"Verdrängung" und seine Bedeutung als Abwehrmechanismus für die psychoanalytische Neurosenlehre

Einführung in die Methoden der Psychoanalyse


Essay, 2012

9 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Prüfungsessay zum Thema:

Erörtern sie den Begriff „Verdrängung“ und seine Bedeutung als „Abwehrmechanismus“ für die psychoanalytische Neurosenlehre

Das Fin-de-siècle (Ende des Jahrhunderts) in Wien war eine Zeit des Aufbruchs und dauerte ca. 20 Jahre an, von 1880-1910. Der Börsenkrach von 1873, verlorene Kriege der Habsburger und technischer Fortschritt ließ die Menschen zwischen weltuntergangsgleicher und fortschrittsverherrlichender Stimmung wanken. Die mittelalterliche Regierungsform verlor an Beständigkeit. Neue Probleme durch soziale Ungleichheit und multikulturelles Bevölkerungswachstum wurden nicht behoben, der Staat blieb absolutistisch traditionsverbunden. Gleichzeitig wurde stark aufgerüstet, es war auch der Vorabend des Ersten Weltkrieges, der einer der grausamsten Kriege werden sollte.

Frauen wurde eine eigene Persönlichkeit nicht zugesprochen und O. Weininger stilisierte die Frau zu einem negativen seelenlosen Wesen. Kreative, intelligente Frauen wurden als dämonengleich abgetan. Als ein Problem ohne ein Selbst wurde die Frau zum Gegenstand der Forschung herabgesetzt. 1P. J. Möbius verfasste Abhandlungen darüber, das Frauen aufgrund ihres kleinen Gehirns zum Denken unfähig und wahrscheinlich idiotisch seien.2 Kinder des Kaiser- und Königreichs Österreich-Ungarn wurden ihren Rollen entsprechend streng autoritär erzogen, unter Einhaltung der katholischen Gebote. Jungen aus gutem Hause mussten sich einer harten menschenverachtenden Militärausbildung unterziehen, um als Erwachsene die Militärlaufbahn einzuschlagen.

Bürgerliche Mädchen mussten sich damit abfinden, dass für sie keine berufliche Karriere in Aussicht stand.

Das eben beschriebene Fin-de-siècle ist wahrscheinlich als ein Grund anzunehmen, warum sich in Kunst, Literatur und Musik eine so schnelle Wende abzeichnete. Das Innere, die Seele des Menschen wurde zum zentralen Thema in der Kultur. Das vorherige Jahrhundert war viktorianisch und sexuell schamhaft geprägt. Erstmals kam Erotik in Literatur (Arthur Schnitzler), und Gemälden zum Ausdruck (Egon Schiele, Gustav Klimt).3 Das löste Skandale aus. Die genaue Darstellung von Geschlechtsmerkmalen in Bildern wurde bis in das späte 18. Jahrhundert eher vermieden.4 In Robert Musils Werk „Die Verwirrungen des Zöglings Törleß“ geraten perverse Neigungen in den Blickwinkel.5 International anerkannt erhielt Freud aufgrund seines semitischen Hintergrundes in seiner Stadt viel Spott und Ablehnung. Er reagierte mit Isolation und zog sich in seine Forschungstätigkeit zurück.6 Der Anfang vom Ende der autoritären Regierungsform und die Enstehung der Psychoanalyse, aber auch Zinonismus und organisierter Antisemitismus, sind im Fin-de-siècle zu finden. Im Folgenden soll dargelegt werden, dass es zur Ausbildung einer Hysterie aufgrund der gesellschaftlichen Verhältnisse zu Zeiten des Fin-de-siècle in Wien kommen konnte. Dabei werden wir den Begriff Verdrängung und seine Bedeutung als „Abwehrmechanismus“ für die psychoanalytische Neurosenlehre erörtern. Dabei beziehen wir uns auf die 19. und 23. Vorlesung des Arztes und Neurologen Sigmund Freud, die 1917 veröffentlicht wurden. Wir werden die Entdeckungen Freuds in seiner Psychoanalyse näher betrachten und erfahren, warum es wahrscheinlich in der vorletzten Jahrhundertwende in Wien zu einer derart schöpferischen Hochkonjunktur gekommen ist.

Schon in ägyptischer und altgriechischer Antike wurde die Symptomatik der Hysterie als typisch weibliches Leiden konstatiert. Der altgriechische Begriff „Hysteria“ bedeutet „wandernde Gebärmutter“ und ein rastloses, im Körper herumwanderndes Fortpflanzungsorgan wurde tatsächlich als Grund für ihre Entstehung angenommen. Ein unerfülltes Verlangen nach Begattung und Schwangerschaft wurden als ihre Kennzeichen definiert. Sexuelle Enthemmung, merkwürdige Bewusstseinszustände, Gedächtnisverlust, Schmerzen, Lähmungen an sämtlichen Körperteilen und besondere Expressivität schienen ihre Merkmale zu sein. Im Mittelalter wurde Hysterie als Teufelsbesessenheit gesehen, was Inquisition bedeutete. Im 18. Jahrhundert wurden hysterische Frauen in einigen Krankenasylen als Schaulustigenattraktion exponiert. Behandelt wurde die Hysterie u. a. mit operativen Eingriffen und der „Bewässerungskur“ in Form von männlichen Samen. Da geglaubt wurde, Frauen seien feuchter als Männer, empfahlen Ärzte baldige Heirat, die den Geschlechtsakt legitimierte.

[...]


1 Ackerl, Dr. Isabella (1999): Wiener Moderne 1890-1910, Bundespressedienst Wien, auf: http://www.austria.gv.at/2004/4/15/wiener_moderne.pdf, S.4

2 Vgl.: Möbius, Dr. Paul Julius (1903): Über den physiologischen Schwachsinn des Weibes. Abhandlung.Verlag Carl Marhold, Halle Saale,auf:http://ngiyawebooks.org/ngiyaw/moebius/schwachsinn/ schwachsinn.htm, zuletzt eingesehen am 07.03.2012

3 Vgl.: Worbs, Michael (1983): Sigmund Freud in Kakanien, in: ders.: Die Nervenkunst. Literatur und Psychoanalyse im Wien der Jahrhundertwende. Frankfurt am Main, Europäische Verlagsanstalt, S. 20

4 Vgl.: Worbs, Michael (1983): Sigmund Freud in Kakanien, in: ders.: Die Nervenkunst. Literatur und Psychoanalyse im Wien der Jahrhundertwende. Frankfurt am Main, Europäische Verlagsanstalt, S. 23

5 Baganz, Arne-Wigand (2004): auf: http://www.versalia.de/Rezension.Musil_Robert.65.html, zuletzt eingesehen am 08.03.2012

6 Worbs, Michael (1983): Sigmund Freud in Kakanien, in: ders.: Die Nervenkunst. Literatur und Psychoanalyse im Wien der Jahrhundertwende. Frankfurt am Main, Europäische Verlagsanstalt, S. 27

Ende der Leseprobe aus 9 Seiten

Details

Titel
"Verdrängung" und seine Bedeutung als Abwehrmechanismus für die psychoanalytische Neurosenlehre
Untertitel
Einführung in die Methoden der Psychoanalyse
Hochschule
Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover  (Institut für Soziologie )
Veranstaltung
Einführung in die psychoanalytische Sozialpsychologie
Note
1,0
Autor
Jahr
2012
Seiten
9
Katalognummer
V191868
ISBN (eBook)
9783656201533
ISBN (Buch)
9783656207993
Dateigröße
489 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Eine Abhandlung mit Hilfe der 19., 23. Vorlesung und "Die Wege der Symptombildung" Sigmund Freuds über den Verdrängungsmechanismus und die Entwicklung einer psychoanalytischen Neurosenlehre.
Schlagworte
Fin de Siècle, Symptombildung, Hysterie, Verdrängung, Neurose, Sigmund Freud, Abwehrmechanismus, Psychologie, Sozialpsychologie, Psychoanalyse
Arbeit zitieren
Sabine Müller (Autor), 2012, "Verdrängung" und seine Bedeutung als Abwehrmechanismus für die psychoanalytische Neurosenlehre, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/191868

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