Das Vierkaiserjahr in Rom

Der Anfang vom Ende der stoischen Opposition


Hausarbeit, 2010

18 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Opposition bis zum Vierkaiserjahr
II.1. Die Situation des Senats im frühen Prinzipat
II.2. Bedeutungswandel der libertas im Prinzipat
II.3. Opposition vor Nero
II.4. Thrasea Paetus und Nero
II.5. Stoa im römischen Prinzipat

III. Helvidius Priscus und Vespasian
III.1. Helvidius‘ Opposition in den Quellen
III.2. Tacitus und die stoische Opposition
III.3. Helvidius‘ Ziele und Motive

IV. Ausblick

V. Literaturverzeichnis
V.1. Quelleneditionen und -übersetzungen
V.2. Sekundärliteratur

I. Einleitung

„Opus agredior opimum casibus, atrox proeliis, discors seditionibus, ipsa etiam pace saevum. quattuor principes ferro interempti: trina bella civilian, plura externa ac plerumque permixta […].” (Tac. hist. I 2,1.)

So fasst Tacitus das für Rom verheerende Jahr 69 n. Chr. zusammen. Dieses so genannte Vierkaiserjahr und die damit verbundenen Kämpfe und Wirren fanden erst mit dem Sieg der vespasianischen Truppen über die des Vitellius am 20. Dezember 69 ein Ende. Gleich am darauffolgenden Tag wurde Vespasian vom Senat als Kaiser bestätigt und ihm in der bekannten Lex de imperio Vespasiani seine Rechte und Vollmachten verliehen. Die Auslegung dieses Gesetzes beschäftigt bis heute die althistorische Forschung. Klar ist, dass mit dem Gesetz die verfassungsrechtliche Position Vespasians, der sich immer noch im Osten des Reiches und eben nicht in Rom befand, gestärkt wurde. Doch stellt sich die Frage, wie weitreichend diese Festigung war angesichts des sechsten Paragraphen, der dem princeps zugesteht, alle Maßnahmen im Staat ergreifen zu dürfen, die ihm angemessen und notwendig erscheinen.1 Die Interpretationen bewegen sich zwischen zwei Extremen: auf der einen Seite steht die Deutung dieses Paragraphen als die Verleihung der unumschränkten Allmacht an den princeps, auf der anderen Seite interpretiert man ihn als bloßes Verordnungsrecht.2

Einer der Faktoren, die bei einer adäquaten Interpretation dieser lex zu beachten sind, ist der Senat und dessen Beziehung zum princeps. Zwar ist unumstritten, dass der Senat im Jahr 69 n.Chr., also 100 Jahre nach Augustus‘ Sieg bei Actium, den Großteil seiner Macht bereits verloren hatte und als Organ nur noch eine vordergründig symbolische Rolle spielte sowie als Rekrutierungsreservoir für administrative Aufgaben diente;3 doch meinen Forscher in diesem Jahr auch zum ersten Mal die dezidierte Formierung einer oppositionellen, gegen den princeps gerichteten Gruppierung im Senat ausmachen zu können.4

Die Quellenlage zu dieser Opposition ist leider sehr bescheiden und konzentriert sich auf die Person des Senators Helvidius Priscus, der als Gallionsfigur und lautester Sprecher der Opposition auftritt. Informationen über ihn erhalten wir vor allem durch Tacitus‘ Historien, weiterhin finden wir Erwähnungen in Suetons Vespasianvita und in Dios „Römischer Geschichte“. Diese drei Autoren urteilen sehr unterschiedlich über Helvidius und ebenso tut dies die moderne Forschung, in der das Thema der Senatsopposition eher mäßiges Interesse gefunden hat. Streitpunkte sind in diesem Zusammenhang die Motivation des Helvidius für sein oppositionelles Handeln sowie die von ihm verfolgten Ziele.

Genau auf diese beiden Aspekte zielt die vorliegende Arbeit. Um sich ihnen zu nähern und weiterhin zu erschließen, welche Ursprünge die Auflehnung des Helvidius hatte, soll zunächst die Opposition bis zum Vierkaiserjahr umrissen werden. Im Anschluss werden Motive und Ziele des Helvidius in einer detaillierten Analyse besonders der taciteischen Ausschnitte aufgeschlüsselt und auch die Frage nach deren Realisierbarkeit diskutiert. Schließlich wird im Ausblick die Zusammenfassung der Ergebnisse erfolgen und nach deren Relevanz für die Deutung der Lex de imperio Vespasiani gefragt werden. Welche Interpretationsmöglichkeiten ergeben sich vor dem Hintergrund der Motive und Ziele der Opposition? Besiegelte die lex das Ende aller senatorischen Macht oder zielte sie auf die Einschränkung neu gewonnener Möglichkeiten, welche sich die Senatoren in den Wirren und Ungewissheiten des Vierkaiserjahres erschließen konnten?

