davon nicht befreit und standen unter einem gewissen Einfluss des Staates vor allem in Bezug auf Postenvergaben. Zudem konnte die Regierung auch auf Wegen des Budgets ungeliebte Wissenschaften weniger fördern.

Mit dem Hochschulermächtigungsgesetz von 1935 und anderen Gesetzten griff der Staat dann akut auf die Aufgaben der Hochschulen ein. So wurde beispielsweise bestimmt, dass die körperschaftliche Zusammenfassung der Hochschülerschaft und die Bestellung ihrer Organe in die Kompetenz des Unterrichtsministers fällt. Somit war gesichert, dass auch die Studenten Regime konform agierten. Weiters wurde i bestimmt, dass im Zuge des Abbaugesetzes von 1933 unliebsame Lehrende, die eine andere Weltanschauung vertraten, entlassen oder in vorzeitigen Ruhestand geschickt wurden. Im Hochschulerziehungsgesetz von 1935 wurde festgelegt, dass die Hochschulen neben Lehre und Forschung die Studierenden zu „sittlichen Persönlichkeiten im Geiste der vaterländischen Gemeinschaft“[8] Dazu gehörten regelmäßige Besuche zu Vorlesungen zur weltanschaulichen und staatsbürgerlichen Erziehung und über die ideellen und geschichtlichen Grundlagen des österreichischen Staates und auch die Teilnahme an vormilitärischen Übungen.[9]Die austrofaschistische Regierung versuchte also mit ganz konkreten Gesetzten und Regelungen Einfluss auf die Hochschulen und die Wissenschaft zu nehmen. Ungeliebte Professoren wurden entlassen, auf Inhalte wurde zum Teil Einfluss genommen und die Hochschülerschaft, die Vertretung der Studenten wurde in die Kompetenz des Unterrichtsministers gelegt. Gerade die Studierenden galten aber auch weiterhin als nationale Opposition, die weiterhin - wenn auch beschränkt - sich nicht bekehren ließ und Widerstand leistete.[10]

[...]


[1] Vgl. Talos und Manoschek, Zum Konstituierungsprozeß des Austrofaschismus, S.31.

[2] Vgl. Steiner, Wahre Demokratie? S.42f.

[3] Hanisch, Der lange Schatten des Staates, S.310.

[4] Zitiert nach Stadler, Die andere Kulturgeschichte Österreichs, S.552.

[5] Zitiert nach ebd., S.553.

[6] Vgl. Ebd. S.512.

[7] Vgl. Langer, Gesellschaftliche Rahmenbedingungen, S.45.

[8] Zitiert nach Lichtenberger-Fenz, Österreichs Universitäten 1930 bis 1945, S.72f.

[9] Vgl. Ebd.

[10] Vgl. Gehler, Hochschule und Korporation im Ständestaat, S.15.

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Vertreibung der wissenschaftlichen Elite aus Österreich im Ständestaat und der Nazi-Diktatur als Kontinuität
Hochschule
Leopold-Franzens-Universität Innsbruck
Autor
Jahr
2011
Seiten
14
Katalognummer
V191672
ISBN (eBook)
9783656166191
ISBN (Buch)
9783656166566
Dateigröße
432 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Hochschulpolitik, Ständestaat, Dollfuss, NAtionalsozialismus, Anschluss, Kontinuität, Österreichische Geschichte, Exil, Vertriebene Vernunft, Schuschnigg
Arbeit zitieren
Andreas Staggl (Autor), 2011, Vertreibung der wissenschaftlichen Elite aus Österreich im Ständestaat und der Nazi-Diktatur als Kontinuität, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/191672

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