Die Auseinandersetzung in der vorliegenden Arbeit zum Thema: Geschlechtsbezogene Werteorientierungen junger Muslime in Deutschland zielt auf „Junge Muslime“ im Alter bis 27 Jahren, die eine bikulturelle Identität aufweisen. Dabei habe mich auf zwei junge Erwachsene konzentriert, die aus Marokko stammen, aber den größten Teil ihrer Sozialisation hier in Deutschland erfahren haben. Junge Muslime in Deutschland unterscheiden sich nicht nur in der Heterogenität ihrer Lebenslagen, sondern auch hinsichtlich der Merkmale, die sie von der ersten Generation deutlich unterscheiden.
Während die zweite und dritte Generation zunächst (unfreiwillig) in der Fremde lebt und ggf. einen Identifikationsverlust bezüglich ihrer Werte und Einstellungen der Familie erleidet, hält die erste – die Migranten-Generation – an den kulturellen Werten und Einstellungen ihrer Herkunftskultur fest. Wie allerdings die praktische Umsetzung der traditionell islamischen Werte der jungen Muslime in ihrer Realität erfolgt, kann und wird in Wirklichkeit anders sein. Darauf richtet sich maßgeblich der Fokus der vorliegenden Untersuchung.
In meinen bisherigen Literaturrecherchen zum Thema „Geschlechtsbezogene Werteorientierungen junger Muslime in Deutschland“ bin ich kaum auf Studien gestoßen, die sich explizit mit dieser Thematik auseinandersetzen und deshalb lag auch meine Absicht darin, einen signifikanten Anstoß zu geben. Mit meiner empirischen Untersuchung hoffe ich daher, einen Beitrag zur Erforschung dieses bislang in der Forschungslandschaft unbekannten Themenfeldes zu leisten.
Daher liegt das Erkenntnisinteresse dieser Forschungsarbeit darin, anhand von zwei narrativen Interviews beispielhaft zu ermitteln, an welchen Werten sich junge Muslime in Deutschland orientieren. Welche biographischen Verläufe bezüglich ihrer religiösen Lebensführung sind in diesem Zusammenhang zu beobachten? Und in welcher Form und in welcher Intensität prägt die religiöse Ausübung ihre Lebensentwürfe?
Im Rahmen dieser Arbeit habe ich mich den marokkanisch-stämmigen Muslimen gewidmet, über die bisher bis auf einige wenige Diplomarbeiten kaum geforscht wurde und die nach wie vor in der Forschungslandschaft eine Art „missing value“ bilden. Ich habe zwei junge marokkanisch-stämmige Muslime interviewt, die sich per se als religiös bezeichnen. Eine männliche Person und eine weibliche Person (im Alter von 25 und 27 Jahren) habe ich zum Thema Werteorientierungen befragt.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
1.1 Begriffserklärung „Junge Muslime“
1.2 Muslimische Jugendliche - Versuch einer Typologie
2. Zur Methodik der empirischen Untersuchung
2.1 Das Instrument der Untersuchung (narrative Methode)
2.2 Sampling
2.3 Merkmale der Befragten
3. Interviewanalyse
3.1 Wer ist Nadja? „Für mich ist das Kopftuch Freiheit und Selbstbewusstsein“
3.1.1 Kontaktherstellung
3.1.2 Schilderung der Interviewsituation
3.1.3 Das Arbeitsbündnis
3.1.4 Strukturelle inhaltliche Beschreibung der Haupterzählung
3.1.5 Strukturelle inhaltliche Beschreibung von ausgewählten Segmenten aus dem Nachfrageteil
3.1.6 Biographische Gesamtformung von Nadja
3. 2 Wer ist Ibrahim? „Über alles steht meine Religion“
3.2.1 Kontaktherstellung
3.2.2 Schilderung der Interviewsituation
3.2.3 Das Arbeitsbündnis
3.2.4 Strukturelle inhaltliche Beschreibung der Haupterzählung
3.2.5 Strukturelle inhaltliche Beschreibung von ausgewählten Segmenten aus dem Nachfrageteil
3.2.6 Biographische Gesamtformung von Ibrahim
4. Fallkontrastierung
5. Zusammenfassung und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die Forschungsarbeit untersucht geschlechtsbezogene Werteorientierungen junger Muslime in Deutschland, die in einer bikulturellen Identität aufwachsen. Im Zentrum steht dabei die Frage, wie religiöse Überzeugungen in den Lebensentwürfen und biographischen Verläufen junger Menschen mit marokkanischem Hintergrund eine Rolle spielen und wie diese ihre Identitätsbildung sowie ihre Integration in die moderne Gesellschaft beeinflussen.
