Erst das Fressen, dann die Moral?

Eine Auseinandersetzung mit der Tierethik Peter Singers und Helmut F. Kaplans


Bachelorarbeit, 2012

47 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Was ist Tierethik; was sind Tierrechte?

3. Fleischkonsum und Massentierhaltung
3.1 Geschichte und Entwicklung
3.2 Konsequenzen und Risiken
3.2.1 Die Tiere
3.2.2 Ökologie
3.2.3 Der Mensch: Gesellschaft und Individuum

4. Der Vegetarismus
4.1 Begriffsbestimmung
4.2 Geschichte

5. Die Argumente Peter Singers
5.1 Animal Liberation : Speziesismus und das Gleichheitsprinzip
5.2 Praktische Ethik : der Singersche Präferenz-Utilitarismus
5.3 Singers Personenbegriff oder Darf man Tiere töten?
5.4 Praktische Konsequenzen des Gleichheitsprinzips
5.5 Kritik an Singer

6. Die Argumente Helmut F. Kaplans
6.1 Reaktion auf Singer: Gleichheitsprinzip und Utilitarismus
6.2 Empathie und Moral
6.3 Die Mensch-Tier-Beziehung
6.4 Die ethische Weltformel

7. Bewertung der Argumente Singers und Kaplans

8. Zukunftsaussichten

Literaturliste

Abstract

1. Einleitung

Wir leben in einer Welt, in der die tägliche Nahrungsaufnahme so selbstverständlich (und notwendig) ist wie das Schlafbedürfnis und der unterbewusste Drang zur Respiration. Doch während wir uns zumindest bei Letztgenanntem alle gleichen, könnten die Gewohnheiten des Menschen, was seine Ernährung betrifft, kaum unterschiedlicher sein. Kultur, Tradition und Erziehung spielen hierbei eine entscheidende Rolle - während es sich in den Industrienationen Europas, Amerikas und Ozeaniens heutzutage vor allem um Geschmack und Abwechslung dreht, kämpfen Menschen in vielen Entwicklungsländern Afrikas und Asiens auch noch im vermeintlich so fortgeschrittenen 21. Jahrhundert tagtäglich mit dem Hungertod[1].

Bei der Ernährung der Welt wie des Individuums gilt es konsequenterweise, einen weiteren, bisher noch immer oft vernachlässigten, aber stets bedeutender werdenden Aspekt, mit einzubeziehen: die Ethik des Essens - oder, mit den Worten Bertolt Brechts: das Fressen und die Moral. Anders als in Brechts Werk Die heilige Johanna der Schlachthöfe (1931) beschränkt sich diese Arbeit allerdings nicht auf das Dasein der Menschen, sondern handelt explizit von den Insassen besagter Schlachthöfe und Tierfabriken der Moderne. Es geht um die Frage, ob es grundsätzlich zu rechtfertigen ist, wie der Mensch seine Mitlebewesen - nicht-menschliche Tiere nämlich - behandelt und diese systematisch für eine Nahrungsmittelproduktion in nie vorher da gewesener Intensität und Quantität nutzt. Am offensichtlichsten wird dies durch die Umstände des im 20. Jahrhundert herangereiften Systems der modernen Massentierhaltung , welche in regelmäßigen Abständen durch Skandale verschiedener Art an die Öffentlichkeit gelangen. Im Januar 2012 etwa wurden bei Stichproben von Hühnerfleisch in fünf großen deutschen Supermarktketten „Antibiotika-resistente Keime [entdeckt], die für Menschen schädlich sein können“[2]. Als Konsequenz forderte der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) die Fleischlieferanten auf, „dass diese umgehend zu Tierhaltungsformen ohne Antibiotika-Missbrauch wechseln“[3].

Doch handelt es sich hierbei nur um die so genannte Spitze des Eisberges; die Probleme beginnen nicht erst bei den gesundheitlichen Folgen für den Konsumenten, sondern bereits bei der Haltung der Tiere und gehen schließlich noch weit darüber hinaus: betroffen ist die Umwelt unseres Planeten als Ganzes. Im Folgenden werden nun die Begriffe Tierethik und Tierrechte näher erläutert (2. Kapitel), bevor auf den Fleischkonsum im Allgemeinen und (aus Gründen der Kürze und Übersichtlichkeit) auf die Massentierhaltung im Speziellen eingegangen wird (3. Kapitel). Hierbei werden zudem deren geschichtliche Entwicklung sowie Folgen und Risiken aufgezeigt: für die Tiere, die Ökologie und den Menschen. Als möglicherweise einzig konsequente Problemlösung werden im Anschluss die vegetarische Lebensweise und deren Geschichte vorgestellt (4. Kapitel) - allerdings stellt sich die Frage, wie der Vegetarismus eigentlich philosophisch zu begründen sei.

Der Fokus dieser Arbeit liegt auf den Theorien des australischen Philosophen und Autors Peter Singer (Kapitel 5) sowie seines österreichischen Kollegen Helmut F. Kaplan (Kapitel 6) - beides bekennende Vegetarier -, die nacheinander untersucht, bewertet und zueinander in den Zusammenhang gestellt werden (Kapitel 7). Singer und Kaplan sind dabei nicht nur Repräsentanten des angloamerikanischen bzw. deutschen Sprachraums, sondern wurden ausgewählt, weil ihre Anschauungen zur Tierethik zugleich aufeinander aufbauen und doch entscheidend differieren. So bezieht sich Kaplan zwar stark auf einen Aspekt von Singers Betrachtungen zur Tierethik, widerspricht aber einem anderen und setzt sich generell für eine umfassende Vereinfachung ein, was schließlich zum Entwurf der so genannten Ethischen Weltformel führt.

Abschließend wird knapp eine Zukunftsaussicht für die Tierrechtsbewegung und den Vegetarismus sowie zugleich eine weitere philosophische Alternative formuliert (Kapitel 8), die zwar an Singer anschließt, sich aber zugleich deutlich von einem seiner Hauptargumente distanziert: Richard Ryders Theorie des Painism (bzw. Painismus ). Ryders Überlegungen wären ohne Singers Einfluss kaum denkbar und könnten sich - möglicherweise in Kombination mit Kaplans einfacher Ethik - als zukunftsweisend für das 21. Jahrhundert herausstellen.

2. Was ist Tierethik; was sind Tierrechte?

Der Begriff Ethik stammt aus dem Griechischen und kann grundlegend mit Sittenlehre [4] übersetzt werden. Oder, etwas komplexer formuliert: „die philosophische Teildisziplin, die nach dem rechten Handeln fragt und somit über Moral (Werte, Normen, Gesetz) und ihre Begründung nachdenkt. Ethik ist somit Moralphilosophie“[5].

Peter Singer zufolge sei Ethik zudem „ein Produkt des sozialen Lebens, das die Funktion hat, Werte zu fördern, die den Mitgliedern der Gesellschaft gemeinsam sind“[6]. Dieser Begriff wird nun auf Tiere übertragen; bei der Tier ethik, die zunächst Teil der Bio ethik[7] ist, handelt es sich um „das systematische Studium der Frage, wie wir uns gegenüber nichtmenschlichen Tieren verhalten sollten, und die Formulierung begründeter Antworten auf diese Frage“[8].

Grundsätzlich wird zunächst zwischen zwei ethischen Hauptrichtungen unterschieden: dem Anthropozentrismus sowie dem Physiozentrismus [9]. Bei ersterem steht der Mensch (griechisch Anthropos ) klassisch als „Maß aller Dinge“[10] im Mittelpunkt. Dies wird „mit der Seele des Menschen, sowie der Fähigkeit zu Vernunft und moralischem Handeln“[11] begründet, die Tieren lange weitgehend verwehrt wurde. René Descartes (1596 - 1650) etwa kann den Tieren „wohl auf Grund religiöser Überzeugung, an der er festhält, eine solche Seele nicht zubilligen [und muss] behaupten, [sie] seien reine Automaten“[12]. Der Physiozentrismus im Gegensatz dazu weitet den moralischen Status „auf mehr oder weniger große Bereiche der Natur aus“[13]; eine Richtung dabei ist der Pathozentrismus (griechisch Pathos : Leid), wobei Tiere „in moralischer Hinsicht mit dem Menschen verglichen [werden] und da […] zumindest höher entwickelte Tiere in der Leidensfähigkeit dem Menschen ähnlich sind, gelten sie als Objekte der Moral“[14].

