Ein Unterrichtskonzept zu Film und Literatur im Deutschunterricht


Hausarbeit, 2010
19 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Theorieteil – Literatur und Film im Deutschunterricht

3. Sachanalyse
a. Das weiße Rauschen
b. Der Sandmann

4. Unterrichtskonzept

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Kinokultur galt lange Zeit als Volksunterhaltung und war dementsprechend in der Wissenschaft noch bis in die achtziger Jahre hinein eine Randgruppe in der literarischen Forschung. Erst seit kurzem besteht intensiveres Interesse seitens der Germanisten sich mit der Filmkunst auseinanderzusetzen und man hat insbesondere in der narratologischen Analyse festgestellt, dass vergleichende Untersuchungen von Film und Literatur neue Einsichten ermöglichen.1

Die vorliegende Arbeit, die im Rahmen des Seminars „Einführung in die Literaturdidaktik“ entsteht, soll sich mit dem Film als Unterrichtsgegenstand im Deutschunterricht auseinandersetzten und diesbezüglich ein Unterrichtskonzept erstellen. Im Zentrum des Interesses sollen dabei die Gemeinsamkeiten und Unterschiede in der Erzählstruktur von Film und Literatur stehen und der Film Das weiße Rauschen von Hans Weingartner und die Erzählung Der Sandmann von E.T.A. Hoffmann das Material darstellen.

Die Arbeit ist dem Erkenntnissinteresse gemäß in drei Hauptkapitel strukturiert. In dem ersten Kapitel soll zunächst eine theoretische Einführung in die Problematik geschehen, indem wissenschaftliche Standpunkte zu der Beziehung von Literatur und Film erläutert sowie die didaktische Perspektive auf das Potential des Films für den Literaturunterricht thematisiert werden. Im folgenden Schritt soll eine Sachanalyse der für das Unterrichtskonzept ausgewählten Materialien Das weiße Rauschen und Der Sandmann verfasst werden. Daraufhin wird das Unterrichtskonzept erläutert, d.h. das Ziel für die Unterrichtseinheit formuliert, die entsprechende Kompetenzförderung dargestellt sowie hierfür adäquate Aufgabenstellungen entwickelt.

2. Theorieteil – Literatur und Film im Deutschunterricht

Betrachtet man die bisherigen Forschungsbeiträge in der Didaktik, so kann festgestellt werden, dass der Film noch immer nicht als selbstständiges Medium im Literaturunterricht angesehen wird, es dennoch aber bereits einige fundiert Aufsätze publiziert wurden, die den Nutzen der Verwendung von Filmen insbesondere im Unterricht zu Erzählungen herausarbeiten.2 Zwar scheint der Film im Unterricht mittlerweile als ein eigenständiges Medium behandelt zu werden, doch wird die methodische Beschäftigung, die Analyse der filmischen Mittel und ihre Interpretation noch immer als sekundär betrachtet und leitet sich lediglich von der textuellen Analyse ab. Es herrscht demnach noch immer die Blickrichtung von der Literatur auf den Film vor.3 Wesentliche Probleme bei der Analyse des filmischen Erzählens sind unter anderem die Mittel- bzw. Unmittelbarkeit in der Darstellung, der Eindruck von Subjektivität sowie die Rezeption von Filmen. Mittels Kontrast und Vergleich literaturästhetischer mit filmästhetischen Formen werden die spezifischen Lösungen für die genannten Probleme des Erzählens in der Literatur sowie im Film deutlich.

In didaktischer Hinsicht kann das Literarische und Nichtliterarische am Film genutzt werden, um das Literarische an der Literatur aufzuzeigen. Dabei sollten die Fragen, wie etwas über Literatur neu gelernt werden kann, wenn Blicke in Filme oder Filmszenen die Arbeit an Texten begleiten, wie die Stärke bzw. Schwäche der literarischen Darstellungsform mit Hilfe filmischer Beispiele sichtbar gemacht werden kann und wie trotz dieser literaturorientierten Akzentuierung eine erste Einführung in das Sehen von Filmen stattfinden kann im Zentrum stehen. Durch eine Bezugnahme auf filmische Beispiele ergibt sich demnach für literarische Texte eine erweiterte Interpretation.

Die Frage nach dem Erzähler des Films ist hier wesentlich und wird in der Filmtheorie noch immer diskutiert. Der Film lässt sich eher den darstellenden Künsten zuordnen, da vor allem gezeigt und vorgeführt wird und der Erzähler als Sprecher nur selten anwesend ist. Käte Hamburger siedelt 1957 den Film jedoch zwischen Epik und Dramatik an.