- Biographische Analyse der Werteorientierung junger Muslime
- Die Rolle der Religion als identitätsstiftende Grundlage
- Der Einfluss von Bildung auf den individuellen Lebensweg
- Abgrenzungsprozesse gegenüber der traditionellen Elterngeneration
- Interaktion und Integration in die deutsche Mehrheitsgesellschaft
Auszug aus dem Buch
3.1.4 Strukturelle inhaltliche Beschreibung der Haupterzählung
Abdussalam: Ähm also zunächst einmal, es freut es mich sehr Dich zu sehen. (Nadja: Dankeschön) (Nadja: lacht) ähm ich bin froh darüber, dass Du mir die Möglichkeit gibst, ja, mit Dir ein Interview zu führen. Ähm wie ich Dir ja schon in unserem ersten Gespräch so mitgeteilt habe, ja, studiere ich ja seit kurzem Gesellschaftswissenschaften. Ähm, also hier in Frankfurt und da habe ich ein Seminar, in dem ich eine bestimmte Interviewmethode lerne (Nadja: Ja.), nämlich so ein offenes Interview zu führen, ja. Und wir sollten uns nun überlegen ,in dem Seminar, welche Frage wir über ein solches geführtes Interview wir gerne bearbeiten möchten. Und da habe ich mir gedacht: „Eigentlich würde ich sehr gerne was über die Lebenseinstellungen, Lebenshintergründe von jüngeren Frauen erfahren, ja.“ (Nadja: Ja.). Also ich möchte Dich also bitten, dass Du mir Deine Lebensgeschichte erzählst. Angefangen von Beginn äh, ab der Kindheit bis heute. (Nadja: Oh Gott. Okay). Und ähm in diesem Zusammenhang kannst Du alles erzählen, was Dir wichtig ist (Nadja: Okay) und auch was, was Dir wichtig war. (Nadja: Okay). Ja, und Du hast so viel Zeit zur Verfügung, wie Du für Deine Erzählung benötigst.
(Nadja: Das heißt ähm, also Du wirst keine spezifischen Fragen stellen oder so weiter, Ich soll jetzt einfach frei Reden?) Also Ich werde mir, ich werde mir ähm, also während Du erzählst werde ich mir einige Notizen vornehmen, ohne Dich dabei zu unterbrechen. Und dann werde ich Dich danach, (Nadja: Das ist ganz schön schwierig) fragen, ja. (Nadja: Oh je). Aber ich weise Dich noch mal daraufhin: „Du hast so viel Zeit zur Verfügung, wie Du möchtest“...Jetzt ist eigentlich so die Möglichkeit...(Nadja: Schön wäre es wenn Du so 'n paar Fragen hättest so, so Phrasenweise (lacht) irgendwie so bin ich ja Total..) Wir kommen dann also...(Nadja: Seine Lebensgeschichte zu erzählen ist ja auch nicht ohne...) Genau. Also. Vielleicht wenn Du das Wichtigste einfach erzählen würdest, von Kindheit an bis heute (Nadja: Ja.). Also Deine Lebenseinstellung, ja. (Nadja Okay) Lebenshintergründe. (Nadja: Aber inwiefern? In, auf Blick, im Blick auf was denn? Ähm welcher Hinsicht? Worauf willst Du hinaus? Also was, was willst Du sozusagen letzten Endes aus meiner Lebensgeschichte schöpfen? Sag ich mal jetzt. Ich kann Dir ja äh, ich mein über Gott und die Welt erzählen, aber worauf soll ich mich äh spezialisieren? (Abdussalam: Worin Du möchtest. Du kannst anfangen, wo Du willst) Oh Gott Ey (lacht). (lacht). Es geht um Lebenseinstellung, ja: „Wie ist Deine Lebenseinstellung?“ Von Kindheit an, ja, Jugend und jetzt (Nadja: Ja.). „Was, was ist Dir wichtig?“ (Nadja: Ja.) „Was ist Dir nicht so wichtig?“. (Nadja: Ja. Okay.) Und ich werde mir währenddessen Notizen machen (Nadja: Alles klar) ohne Dich dabei zu unterbrechen (Nadja: Ja.) und dann stelle ich Dir auch Fragen. Nadja: Okay. Gut. So: „Jetzt muss ich mir Gedanken über mein Leben machen.“ (Segment 1/ 21-59).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Forschungsarbeit ein und erläutert die Zielsetzung, junge Muslime mit marokkanischem Hintergrund in Deutschland beispielhaft in ihren Werteorientierungen zu untersuchen.
