Eine überalterte und zugleich unterjüngte Gesellschaft stellt hohe Anforderungen an ein Altenpflegesystem. Aufgrund der gesellschaftlichen Entwicklungstendenzen kann informal care zunehmend als wichtiges Standbein einer funktionierenden Altenpflege betrachtet werden. Die vorliegende Arbeit hat das Ziel, einen thematisch breiten Einblick in die Forschungsaktivitäten des Themenbereiches um formal und informal care, insbesondere bezüglich deren Beziehung zueinander, zu geben. Die Analyseergebnisse zeigen, dass zwischen ihnen sowohl Substitutions- als auch Ergänzungsbeziehungen bestehen. Informal care ist im Falle geringer Pflegeansprüche ein effektiver Ersatz für formal care Leistungen. Informal care von Pflegebedürftigen wird zumeist von deren unverheirateten Kindern, die geringe Opportunitätskosten haben, geleistet. Die Entscheidung für die Übernahme von informal care Aufgaben wird von rationalen und irrationalen Aspekten determiniert. Der Einsatz von informal care reduziert die staatlichen Ausgaben für formal care durch die Reduktion ihrer Inanspruchnahme. Existierende Forschungsergebnisse in Kombination mit aktuellen, sozialen Entwicklungstendenzen implizieren politischen Handlungsbedarf, zu dem beispielsweise die gezielte Förderung und Motivation von Pflege durch Angehörige oder auch der Ausbau des professionellen Altenpflegeangebots gehören.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
1.1 Themengrundlage
1.2 Problem- und Zielstellung
1.3 Forschungsfragen
1.4 Aufbau der Arbeit
1.5 Methodische Vorgehensweise
2 Definitorische Grundlage
2.1 Formal Care
2.2 Informal Care
3 Situation in Deutschland
4 Die Beziehung zwischen formal und informal care
4.1 Ersatzbeziehungen
4.2 Erganzungsbeziehungen
4.3 Komplexitat der Beziehung
4.4 Europaische Unterschiede
5 Charakteristika pflegender Angehoriger
5.1 Kennzeichnende Eigenschaften
5.2 Pflegebereitschaft
6 Implikationen fur die Politik
7 Fazit
A Merkmale der deutschen Pflegestatistik im Zeitverlauf
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit analysiert den Forschungsstand zur Interaktion zwischen professioneller Altenpflege (formal care) und informeller Pflege durch Angehörige (informal care), um deren Substitutions- und Ergänzungsverhältnisse sowie die Motivationen und Charakteristika pflegender Angehöriger zu beleuchten.
- Grundlagen und Definitionen von formal und informal care.
- Analyse der Substitutions- und Ergänzungsbeziehungen zwischen beiden Pflegeformen.
- Untersuchung der Charakteristika und Motivationen pflegender Angehöriger.
- Betrachtung der europäischen Unterschiede im Pflegeverhalten.
- Ableitung politischer Implikationen für die Altenpflege.
Auszug aus dem Buch
4.1 Ersatzbeziehungen
Eine Sichtweise auf die möglichen Auswirkungen von informal care auf formal care ist, dass die Pflege durch Angehörige die professionelle Altenpflege durch Fachpersonal ersetzen kann. Diese Annahme muss jedoch differenziert werden, da sie nicht allgemein für jeden beliebigen Fall gilt. Das größte Problem bei der Analyse des Zusammenhangs zwischen informal und formal care ist häufig das vorliegen von Endogenität zwischen den unabhängigen, erklärenden Variablen und dem Störter. Dies muss möglichst eliminiert werden, um eine nicht verzerrte, konsistente und damit brauchbare Schätzung zu erzielen. Studien, welche mögliche Endogenitäten nicht unbeachtet lassen, sondern sie in ihren Modellen versuchen zu eliminieren, schließen zumeist auf eine Substitutionsbeziehung zwischen formal und informal care ([VaNo04], S. 1161).