Spinner hinterfragt in seinem Aufsatz das didaktische Vorgehen bei der literarischen Analyse und plädiert dafür, die audiovisuelle Sozialisation der Kinder zugunsten der literarischen Interpretationskompetenz zu nutzen. Durchaus ist es somit möglich, zunächst von einem filmischen Material zu der textuellen Ebene zu gelangen und so Erkenntnisse über ihre narrativen Strukturen zu erlangen.

Ist der Anspruch bei dem Umgang mit Film und Literatur die Vermittlung der funktionalen Analyse, so bietet es sich hier an mit einem Film einzusteigen. Nach Spinner sind Kinder und Jugendliche mit dem Medium Film vertrauter als mit der Literatur und sind so auch emotional stärker ansprechbar. Insofern lässt es sich für die Schülerinnen und Schüler auch leichter erschließen, wie, d.h. mit welchen filmischen Mitteln ihre Emotionen ausgelöst werden. Dies kann anschließend auf die literarische Ebene mit der Erarbeitung von rhetorischen Stilmitteln übertragen werden.

Wesentlich bei der Arbeit mit Film und Literatur ist die Erzählform. Allgemein wird dem Film ein „Film-Erzähler“ zugesprochen, doch kann nicht klar definiert werden, wer dieser Erzähler ist. So kann festgehalten werden, dass, um es in den Worten von Christian Metz auszudrücken, der Film einen „un- persönlichen Kern“ besitzt. Dieser Erzähler stammt nicht, wie in der Literatur, von nur einer „Quelle“, sondern von einer Vielzahl von Mitteln und Kanälen, die gemeinsam erzählen.4 Besonders interessant scheint im Film die Frage nach der Erzählperspektive zu sein, da man allgemein davon ausgeht, dass es sich hier, aufgrund der technischen Voraussetzungen der Kamera, um eine neutralere Erzählweise handelt. Die Figuren können lediglich von außen gezeigt werden, eine Innensicht, d.h. die direkte Vermittlung von Gedanken, Gefühlen und Empfindungen, wie die Literatur es zu beschreiben vermag, kann mithilfe der Kamera nur in begrenztem Maße stattfinden. Insofern kann „die Innenperspektive der kinematographischen Erzählsituationen [als] eine nach außen gewandte Perspektive“5 betrachtet werden.

Dennoch kann auch der Film sich der neutralen Sicht auf die Handlung verweigern und den Eindruck von Subjektivität erschaffen. Dies geschieht mithilfe von filmischen Techniken, wobei insbesondere der Aufnahmewinkel, die Einstellungsgröße, die optischen Verzerrungen, die Konstruktion von mentalen Bildern, die in- und off-Stimmen, die voice-over-Stimmen sowie die Geräuschskulisse und Musik bedeutungstragende Methoden darstellen. Leuber und Saupe stellen in ihrem Beitrag zum Jahrbuch Medien ein hilfreiches

Instrumentarium der wesentlichen Einstellungen zusammen.6 Spinner spricht sich dafür aus, bei der Behandlung von Perspektivierungsverfahren in narratologischen Untersuchungen mit einer filmischen Analyse zu beginnen, da die Methoden hier für die Schülerinnen und Schüler offensichtlicher zu erkennen sind. Die Einstellungsgrößen von Weit bis Detail sowie die Einstellungsperspektive, wie Frosch-, Vogel-, Normalperspektive und Unter-, Ober-, Normalsicht lassen sich konkret an der Kamera feststellen.

Insofern erscheint es sinnvoll hier eine vergleichende Untersuchung hinsichtlich des Erzählers in Film und Literatur anzusetzen. Es lässt sich demnach festhalten, dass die Literatur mit dem anthropomorphisierten Erzähler über andere Darstellungsmöglichkeiten der Innenperspektive verfügt, als der Film, der vielmehr durch vielfältige Kanäle und besonders durch Gestik und Mimik einen Ausdruck innerer Befindlichkeit erschafft.

Hervorgehoben sollte darüber hinaus, dass der Film viele Möglichkeiten bietet, den Schülerinnen und Schülern für ein symbolisches Verstehen zu sensibilisieren. Dieser Aspekt steht auch mit der Annahme in Zusammenhang, der Rezipient sei nur passiver Konsument. Diese These lässt sich jedoch widerlegen, da der Filmrezipient während der Sichtung unterhalb der Bewusstseinsschwelle laufend Deutungen realisiert, die automatisiert ablaufen. Somit kann man versuchen, diese symbolischen Interpretationen den Schülerinnen und Schülern sichtbar zu machen und darüber hinaus ihnen vermitteln, dass dieses Verstehen nicht kontextlos geschieht. Mittels produktiver Aufgaben lässt sich zeigen, dass „symbolisches Verstehen nicht etwas ist, was nachträglich an den Film herangetragen wird, sondern von der Bewusstmachung ablaufender Prozesse ausgeht.“ Sind die Schülerinnen und Schüler sich darüber im Klaren, so wird es einfacher sein, dieses symbolische Verständnis auch auf die Literatur zu übertragen. Wesentlich bei der Arbeit mit Film im Literaturunterricht ist in jedem Fall, dass stets Bezüge zwischen den beiden Medien hergestellt werden.

