Kontinuität in der anti-elitären Politik Österreichs im Ständestaat und Nationalsozialismus
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Österreich sieht sich gerne als Kulturnation, als Land der Dichter und Denker. Kulturelles Erbe wird
groß gehalten und dient scheinbar als identitätsstiftend. Zudem werden Genies, Künstler und
Wissenschaftler alter Generation immer noch verehrt. Es wird darauf hingewiesen, dass das Land
trotz seiner kleinen Größe außerordentliche Menschen und Leistungen hervorgebracht habe. Im
Gegensatz dazu die aktuellsten PISA-Ergebnisse, in welchen Österreichs Schüler im internationalen
Vergleich fast schon dramatisch schlecht dastehen. Oder der aktuelle Budgetentwurf, in dem
Bildung und Wissenschaft nur eine Nebenrolle spielen und durch den außeruniversitäre
Forschungseinrichtungen ums Überleben kämpfen müssen.
Wie ist dieser Gegensatz zwischen Vergangenheit und Gegenwart zu erklären bzw. wo ist ein Bruch
festzustellen? Zu Zeiten der Monarchie galt Wien als eines der wichtigsten kulturellen Zentren der
Welt und auch noch zu während der Ersten Republik konnte das nun kleine Land außerordentliche
wissenschaftliche Erfolge nachweisen. Dabei kann man zum Beispiel an Sigmund Freud, Karl
Popper oder die zahlreichen Nobelpreisträger dieser Zeit denken. Somit bleibt als logischer
Zeitpunkt eines Bruches die Jahre der Nazi-Herrschaft, in welcher mit den Juden die wohl
wichtigste Gruppe der österreichischen Wissenschaft vertrieben oder vernichtet wurde.
Oftmals vergessen in der Österreichischen Geschichte wird jedoch die Zeit des Ständestaates. Die
Kanzler Schuschnigg und vor allem davor Dollfuß errichteten ein autoritäres oder sogar
faschistisches Regime, unterstützt durch und mit einer großen Nähe zur Katholischen Kirche,
welches ebenfalls auf Konfrontationskurs mit der Bildungs- und Wissenschaftselite ging. Die These
dieser Arbeit lautet daher, dass die anti-elitäre Stimmung und Politik in Österreich nicht in der Nazi-
Herrschaft begann, sondern dass eine gewisse Kontinuität zwischen dem Beginn des Ständestaates
und der Zeit des Anschlusses gab.[...]
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Der österreichische Ständestaat
2.1 Das politische System
2.2 Reaktionäre Politik in Bildung und Wissenschaft und Emigration der Elite
3. Der Nationalsozialismus
3.1 Politisches System
3.2 Wissenschafts- und Bildungspolitik
4. Vergleich und Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die These einer inhaltlichen Kontinuität in der österreichischen Bildungs- und Wissenschaftspolitik, die von der Phase des Ständestaates bis in die Zeit des Nationalsozialismus reicht, und analysiert dabei das Ausmaß der Vertreibung der wissenschaftlichen Elite.
- Politische Rahmenbedingungen des österreichischen Ständestaates
- Konfrontationskurs zwischen klerikalem Regime und Wissenschaft
- Strukturmerkmale der nationalsozialistischen Diktatur in Österreich
- Vergleichende Analyse der Emigration der Elite in beiden Systemen
- Langzeitfolgen der Vertreibung für die österreichische Wissenschaftslandschaft
Auszug aus dem Buch
2.2 Reaktionäre Politik in Bildung und Wissenschaft und Emigration der Elite
Die freie Wissenschaft stand also im Gegensatz zum neuen Austromarxismus. Damit einher ging schlussendlich auch die Emigration zahlreicher Wissenschaftler ins Ausland, da sie in Österreich keine Perspektive mehr vorfanden oder ihren Job verloren. Es ist jedoch falsch zu sagen, dass dieser Exodus erst 1934 startete. Bereits vorher kam es vor allem auf Grund der schlechten wirtschaftlichen Lage im Land im Zuge der Weltwirtschaftskrise zu einem brain drain. Eine entscheidende Rolle spielte hierbei auch schon der stärker werdende Antisemitismus in Österreich. Als Folge waren die Migranten vor 1934 vor allem jüdischer Abstammung. In der Zeit des Austrofaschismus kamen mit den Sozialisten eine neue Gruppe dazu, die aufgrund des Verbots der Sozialdemokratie in allen Bereichen des Staates emigrieren mussten.
Im Österreich des Ständestaates herrschte eine reaktionäre Stimmung. Das Land bzw. die herrschende Klasse befindet sich auf Identitätssuche und findet diese im Katholizismus; die Einheit aus Staat und Religion, aus Religion und Wissenschaft wird propagiert. Dies richtet sich gegen die Aufklärung und gegen einen großen Teil der Wissenschaftler: Juden. Wissenschaft war in der Zwischenkriegszeit fast gänzlich auf die Universitäten beschränkt. Zusätzlich bildeten sich in Österreich bereits am Ende des 19. Jahrhunderts drei Lager heraus, welche im ganzen öffentlichen Leben eine Rolle spielten. Die Universitäten waren davon nicht befreit und standen unter einem gewissen Einfluss des Staates vor allem in Bezug auf Postenvergaben. Zudem konnte die Regierung auch auf Wegen des Budgets ungeliebte Wissenschaften weniger fördern.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung skizziert den historischen Bruch durch die Nazi-Herrschaft und stellt die These auf, dass eine anti-elitäre Kontinuität bereits im Austrofaschismus begann.
