Obwohl Ägypten im Gegensatz zu seinen nordafrikanischen Nachbarländern Algerien, Tunesien, Marokko und Mauretanien nie durch Frankreich kolonisiert worden war, etablierte sich die französische Sprache und Kultur sowohl im privaten als auch im öffentlichen Leben. Die Ursache für diesen außergewöhnlichen Sachverhalt liegt in einer Verkettung historischer Umstände, die bis ins 18. Jahrhundert zurückreicht. Auch wenn die Frankophonie in Ägypten auf eine jahrhundertealte Tradition zurückblickt und noch heute praktiziert wird, ist ihre Vergangenheit jedoch nicht konfliktfrei verlaufen. Eine durch die Sprachpolitik der 1950er Jahre bedingte Krise hatte einen Rückgang der französischen Sprache in Ägypten zur Folge. In den 1970er Jahren rehabilitierte sich die ägyptische Frankophonie wieder, die vergangenen Ereignisse hatten jedoch Spuren hinterlassen. In der Forschung besteht die Meinung, dass sich mit diesem Einschnitt die französische Sprache in ihrer linguistischen Ausprägung veränderte. Sowohl Doss (2004) als auch Dermarkar et al. (2008) gehen von einer zweigliedrigen Frankophonie aus, die sich aus diesen historischen Umständen entwickelte. Das Konzept einer binären Sprecherschaft soll in vorliegender Arbeit aufgegriffen werden und anhand einer soziohistorischen und linguistischen Untersuchung auf seine Existenz und Ausprägung geprüft und differenziert analysiert werden.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Die Wegbereiter der Frankophonie in Ägypten
2.1 Die Verankerung der französischen Sprache
2.2 Wendepunkt und Rückgang
3 Die binäre Ausprägung der Frankophonie in Ägypten
3.1 Statistische Auswertung der Soziodaten
3.2 Linguistische Kriterien für die Unterscheidung von 'Anciens' und 'Modernes'
3.3 Die Negation
3.4 Sprachalternanz und ihre Ursache
3.5 Der Gebrauch gesprächsstrukturierender Elemente
3.5.1 Entlehnte Diskursmarker
3.5.2 Französische Diskursmarker
3.6 Qu'est-ce que – eine Passepartout-Lösung
3.7 Phonologische Varianz
4 Eine exemplarische Untersuchung
4.1 CD15: 'Anciens' - par excellence
4.2 CD29: Die Generation der Verlerner
4.3 CD18: Die 'Modernes' - Aufbruch zu einer neuen Frankophonie
4.4 CD7: 'Modernes' aus erster Generation
5 Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die historische Entwicklung und die spezifische Ausprägung der Frankophonie in Ägypten, wobei die zentrale Forschungsfrage auf die Bestätigung eines binären Sprechergruppenkonzepts – unterteilt in 'Anciens' und 'Modernes' – sowie deren unterschiedliche sprachliche Realisierungen abzielt.
- Historische Genese der französischen Sprache in Ägypten
- Binäre Strukturierung der frankophonen Sprechergemeinschaft
- Analyse morphosyntaktischer Phänomene und Code-Alternanz
- Funktion von Diskursmarkern und sprachökonomischen Strategien
- Diagenerationelle Entwicklung der Sprachkompetenz
Auszug aus dem Buch
3.3 Die Negation
Zunächst soll die Vermutung von Dermarkar et al. (2008) aufgegriffen werden, dass die Verneinungspartikel ne bei den 'Anciens' wesentlich gebräuchlicher ist als bei den 'Modernes'. Damit soll gezeigt werden, dass die beiden Sprechergruppen 'Anciens' und 'Modernes' an unterschiedlichen Punkten der Sprachentwicklung stehen, auch wenn das Durchschnittsalter beider Gruppen nur unwesentlich divergiert. Seit dem 9. Jahrhundert ist die eingliedrige Negation 'ne + Verb' im Altfranzösischen attestiert, die sich aus dem Lateinischen 'non + Verb' ableitet. Während des Mittelalters wurde die ursprüngliche Negationspartikel durch ein Adverb oder eine Nominalphrase ergänzt: ne + goutte/mie(tte)/pas(sum) → 'keinen Tropfen/Krümel/Schritt' (Sturm 1981: 13f.). Das hinzugefügte Negationswort übernahm im Laufe der Entwicklung die Rolle des Negationsträgers, wurde also grammatikalisiert. Demzufolge wird die Negationspartikel ne mit der Zeit immer überflüssiger und neigt zur Tilgung. Sturm (1981: 15) belegt, dass sich der Wegfall der Partikel ne in den gebildeteren Schichten erst im Laufe des 19. Jahrhunderts verbreitet.