II. Die Opposition bis zum Vierkaiserjahr

Die Einführung des Prinzipats hatte besonders für den römischen Senat weitreichende Folgen und veränderte über die Zeit grundlegend seine Zusammensetzung und Funktion. In Tacitus’ Annalen lesen wir, dass Augustus im Jahr 27 v.Chr. die Macht im Staat übernahm, ohne dass sich ihm eine Opposition in den Weg stellte (Tac. ann. I 2.). Auch in den darauffolgenden Jahren seiner Herrschaft kam es nicht zur Gründung größerer oppositioneller Gruppen, doch muss festgestellt werden, dass das Fundament für die spätere Opposition schon in augusteischer Zeit gelegt wurde. Daher soll zunächst der Blick auf die Folgen des Prinzipats für den Senat und seine Mitglieder gerichtet werden.

II.1. Die Situation des Senats im frühen Prinzipat

Die Herrschaftszeit des Augustus bedeutete eine Umwälzung des Senats auf drei Ebenen: politisch, sozial und moralisch. Auf der politischen Ebene erfolgte eine schrittweise Übertragung diverser Machtbefugnisse des Senats und verschiedener Magistrate auf den princeps. Auf diese Weise glich sich dessen verfassungsrechtliche und politische Rolle seiner faktischen militärischen Übermacht an, zugleich verlor der Senat beständig an Kompetenzen.

Die soziale Zusammensetzung des Senats wurde grundlegend verändert. Da dieser bei Augustus‘ Machtübernahme mittlerweile auf über 1000 Mitglieder angewachsen war, sah sich der neue Herrscher gezwungen, diesen durch Säuberungen zu verkleinern.5 Zugleich bereitete er dadurch neuen Männern und Familien die Möglichkeit, in dieses erlauchte Gremium aufzusteigen. So war der Senat des 1. Jahrhunderts geprägt durch ein Nebeneinander von Nachfahren alteingesessener, durch die republikanische Tradition geprägter Familien und homines novi, die zum Großteil nicht aus Rom stammten.6

Die Ausrichtung der res publica auf eine einzige Person hatte langfristig auch Folgen für die Selbstdefinition der Senatoren und die moralischen Grundlagen ihres politischen Handelns. In der römischen Gesellschaft waren die Sphären des Politischen und des Moralischen nie klar voneinander getrennt.7 Die mos maiorum waren die Schablone auf der sich politisches und privates Handeln der Senatoren vollzog und von der aus dieses bewertet wurde. Der zentrale Begriff dieser „Bräuche der Vorfahren“ war die virtus, welche ein Konglomerat von tugendhaften Eigenschaften darstellt. Zur virtus gehörte auch das politische Engagement zum Wohle des Staates. Weil dieser im Prinzipat nun von dem princeps repräsentiert wurde, bedeutete der Einsatz für den Staat zugleich den Dienst für diesen princeps.8 Rudich sieht in dieser Konstellation eine Spannung im individuellen Selbstkonzept der Senatoren gegeben und folgert, dass diese für das Individuum nur aufzulösen ist, solange der Kaiser sich denselben moralischen Prinzipien unterwirft, wie die Senatoren selbst – also den mos maiorum.9

Zugleich zeichnete sich auch ein Verfall dieser moralischen Basis ab. Bezogen die Senatoren ihre dignitas und damit ihr soziales Ansehen vorher aus ihrer Stellung in und ihrer Verdienste um die res publica, war nun die Nähe zum Kaiser ausschlaggebend und Ziel der politischen Bemühungen. Die aus diesem System resultierende Konkurrenz unter den Senatoren schwächte das Gremium langfristig.10

Während der Bruch mit den republikanischen Traditionen sich allerdings eher auf der faktischen Ebene vollzog, herrschten in der Kommunikation und Symbolik Topoi der Republik vor. Schließlich hatte Augustus verkündet, die Republik wiederhergestellt zu haben. Ein Begriff, der besonders häufig bemüht wurde, war die libertas, die nun Thema des nächsten Abschnitts sein soll.

II.2. Bedeutungswandel der libertas im Prinzipat

In der Republik war die libertas ein zentraler Begriff für den römischen Bürger. Er bedeutete die positive Freiheit, innerhalb des politischen Systems nach Amt und Ansehen zu streben. Die Garantie dieser Freiheit erfolgte über das System selbst, das durch die Prinzipien der Annuität, Kollegialität und das Verbot der Ämterkumulation einen übermäßigen Machtzuwachs für den einzelnen verhinderte.11 12 Selbstverständlich realisierte sich diese Freiheit vor allem für die obere Schicht der Gesellschaft – die Senatorenfamilien.13

Mit der Einführung des Prinzipats wurden diese Prinzipien aufgehoben und damit gleichsam die libertas. Dennoch verzichtete man nicht auf einen Freiheitsbegriff und bemühte sich, diesen in die neuen politischen Gegebenheiten zu integrieren. War der Senat zwar nicht mehr das tonangebende Gremium, so verstand er sich doch als wichtiges beratendes Organ des Kaisers und erwartete bei wichtigen Fragen konsultiert zu werden.

Und genau so lässt sich das neue Verständnis der libertas senatus verstehen.14 Mit den Worten Chaim Wirszubskis:

„Libertas senatus heißt, daß wichtige Staatsangelegenheiten dem Senat vorzulegen sind und daß die Senatoren ihre Ansicht frei äußern und ohne Zwang abstimmen dürfen. Was der Senat erstrebte, war nicht die Wiederherstellung seiner verlorenen Suprematie, sondern die Bewahrung einer ehrenvollen Position als Partner des Kaisers.“15

Die Einhaltung dieser senatorischen Freiheit diente als Kriterium für die Entscheidung, ob es sich bei dem princeps um einen guten Herrscher handelte.16

II.3. Opposition vor Nero

Wie bereits erwähnt, gab es vor der Herrschaft Neros keine festen Gruppen von senatorischen Oppositionellen. Sicherlich gab es Kritiker, doch herrschte Einigkeit darüber, dass der weit über die Grenzen Roms und Italiens gewachsene römische Staat und die dazugehörige Armee nur von einem mächtigen princeps zu beherrschen seien.17

[...]


1 „[…] utique quaecunque ex usu reipublicae maiestate divinarum huma‹na›rum publicarum privatarumque rerum esse censebit, ei agere facere ius potestasque sit […].“, CILVI 930.

2 Für eine Darstellung der verschiedenen Positionen siehe Winterling, Aloys: 'Staat', 'Gesellschaft' und politische Integration in der römischen Kaiserzeit, in: Klio 83(2001), 93–112.

3 Siehe z. B. Schmal, Stephan: Tacitus, Darmstadt 2005, 156.; Wirszubski, Chaim: Libertas als politische Idee im Rom der späten Republik und des frühen Prinzipats, Darmstadt 1967, 168.

4 Rutledge, Steven: Imperial Inquisitions. Prosecutors and Informants from Tiberius to Domitian, London/ New York 2001, 136.

5 Rudich, Vasily: Political Dissidence Under Nero. The Price of Dissimulation, London 1993, xix.

6 Vogel-Weidemann, Ursula: The Opposition Under the Early Caesars. Some Remarks on its Nature and Aims, in: AClass 22 (1979), 91–107, hier 94.

7 Rudich, Dissidence, xvii.

8 Ebd., xviii f.

9 Ebd.

10 Rilinger, Rolf: Das politische Denken der Römer. Vom Prinzipat zum Dominat, in: Fetscher, Iring / Münkler, Herfried (Hrsg.): Pipers Handbuch der politischen Ideen. Frühe Hochkulturen und europäische Antike, Bd. 1, München/ Zürich 1988, 521–593, hier 538.

11 An dieser Stelle kann keine erschöpfende Darstellung des libertas -Begriffs in all seinen Nuancen erfolgen. Die knappen Ausführungen dienen als Grundlage für das Verständnis der Darstellung der Opposition in den Abschnitten II.3. und II.4. sowie des III. Kapitels. Daher wird der Begriff auch nur in Beziehung zum Senat diskutiert. Für eine ausführliche Darstellung siehe Kunkel, Wolfgang: Zum Freiheitsbegriff der späten Republik und des Prinzipats, in: Klein, Richard (Hrsg.): Prinzipat und Freiheit, Darmstadt 1969, 68–93.; Wirszubski, Libertas.

12 Vogel-Weidemann, Opposition, 95.

13 Kunkel, Freiheitsbegriff, 86.

14 Siehe Anm. 11

15 Wirszubski, Libertas, 169.

16 Vogel-Weidemann, Opposition, 95.

17 Rilinger, Das politische Denken, 579. Natürlich hatten die Kaiser auch vor Nero politische Gegner und schalteten diese durch Prozesse, Verbannung und Tod aus, doch wurde dabei nicht das Argument der Opposition eingesetzt.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Das Vierkaiserjahr in Rom
Untertitel
Der Anfang vom Ende der stoischen Opposition
Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Note
1,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
18
Katalognummer
V191794
ISBN (eBook)
9783656167198
ISBN (Buch)
9783656167501
Dateigröße
455 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Vierkaiserjahr, Flavier, Rom, Senat, Opposition, Vespasian
Arbeit zitieren
Anna-Maria Damalis (Autor), 2010, Das Vierkaiserjahr in Rom, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/191794

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