Die besondere Umstrittenheit der Gesundheitsreform in den Vereinigten Staaten ergibt sich aus der Verbindung des Themenkomplexes mit bestimmten amerikanischen kulturellen Ideo-logien. Die Debatte um die Reform wird nicht nur vor dem Hintergrund von rationalen und wirtschaftlichen Gesichtspunkten geführt, sondern berührt einen gesamten Wertekanon, welcher der amerikanischen Mentalität zu Grunde liegt.
In der folgenden Arbeit wird der Frage nachgegangen, inwiefern spezifisch amerikanische Ideologien die Entwicklung des U.S.-Gesundheitssystems beeinflusst haben. Dabei stehen vor allem die Reformversuche der Präsidenten Lyndon B. Johnson, Bill Clinton und Barack Obama zur Ausweitung des Versicherungsschutzes im Fokus. Für diese Analyse werden zunächst die Ideologien des Liberalismus, des amerikanischen Exzeptionalismus, des Individualismus sowie des „American Dream“ aus kulturwissenschaftlicher Perspektive in ihrer Bedeutung und historischen Entwicklung dargestellt. Im Folgenden werden die Reformversuche betrachtet. Dabei wird jeweils zunächst ein Überblick über die Entwicklungen und den bisherigen Stand des Gesundheitswesens bei Beginn der Reformvorhaben gegeben. Daran schließt sich eine Untersuchung der politischen und wirtschaftlichen Umstände im Hinblick auf die Veränderungen des Versicherungssystems an. Im nächsten Schritt werden die Ausgestaltung und die Auswirkungen des jeweiligen Reformplans auf das Gesundheitswesen erläutert. Vor diesen Hintergründen erfolgt danach eine Darstellung des Einflusses der amerikanischen Ideologien auf die Verhandlungen und die Ergebnisse der behandelten Reformpläne. Dies geschieht durch eine Betrachtung der Rhetorik der Reformgegner und -befürworter sowie der Besonderheiten in der Beschaffenheit der Pläne. Anschließend werden die Reformen auf sich zeigende Konstanten und Unterschiede verglichen, wobei auf der Basis der amerikanischen Ideologien auf die Position der demokratischen und republikanischen Parteien, die wirtschaftlichen und politischen Umstände sowie die Ausnahmestellung der USA im internationalen Vergleich im Bereich des Gesundheitswesens eingegangen wird.
Inhaltsverzeichnis
1. Kontroverse um die Gesundheitsreform in den USA
2. U.S.-amerikanische kulturelle Ideologien
2.1. Liberalismus
2.2. Individualismus
2.3. Exzeptionalismus
2.4. „American Dream“
3. Lyndon B. Johnsons Gesundheitsreform
3.1. Franklin D. Roosevelts „New Deal“
3.2. Entwicklung des Gesundheitssystems bis 1961
3.3. Politische und wirtschaftliche Umstände für Johnsons Reform
3.4. Veränderungen durch Medicare und Medicaid
3.5. Einfluss der Ideologien auf die Reform
4. Bill Clintons Gesundheitsreformversuch
4.1. Veränderungen im Gesundheitssystem bis 1992
4.2. Politische und wirtschaftliche Umstände für Clintons Reformversuch
4.3. Geplante Änderungen durch Clintons Reformpläne
4.4. Einfluss der Ideologien auf das Scheitern der Reform
5. Barack Obamas Gesundheitsreform
5.1. Veränderungen im Gesundheitssystem bis 2008
5.2. Politische und wirtschaftliche Umstände für Obamas Reform
5.3. Veränderungen durch Obamas Gesundheitsreform
5.4. Einfluss der Ideologien auf die Reform
6. Vergleich der Reformversuche
6.1. Positionen der Parteien
6.2. Wirtschaftliche Umstände der Reformen
6.3. Politische Umstände der Reformen
6.4. Ausnahmestellung des Gesundheitswesens der USA
7. Fazit und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht den maßgeblichen Einfluss spezifisch amerikanischer kultureller Ideologien – namentlich Liberalismus, Individualismus, Exzeptionalismus und der „American Dream“ – auf die historische Entwicklung und die politischen Reformversuche des U.S.-Gesundheitssystems durch die Präsidenten Johnson, Clinton und Obama.
- Die historische Rolle des Liberalismus und Antistatismus in der amerikanischen Politik.
- Der Konflikt zwischen staatlicher Verantwortung und individualistischer Eigenverantwortung.
- Die Auswirkungen von ökonomischen Krisenzeiten auf die staatliche Sozialgesetzgebung.
- Der Einfluss politischer Mythen auf die öffentliche Meinung und Reformerfolge oder -scheitern.
- Der Vergleich der parteipolitischen Positionen und der Ausnahmestellung des U.S.-Gesundheitswesens im internationalen Vergleich.
Auszug aus dem Buch
2.2. Individualismus
Die Mentalität und das Selbstverständnis der Amerikaner sind bedeutend von der Ideologie des Individualismus beeinflusst; sie liegt „at the very core of American culture.“ Dies bedeutet einerseits, dass die Einzigartigkeit und die „sacredness“ eines jeden einzelnen Bürgers stark betont werden. Andererseits wird jedes Individuum zunächst für sein Glück oder seinen Misserfolg als selbst verantwortlich gesehen und kann wenig Unterstützung von anderen oder gar dem Staat erwarten.
