Konversationsanalyse

Theorie, Methodik und Kritik


Hausarbeit, 2012

27 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Gliederung:

1. Einleitung

2. Theoretische Grundlagen und -annahmen
2.1. Grundannahmen
2.2. Forschungsansatz/Herangehensweise
2.2.1. Theorieunvoreingenommenheit
2.2.2. Fragestellung
2.3. Erkenntnisziel

3. Methodische Vorgehensweise
3.1. Beschaffenheit des Datenmaterials
3.2. Transkription
3.2.1. Detailgetreues Verfahren
3.2.2. Order at all points
3.2.3. Beispiel – Kundengespräch der FIDI-Bank
3.3. Sequenzanalyse
3.4. Gesprächsanalyse
3.4.1. Einbeziehung von Kontextwissen
3.4.2. Fallvergleiche

4. Zwischenfazit

5. Kritische Intervention
5.1. Zur Frage der Neutralität in der Forschung
5.2. Geschlecht
5.2.1. Historisch-gesellschaftlich tradierte Geschlechterver- hältnisse
5.2.2. Auf individueller Ebene
5.2.3. Unbewusste Tradierung
5.2.4. Totalität von Geschlecht
5.3. Sprache als gesellschaftliches Produkt und Produktionsmit- tel für Gesellschaft
tel für Gesellschaft
5.4. Geschlecht und Sprache

6. Resümee

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In meiner folgenden Arbeit möchte ich mich mit der Konversationsanalyse (KA) beschäfti- gen. In der ersten Hälfte meiner Arbeit möchte ich die theoretischen Grundannahmen vorstel- len. Dazu gehört besonders, das vorherrschende Wissenschaftsverständnis, welche Ziele er- reicht werden sollen und mit welcher Methodik dies geschehen soll.

Mir ist dabei wichtig anzuführen, welche Voraussetzungen postuliert werden, auf denen dann das Analyseverfahren vollzogen wird. Dabei möchte ich die grundlegenden Kategorien der KA darstellen und aufzeigen, wie sie sich die soziale Realität vorstellt, was sie annimmt, wie diese zustande kommt, aber auch welche Vorstellungen mehr oder weniger offensichtlich über die Individuen, die Gesellschaft und deren Verhältnis als theoretische Grundannahmen präsent sind.

Nach einem kurzen Zwischenfazit, welches das erste große Kapitel zusammenfassen und da- bei die wichtigsten Punkte hervorheben soll, werde ich die konversationsanalytische Vorge- hensweise kritisch hinterfragen.

Anhand von zwei Systemen, den Geschlechterverhältnissen und der Sprache, versuche ich Kritik auszuarbeiten und ein Spannungsverhältnis zu der konversationsanalytischen Theorie darzustellen. Mir geht es dabei darum, Schwachstellen der KA ausfindig zu machen und durch eine theoretische Ergänzung produktiv in den Diskurs über Forschungsansätze und Me- thoden einzuwirken.

Geschlecht und Sprache sollen mir somit als Kategorien dienen, um die Kritik konkret formu- lieren und detaillierter darlegen zu können, wo genau der Forschungsansatz der KA gut funk- tionieren kann und an welchen Stellen sich ggf. Probleme ergeben könnten.

Die Leitfragen unter denen ich meine Arbeit behandeln möchte sind folgende: Wie sieht der Forschungsansatz der Konversationsanalyse aus? Welche theoretischen Annahmen in Bezug auf die eigene Vorgehensweise und die Sicht auf die soziale Welt beinhaltet er, auf der einen Seite und auf der anderen Seite wo ergeben sich durch die Annahmen in bezug auf die Errei- chung der selbstgestellten Ziele Probleme der Machbarkeit? Oder anders formuliert: welche Annahmen müssen ggf. überdacht oder gar gänzlich aufgegeben werden, wenn die konversa- tionsanalytischen Ziele erreicht werden wollen?