Bei nun entstehenden Fragen des Mensch-Tier-Verhältnisses handelt es sich um Tierethik, die schließlich zu modernem Tierschutz und insbesondere der Idee des Tierrechts führte: dem „ethisch begründeten Konzept der Rechte für Tiere“[15]. Als deren Begründer wird allgemein der US-amerikanische Philosoph Tom Regan angesehen, der die Ansicht vertritt, „dass Tieren die gleichen moralischen Rechte wie Menschen zugesprochen werden sollten“[16]. Hierbei wird oft auch der Tierschutzgedanke kritisiert, da jener „die Tierausbeutung reglementiere und damit auch die Auffassung stärke, Tiere dürften zum Zweck des Menschen ausgebeutet werden“[17]. Der US-amerikanische Rechtsprofessor Gary L. Francione vertritt in diesem Sinne die Meinung, „dass alle Tiere, die leidensfähig sind oder eine Wahrnehmung besitzen, das Recht haben, nicht als Ressource oder Waren für den Menschen behandelt zu werden“[18].

3. Fleischkonsum und Massentierhaltung

Im Zusammenhang mit der vermeintlich korrekten Ernährung des Menschen stellt sich zunächst die Frage nach der Artgerechtigkeit (bzw. der artgerechten Ernährung), deren Antwort nicht so eindeutig ist, wie sie vielleicht scheint. Grundlegend kann festgestellt werden, „dass der Mensch wie auch seine Vorfahren als Omnivoren (Allesesser) eingestuft werden kann, allerdings mit klarer Betonung auf pflanzlicher Nahrung“[19]. Auffällig ist, dass eine Präferenz vegetarischer Kost auch nach Millionen Jahren und bis zum heutigen Tag in der Anatomie wie Physiologie des Menschen deutlich wird[20]. Erwähnenswert seien hier etwa Gebiss, Zähne, Zunge, Leber, Speichelsekretion, die Magenproportionen sowie „die Unfähigkeit des Menschen (wie auch der anderen Primaten), Vitamin C zu synthetisieren“[21], was den Menschen biologisch gesehen eher zum Herbivoren (Pflanzenfresser) macht. Nun ist dies aber eine Arbeit über (Tier)-Ethik, so dass die Frage, ob wir Tiere essen sollten , unabhängig davon, ob wir es biologisch gesehen können, bestehen bleibt. Es folgt nun ein kurzer Umriss der Entwicklung des Fleischkonsums in der Geschichte des Menschen.

3.1 Geschichte und Entwicklung

Der frühe („aufrecht gehende“) Mensch (Homo erectus) nutzte erstmals Feuer, um „das bisher roh verzehrte Fleisch von Beutetieren bekömmlicher [zu] machen“[22], jedoch stand die pflanzliche Ernährung noch lange im Mittelpunkt: beim nachfolgenden Homo sapiens vor einer Million Jahren und insbesondere aus praktikablen (weil gefahrloseren) Beweggründen[23]. Bis zum Beginn von Ackerbau und Viehzucht (vor ca. 10.000 Jahren) sowie darüber hinaus war der Anteil von pflanzlichen Nahrungsmitteln mit bis zu 90 % deutlich am größten[24]. Zwar kam es über die folgenden Jahrtausende zu einem leichten Anstieg der tierischen Ernährung - ermöglicht durch die Domestizierung von Wildtieren zu Haus- und Nutztieren - aber erst durch Beginn der Industrialisierung vor rund 200 Jahren begann eine drastische Änderung der menschlichen Ernährungsgewohnheiten[25]. Nahrungsmittel konnten von nun an in großen Massen produziert und durch „die Anwendung von Erkenntnissen aus der Chemie [sowie] durch moderne Konservierungsmethoden […] immer billiger erzeugt werden. Hinzu kamen die verbesserten Transportmöglichkeiten, die die Versorgung der rasch wachsenden städtischen Bevölkerung mit Lebensmitteln ermöglichten“[26].

Aus dieser Entwicklung folgte, dass eine „weitgehend naturbelassene, überwiegend pflanzliche - d.h. kohlenhydrat- und ballaststoffreiche - Nahrung“ einer „stark verarbeiteten, energiedichten, fettreichen - aber ballaststoffarmen - Kost“[27] wich. Tierprodukte wurden über die folgenden Jahrzehnte für breite Schichten der Bevölkerung immer erschwinglicher und der Fleischverbrauch in Deutschland um 1900 lag bereits bei über 50 kg pro Jahr und Person[28] (im Jahr 2010 waren es 89,3 kg[29] ). Diese Steigerung hatte auch soziale Gründe, denn „wer sich ‚weiß und fett’ ernähren konnte - nämlich mit Weißbrot und möglichst viel tierischem Fett - war in vergangenen Zeiten hoch angesehen und wohlhabend“[30]. In den Industrienationen galt diese Haltung noch bis vor wenigen Jahrzehnten, langsam hingegen ist ein gesellschaftliches Umdenken erkennbar.

In den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts schließlich begann nach der Entdeckung der Vitamine A und D durch US-amerikanische Wissenschaftler eine völlig neue Phase der Viehhaltung, denn von nun an wurde es möglich, Tiere massenhaft und über das ganze Jahr hinaus in einer geschlossenen Umgebung zu halten[31]. Durch diese Vitamine als Futterzusatz wurden Bewegung und Sonnenlicht für die Tiere plötzlich überflüssig und nicht länger Voraussetzung für deren Wachstum[32]. Hinzu kam der Einsatz von Impfstoffen und Antibiotika, der nötig wurde, um den Krankheiten entgegenzuwirken, die sich durch diese neuen Haltungsformen ausbreiteten[33]. Die ersten massenhaft gehaltenen Tiere waren Hühner, in den 50er und 60er Jahren folgten Rinder und Schweine. Heutzutage werden weltweit außerdem Fische (in so genannten Aquafarmen), Gänse (für Daunen, Federn und Foie Gras oder Gänsestopfleber), Schafe (für Wolle), Nerze, Füchse, Kaninchen, Katzen, Hunde, Waschbären (in Pelzfarmen) und Milchkühe in Massentierhaltung gehalten. Für die Vereinigten Staaten wie für Europa und den Rest der so genannten Industrienationen gilt zu Beginn des 21. Jahrhunderts Folgendes:

„In supermarkets and ordinary grocery stores, you should assume that all food - unless spe- cifically labeled otherwise - comes from the mainstream food industry and has not been pro- duced in a manner that is humane, sustainable, or environmentally friendly. Animal prod- ucts, in particular, will virtually all be from factory farms, unless the package clearly states the contrary.”[34]

3.2 Konsequenzen und Risiken

Im Folgenden soll aufgezeigt werden, welche Folgen diese intensiven Haltungsformen für die Tiere, unsere Umwelt, das Weltklima sowie den Menschen haben.

3.2.1 Die Tiere

Der Vegetarierbund Deutschland beschreibt es sehr bildhaft: „Die grünen Weiden und idyllischen Szenen, die in Kinderbüchern porträtiert werden, sind fensterlosen Metallhallen, Drahtkäfigen und anderen Vorrichtungen, die verwendet werden, um Tiere in der Massentierhaltung auf engstem Raum einzupferchen, gewichen“[35]. Aber auch nüchterner gesprochen könnte diese Art der Haltung für die Tiere selbst kaum grausamer sein, werden jene doch „zum Fleischlieferanten degradiert […], bereits von Geburt an in einer massenhaften Abfertigung für einen maximalen Fleischertrag gemästet [und] können die angeborenen Verhaltensweisen und Triebe nicht [ausleben]. Auf dem Weg zum Schlachthof sehen die Tiere dabei oft zum ersten Mal das Tageslicht“[36]. Nichts an der Massentierhaltung ist natürlich oder gar human : Säue werden nach Hormonspritzen künstlich geschwängert; die Jungtiere werden der Mutter ca. drei Wochen nach der Geburt entwendet; den Schweinen werden prophylaktisch (ohne Betäubung) die Schwänze gekürzt, die Eckzähne geschliffen, die männlichen Ferkel werden kastriert. Um offene Verletzungen und Gelenkentzündungen zu behandeln, kommt es zum regelmäßigen Einsatz von Antibiotika; dem Futter sind Fischmehl und Blutplasma beigesetzt. Die Schweine leben zudem in ihren eigenen Exkrementen, der Gestank von Ammoniak ist allgegenwärtig[37].

Seit dem 01.01.2012 ist in der Europäischen Union (EU) der Einsatz von Käfighaltung für Legehennen gesetzlich untersagt (nicht jedoch in den Vereinigten Staaten). Stattdessen wurde die so genannte Kleingruppenhaltung eingeführt, ein Käfigsystem mit unwesentlich mehr Platz für die einzelne Henne als in Batteriekäfigen: mit 800 cm² ist 200 cm² mehr Lebensraum vorhanden als zuvor - das ist etwas größer als eine DIN A4-Seite[38]. In der Bodenhaltung leben bis zu 6.000 Tiere in einer Halle, wobei es zu Verhaltensstörungen wie Kannibalismus und Federpicken kommen kann[39]. Die Hühner können „ihrem instinktiven Verhalten, wie z.B. Scharren und Picken, in keiner Weise, bzw. nur sehr stark eingeschränkt nachkommen“[40]. Freiland- und Biohaltung bieten ebenfalls keine Alternative, auch hier beträgt die maximale Besatzdichte pro Stall 3.000 Hennen[41], wobei Hühner sich maximal ca. 50 Artgenossen in Erinnerung rufen können und nur dann die Bildung einer Rangordnung möglich ist. Ansonsten kommt es zu sozialen Konflikten, denen außer in der Biohaltung mit dem Kürzen der Schnäbel begegnet wird[42]. Obwohl die natürliche Lebenserwartung eines Huhnes etwa fünf bis sieben Jahre beträgt, wird es in der Massentierhaltung nach ca. einem Jahr, also mit dem Rückgang der Eierproduktion, getötet[43].

Es gibt in Deutschland etwa 4,2 Millionen weibliche Kühe; bei Herdengrößen von 100 und mehr Tieren beläuft sich der Anteil derer, die auf Weiden gehalten werden, im Durchschnitt auf lediglich 33 %[44], der Rest verbringt oft das ganze Jahr in Boxenlaufställen und auf Betonböden[45]. Was bei der Milchproduktion oft vergessen wird, ist, dass die Kühe für höchstmögliche Produktionsraten permanent geschwängert und die Kälber bereits kurz nach der Geburt unter stressauslösenden sowie emotional schmerzvollen Bedingungen von den Müttern, die hierbei ebenfalls stark leiden, getrennt werden[46]. Nach diversen, durch die intensive Haltung entstehenden Verletzungen und Entzündungen (v.a. des Euters: Mastitis ) kommt es spätestens nach etwa fünf bis sechs Jahren zum frühzeitigen Tod durch Schlachtung (bei einer natürlichen Lebenserwartung von ca. 20 Jahren) - wenn der Milchfluss nachgelassen hat[47].

Laut Statistischem Bundesamt starben in Deutschland im Jahr 2010 über 3,4 Millionen Rinder, 321.000 Kälber, 58,6 Millionen Schweine und 1 Million Schafe, um vom Menschen verzehrt zu werden[48] ; die Zahlen von Hühnern, Truthühnern und Enten sind dabei lediglich in der Gewichtsklasse Tonnen angegeben. Der Präsident des deutschen Bauernverbandes, Gerd Sonnleitner, sieht die Schuld am hohen Fleischverzehr letztlich beim Verbraucher - dieser kritisiere zwar die Haltungsformen in den Betrieben, wolle aber am Ende doch vor allem am Geld sparen[49]. Die Bundesverbraucherschutzministerin, Ilse Aigner, hält zudem dagegen, dass die Landwirtschaft in Deutschland „sich längst […] zugunsten von Verbrauchern Tieren und Umwelt geändert [habe]“[50] – die Frage nach dem Ausmaß bzw. dem Grad an Befriedigung dieser Veränderung bleibt jedoch offen.

3.2.2 Ökologie

Die Folgen der Massentierhaltung und des generellen Fleischkonsums für die Umwelt lassen sich in drei wesentliche Punkte untergliedern: erstens die Landnutzung, zweitens der Energie- und Wasserverbrauch und schließlich der Klimawandel.

Rund 30 % der Landoberfläche sowie 70 % der landwirtschaftlichen Nutzfläche werden weltweit für die Tierproduktion genutzt, davon wiederum 33 % alleine für den Futtermittelanbau[51]. In Europa werden zudem etwa 60 % und in den USA rund 90 % des erzeugten Getreides an Tiere verfüttert, welches dann in Form von Fleisch verzehrt wird[52]. Der überwiegende Teil der Weltbevölkerung ernährt sich noch immer direkt von Getreide (v.a. Reis und Weizen), was einen Pro-Kopf-Verbrauch in Entwicklungsländern um etwa 180 kg im Jahr, in Europa hingegen bereits um 370 kg und in den USA sogar von 750 kg pro Kopf (inklusive der Fleischexporte) beträgt[53]. Das Problem ist insbesondere der Anbau von (sehr eiweißhaltigem) Soja, von dem weltweit 80 % in Futtertrögen für Tiere landen[54] ; beispielsweise in Brasilien „hat sich der Anbau von Sojabohnen in den letzten zehn Jahren auf eine Fläche, die halb so groß wie Deutschland ist, ausgedehnt. Viele Anbauflächen entstehen [dabei] durch Brandrodung des Regenwaldes“[55]. Hierbei ist anzumerken, dass rein rechnerisch mit der heute vorhandenen Ackerfläche alle Menschen ausreichend mit pflanzlicher Nahrung versorgt werden könnten: China beispielsweise besitzt 8 % der weltweiten Ackerfläche, ernährt zugleich aber mehr als 20 % der Weltbevölkerung. Dies wird erst durch einen vergleichsweise hohen Anteil pflanzlicher Nahrungsmittel ermöglicht[56].

Die Erzeugung von tierischer Nahrung ist des Weiteren extrem ineffizient: durch die Umwandlung von pflanzlichem zu tierischem Protein geht „ein Großteil der Nahrungsenergie verloren, [welche] direkt von Menschen verzehrt werden könnte“[57]. So werden etwa 6 kg pflanzliches Protein benötigt, um 1 kg Protein aus Hühnerfleisch zu erzeugen - für Schweinefleisch benötigt man bereits 11 kg und für Rindfleisch gar 17 kg pflanzliches Protein[58], was den Autor Frances Moore Lappé zu der Aussage bewegte, diese Art der Landwirtschaft sei „eine umgekehrt arbeitende Eiweißfabrik“[59]. Ähnlich verschwenderisch sieht es bei dem Wasserverbrauch aus. So beläuft sich der gesamte Wasserverbrauch für 1 kg Rindfleisch [bereits] auf 20.000 Liter[60] und die Vereinten Nationen (UNO) schätzen „dass die Tierhaltung für 8 % des globalen Wasserverbrauchs verantwortlich ist, wobei 7 % auf die Produktion des Futters entfallen“[61].

Nach den Berechnungen der UNO ist die Viehwirtschaft für 18 % der Treibhausgas-Emissionen verantwortlich: das sind rund 40 % mehr als der gesamte Verkehrssektor - Autos, Lastwagen, Flugzeuge, Züge und Schiffe - zusammengenommen (rund 13 %)[62]. Diese Ergebnisse werden durch Untersuchungen der Universität von Chicago bestätigt[63]. UN-Daten belegen zudem, dass omnivor lebende Menschen durch ihre Ernährungsweise im Vergleich zu Veganern (Definition siehe Kapitel 4.1) das Siebenfache der Menge an Treibhausgasen produzieren[64]. Im direkten Vergleich entstehen bei der Produktion von 1 kg Rindfleisch die Summe von 8 bis 16 kg CO²-Äquivalent - je nach Art der Haltung, bei 1 kg Winterweizen lediglich 400g (0,4 kg) CO²-Äquivalent[65]. Die Weltgesundheitsorganisation (FAO) prognostiziert zudem einen weltweiten Anstieg der Fleischproduktion von derzeit 229 Millionen auf 465 Millionen Tonnen im Jahr 2050[66].

Zu jenen drei Hauptpunkten kommen hinzu: die weitere Förderung des Treibhauseffekts durch Methan und Ammoniak, die Grundwassergefährdung durch Gülle und Pestizide, die Rückstände von so genannten „Masthilfen“ und Tierarzneimitteln sowie der Verlust an Artenvielfalt durch die Spezialisierung auf Hochleistungsrassen[67].

3.2.3 Der Mensch: Individuum und Gesellschaft

Die Massentierhaltung hat direkte Auswirkungen sowohl auf die Gesundheit des Individuums wie auch auf die Gesellschaft als Ganzes.

Der stark erhöhte Fleischkonsum seit Beginn der industriellen Landwirtschaft stellt, neben anderen Faktoren wie Stress, Umweltgiften, Konsum von Alkohol und Nikotin sowie Bewegungsmangel einen Verursacher für eine ganze Reihe so genannter Zivilisationskrankheiten dar: Übergewicht, Krebs, Herzkrankheiten, Bluthochdruck, Osteoporose, Diabetes, Arteriosklerose (durch einen hohen Cholesterinspiegel), etc.[68]. Zudem liegt die Lebenserwartung eines vegetarisch lebenden Menschen „durchschnittlich über der von Gemischtköstlern, wobei berücksichtigt werden muss, dass sich Vegetarier außer in der Ernährung auch in anderen Lebensbereichen gesundheitsbewusster verhalten“[69]. Dies bestätigt eine Studie des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ), die Vegetariern „ein drastisch verringertes Sterblichkeitsrisiko“[70] bescheinigt. Weitere Studien belegen heutzutage, dass eine fleischfreie Ernährungsweise - wenn abwechslungsreich und vollwertig - nicht nur unproblematisch ist, sondern gar „zahlreiche gesundheitliche Vorteile bietet“[71]. Mit der Massentierhaltung hingegen erreicht man das genaue Gegenteil; so etwa erhalten bei einer durchschnittlichen Hühnerfarm in Nordrhein-Westfalen „die allermeisten Tiere mehr als eine Woche lang Antibiotika“[72] - und das bei einer gentechnisch stark beschleunigten Mast von 38 Tagen. Weiter heißt es, dass „96,4 Prozent der untersuchten Tiere mit den Medikamenten behandelt [werden]. Damit war weniger als jedes 25. Masthähnchen unbehandelt“[73]. Diese Medikamente gelangen über das Essen in den Metabolismus des Verbrauchers, wobei sich langfristig eine natürliche Antibiotikaresistenz bilden kann, was „zunehmend eine Gefahr in der Epidemiologie [darstellt, da] immer mehr Krankheiten, welche als besiegt galten, […] so in abgewandelten Formen wieder auftreten [können]“[74].

[...]


[1] Laut dem Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) sterben „täglich etwa

25.000 bis 30.000 Menschen weltweit“ an Hunger; zitiert nach http://www.welthungerhilfe.de/was-ist-hunger.html.

[2] http://www.tagesschau.de/inland/antibiotika108.html (09.12.2012).

[3] Ebd.

[4] Laut Langenscheidts Fremdwörter-Buch.

[5] Kunz: „Lexikon. Ethik, Religion“, S. 49.

[6] Ebd., S. 409.

[7] Die Auseinandersetzung mit „Fragen des moralischen und rechtlichen Umgangs mit menschlichem und außer-

menschlichem Leben in seinen verschiedenen Phasen und Erscheinungsformen“, in Hoerster: „Haben Tiere eine

Würde? Grundfragen der Tierethik“, S. 104.

[8] Interdisziplinäre Arbeitsgemeinschaft Tierethik (IAT): „Tierrechte“, S. 5.

[9] Pierschel: „Vegan!“, S. 47.

[10] Pierschel: „Vegan!“, S. 48.

[11] Ebd.

[12] Störig: „Kleine Weltgeschichte der Philosophie“, S. 366f.

[13] Pierschel: „Vegan!“, S. 48.

[14] Ebd., S. 50.

[15] Ebd., S. 55.

[16] Ebd.

[17] Ebd.

[18] Ebd.

[19] Leitzmann: „Vegetarismus. Grundlagen, Vorteile, Risiken“, S. 42.

[20] Vgl. ebd., S. 43.

[21] Zitiert nach ebd.

[22] Ebd., S. 40.

[23] Vgl. ebd.

[24] Vgl. ebd., S. 41.

[25] Vgl. ebd.

[26] Zitiert nach ebd.

[27] Leitzmann: „Vegetarismus. Grundlagen, Vorteile, Risiken“, S. 42.

[28] Vgl. Linnemann; Schorcht (Hrsg.): „Vegetarismus. Zur Geschichte und Zukunft einer Lebensweise, S. 109.

[29] Bundesverband der deutschen Fleischwarenindustrie (BVDF), siehe: http://www.bvdf.de/in_zahlen/tab_06.

[30] Linnemann; Schorcht (Hrsg.): „Vegetarismus. Zur Geschichte und Zukunft einer Lebensweise, S. 109.

[31] Vgl. Pierschel: „Vegan!“, S. 19.

[32] Vgl. ebd.

[33] Vgl. ebd.

[34] Singer; Mason: “Eating. What We Eat and Why It Matters“, S. 268.

[35] https://vebu.de/tiere-a-ethik/tiere-und-tierhaltung/massentierhaltung.

[36] Pierschel: „Vegan!“, S. 21.

[37] Ebd., vgl. S. 22f.

[38] http://albert-schweitzer-stiftung.de/tierschutzinfos/analysen/kleingruppenhaltung-faq.

[39] Vgl. http://www.vgt.at/projekte/legehennen/fakten.php.

[40] Pierschel: „Vegan!“, S. 26.

[41] Vgl. http://www.vgt.at/projekte/legehennen/fakten.php.

[42] Vgl. http://www.n-tv.de/mediathek/bilderserien/wissen/Endlich-das-Gelbe-vom-Ei-article769407.html.

[43] Vgl. Pierschel: „Vegan!“, S. 27.

[44] Vgl. http://www.agrarheute.com/milchwirtschaft-463301.

[45] Vgl. Pierschel: „Vegan!“, S. 28.

[46] Vgl. ebd.

[47] Vgl. ebd.

[48] Statistisches Bundesamt Wiesbaden; zitiert nach

http://www.destatis.de/jetspeed/portal/cms/Sites/destatis/Internet/DE/Content/Statistiken/LandForstwirtschaft/Tieris

cheErzeugung/Tabellen/Content75/AnzahlSchlachtungen,templateId=renderPrint.psml.

[49] Vgl. Interview im Deutschlandfunk: http://www.dradio.de/dlf/sendungen/umwelt/1628312 (14.12.2011)

[50] Die Zeit Online: http://www.zeit.de/2012/09/Fleisch-Maesten (28.02.2012)

[51] Vgl. Florenz: Nichtständiger Ausschuss zum Klimawandel im Europäischen Parlament; siehe

http://www.europarl.europa.eu/meetdocs/2004_2009/documents/dv/723/723797/723797de.pdf.

[52] Leitzmann: „Vegetarismus. Grundlagen, Vorteile, Risiken“, S. 27.

[53] Vgl. Leitzmann: „Vegetarismus. Grundlagen, Vorteile, Risiken“, S. 27.

[54] Vgl. http://www.greenpeace.de/fileadmin/gpd/user_upload/themen/waelder/FS_Soja_Hintergrund.pdf.

[55] Pierschel: „Vegan!“, S. 40.

[56] Vgl. Leitzmann: „Vegetarismus. Grundlagen, Vorteile, Risiken“, S. 28.

[57] Pierschel: „Vegan!“, S. 39.

[58] Vgl. ebd.

[59] Zitiert nach Singer: „Animal Liberation. Die Befreiung der Tiere“, S. 268.

[60] Vgl. ebd, S. 40.

[61] Zitiert nach ebd.

[62] Vgl. Safran Foer: „Eating Animals“, S. 58.

[63] Vgl. http://pge.uchicago.edu/workshop/documents/martin1.pdf.

[64] Vgl. Safran Foer: „Eating Animals“, S. 58.

[65] Vgl. Pierschel: „Vegan!“, S. 39.

[66] Vgl. http://www.europarl.europa.eu/meetdocs/2004_2009/documents/dv/723/723797/723797de.pdf.

[67] Vgl. Leitzmann: „Vegetarismus. Grundlagen, Vorteile, Risiken“, S. 28.

[68] Vgl. Pierschel: „Vegan!“, S. 61.

[69] Leitzmann: „Vegetarismus. Grundlagen, Vorteile, Risiken“, S. 25.

[70] DKFZ: http://www.dkfz.de/de/presse/pressemitteilungen/2003/dkfz_pm_03_12.php.

[71] DKFZ: http://www.dkfz.de/de/presse/pressemitteilungen/2003/dkfz_pm_03_12.php.

[72] Spiegel Online: http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,797970,00.html (15.11.2011).

[73] Ebd.

[74] http://www.newscentral.de/antibiotika-haehnchen-mast-resistente-keime-gefluegel-gefahr-3187 (13.01.2012).

Ende der Leseprobe aus 47 Seiten

Details

Titel
Erst das Fressen, dann die Moral?
Untertitel
Eine Auseinandersetzung mit der Tierethik Peter Singers und Helmut F. Kaplans
Hochschule
Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder)
Note
1,0
Autor
Jahr
2012
Seiten
47
Katalognummer
V192113
ISBN (eBook)
9783656170518
ISBN (Buch)
9783656171447
Dateigröße
923 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
tierethik, vegetarismus, veganismus, peter singer, singer, helmut kaplan, kaplan, speziesismus, massentierhaltung, richard ryder, ryder, ökologie
Arbeit zitieren
Gordon Wagner (Autor), 2012, Erst das Fressen, dann die Moral?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/192113

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