Die Lehre vom Heiligen Geist

Fragestellungen aus theologiegeschichtlicher sowie heutiger Perspektiven


Hausarbeit, 2010

18 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Entwicklung der Lehre vom Heiligen Geist

2 Theologiegeschichtliche Fragestellungen
2.1 Geist und Trinität
2.2 Der Geist als Person
2.3 Einwohnung des Geistes und christliche Spiritualität
2.4 Sünde wider den Heiligen Geist
2.5 Verhältnis von Pneuma und Institution
2.6 Verhältnis von Geist und Politik

3 Heutige Fragestellungen
3.1 Der Geist als Gottes weibliche Dimension
3.2 Geist und Schöpfung
3.3 Beitrag charismatischer Bewegungen zum Verständnis des Geistes
3.4 Geist und Ökumene
3.5 Geist und Vollendung

4 Bedeutung des Geistes für das trinitarische Gottesverständnis

Literatur

1 Entwicklung der Lehre vom Heiligen Geist

Der Geist als von Gott an das Geschöpf geschenkte Kraft taucht in der Bibel von An- fang an und durchgängig auf. Bereits die jüdische Tradition kennt den Geist unter dem Titel der ruach Gottes (hebr. für Wind, Hauch, Atem, Geist). Die ruach nimmt teil an der Schöpfung und bildet das Vitalitätsprinzip der lebenden Geschöpfe. Das Erste

Testament berichtet von Prophetengruppen, die durch den Geist

”inVerzückunggera-

ten“ und in der Folge ekstatisch tanzen und wild schreien, aber auch von besonderen Geistgestalten wie dem Richter Simson, Saul und David oder Jesaja. Das Neue Testament führt die Lehre vom Geist fort: Johannes verkündet den, der mit dem Geist tauft; Jesus erscheint als der Geistträger schlechthin, insbesondere im Lukasevangelium. In ihm konzentrieren sich die Erfahrungen des Geistes für das Volk

Israel. Das Johannesevangelium stellt den Geist als den und Tröster-Geist dar.

”Parakleten“,denBeistand

Nach der Überzeugung der ersten Christen hat sich das Wirken des Geistes vom Volk Israel auf die gesamte Kirche ausgedehnt. In diesem Zuge wird die Ausbreitung des christlichen Glaubens und das Wachstum der Kirche nach Ostern als Wunder des Geis- tes betrachtet. Die Apostelgeschichte stellt das Wirken des Geistes als innig verwoben mit dem menschlichen Wirken dar. Besonders spektakulär erscheint in diesem Zusam- menhang der Pfingstbericht von der Ausgießung des Geistes auf die junge Kirche.

Bereits die Texte über die Charismen des [1]. Korinther- und des Römerbriefs deuten in die Richtung der Entstehung des trinitarischen Gottesbildes. Paulus macht dort deut- lich, dass die Charismen von Gott, dem Heiligen Israels, ausgehen, im Geist begründet

liegen und zu Jesus, dem Christus, hinführen.

”WasvomVater,vomSohnundvom

Geist her geschieht, lässt sich unmöglich voneinander trennen.“[1] Diese Aussagen weisen bereits direkt auf die trinitarische Gotteslehre hin.

In der weiteren Entwicklung wird die frühe Kirche von einer eher praktischen Pneuma- tologie geprägt, die ihren Ausdruck in der sakramentalen Praxis findet: Der Geist spielt eine besondere Rolle bei Taufe, Firmung und Eucharistie, indem er in der Epiklese her- abgerufen wird. Die bereits zu dieser Zeit verwendete trinitarische Taufformel nach Mt 28,19 leistet einen entscheidenden Beitrag um die Trinitätslehre Gestalt gewinnen zu lassen und wirkt sich auf die dogmatische Entwicklung der Pneumatologie aus.

Besonders großen Einfluss haben des Weiteren Athanasius von Alexandrien, der die

”DasWirkendesHeiligenGeistesinKircheundWelt“.Hg.v.Theologie

im Fernkurs, Würzburg [2007], [37]. Im Weiteren abgekürzt: LB[12]

Gottheit des Heiligen Geistes gegen die Pneumatomachen (=Geistbekämpfer) vertei- digt, und Basilius von Cäsarea, der betont, dass sowohl Vater, Sohn als auch Geist als göttliche Personen gemeinsam das Wesen Gottes verkörpern. Basilius von Cäsarea führte die heute bekannte Formulierung der Doxologie, des Lobpreises des dreifaltigen

Gottes, ein:

”EhreseidemVaterunddemSohnunddemHeiligenGeist.“Auchhier

zeigt sich, dass alle drei Genannten göttliche Personen sind, die auf der gleichen Stufe stehen und die gleiche Ehre innehaben (=Homotimie). Das Konzil von Konstantinopel bekräftigt diese Aussagen und legt das bis heute gültige Bekenntnis zum Heiligen Geist vor.