3. Sachanalyse

a. Das weiße Rauschen

Der Film Das weiße Rauschen (2001) von Hans Weingartner handelt von Lukas, gespielt von Daniel Brühl, der wegen des Studiums nach Köln zieht. Er wohnt dort in der Wohngemeinschaft seiner Schwester und erfährt in dieser Zeit, ausgelöst durch die Einnahme von Drogen, erstmals psychotische Schübe, die im Laufe der Geschichte immer stärker werden. Der Film zeigt mittels verschiedenster filmischer Mittel das Leid eines jungen Mannes, der sich aufgrund seiner psychischen Störung nicht an die Gesellschaft anpassen kann und so nach vielen mühevollen Versuchen von ihr ausgegrenzt wird.

Zu Beginn des Films fährt Lukas mit der Bahn nach Köln, um sich dort in der Wohngemeinschaft seiner Schwester Kati und ihrem Mitbewohner Jochen einzurichten. In den ersten Szenen wird deutlich, wie Lukas sich um ein normales Studentenleben bemüht: Er will sich an der Universität immatrikulieren, besucht Nachtclubs und lernt ein Mädchen kennen, mit der er ins Kino gehen möchte. Doch die Bemühungen um die Immatrikulation sowie die um das Mädchen scheitern. Kati, Jochen und Lukas fahren am folgenden Tag mit dem Auto aufs Land und nehmen psychoaktive Pilze zu sich. Während Kati und Jochen ihren Trip genießen und Spaß haben, kommen bei Lukas erstmals paranoide Gedanken auf. Es wird gezeigt, wie Lukas sich einbildet, dass Kati und Jochen sich über ihn lustig machen und ihn beschimpfen. Diese Szene (0:27:11 - 0:30:37) ist insofern interessant, als verschiedenste filmästhetische Mittel dafür genutzt werden, um die aufkommende psychotische Störung Lukas‘ zu verdeutlichen. Gespielt wird mit einem Wechsel von der Innensicht Lukas‘ und einer neutralen Außensicht, der mithilfe von optischen Verzerrungen und Farbfilterwechsel realisiert wird. Doch nicht nur über den optischen Kanal werden Hinweise auf die Psychose deutlich, auch werden voice-over-Stimmen, wobei diese sogar Raumakustik annehmen7, genutzt, um die Verwirrung des Protagonisten darzustellen und die Stimmen seiner Einbildung und Gedanken preiszugeben.

[...]


1 Paefgen Elisabeth K.: Wahlverwandte: Filmische und literarische Erzählungen im Dialog. Berlin 2009, S. 7-8

2 Leubner, Martin / Saupe, Anja: Filme, Narrationen und Schule. Filmdidaktik als Teil einer medienintegrativen Erzähldidaktik. In: Jahrbuch Medien im Deutschunterricht 2005, S. 48

3 Spinner, Kaspar H.: Von der Filmerfahrung zur literarischen Textanalyse. In: H. Jonas/P. Josting (Hrsg.): Medien - Deutschunterricht - Ästhetik. München: kopaed 2004, S. 199

4 Paefgen, Elisabeth K.: Einführung in die Literaturdidaktik. Stuttgart 2006, S. 176-177

5 Husrt 1996, 97; Hervorh. E.K.P., vgl: Paefgen 2006, S. 178

6 Leubner/Saupe, S. 52

7 Unter Psychose leidenden Menschen berichten davon, dass die Stimmen, die sie hören tatsächlich nicht in ihren Gedanken zu hören sind, sondern Raumakustik annehmen. So ist auch das Verhalten Lukas‘ zu erklären, der versucht, die Stimmen zu orten und sie aufzunehmen.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Ein Unterrichtskonzept zu Film und Literatur im Deutschunterricht
Hochschule
Freie Universität Berlin
Note
1,3
Autor
Jahr
2010
Seiten
19
Katalognummer
V191873
ISBN (eBook)
9783656171058
ISBN (Buch)
9783656171393
Dateigröße
457 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sandmann, das weiße Rauschen
Arbeit zitieren
Julia Mülling (Autor), 2010, Ein Unterrichtskonzept zu Film und Literatur im Deutschunterricht, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/191873

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Ein Unterrichtskonzept zu Film und Literatur im Deutschunterricht


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden