Psychologische Therapie bei Rückenschmerz

Der Kognitive Verhaltensansatz


Hausarbeit (Hauptseminar), 2009
26 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Terminologie
2.1 Psychologische Therapie
2.2 Was bedeutet Schmerz?

3 Die Medizin auf dem Prüfstand
3.1 Vorstellungen des Arztes
3.2 Vorstellungen des Patienten
3.3 Schlussfolgerungen

4 Grundideen der kognitiven Verhaltenstherapie
4.1 Mehrdimensionalität
4.1.1 Physiologisch-somatische Komponente
4.1.2 Psychologische Komponente
4.1.3 Behaviorale Komponente
4.1.4 Soziale Komponente
4.2 Selbstkontrollüberzeugung
4.3 Mobilitätsförderung

5 Praktische Umsetzung des kognitiven Verhaltensansatzes
5.1 Diagnostische Phase
5.2 Aufbau eines neuen kognitiven Modells
5.3 Aneignung von Bewältigungsfertigkeiten
5.3.1 Entspannungstraining
5.3.2 Vermittlung von kognitiv-behavioralen Bewältigungsstrategien
5.3.3 Medikamentenreduktion
5.3.4 Aktivitätsmodifikation
5.3.5 Integration von Bezugspersonen
5.4 Anwendung und Transfer
5.5 Aufrechterhaltung und Rückfallprävention

6 Fazit

7 Zusammenfassung

8 Literatur
Abbildungsverzeichnis

1 Einleitung

Wenn in früherer Zeit der Ausdruck Epidemie gebraucht wurde, verbargen sich dahinter Erkrankungen wie Cholera oder die Pest. Krankheiten, welche heute keine bedeutende Prävalenz mehr besitzen, aber durch ein anderes Phänomen ersetzt wurden.

Der Rückenschmerz, besonders in seiner chronischen Ausformung, ist zu einem ausufernden, sozioökonomischen Problem der hoch entwickelten Nationen geworden (vgl. Göbel, 2001, S. 93). Grönemeyer (2006, S. 15) zeigt einige wichtige Fakten auf, welche die Brisanz der Situation verdeutlichen:

- 71,5 Millionen Arbeitstage fallen wegen Rückenschmerzen jährlich in Deutschland aus
- 35 Prozent der jüngeren Bevölkerung haben vorgefallene oder degenerierte Bandscheiben
- In Deutschland werden jährlich 60.000 Bandscheiben operiert

Rückenleiden bedeuten folglich nicht nur für das Individuum eine Bedrohung, sondern fordern explizit das Gesundheitssystem und seine Partner heraus. Sowohl Ärzte, Therapeuten und medizinisches Personal, als auch die Kostenträger stehen den wachsenden Inzidenzraten bisher nahezu machtlos gegenüber. Treffend äußert sich Waddell (zitiert nach Grönemeyer, 2006, S. 19), dass „[…] Rückenschmerzen die medizinische Niederlage des 20. Jahrhunderts seien“.

Eine Ursache jener unbefriedigenden Lage kann in einem vorherrschenden, kausalen Denkmodell gesehen werden. Der Glaube eines „[…] linearen Zusammenhanges zwischen körperlicher Schädigung und empfundenem Schmerz bzw. einhergehender Funktionseinschränkung […]“ (Kröner-Herwig, 1999, S. 68) ist weitestgehend in den Köpfen aller Beteiligten verankert.

Ziel der vorliegenden Arbeit soll es sein, das gerade erwähnte, medizinisch geprägte Modell zu hinterfragen, um im Anschluss die Partizipationsmöglichkeiten eines kognitiv-behavioralen Ansatzes zu beleuchten. Hypothetisch lässt sich fixieren, dass der „mehrdimensional“ (Kröner-Herwig, 1999, S. 68) ausgerichtete Ansatz das Problem Rückenschmerz wirkungsvoller behandeln kann, als dies herkömmliche Methoden vermögen. Ob es sogar möglich ist, mithilfe kognitiv-verhaltenstherapeutischer Maßnahmen eine vollständige Remission zu erwirken, soll im Laufe der Arbeit erörtert werden.

Die Generierung von Erkenntnissen der folgenden hermeneutisch ausgerichteten Literaturarbeit wird vor allem durch die Literatur von Flor und Turk mit dem Namen „Der kognitiv-verhaltenstherapeutische Ansatz und seine Anwendung“ (1999) sowie mithilfe des Artikels von Kröner-Herwig „Die Behandlung chronischer Schmerzsyndrome: Plädoyer für einen integrativen Therapieabsatz“ (1999) unterstützt. Da sich die Explikationen in Teilen mit psychologischen Sachgegenständen auseinandersetzen, werden auch Werke jener Fachdisziplin integriert.

Um ein Verstehensverhältnis aufzubauen, werden sich die Ausführungen beginnend mit der Definition relevanter Termini beschäftigen, so dass es im Anschluss möglich sein wird, speziell auf die Spezifika des Verhaltensansatzes einzugehen. Es kann jedoch nicht davon ausgegangen werden, dass es der Arbeit gelingen wird, jegliche Aspekte verhaltenstherapeutischer Interventionen detailgetreu zu projizieren. Ausgeklammert bleiben Fragen, die konkrete Indikationen, einzelne Subgruppen oder kumulative Beschwerden betreffen. Weiterhin beschränkt sich der Fokus vorliegender Betrachtung beinahe ausschließlich auf chronische Rückenschmerzen, da hier psychologische Faktoren eine große Rolle spielen und eine adäquate Operationalisierung, die rein biologisch ansetzt, sehr verkürzt ist (vgl. Lethem et al., 1983, S. 401). Der darstellende Hauptteil ist insbesondere den Potenzialen einer multidimensionalen Therapieausrichtung gewidmet, welche dem Interventionsnotstand bei chronifizierten Rückenleiden aufheben soll.

2 Terminologie

Unabdingbare Voraussetzung für das Verständnis folgender Kapitel ist die Begriffsbestimmung zweier wesentlicher Termini.

2.1 Psychologische Therapie

Unter Psychologie ist allgemein die „Wissenschaft von der Seele“ (Fremdwörter, 2004, S. 347) zu verstehen. Zimbardo präzisiert jene Fachdisziplin noch einmal dahingehend, dass er feststellt, dass die gegenwärtige Psychologie „[…] sowohl die Struktur als auch die Funktion des Verhaltens untersucht“ (2004, S. 123). Die Verschmelzung beider Bestimmungen lässt erkennen um welches Konstrukt es sich handelt, wenn in der folgenden Lektüre die Rede von psychologischer Therapie sein wird. Heilverfahren, die sich durch psychologische Interventionen auszeichnen, sind so geartet, dass sie intangible Parameter zur Beschwerdeerklärung und Morbiditätsbewältigung heranziehen. Die Schilderung bzw. Observation von Verhaltensweisen dient in diesem Kontext als Spiegelbild interner, kognitiver und emotionaler Prozesse, deren Umstrukturierung angestrebt werden soll.

2.2 Was bedeutet Schmerz?

Schmerz ist ein Erlebnis, welches jedem Menschen bekannt ist, aber dennoch wird es interindividuell unterschiedlich empfunden. Hänsel beschreibt Schmerz „[…] als unangenehmes Sinnes- und Gefühlserlebnis […], das mit einer aktuellen oder potenziellen Gewebeschädigung einhergeht oder als solche beschrieben wird“ (1999, S. 36). Schlussfolgernd ist davon auszugehen, dass somatische und nonsomatische Faktoren Schmerz bedingen, verstärken oder auslösen. „It is now generally agreed that pain perception involves two basic components: a sensory component […] and an emotional reaction component” (Lethem et al., 1983, S. 402). Jene Schmerzvorstellung wird von Hänsel (1999, S. 37) noch einmal in sechs Komponenten differenziert:

- Sensorische Komponente beschreibt Intensität, Lokalisation und Qualität
- Vegetative Komponente beschreibt autonome Schmerzreaktionen
- Affektive Komponente beschreibt emotionale Schmerzbedeutung
- Motorische Komponente beschreibt unwillkürliche motorische Reaktionen
- Kognitive Komponente beschreibt Schmerzbewertung
- Psychomotorische Komponente beschreibt Ergebnis vorheriger Komponenten

In Anlehnung an die geschilderten Faktoren ist die Notwendigkeit einer psychologisch geprägten Schmerztherapie erkennbar.

Chronische Rückenschmerzen, die wie anfangs dokumentiert das Hauptuntersuchungsfeld gegenwärtiger Arbeit sein sollen, sind Schmerzepisoden, welche sich durch ihre Dauerhaftigkeit auszeichnen und häufig eine spezifische Ursache vermissen lassen. Göbel (2001, S. 94) verweist darauf, dass die Chronizität nach sieben bis zwölf Wochen Rückenleiden als gesichert gelten kann.

3 Die Medizin auf dem Prüfstand

Der Rückenschmerz und seine psychologischen Hintergründe gelten auch in einer Zeit fortschreitender wissenschaftlicher Evidenz als marginaler Ausgangspunkt medizinischer Interventionen. Der Patient, welcher derzeitig weitaus häufiger den Arzt aufgrund von Rückenleiden konsultiert, als noch vor einigen Jahrzehnten, kann in über 90 Prozent der Fälle nicht mit einer reliablen Diagnose rechnen (vgl. Grönemeyer, 2006, S. 14). Aus jener unklaren oder schlimmstenfalls defizitären Indikationsaussage ist es nachfolgend nur schwer erdenklich eine effiziente Behandlungsstrategie zu eruieren. Dass sich ein betreffender Patient in naher Zukunft wieder in der Arztpraxis befindet und über zumindest gleichbleibende Beschwerden klagt, kann als sicher betrachtet werden. Obliegenheit der folgenden zwei Kapitel soll es sein spezifische Ursachen, die relevante Diagnosen und Behandlungsmethoden des Rückenleidens verhindern, zu extrahieren.

3.1 Vorstellungen des Arztes

Dem Arzt als ersten Intervenierenden bei Rückenbeschwerden kommt eine hohe Verantwortung in Bezug auf die weitere Pathogenese zu. Er wird zunächst bestrebt sein, die Triebfeder der geschilderten Probleme anhand organischer Parameter zu fixieren. Seine Ursachenattribuierung wendet sich dabei in den meisten Fällen in Richtung einer Wirbelsäulendegeneration zu. In diesem Nexus werden radiologische Befunde häufig in kausaler Verbindung zu den auftretenden Schmerzen angenommen (vgl. Göbel, 2001, S. 95). Die biomedizinische Betrachtungsweise, welche sich durch eindimensionale Schmerzzuordnung auszeichnet, kann jedoch nicht generalisiert auf sämtliche Beschwerden angewendet werden.

Da es dem Arzt nur in seltensten Fällen möglich ist eine konkrete Wurzel des Schmerzes ausfindig zu machen, besteht seine primäre Intention in der Reduktion des Leids. Hierbei stehen ihm persönliche Erfahrungswerte zur Verfügung, die oftmals eine Medikation begründen. Die Kombination aus empirischem Halbwissen und Hilflosigkeit hat zur Folge, dass die notwendige Ursachenforschung durch schmerzmittelbedingte Ruhigstellung unterdrückt wird. Eine multifaktorielle biopsychosoziale Betrachtungsweise ist weder bekannt, noch wird sie in die Ätiologie mit einbezogen (vgl. Göbel, 2001, S. 95). Die weitgehend partielle Hinwendung zu rein organischen Ursachen des Rückenschmerzes verleitet den Medizinprofessor Dietrich Grönemeyer (2006) zu folgendem Urteil: „Die [...] Medizin hat sich viel zu sehr vom Menschen isoliert und zu sehr den Blick auf die messbaren Details des Körpers gerichtet“ (S. 10).

3.2 Vorstellungen des Patienten

Ähnlich wie der behandelnde Arzt, attribuiert der Patient seine Beschwerden mit einem „unimodalen Schmerzmodell“ (Kröner-Herwig, 1999, S. 570). Seiner Ansicht nach müssen die Schmerzen eine anatomische Ursache haben, die der Kliniker zu finden hat. Oberstes Prämisse dieser Modellvorstellung ist die Remission der Schmerzen, welche anhand von invasiven Eingriffen oder starken Medikationen erreicht werden soll. Es ist nachvollziehbar, dass die eigentliche Schmerzursache durch ein solches Vorgehen nicht offengelegt werden kann.

Eine zweite problematische Kausalattribuierung ist, dass weitgehende Immobilisation den Schmerzepisoden entgegenwirkt. Die Ruhigstellung, welche in den ersten Tagen Besserung verspricht, wird als generelle und langfristige Genesungsstrategie der Leidenden angewandt (vgl. Philips, 1987, S. 273).

[...]

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Psychologische Therapie bei Rückenschmerz
Untertitel
Der Kognitive Verhaltensansatz
Hochschule
Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg  (Institut für Sportwissenschaft)
Veranstaltung
Rückengesundheit
Note
1,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
26
Katalognummer
V192082
ISBN (eBook)
9783656169321
ISBN (Buch)
9783656169307
Dateigröße
549 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Rückenschmerz, Therapie, Kognition
Arbeit zitieren
Master of Arts André Matthias Müller (Autor), 2009, Psychologische Therapie bei Rückenschmerz, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/192082

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