Begegnungen des Sturm und Drang mit der Aufklärung in Goethes Werther


Hausarbeit, 2010
19 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.) EINLEITUNG

2.) FORSCHUNGSSTAND (AB 1990)

3.) PROGRAMMATIK: REDE ZUM SHAKESPEARES-TAG

4.) WERTHER UMZINGELT VON DER AUFKLÄRUNG
4.1) CHARAKTERISIERUNG WERTHERS ALS SUD-CHARAKTER
4.2) WERTHERS BEZIEHUNG ZU WILHELM
4.3) WERTHERS BEZIEHUNG ZU ALBERT

5.) SCHLUSSBETRACHTUNGEN/ FAZIT

LITERATURVERZEICHNIS

1.) Einleitung

Goethe bedarf keiner expliziten Vorstellung. Viele seiner literarischen Werke sind allgemein als Weltliteratur anerkannt und nur Wenige haben die Literaturgeschichte derart beeinflusst wie er. Allgemein als Genie anerkannt, verwundert es nicht, dass Goethe bereits in seiner Jugend einer ganzen Generation von Autoren seinen Stempel aufdrückte und die Literaturepoche des Sturm und Drang (SuD) prägte.1 In der älteren Forschung wird diese Literaturströmung als Gegenbewegung zur Aufklärung dargestellt. Neuere Positionen sehen den SuD eher als eine Art Binnenaufklärung. Die Frage ist also die, in welcher Art und Weise die Beziehung zwischen diesen beiden Größen beschaffen ist. Durch die programmatischen Texte der jeweiligen Autoren, können zahlreiche Interpretationsansätze gefunden werden. Jedoch; es bleiben Interpretationen und diese beinhalten die Gefahr der Irrung. Woher kann man wissen, was die Autoren dachten und welche Ziele sie verfolgten? Die Vorleistungen der Aufklärung für den SuD dürften unbestreitbar sein, schließlich operieren beide Systeme mit den gleichen Inhalten und Begrifflichkeiten, wie Natur, Liebe, Gefühl, Empfindung, Emotion, Individuum usw. Aber ist das literarische Schaffen der SuD- Autoren nun anti-aufklärerisch gemeint oder geht ihnen die Aufklärung einfach nicht weit genug? Der wesentliche Punkt scheint vielmehr die Verhandlung der Begrifflichkeiten zu sein. Während die Aufklärung auf Gesellschaftsverträglichkeit setzt, versucht sich der SuD eben gerade davon zu befreien und rückt das Individuum in den Vordergrund. Angesichts dessen ist es fraglich ob der Begriff Binnenaufklärung wirklich gerechtfertigt ist? Kurzum, man könnte zu den ohnehin schon zur Genüge vorhandenen Interpretationsversuchen noch etliche hinzu verfassen und trotzdem hätte keine den Anspruch darauf der Ultimative zu sein. Deshalb soll diese Hausarbeit auch kein Versuch sein umfassend theoretisch zu klären, wie die Beziehung zwischen SuD und Aufklärung zu sehen ist. Diese Arbeit versucht nur das Naheliegendste, nämlich nach einer Antwort dort zu suchen, wo sie am wahrscheinlichsten zu finden ist, in den Werken der Stürmer und Dränger selber. Wo, wenn nicht dort sollten die Gedanken und Gefühle der Autoren zu finden sein? Auf Grund der gebotenen Kürze einer Hausarbeit soll der Versuch anhand des erfolgreichsten Stücks des SuD vorgenommen werden - Goethes „Die Leiden des jungen Werther“.

2.) Forschungsstand (ab 1990)

Auch wenn die Arbeit am Text im Vordergrund steht, so scheint es doch geboten zunächst den Status Quo des Forschungsstandes zu ermitteln. Sucht man nach einer Definition des Begriffes SuD, wird man im Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft fündig. Dieses liefert folgende Definitionsmöglichkeiten:

a) "als epochenbezogene Bezeichnung für eine Gattungsübergreifende literarische und im weiteren Sinn kulturell-politische Strömung in Deutschland v.a. der 1770er Jahre, die trotz ihrer oppositionellen und traditionskritischen Einstellung nicht als Gegensatz zur Epoche der Aufklärung bzw. der Periode der Goethezeit [...], sondern als deren Teil zu verstehen ist[...]“.2
b) „als gruppenspezifische Bezeichnung für eine Generation um 1750 geborener Autoren, die an bestimmten Orten oder um einzelne Persönlichkeiten [...] Zirkel bilden und sich durch eigene Publikationsorgane überregional verständigen [...]“.3
c) „als Bezeichnung für eine literaturtheoretische Programmatik, die sich in den Konzepten von Originalität und Genie manifestiert [...]. Diese Konzepte dienen der Durchsetzung auf dem literarischen Markt und weisen mit ihren Formen der Selbstinszenierung auf Strategien der Avantgarde voraus“.4

Das Reallexikon bietet drei verschiedene Definitionsmöglichkeiten an. Danach wird der SuD zwar als oppositionell und traditionskritisch beschrieben, aber soll trotzdem keine Gegenbewegung zur Aufklärung darstellen. Vielmehr sei er als Teil der Aufklärung zu sehen. Fraglich ist hier jedoch, ob die Literatur des SuD nicht eher als traditionsbrüchig als traditionskritisch beschrieben werden kann. Es stellt sich ferner die Frage danach, welche Traditionen denn gemeint sind? Zumindest im Hinblick auf die konsequente Nicht-Einhaltung der Aristotelischen Regeln, trifft der Begriff Traditionsbruch eher zu. Weiterhin ist fraglich, ob man mit einer oppositionellen Einstellung einer Epoche gegenüber überhaupt noch deren Teil sein kann? Dass diese Definition also wirklich dem Geist des SuD gerecht wird, scheint demnach zumindest fragwürdig. Jedenfalls scheint eine Betrachtung anderer Standpunkte angebracht zu sein.

Michael Titzmann geht davon aus, dass es im 18. Jh. folgende Literatursysteme gab: Frühaufklärung, Empfindsamkeit und Goethezeit. SuD sieht er als Subsystem der Goethezeit. Titzmann vertritt die Auffassung, dass der SuD als historisch erste Auflehnung einer Jugendgeneration gesehen werden kann. Weiterhin betont er in diesem Zusammenhang die positive Wertung von Abweichungen, Innovationen und Originalität. Außerdem verweist auf die Autonomisierung des Literatursystems gegenüber dem Denksystem.5 Diese Thesen wurden von Karl Eibl bestätigt. Jedoch stellt dieser auch die wichtige Rolle der Buchmarktentwicklung dar. Auf dem sich entwickelnden Literaturmarkt hätten sich Kommunikationsstrukturen entwickelt auf dem sich die Autoren der SuD-Generation gegenseitig wahrnehmen konnten und sich daher auch wechselseitig beeinflussten, was einerseits zu Konkurrenz, aber auch zu Innovationsschüben führte.6 Am deutlichsten hebt Matthias Luserke die Eigenständigkeit des SuD hervor. Er stellt fest, dass sich SuD gegen die Muster der aufgeklärten Literatur stellt und sich deren Fortführung widersetzt.7 Ausgehend von Luserkes Beobachtungen scheint es fragwürdig den SuD als Teil der Aufklärung zu sehen. Luserke meint, dass der "Geist der Aufklärung" in philosophischer, ästhetischer und theologischer Sicht maßgeblich auf die Herausbildung des SuD gewirkt habe. Gleichzeitig sagt er aber auch, dass die SuD-Generation diesen Geist kritisch gegen die eigene Gegenwart gestellt hätte.8 Auch Luserke erkennt also die elementare Bedeutung der Aufklärung für den SuD an.

Gerhard Sauder macht darüber hinaus darauf aufmerksam, dass es zu Beginn der 1770er Jahre zu einer Überlagerung von Aufklärung, Empfindsamkeit, Rokoko und SuD kam.9 Weiterhin weist er auf die verschiedenen Gruppenbildungen um bestimmte Personen herum hin und betont das dichte Kommunikationsnetzwerk, das zwischen den SuD-Autoren besteht.10 Abschließend schlägt er vor den SuD als "Dynamisierung und Binnenkritik der Aufklärung" zu betrachten.

Die Diskussion über den SuD hat seit 1990 nicht an Reiz verloren. Dies ist nicht verwunderlich. Das Verhältnis zwischen SuD und Aufklärung ist nicht einfach zu beschreiben. Zu komplex sind die Themen und auch zu aufgewühlt und facettenreich die Kontexte in denen sich die Autoren und ihre Texte bewegen. Dadurch bietet dieses Themengebiet zahlreiche Ansatzmöglichkeiten und bleibt interessant. Allerdings wird der SuD dadurch nicht wirklich fassbar oder gar kategorisierbar. Die Frage ob es sich nun um eine Epoche, eine Bewegung oder doch eher eine Phase handelt bleibt im Enddefekt unbeantwortet, zumindest die epochale Eigenständigkeit wird jedoch nicht konkret angezweifelt. Um letztendlich Klarheit zu schaffen, müsste zunächst eine genaue Analyse der Begrifflichkeiten Epoche, Bewegung, Phase etc. durchgeführt werden. Da dies den aktuellen Rahmen sprengen würde, wird die Betrachtung an dieser Stelle abgebrochen.

Für den weiteren Verlauf der Arbeit ist es wichtig festzustellen wie sich die beiden Literatursysteme voneinander unterscheiden. Um zu erkennen, wie sich Goethe im Werther mit dieser Problematik auseinandersetzt, müssen zunächst die konzeptionellen und textuellen Unterschiede zwischen SuD und Aufklärung deutlich gemacht werden. Im Vorwege wird zu klären sein, wie sich die Intentionen und Zielsetzungen der beiden Literatursysteme bzw. Denksysteme voneinander unterscheiden. Es muss geklärt werden welche Begriffe gebräuchlich sind, welches die zentralen Themen sind, in welchem Bezugssystem sie zueinander stehen und ob sie von den SuD-Autoren anders behandelt oder gewertet werden, als von den Aufklärern. Diese theoretischen Aspekte sollen im Folgenden geklärt werden. Dabei stellt sich natürlich die fundamentale Frage, ob Goethe diesen Unterschied überhaupt illustrieren wollte. Diese Frage wird nicht mit letzter Sicherheit zu beantworten sein. Jedoch vertritt der Verfasser dieser Hausarbeit die These, dass Goethe die Unterschiede zwischen SuD und Aufklärung in der Gestaltung der Figuren im Werther besser aufzeigt, als es alle theoretischen Schriften darüber tun könnten.

3.) Programmatik: Rede zum Shakespeares-Tag

Zu Beginn der Arbeit war bereits von programmatischen Texten die Rede. Um Intentionen und Zielsetzungen aufzuzeigen, scheint kein Text so geeignet zu sein wie Goethes Rede zum Shakespeares-Tag. Im Folgenden soll dieser Text daraufhin untersucht werden, welche Unterschiede sich im Gegensatz zur Aufklärung abzeichnen. Eine erschöpfende Betrachtung aller Facetten dieser Rede verbietet sich auch hier. Wer die Rede von Goethe selbst liest, wird schnell merken, dass man allein über sie ganze Bücher schreiben könnte. Der Text bietet sich dennoch an, um anhand einiger prägnanter Aussagen Reibungspunkte zur Aufklärung zu lokalisieren und deutlich zu machen. So heißt es:

"[...] Ich! Der ich mir alles binn [sic!], alles nur durch mich kenne!"11

[...]


1 vgl. Luserke: Sturm und Drang, S. 9. Luserke sieht in Goethe und Lenz die personelle und literarische Basis des SuD.

2 Kühlmann/ Vollhardt: Sturm und Drang. In: Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft, S. 541ff.

3 ebd.

4 ebd.

5 Titzmann: „Empfindung“ und „Leidenschaft“, S.137 ff.

6 Eibl: Die Entstehung der Poesie, S. 121 ff.

7 Luserke, Sturm und Drang, S. 12 ff.

8 Luserke, Sturm und Drang, S. 10.

9 Sauder: Theorie der Empfindsamkeit und des SuD, S. 13 f.

10 Sauder: Theorie der Empfindsamkeit und des SuD, S. 22 ff.

11 Goethe: Zum Shakespeares-Tag. In: Der junge Goethe, S 83.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Begegnungen des Sturm und Drang mit der Aufklärung in Goethes Werther
Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel
Autor
Jahr
2010
Seiten
19
Katalognummer
V191824
ISBN (eBook)
9783656168072
ISBN (Buch)
9783656168478
Dateigröße
443 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Goethe, Werther, Aufklärung, Sturm und Drang
Arbeit zitieren
Sebastian Ruby (Autor), 2010, Begegnungen des Sturm und Drang mit der Aufklärung in Goethes Werther, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/191824

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