2. Theoretische Grundlagen und -annahmen

2.1. Grundannahmen

Die Konversationsanalyse (KA) interessiert sich für die von den Interaktionsteilnehmern ge- meinsam erbrachte soziale Leistung. Dieser ethnomethodologische Forschungsansatz1 hat es sich zum Ziel gemacht die soziale Wirklichkeit aufzudecken. Das Wissenschaftsverständnis, welches diesem Ansatz zu Grunde liegt, betrachtet die soziale Realität als „Vollzugswirklich- keit“2. Das bedeutet, dass Realität fortlaufend geschaffen wird und zwar durch die Handeln- den, also durch ihr Handeln, selbst.3 Oder anders formuliert: Die Konversationsanalyse geht davon aus, „dass Interaktion unaufhörlich Ordnung produziert“4.

Die Annahme hierbei ist aber nicht, dass sich die Akteure über die Folgen oder Konsequenzen ihres Handelns absolut bewusst sind. Sie agieren also nicht, wie Schauspieler, die ihren Text gelernt haben und dem Publikum etwas vorspielen. Vielmehr handeln sie nach gewissen „Spielregeln“ oder gesellschaftlichen Normen. So gibt es in den Konversationen gewisse Leit- fäden, nach denen in der Regel gehandelt wird, d.h. wenn man am Anfang eines Gespräches begrüßt wird, dann erwidert man diese Begrüßung (auf ein „Guten Tag“ folgt in der Regel von dem anderen Kommunikationsteilnehmer eine ähnliche Begrüßungsfloskel „Guten Tag“, „Hallo“, „Grüß Gott“ o.Ä.).

Die Ausdrücke stehen aber nicht sinnleer im Raum, sondern werden von den Akteuren in der Kommunikation ständig interpretiert. So bedeutet ein Anschreien z.B. Wut und wird nicht als Ausdruck von Freude wahrgenommen. Die Handlung wird interpretiert und in den Kontext, also den größeren Rahmen der Konversation eingeordnet, so dass sie für die Akteure Sinn ergibt. Ein Schweigen auf eine gestellte Frage im Gespräch kann von dem anderen Teilneh- mer/der anderen Teilnehmerin auf unterschiedliche Weise interpretiert werden, z.B. als das Nicht-Wissen einer Antwort auf die Frage oder in dem Sinne, dass der gefragte Konversati- onsteilnehmer nicht zu gehört hat. Das Gespräch wird ständig normalisiert, also in eine Form gebracht, die als „normale, sinnhafte Kommunikation“ begriffen werden kann. Dies setzt, gerade in Alltagssituationen, eine enormes Vertrauen und große Erwartungen in den/die Ge- sprächsteilnehmerIn voraus, das Vertrauen er/sie wird mich schon verstehen wird und die Erwartung, dass er/sie sich Mühe geben wird mich zu verstehen.

Selbstverständlich kann es dabei auch zu Regelverletzungen kommen, welche für Irritationen bei den GesprächparterInnen sorgen. Harold Garfinkel hat die Auswirkungen, Reaktionen und Folgen auf gestörte Kommunikation in seinen bekannten „Krisenexperimenten“ untersucht. Dass die Kommunikation im Normalfall dennoch reibungslos verläuft, liegt eben daran, dass wir gewisse Grundregeln der Kommunikation verinnerlicht haben, denen wir uns gar nicht bewusst sind, ihnen aber trotzdem folgen. „Wenn man in eine konkrete Alltagssituation ver- strickt ist, dann ist es schwierig, aus diesen verinnerlichten und latent wirksamen Basisregeln der Alltagsinteraktion auszubrechen.“5

Dennoch ist „in Bezug auf Gespräche […] vielmehr davon auszugehen, dass die Akteure ih- ren Text im Verlauf des Gespräches sukzessive improvisieren – also ein Gespräch ebenso aktiv herstellen, wie letztlich auch das gesamte Theaterstück ihres Lebens.“6 Die dem zugrun- de liegende Annahme ist, dass die Akteure handlungsmächtig sind. Sie sind also nicht bloße (Re-)Produzenten von gesellschaftlichen Strukturen, sondern haben Handlungsspielraum, den sie nutzen und individuell ausfüllen können.7