Die Ursprünge des Individualismus liegen in der Besiedelungsgeschichte der USA. Die Einwanderer aus vielen verschiedenen fremden Ländern fanden sich im neuen Land zunächst auf sich allein gestellt; das Überleben hing von den Erträgen der eigenen Arbeit ab. Der in Frankreich geborene Schriftsteller J. Hector St. John de Crèvecœur sah hier einen wichtigen Schritt in der Entwicklung der europäischen Emigranten zu „echten“ Amerikanern. In „Letters from an American Farmer“ aus dem Jahre 1782 stellt er fest, dass die Arbeiter in Europa oft gezwungen waren, die Früchte ihrer Anstrengungen an Fürsten oder Herrscher abzutreten. Dagegen gründe sich die Arbeit eines Amerikaners „on the basis of nature, self-interest; can it want stronger allurement?“
Zusammenfassung der Kapitel
1. Kontroverse um die Gesundheitsreform in den USA: Einleitung in die historisch gewachsene, leidenschaftliche Debatte um die Rolle des Staates im U.S.-Gesundheitswesen.
2. U.S.-amerikanische kulturelle Ideologien: Analyse der vier prägenden Ideologien Liberalismus, Individualismus, Exzeptionalismus und „American Dream“ als kulturelles Fundament.
3. Lyndon B. Johnsons Gesundheitsreform: Untersuchung der Einführung von Medicare und Medicaid als Ausgangspunkt staatlicher Gesundheitsfürsorge unter dem Eindruck der Great Society.
4. Bill Clintons Gesundheitsreformversuch: Analyse des Scheiterns der ambitionierten Clinton-Reform aufgrund komplexer Entwürfe und mangelnder öffentlicher Akzeptanz.
5. Barack Obamas Gesundheitsreform: Betrachtung der erfolgreichen, aber hart umkämpften Umsetzung der Reform von 2010 inmitten einer gespaltenen politischen Landschaft.
6. Vergleich der Reformversuche: Gegenüberstellung der parteipolitischen, wirtschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen, die das Schicksal der jeweiligen Reformen beeinflussten.
7. Fazit und Ausblick: Zusammenfassende Einschätzung der Persistenz kultureller Ideologien und deren Einfluss auf zukünftige gesundheitspolitische Debatten.
Schlüsselwörter
Gesundheitsreform, USA, Liberalismus, Individualismus, Exzeptionalismus, American Dream, Medicare, Medicaid, Great Society, Sozialismus, staatliche Intervention, politische Kultur, Gesundheitswesen, Versicherungsmarkt, Clinton-Reform.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert, warum die Reform des amerikanischen Gesundheitssystems seit Jahrzehnten ein derart kontroverses und politisch hürdenreiches Unterfangen ist.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Zentrum stehen die Wechselwirkungen zwischen US-amerikanischer Kultur, spezifischen politischen Ideologien und den konkreten legislativen Bemühungen zur staatlichen Krankenversicherung.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Es soll aufgezeigt werden, inwiefern tief verwurzelte Werte wie Individualismus und Exzeptionalismus die Entwicklung des Gesundheitssystems beeinflusst haben und warum sie den Ausbau staatlicher Leistungen oft behinderten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit verfolgt einen kulturwissenschaftlichen Ansatz, der politische Rhetorik, historische Ereignisse und die Wirkung nationaler Mythen auf die politische Entscheidungsfindung untersucht.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die detaillierte Untersuchung der Reformbemühungen unter Johnson, Clinton und Obama sowie deren Vergleich hinsichtlich politischer und wirtschaftlicher Rahmenbedingungen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den zentralen Begriffen zählen Gesundheitsreform, Liberalismus, Exzeptionalismus, Medicare, Medicaid und die kulturelle Ideologie des "American Dream".
Wie unterschied sich die Rhetorik unter Lyndon B. Johnson im Vergleich zu Bill Clinton?
Während Johnson seine Reformen als notwendigen Bestandteil der "Great Society" zur Erhöhung der Chancengleichheit in einer Zeit des Wohlstands verankern konnte, scheiterte Clinton unter anderem an einer komplexen Rhetorik, die von Gegnern erfolgreich als bürokratische Übergriffigkeit umgedeutet wurde.
Warum ist das "Medicare"-Programm laut der Arbeit so viel populärer als andere Reformvorhaben?
Medicare fokussierte sich auf eine Bevölkerungsgruppe (Senioren), der nach amerikanischem Verständnis ein Schutz vor Altersarmut und Krankheit moralisch zugestanden wurde, womit sie sich vom Stigma "fauler" Wohlfahrtsempfänger unterschieden.
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- Bernhard Güntner (Author), 2011, Der Einfluss der amerikanischen kulturellen Ideologien auf die Entwicklung des amerikanischen Gesundheitssystems, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/191814