Die sehr häufig zitierte Publikation von Van Houtven und Norton erforscht den Einfluss von informal auf formal care. Ihre empirische Studie basiert auf insgesamt 6829 selektierten Beobachtungen der Asset and Health Dynamics Among the Oldest-Old (AHEAD) Panel Untersuchung von 1995, weitergeführt und ergänzt um Datensätze der Health and Retirement Survey (HRS) von 1998. Unter Benutzung von Instrumentalvariablen, um mögliche Endogenität auszuschließen, konnte festgestellt werden, dass informal care die professionelle Altenpflege in drei Bereichen ersetzen kann: ambulante, häusliche Pflege, Pflege in Heimen und die Pflege nach ambulanten Operationen ([VaNo04], S. 1177). Beispielsweise führt eine Erhöhung der monatlich geleisteten Pflegestunden durch Angehörige um 10% zu einer um 0,87% reduzierten Wahrscheinlichkeit, häusliche, ambulante Pflege wahrzunehmen. Ebenso reduziert sich die Anzahl der in Pflegeheimen verbrachten Nächte um 2 (bei einem Durchschnitt von 25 Nächten) ([VaNo04], S. 1173). Demzufolge senkt das Vorhandensein von informal care den Gebrauch von formal care und verzögert zugleich die Inanspruchnahme von stationärer Pflege, indem sie die mögliche Aufnahme in ein Pflegeheim aufschiebt.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung führt in den demografischen Wandel ein und definiert die zentrale Forschungsfrage zur Beziehung zwischen formaler und informeller Altenpflege.
2 Definitorische Grundlage: Hier werden die Begriffe formal care und informal care inhaltlich voneinander abgegrenzt.
3 Situation in Deutschland: Dieses Kapitel liefert einen Überblick über die aktuelle Pflegestatistik in Deutschland und die Relevanz der häuslichen Pflege.
4 Die Beziehung zwischen formal und informal care: Der Hauptteil analysiert empirische Studien zu Substitutions- und Ergänzungsbeziehungen sowie regionale Unterschiede innerhalb Europas.
5 Charakteristika pflegender Angehoriger: Untersuchung der sozioökonomischen Merkmale und persönlichen Motivationen der pflegenden Angehörigen.
6 Implikationen fur die Politik: Ableitung von Handlungsempfehlungen für die Gesundheitspolitik zur Förderung und Entlastung pflegender Angehöriger.
7 Fazit: Zusammenfassung der Ergebnisse und Ausblick auf zukünftigen Forschungsbedarf.
Schlüsselwörter
Altenpflege, formal care, informal care, Pflege durch Angehörige, Substitutionsbeziehung, Ergänzungsbeziehung, Pflegestatistik, Opportunitätskosten, Pflegemarkt, demografischer Wandel, Gesundheitspolitik, Pflegeversicherung, Pflegebereitschaft, Langzeitpflege.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Seminararbeit grundlegend?
Die Arbeit beschäftigt sich mit dem Spannungsfeld und der Interaktion zwischen professioneller Altenpflege (formal care) und der häuslichen Pflege durch Angehörige (informal care).
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Im Fokus stehen die Substituierbarkeit der Pflegeformen, die Charakteristika der Pflegenden sowie die sozioökonomischen Auswirkungen und politischen Implikationen.
Was ist das primäre Ziel der Analyse?
Ziel ist es, einen Überblick über den aktuellen Forschungsstand zu geben, um ein besseres Verständnis für den Wert der informellen Pflege zu schaffen und Voraussetzungen für deren Förderung zu eruieren.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Arbeit basiert auf einer Literaturanalyse aktueller Forschungspublikationen sowie einer theoriebasierten Exploration der vorhandenen Ergebnisse.
Welche Themen werden im Hauptteil vertieft?
Der Hauptteil behandelt die statistische Situation in Deutschland, analysiert empirisch die Substitutions- und Ergänzungsbeziehungen und untersucht, welche Faktoren die Bereitschaft zur Übernahme von Pflegeaufgaben beeinflussen.
Was charakterisiert die Forschungsarbeit?
Die Arbeit zeichnet sich durch die Verknüpfung ökonomischer Kriterien wie Opportunitätskosten mit soziologischen Aspekten der Pflegebereitschaft und europäischer Vergleichsstudien aus.
Welche Rolle spielen Opportunitätskosten bei der Pflegeentscheidung?
Hohe Opportunitätskosten, insbesondere durch ein festes Beschäftigungsverhältnis, reduzieren tendenziell die Wahrscheinlichkeit, dass Kinder die Pflege ihrer Eltern übernehmen.
Warum wird im Fazit ein politischer Handlungsbedarf betont?
Aufgrund des demografischen Wandels und des drohenden Mangels an pflegenden Angehörigen ist eine gezielte politische Förderung, etwa durch bessere Vergütung oder Entlastungsprogramme, notwendig.
- Arbeit zitieren
- Peggy Werner (Autor:in), 2010, Wer pflegt wen wann und wo? Die Beziehung zwischen formal und informal care, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/192349