Es gibt also nur selten eine richtige Art und Weise des (Re-)Agierens. Durch den Spielraum und die Vielzahl an Möglichkeiten steuern die/der KommunikationsteilnehmerIn, teils absich- tlich, teils unbewusst, den weiteren Verlauf des Gespräches in spezifischer Weise. Das bedeu- tet, dass ein Verhalten (oder ein Nicht-Verhalten) - egal welcher Art – den weiteren Verlauf der Kommunikation beeinflusst. Ein bewusstes oder unabsichtliches Lachen oder ein Schwei- gen stellt die Weichen für den weiteren Verlauf der Kommunikation.8

Resümierend bringt Thomas Brüsemeister den der Konversationsanalyse zugrundeliegenden Standpunkt wie folgt auf den Punkt:

„Die Konversationsanalyse stellt sich gemäß dem ethnomethodologischen Theoriean- satz jeden Akteur gleichsam als leeres Blatt vor, der gemeinsam mit anderen in einer Situation den Charakter der sozialen Wirklichkeit erst festlegen muss. […] Selbst wenn man zugibt, dass es Traditionen, Normen und Regeln gibt, müssen diese den Ethnomethodologen zufolge noch an situative Umstände angepasst werden, um hand- lungsrelevant zu sein.“9

2.2. Forschungsansatz/Herangehensweise

Aus den theoretischen Grundannahmen ergibt sich logischerweise eine bestimmte Methodik und Herangehensweise. Die KA begreift sich als strikt induktive Methode. Das bedeutet alle Informationen müssen aus dem Datenmaterial selbst erarbeitet werden.10 Eine solche Anfor- derung an die eigene Arbeitsweise legt nahe, dass stets nah an dem Datenmaterial gearbeitet wird und eine Voreingenommenheit der WissenschaftlerInnen möglichst unterbunden werden soll.11

2.2.1. Theorieunvoreingenommenheit

Dazu gehört, dass Theorien im Vorfeld ausgeblendet werden, was bedeutet dass man versucht ohne Hintergrundwissen, sowohl über soziale Verhältnisse als auch über den Kontext in dem das Datenmaterial erhoben wurde, an die Arbeit zu gehen. Das heisst, dass keine Vorstruktu- rierung der Daten stattfinden darf, Codierung, Klassifizierungen oder Kategorien werden ab- gelehnt. „Ebenso wenig bezieht sie [die KA] externes Wissen ein, solange sich dieses nicht in den Daten selbst wiederfindet. Vor allem den klassischen soziologischen Kategorien wie Macht, Geschlecht, Klasse und ähnlichen steht sie sehr vorsichtig gegenüber.“12 Auch psy- chologische Argumente, wie Motive oder sozialpsychologische Handlungsbegründungen, die über Kategorien sichtbar gemacht werden könnten, werden von der KA nicht vorgebracht.13

2.2.2. Fragestellung

Selbst die Fragestellung, unter deren Leitlinie das Material bearbeitet wird, soll nicht im Vor- feld fest stehen, sondern vielmehr in dem Prozess der Auswertung induktiv erfolgen. Es ver- steht sich von selbst, dass ein vages Forschungsinteresse bestehen muss, aber wie bereits er- wähnt darf es vorab keine konkrete Fragestellung geben.14 So problematisch eine Fragestel- lung einerseits für die KA ist, so unumgänglich ist sie andererseits für die Forschung.15 Nor- bert Dittmar und Irene Forsthoffer formulieren den Sinn und Zweck dieser Herangehensweise wie folgt: „Mit diesem methodischen Prinzip soll verhindert werden, dass vorformulierte Re- geln und Kategorien den Blick des Forschers auf das Datenmaterial einschränken.“16 Arnulf Depperman argumentiert, dass die Formulierung einer Fragestellung der „Offenheitsforde- rung“ der KA prinzipiell entgegen steht. Denn in jeder Fragestellung fänden sich unterschwel- lig eingeflossene Theorien oder Erwartungen, die falsch sein können und den Blick auf den Untersuchungsgegenstand verfälschen. Sie bergen drei unterschiedliche Gefahren: Erstens die Voraussetzungen mit denen man an die Arbeit gegangen ist als Ergebnisse zu reproduzieren, zweitens hartnäckig falsche Fährten zu verfolgen aus denen Scheinprobleme konstruiert wer- den und drittens alt bekanntes herauszuarbeiten während gleichzeitig neue und wichtigere Erkenntnisse nicht gewonnen werden (können).17 Auch wenn immer wieder eine Notwendig- keit für eine Fragestellung betont wird, fällt es auf, wie stark doch die Ablehnung gegen eine solche ist: „Mit der Betrachtung von Gesprächen unter einer Forschungsfrage verbinden sich zwangsläufig Beschränkungen und theoriebedingte Vorurteile, die sich in selektiven Wahr- nehmungen und Interpretationsperspektiven niederschlagen.“18