2 Theologiegeschichtliche Fragestellungen

2.1 Geist und Trinität

Die Frage nach dem Geist und der Trinität zieht sich, wie bereits beschrieben, durch die gesamte Geschichte der Kirche. In der Bibel werden für das Pneuma verschiedene

Titel wie

”GeistGottes“, ”GeistdesVaters“, ”GeistdesSohnes“oderauch ”GeistJesu

Christi“ verwendet. Geist ohne Gott und Jesus Christus ist also undenkbar. Bereits

der Kirchenvater Augustinus stellt heraus, dass der Geist als das

”Gemeinsamevon

Vater und Sohn“ betrachtet werden kann und muss. Der Geist ist nach seinem Wesen

Gabe und Liebe. Er ist die

”demVaterunddemSohngemeinsameWirklichkeit“2.Er

ist die Liebe, die Vater und Sohn zu einer Einheit verbindet, und deren Gemeinschaft. Demzufolge kann es laut Augustinus ohne den Geist keine Kommunikation zwischen Vater und Sohn geben und auch nicht deren Liebe zur Welt. Denn Vater, Sohn und

Geist bezeichnet Augustinus als

”einLiebender,einGeliebterunddieLiebeselbst“3.

Heutige Theologen wie B. Stubenrauch betonen den Begriff communio: Der Geist stellt nicht nur die Gemeinschaft zwischen Vater und Sohn her und ist diese selbst, son-

dern begründet auch die Gemeinschaft der Kirche. Er führt den Begriff der

”Subjekt-

Person“ ein, um deutlich zu machen, dass die ,Personen‘ in Gott sowohl durch ihr Sein als Individuum (

”Subjekt“)alsauchdurchihrVerhältniszuanderenIndividuen

(”Person“)bestimmtwerden.Vater,SohnundGeistsindinihrerSubjektivitätuner- setzbare Seinsausprägungen Gottes und dennoch nicht nur eine Einheit, sondern völlig

eins (

”Einsheit“),dasiealsPersonenvölligaufdieBeziehunguntereinanderausgerich- tet sind. Deswegen ist Gott in seiner Dreifaltigkeit eins und dennoch communio.[4]

Der Gedanke, dass der Geist die

”göttlicheSelbstweggabe“,das ”WirGottesinPer-

son“[5] ist, zeigt besonders, dass der Geist reine Gabe ist. Gegenüber Vater und Sohn, die in ihrer Hingabe füreinander zugleich Geber und Gabe sind, ist der Geist Gabe als Subjekt und Person. Er ist die Hingabe von Vater und Sohn füreinander und zugleich auch an die Welt. Im Geist verschenkt sich Gott an die Welt. Damit wird er auch

zum

”WirderGott-Mensch-Gemeinschaft“6,

zum

”WirderKirche“,dasdieEinheit

herstellt.

In diesem Sinn wird der Heilige Geist als Bindeglied zwischen Welt und Gott, Zeit und Ewigkeit betrachtet. Deswegen ist der Geist Selbstmitteilung Gottes und erschließt dem Menschen Gott, aber er enthüllt die Trinität Gottes nicht vollständig, sondern belässt die Dreifaltigkeit als bleibendes Geheimnis.

2.2 Der Geist als Person

Wie bereits Abs. 1 deutlich macht, wurde der Geist im Ersten Testament bis teilweise hinein in neutestamentliche Texte als nur schwach umrissene göttliche Kraft erfahren anstatt als Person. Diese Aussagen kommen wohl manchem heutigen Menschen ent- gegen, der sich leichter auf eine göttliche Kraft als auf eine göttliche Person einlassen

kann. Sie beschreiben den Geist als Schöpfungskraft,

”Windhauch“, ”Feuer“,alseine

Kraft, die es vermag zu ordnen, das menschliche Herz zu durchforschen und Hoffnung und Glauben zu wecken.

An diesen Stellen tritt die Personalität des Geistes zugunsten von Funktionen in den Hintergrund. Dies wurde als Kenosis, also Selbsterniedrigung des Geistes bezeichnet.[7] Der Geist lässt sich verzwecken und in selbstvergessener Proexistenz als Sache (

”es“)in

Dienst nehmen. Er verzichtet auf eine personale Äußerung um zum sachlichen Mittel für den Aufbau des Reiches Gottes zu werden.

Dennoch kennen Schrift und Tradition den Geist auch als Person. Er wird als

”Herr“

und

”Beistand“bezeichnet,derredet,tröstet,lehrt,begleitetundzumVaterführt.

Besonders im Johannesevangelium wird am Paraklet-Geist die Personalität deutlich ([LB [12] ], [57] ). Ein wichtiges Argument besteht darin, dass der Geist ein Wesen ist, zu

dem der Mensch

”Du“sagenundzudemerbetenkann,wiedieTraditionbezeugt.

In dieser Weise spricht die Formel des Ersten Konzils von Konstantinopel dem Geist Personalität zu.

G. Ebeling weist darauf hin, dass die Personalität des Geistes mit der Personalität

des Menschen korrespondiert:

”DerHeiligeGeistwirdnichtDingenzuteil,sonderndem

Menschen.“[8] Der Geist bezieht sich auf die Subjektivität des Menschen, denn er verleiht die Fähigkeit, Individualität zu verwirklichen und um sich selbst zu wissen. Dadurch wird es dem Menschen möglich Gott zu erfahren. Diese Gottebenbildlichkeit kann als Selbstmitteilung Gottes bezeichnet werden. Eine weitere Facette der Selbstmitteilung besteht darin, dass der Geist sich auf die Personalität des Menschen bezieht, indem er im Menschen als beziehungsstiftende Gabe wirkt (siehe 2.1). Augustinus bezeichnet

den Geist in dieser beziehungsstiftenden Funktion als vinculum amoris, als

”Bandder

Liebe“. Folglich muss der Geist selbst Person sein, um sich derart auf die Personalität des Menschen zu beziehen.[9]

2.3 Einwohnung des Geistes und christliche Spiritualität

Wie bereits Abs. 2.2 beschreibt, ist der erste Adressat des Heiligen Geistes der in der Taufe begnadete Mensch als Individuum.[10] Diese Tatsache wird im NT mehrfach bezeugt (z.B. Röm 5,5; Gal 4,6). Paulus weist auf die Wirkungen des Heiligen Geistes hin: Durch den Geist werden aus Sklaven Söhne und Töchter Gottes (Gal 4,7), durch ihn werden die Gläubigen zum Tempel Gottes (1 Kor 3,16f).

Doch mit Y. Congar stellt sich die Frage:

”WohntderGeistpersönlichinuns?“1[1] Die-

se Frage muss verneint werden, denn die Einwohnung kann nicht von Vater und Sohn unabhängig geschehen, sondern ist ein gemeinsames Werk der drei göttlichen Perso- nen, bei dem zusammen mit dem Geist auch Vater und Sohn zum Menschen kommen.

Dem Geist wird die Einwohnung nur zugeeignet, was mit dem Begriff

”Appropriati-

on“ beschrieben wird. Das bedeutet, dass dem Geist die Tätigkeit der Einwohnung

zugesprochen wird, weil sie seiner persönlichen Eigenart besonders entspricht.

[...]


[1] Grundkurs Lehrbrief 12

[2] Aurelius Augustinus, Über die Dreieinigkeit VI 5, 7 In: Bibliothek der Kirchenväter (2) XIII, II Bd. (Buch I-VII), München (Kösel/Pustet) 1935, 308

[3] A. Augustinus, Über die Dreieinigkeit VIII 10, 14 In: Bibliothek der Kirchenväter (2) XIV, 41

[4] Vgl. Bertram Stubenrauch, Pneumatologie - Die Lehre vom Heiligen Geist. In: Wolfgang Beinert (Hg.), Glaubenszugänge. Lehrbuch der katholischen Dogmatik. Band 3, Paderborn (Schöningh) 1995, 123

[5] Nach H. Mühlen, Soziale Geisterfahrung als Antwort auf eine einseitige Gotteslehre: Erfahrung und Theologie des Heiligen Geistes. In: Claus Heitmann, Heribert Mühlen (Hg.), Erfahrung und Theologie des Heiligen Geistes. Hamburg/München (Kösel) 1982, 254f.

[6] Bertram Stubenrauch, Pneumatologie - Die Lehre vom Heiligen Geist, 126

[7] Nach Vladimir Lossky und Paul Evdokimov. Vgl. Yves Congar, Der Heilige Geist. Freiburg (Herder) 1982, 328

[8] Gerhard Ebeling, Dogmatik des christlichen Glaubens III. Tübingen (Mohr)31993, 111

[9] Vgl. Bertram Stubenrauch, Pneumatologie - Die Lehre vom Heiligen Geist. In: Wolfgang Beinert (Hg.), Glaubenszugänge. Lehrbuch der katholischen Dogmatik. Band 3, Paderborn (Schöningh) 1995, 128f.

[10] Ebd. 146

[11] Yves Congar, Der Heilige Geist. Freiburg (Herder) 1982, 230

[12] Vgl. Christian Schütz, Praktisches Lexikon der Spiritualität. Freiburg (Herder) 1992, 1171

[13] Zitiert nach Bertram Stubenrauch, Pneumatologie - Die Lehre vom Heiligen Geist. In: Wolf- gang Beinert (Hg.), Glaubenszugänge. Lehrbuch der katholischen Dogmatik. Band 3, Paderborn (Schöningh) 1995, 146

[14] Vgl. Ebd. 147

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Die Lehre vom Heiligen Geist
Untertitel
Fragestellungen aus theologiegeschichtlicher sowie heutiger Perspektiven
Hochschule
Katholische Akademie Domschule Würzburg
Veranstaltung
Grundkurs Theologie
Note
1,3
Autor
Jahr
2010
Seiten
18
Katalognummer
V191933
ISBN (eBook)
9783656172048
ISBN (Buch)
9783656172062
Dateigröße
670 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Abschlussarbeit des "Grundkurses Theologie"
Schlagworte
Heiliger Geist, Trinität, Theologie, Systematische Theologie
Arbeit zitieren
Katrin von Otte (Autor), 2010, Die Lehre vom Heiligen Geist, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/191933

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