Bei der Untersuchung der Datenmenge auf besagtes Phänomen habe ich mich auf die Negationskonstruktion ne... pas beschränkt; n'est-ce pas wurde dabei ausgeklammert, da es sich dabei um eine feststehende, häufig vorkommende Konstruktion handelt, die das Bild verfälschen würde. Des weiteren wurde darauf verzichtet, unklare Zitate in die Zählung aufzunehmen; z.B. on a pas... ist akustisch nicht von on n'a pas... zu unterscheiden. Doppelungen einer Aussage, z.B. durch Reparaturen, wurden einfach gezählt. Einige Sprecher neigen zu einem elliptischen Satzbau – ein Phänomen der Mündlichkeit. Sätze wie Pas des peintures, pas des... (Anhang 4: A45) weisen von Natur aus keine Verinungspartikel ne auf und finden somit auch keine Beachtung.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung skizziert die historische Sonderrolle der Frankophonie in Ägypten und führt das Konzept der binären Sprechergruppen 'Anciens' und 'Modernes' als Basis der Untersuchung ein.
2 Die Wegbereiter der Frankophonie in Ägypten: Dieses Kapitel arbeitet die historische Genese der französischen Sprache in Ägypten seit der Expedition Bonapartes bis hin zu den gesellschaftspolitischen Umbrüchen der 1950er Jahre auf.
3 Die binäre Ausprägung der Frankophonie in Ägypten: Der Hauptteil analysiert linguistische Merkmale wie Negation, Code-Alternanz und Diskursmarker, um die sprachlichen Unterschiede zwischen den beiden identifizierten Sprechergruppen systematisch zu belegen.
4 Eine exemplarische Untersuchung: Anhand spezifischer Textbeispiele aus dem Korpus wird die theoretische Herleitung an konkreten Gesprächssituationen mit verschiedenen Sprechern verifiziert und kontextualisiert.
5 Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen, bestätigt die binäre Ausprägung der Frankophonie und identifiziert offene Forschungsfelder hinsichtlich Phonologie und Prosodie.
Schlüsselwörter
Ägypten, Frankophonie, Anciens, Modernes, Sprachkontakt, Code-Switching, Diskursmarker, Negation, Sprachwandel, Mündlichkeit, Soziolinguistik, Sprachkompetenz, Diagenerationell, Morphosyntax, Diskursanalyse
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit befasst sich mit der linguistischen Untersuchung der französischen Sprache in Ägypten und deren besonderer Entwicklung in einem nicht-kolonialen Kontext.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Zentrale Themen sind die historische Einbettung der Frankophonie, die soziolinguistische Strukturierung der Sprechergruppen sowie die Analyse spezifischer morphosyntaktischer und diskursiver Sprachmerkmale.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das primäre Ziel ist es, die Hypothese einer binären Gliederung der frankophonen Sprechergemeinschaft in 'Anciens' und 'Modernes' zu überprüfen und deren jeweilige sprachliche Ausprägung zu differenzieren.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Untersuchung basiert auf einer korpusgestützten Analyse von Transkriptionen mündlicher Gespräche, kombiniert mit soziolinguistischen Hintergrunddaten und statistischen Auswertungen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden linguistische Phänomene wie die Verwendung der Negation (ne... pas), der Einsatz von Diskursmarkern (z.B. ya3ni, masalan) und die Phänomene der Sprachalternanz (Code-Switching) detailliert analysiert.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Ägypten, Frankophonie, Sprachkontakt, Diagenerationell und Code-Switching definiert.
Wie unterscheiden sich die 'Anciens' von den 'Modernes' sprachlich?
Die 'Anciens' weisen eine eher traditionelle, familär erworbene Sprachkompetenz auf, während die 'Modernes' das Französische primär als schulisch erlernte Fremdsprache verwenden, was sich in unterschiedlichen syntaktischen Mustern und Tilgungstendenzen äußert.
Welche Rolle spielen arabische Diskursmarker im ägyptischen Französisch?
Arabische Diskursmarker wie 'ya3ni' oder 'masalan' dienen im ägyptischen Französisch als wichtige strukturierende Elemente für das Gespräch, die den Diskursfluss steuern und teilweise grammatikalisiert sind.
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- Amelie Prittwitz (Autor), 2011, Die französische Sprache in Ägypten, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/192152