Das Verständnis einer „unvoreingenommenen“ oder neutralen Forschungsmethode beinhaltet selbstverständlich keine moralischen Bewertungen zu fällen, ihr liegt es fern, eine Aussage als moralisch gut oder verwerflich zu beurteilen.19 Es darf nicht nur darum gehen, was gesagt wird, sondern es muss auch darum gehen, wie etwas gesagt wird.20

[...]


1 Vgl.: Brüsemeister, Thomas: Qualitative Forschung. Wiesbaden 2008, S.185ff. und Kleeman,Frank/Krähnke, Uwe/Matuschek, Ingo (Hrsg.): Interpretative Sozialforschung : Eine praxisorientierte Einführung, Wiesbaden 2009, S. 36ff.

2 Dittmar, Norbert/Forsthoffer, Irene: Konversationsanalyse, in: Kühl, Stefan/Strodtholz, Petra/Taffertshofer, Andreas (Hrsg.): Handbuch Methoden der Organisationsforschung. Wiesbaden 2009, S. 348.

3 Vgl.: Ebd.

4 Hitzler, Sarah/Messmer, Heinz: Konversationsanalyse, in: Oelerich, Gertrud/Otto, Hans-Uwe (Hrsg.): Empiri- sche Forschung und Soziale Arbeit. Wiesbaden 2011, S. 308.

5 Kleeman/Krähnke/Matuschek: Interpretative Sozialforschung, S. 39.

6 Ebd., S. 37.

7 Vgl.: Ebd.

8 Vgl.: Brüsemeister: Qualitative Forschung, S. 190.

9 Brüsemeister: Qualitative Forschung, S. 185.

10 Vgl.: Dittmar/Forsthoffer, in: Kühl/Strodtholz/Taffertshofer, S. 349.

11 Vgl.: Brüsemeister: Qualitative Forschung, S. 185.

12 Hitzler/Messmer, in: Oelerich/Otto, S. 309.

13 Vgl.: Ebd.

14 Vgl.: Kleeman/Krähnke/Matuschek: Interpretative Sozialforschung, S. 43.

15 Vgl.: Deppermann, Arnulf: Gespräche analysieren, Hemsbach 1999, S. 19.

16 Dittmar/Forsthoffer, in: Kühl/Strodtholz/Taffertshofer, S. 349.

17 Vgl.: Deppermann: Gespräche analysieren, S. 19.

18 Ebd.

19 Vgl.: Deppermann, Arnulf: Konversationsanalyse und diskursive Psychologie, in: Mey, Günter /Mruck, Katja (Hrsg.): Handbuch Qualitative Forschung in der Psychologie. Wiesbaden 2010, S. 647.

20 Vgl.: Brüsemeister: Qualitative Forschung, S. 187.

Ende der Leseprobe aus 27 Seiten

Details

Titel
Konversationsanalyse
Untertitel
Theorie, Methodik und Kritik
Hochschule
Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover  (Institut Politische Wissenschaft)
Note
1,3
Autor
Jahr
2012
Seiten
27
Katalognummer
V191823
ISBN (eBook)
9783656168089
ISBN (Buch)
9783656168195
Dateigröße
512 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Konversation, Gespräch, Konversationsanalyse, Methoden, Methodik, Rede, Sozialforschung, Empirie, Qualitative Sozialforschung
Arbeit zitieren
Jan Heymann (Autor:in), 2012, Konversationsanalyse, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/191823

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Konversationsanalyse



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden