Als der griechische Held Jason mit seinen Gefährten, den Argonauten, in Kolchis eintrifft, entbrennt die zauberkundige Königstochter Medea in Liebe zu ihm. Mit ihrer Hilfe gelingt es den Griechen, das Goldene Vlies an sich zu nehmen und vor den Kolchern zu fliehen. Da Medea ihr Vaterland aus Liebe zu Jason betrogen hat, begleitet sie die Griechen auf ihrer Flucht. König Aietes lässt seine Tochter und die Argonauten durch ein Heer unter der Führung seines Sohnes Apsyrtos verfolgen, doch können die Griechen erneut mit Medeas Hilfe entkommen. Nachdem die Argonauten nach Iolkos zurückgekehrt sind, rächt Medea Jason an seinem Onkel König Pelias, der seinen Neffen auf die gefährliche Reise ins Kolcherland geschickt hatte, um ihm nicht die Herrschaft überlassen zu müssen. Wiederum fliehen die beiden, um der Vergeltung von Pelias' Verwandten für seine Ermordung zu entgehen, und suchen bei König Kreon in Korinth Schutz. Um sich und seinen beiden Kindern aus der Ehe mit Medea endlich eine dauerhafte Bleibe zu verschaffen, will sich Jason mit Kreons Tochter Kreusa vermählen. Medea aber soll verstoßen werden.
An diesem Punkt des griechischen Mythos setzt Senecas Tragödie Medea ein. Medea ist außer sich vor Wut und will sich an dem untreuen Gatten rächen. Von König Kreon, der sie sofort außer Landes weisen will, erwirkt sie einen Tag Aufschub, um angeblich ihre Kinder zu verabschieden. Medea aber – scheinbar versöhnt – lässt der jungen Braut ein vergiftetes Gewand überreichen. Als Kreusa dieses anlegt, geht ihr Körper in Flammen auf. Ihr Vater Kreon, der ihr zu Hilfe eilt, verbrennt ebenfalls. Der fünfte Akt von Senecas Tragödie beginnt mit dem Auftritt eines Boten, der vom Tod des Königs und seiner Tochter berichtet. Medea genügt diese Rache aber noch nicht, denn sie will Jason völlig am Boden sehen. Um dies zu erreichen, bringt sie ihre eigenen Kinder um und wirft ihre Leichen dem Vater vor die Füße.
Obwohl der Kindermord den Höhepunkt von Senecas Tragödie darstellt, steht er an sich nicht im Zentrum des Stückes, sondern die sich steigernde Handlung bis zum Mord.
Die Tragödie ist von Medeas Gefühlen geprägt, die sich im Laufe der fünf Akte so sehr in Rachegedanken steigern, dass sie schließlich den Kindermord als einzigen Ausweg sieht. Die Frage, ob sie die Tat in vollem Bewusstsein als „Rachedämonin“ ausführt oder aber der Wahnsinn sich ihrer bemächtigt hat, bewegt die Forschung und hat viele kontroverse Meinungen hervorgebracht.
Inhaltsverzeichnis
I Einleitung
II Inhaltsangabe des fünften Aktes
III Hintergrundinformationen zum fünften Akt
IV Die Steigerung des furor im Verlauf der Tragödie
V Analyse des fünften Aktes
V.1 Medeas Monolog (3. Szene; V. 893-977)
V. 893-915: Medeas bewusste Aufreizung der ira
V. 916-925: Aussprache des Kindermords
V. 926-944: Kampf der Gefühle
V. 945-957: Der Sieg des Zorns
V. 958-968: Medeas entscheidende Vision der Furien und ihres toten Bruders
V. 969-977: Die Tötung des ersten Kindes und die Vorbereitung des zweiten Mordes
V.2 Jason und Medea und die Tötung des zweiten Kindes
VI Fazit: unkontrollierbarer Wahnsinn oder volles Bewusstsein
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Handeln der Medea in Senecas gleichnamiger Tragödie mit Fokus auf den fünften Akt, um zu klären, ob der Kindermord als unkontrollierbarer Wahnsinn oder als bewusste, zielgerichtete Rachetat zu bewerten ist.
- Die Analyse der psychologischen Verfassung Medeas anhand des Begriffs "furor".
- Die Untersuchung der Rolle von ira (Zorn) und pietas (Gefühle) in Medeas Entscheidungsprozess.
- Die Bedeutung des fünften Aktes als Kulmination der Rachehandlung.
- Die Interpretation der visionären Momente (Furien, Geist des Apsyrtos).
- Der Vergleich zwischen den unterschiedlichen Phasen von Medeas Entwicklung.
Auszug aus dem Buch
V. 916-925: Aussprache des Kindermords
Nachdem Medea sich nun ihren Zorn gereizt hat, konkretisiert sich ihr Plan. Hatte sie zunächst den dolor als sie leitendes Gefühl für ihre Rache angesprochen „quaere materiam, dolor“ (V. 914), so fragt sie nun wieder ihre ira, wie sie zuschlagen soll (V. 916f). Hass deutet dies so, dass der Schmerz Medea zwar mit Energie erfüllt, er aber als „weitgehend passives Moment“ nicht wie die ira die „ausschlaggebende Aktivität“ hervorbringen kann und daher auf den Zorn angewiesen ist, wenn er denn handeln wolle. Medea also wendet sich in Vers 916 an die ira und fragt, wie sie nun vorgehen solle.
Daraufhin kommt ihr in den Sinn, worauf ihre Rache hinauslaufen wird, doch auch wenn ihr Herz die Tat bereits beschlossen hat, wagt sie es nicht, sich den Gedanken einzugestehen (V. 917ff). Zwar klang bisher bereits unterschwellig der Kindermord an, dennoch scheint Medea es selbst noch immer nicht begriffen zu haben. Fyfe ist der Meinung, dass die wirkliche Idee zum Kindermord sich für Medea wie eine Überraschung offenbart, was anhand der wiederholten Fragen und der abgebrochenen Sätze deutlich wird, die Medeas Gefühle widerspiegeln.
Zwar ist Medea zur Rache schon lange bereit, doch die genaue Ausführung war ihr bisher nicht bewusst gewesen. Nun scheint sie sich aber an Jasons Liebe zu seinen Kindern zu erinnern und erkennt, wie sie ihn zugrunde richten kann. Doch bevor sie klar und deutlich den Kindermord als ihren letzten Racheakt an ihren Gatten ausspricht, werfen Reuegedanken sie zurück. Sie wirft sich vor, voreilig gehandelt zu haben, indem sie Kreusa umgebracht hat und diese somit Jason keine Kinder mehr schenken kann, die Medea für ihre Rache töten hätte können (V. 919ff). Stattdessen werden nun ihre eigenen Kinder zu Opfern ihres Vergeltungsschlages.
Zusammenfassung der Kapitel
I Einleitung: Vorstellung des mythischen Hintergrunds und der zentralen Forschungsfrage zur Bewusstheit von Medeas Rachetat.
II Inhaltsangabe des fünften Aktes: Überblick über die zentralen Handlungsschritte des fünften Aktes, vom Botenbericht bis zur Flucht Medeas.
III Hintergrundinformationen zum fünften Akt: Erläuterungen zur strukturellen Aufteilung der Schlussszene (Exodus) und zur szenischen Umsetzung.
IV Die Steigerung des furor im Verlauf der Tragödie: Analyse des furor-Begriffs als Leitmotiv, das Medea bei der Ausführung ihrer Rache antreibt.
V Analyse des fünften Aktes: Detaillierte Untersuchung der Verse 893-977 und der nachfolgenden Begegnung mit Jason, inklusive der Interpretation visionärer Elemente.
VI Fazit: unkontrollierbarer Wahnsinn oder volles Bewusstsein: Zusammenfassende Beantwortung der Ausgangsfrage, wobei der Kindermord als bewusste Tat der Rachedämonin eingestuft wird.
Schlüsselwörter
Medea, Seneca, Rache, Kindermord, furor, ira, Tragödie, antikes Drama, Wahnsinn, Bewusstsein, Apsyrtos, Jason, Rachedämonin, Sühne, antike Mythologie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit?
Die Arbeit analysiert den fünften Akt der Tragödie "Medea" von Seneca unter besonderer Berücksichtigung der psychologischen Motivation der Protagonistin.
Welches sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind das Verhältnis von Zorn (ira) und Wahnsinn (furor), die psychologische Entwicklung von Medea und die moralische Bewertung ihres Racheakts.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die Arbeit geht der Frage nach, ob der von Medea begangene Kindermord als Ausdruck eines unkontrollierten Wahnsinns oder als eine in vollem Bewusstsein geplante Rachehandlung zu verstehen ist.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Textanalyse, die auf den Versen der Tragödie sowie auf einschlägiger Forschungsliteratur basiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden die Inhaltsangabe, der Begriff des furor, eine detaillierte Versanalyse des fünften Aktes sowie die verschiedenen Deutungsmöglichkeiten der Visionen von Medea diskutiert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Rache, furor, Kindermord, Bewusstsein und Rachedämonin charakterisiert.
Wie spielt die Vision der Furien für Medeas Handeln eine Rolle?
Die Vision der Furien wird als ein nach außen gekehrtes Zeichen von Medeas innerem Zustand gedeutet, das ihre Entschlossenheit zur Durchführung des Kindermordes unterstreicht.
Warum spielt das Sühnemotiv eine wichtige Rolle für den Kindermord?
Das Sühnemotiv erklärt Medeas Handeln als Versuch, frühere Verbrechen (wie den Mord an Apsyrtos) zu rechtfertigen, indem sie die Kinder als Sühneopfer für ihren Bruder und zur Bestrafung Jasons einsetzt.
- Quote paper
- Elisabeth Yorck (Author), 2010, Der fünfte Akt von Senecas Tragödie „Medea“: Medeas Kindermord - unkontrollierter Wahnsinn oder bewusste Rache?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/192041