2. Zur Methodik der empirischen Untersuchung: Dieses Kapitel erläutert das methodische Vorgehen, insbesondere die Anwendung narrativer Interviews zur Erhebung lebensgeschichtlicher Ereignisabläufe.
3. Interviewanalyse: Die Interviews der beiden Probanden Nadja und Ibrahim werden in diesem Kapitel detailliert ausgewertet, wobei Themen wie Familie, Religion und Bildung im Fokus stehen.
4. Fallkontrastierung: Hier werden die Ergebnisse der beiden Interviewanalysen gegenübergestellt, um Spezifika in ihren Lebensentwürfen und Orientierungen herauszuarbeiten.
5. Zusammenfassung und Ausblick: Der abschließende Teil fasst die zentralen Erkenntnisse zusammen und diskutiert die Bedeutung religiöser Identität und deren Ausübung im Alltag.
Schlüsselwörter
Junge Muslime, Werteorientierung, Narrative Methode, Identitätsbildung, Islam, Bikulturelle Identität, Integration, Lebensentwurf, Religion, Erziehung, Migration, Marokkanischer Hintergrund, Geschlechtsbezogene Werte, Bildungsbiographie, Gesellschaft.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Werteorientierungen von jungen Muslimen mit marokkanischem Hintergrund in Deutschland und wie diese ihre Identität im Alltag ausleben.
Was sind die zentralen Themenfelder der Studie?
Die Schwerpunkte liegen auf dem Einfluss der Familie, dem Bildungsweg, der Rolle der Religion und der allgemeinen Identitätsbildung innerhalb einer bikulturellen Umgebung.
Welches primäre Ziel verfolgt die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, beispielhaft zu ermitteln, welche Werte diese jungen Menschen leiten, welche biographischen Verläufe hinsichtlich ihrer Religion bestehen und in welcher Intensität diese ihre Lebensentwürfe prägen.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Der Autor nutzt narrative Interviews nach Fritz Schütze, um tiefgreifende Einblicke in die persönlichen Erzählungen und Alltagstheorien der Interviewpartner zu gewinnen.
Was wird im inhaltlichen Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine detaillierte Analyse der Interviews von Nadja und Ibrahim, gefolgt von einer Kontrastierung beider Fälle, um Gemeinsamkeiten und Unterschiede hervorzuheben.
Welche Schlagworte charakterisieren das Werk?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Identität, Migration, Islamische Lebensführung, Bildungsaspirationen und Integration in die Mehrheitsgesellschaft.
Wie unterscheidet sich Nadjas Einstellung zu ihrer Identität von der ihres Umfelds?
Nadja begreift das Kopftuch als Ausdruck von Freiheit und Selbstbewusstsein, womit sie sich bewusst von traditionellen Rollenbildern distanziert und eine moderne, selbstbestimmte islamische Lebensweise anstrebt.
Was ist das zentrale Merkmal von Ibrahims religiöser Wende?
Ibrahim beschreibt eine bewusste Hinwendung zum Islam in seinem Erwachsenenalter, welche durch eine Beziehung initiiert wurde und heute als sein zentraler, ordnender Lebensentwurf fungiert.
- Citation du texte
- Abdussalam Meziani (Auteur), 2011, Geschlechtsbezogene Werteorientierungen junger Muslime in Deutschland - Eine empirische Untersuchung von jungen Muslimen mit marokkanisch stämmigem Hintergrund, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/192174