2. Der österreichische Ständestaat: Dieses Kapitel analysiert das autoritäre System des Dollfuß-Schuschnigg-Regimes und dessen Konfrontationskurs gegenüber der wissenschaftlichen Elite unter Berufung auf klerikale Ideale.
3. Der Nationalsozialismus: Hier wird der totale Charakter der NS-Diktatur und deren rassistisch motivierte Bildungspolitik, die zur systematischen Entlassung und Verfolgung von Wissenschaftlern führte, dargestellt.
4. Vergleich und Fazit: Das abschließende Kapitel vergleicht quantitativ und qualitativ die Vertreibungen der beiden Regime und resümiert die verheerenden Folgen für die österreichische Wissenschaftslandschaft.
Schlüsselwörter
Austrofaschismus, Nationalsozialismus, Ständestaat, Wissenschaftsemigration, Elite, Bildungsgeschichte, Antisemitismus, Universitätsgeschichte, Kontinuität, Wiener Kreis, Totalitarismus, Vertreibung, Wissenschaftspolitik, Österreich, NS-Herrschaft.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die Verfolgung und Vertreibung der wissenschaftlichen Elite in Österreich und untersucht, ob es eine Kontinuität zwischen der Politik des Ständestaates und der darauf folgenden nationalsozialistischen Diktatur gab.
Welche zentralen Themenfelder deckt die Untersuchung ab?
Die Arbeit befasst sich mit der politischen Ausrichtung des Austrofaschismus, der radikalen Bildungspolitik der Nationalsozialisten sowie dem soziopolitischen Klima in Österreich, das die Emigration bedeutender Wissenschaftler begünstigte.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Hauptziel ist die Überprüfung der These, dass die anti-elitäre Stimmung und die daraus resultierende Wissenschaftsfeindlichkeit in Österreich bereits vor dem Anschluss unter dem Ständestaat begannen und sich unter den Nationalsozialisten lediglich radikalisierten.
Welche wissenschaftliche Methode wird in dieser Arbeit angewendet?
Es handelt sich um eine historische Analyse, die verschiedene Zeiträume gegenüberstellt und durch einen quantitativen sowie qualitativen Vergleich der Emigrationsbewegungen und Systemeingriffe untermauert wird.
Welche Aspekte stehen im Hauptteil der Arbeit im Vordergrund?
Der Hauptteil konzentriert sich auf die gesetzlichen Maßnahmen der beiden Regime zur Gleichschaltung der Hochschulen, die Rolle der katholischen Kirche im Ständestaat und die Rolle der rassistischen Ideologie im Nationalsozialismus.
Durch welche Schlagworte lässt sich die Arbeit am besten charakterisieren?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Austrofaschismus, Kontinuität, Wissenschaftsemigration, NS-Herrschaft und Bildungsgeschichte beschreiben.
Inwiefern unterschied sich der Ständestaat im Umgang mit der Wissenschaft vom NS-Regime?
Während der Ständestaat zwar regimekritische Wissenschaftler aus ideologischen und religiösen Gründen verfolgte, war er nicht rassistisch organisiert. Das NS-Regime hingegen betrieb eine systematische, rassistisch motivierte Vernichtungs- und Vertreibungspolitik.
Warum blieb die österreichische Wissenschaftslandschaft nach 1945 so lange geschwächt?
Der Autor argumentiert, dass dies sowohl durch die hohe Zahl der nicht zurückgekehrten Emigranten als auch durch ein fehlendes Wollen der österreichischen Gesellschaft zur Revision der Säuberungen nach 1945 begründet ist.
Welche Rolle spielte der Antisemitismus in der Zeit des Ständestaates?
Der Antisemitismus war bereits vor 1934 in Teilen der Gesellschaft und der Verwaltung spürbar und führte dazu, dass Juden als Teil der wissenschaftlichen Elite einer weitgehend tolerierten Diskriminierung ausgesetzt waren.
Wie beurteilt die Arbeit die Rolle der österreichischen Hochschulen beim Anschluss?
Die Arbeit weist auf einen bemerkenswerten, reibungslosen Übergang zum NS-System hin, wobei sogar Rektoren ihre Treue zum neuen Regime bekundeten, was auf eine zumindest teilweise Zustimmung in diesen Kreisen hindeutet.
- Citar trabajo
- Andreas Staggl (Autor), 2011, Vertreibung der wissenschaftlichen Elite aus Österreich im Ständestaat und der Nazi-Diktatur als Kontinuität, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/191672