Mit dem Aufstieg der Nationalsozialisten in Deutschland begann eine Verfolgungswelle, welche letztlich im schrecklichen und historisch einzigartigen Ereignis des Holocaust mündete. Diese Verfolgungen und später gezielten Massentötungen führten dazu, dass große Flüchtlingsströme entstanden, welche in anderen Nationen Zuflucht suchten. Anfangs strömten die Flüchtlinge – oftmals Juden – aus dem Deutschen Reich selbst, dann aus „angeschlossenen“ Gebieten, wie etwa Österreich, und im Zweiten Weltkrieg von den einzelnen Fronten, speziell der Ostfront, Hilfe suchend in andere Staaten. Dies konnten sowohl angrenzende Staaten des Deutschen Reiches, andere europäische Nationen oder gar Länder auf anderen Kontinenten sein. Die Frage um die Aufnahme der Flüchtlinge stellte sich also weltweit und jedes der betroffenen Länder sah sich vor eine Belastungsprobe gestellt.
Eine besondere Stellung unter diesen betroffenen Ländern nahm die Schweiz ein. Seit langem bekannt für ihre humanitäre Tradition und geographisch für viele Fliehende relativ günstig gelegen, sah sie sich schnell mit den Flüchtlingen konfrontiert und musste eine eigene Politik gegenüber diesen entwickeln. Diese Flüchtlingspolitik soll in der vorliegenden Hausarbeit thematisiert werden. Es soll veranschaulicht werden, welche Faktoren bei der Aufnahme oder Abweisung von Flüchtlingen eine Rolle spielten. Dabei geht es vor allem um eine Bewertung der Bedeutung fremdenfeindlicher und antisemitischer Einflüsse. Wie offen war die Schweiz für Menschen, die vor dem NS-Regime flüchteten? Wurde die damalige Flüchtlingspolitik der Schweiz durch antisemitische Tendenzen beeinflusst? Gab es auch rationale Faktoren, welche die Schweiz zu ihrer Haltung berechtigten? Handelten andere Staaten besser als die Eidgenossenschaft?
Dabei wird der Blick zuerst auf die damalige politische Situation der Schweiz und das historische Umfeld gerichtet, um ein Grundverständnis für den weiteren Argumentationsgang zu schaffen. Anschließend werden die fremdenfeindlichen und antisemitischen Tendenzen in der Schweiz näher beleuchtet, um ein Verständnis dafür zu schaffen, inwiefern solches Gedankengut in der Schweiz überhaupt vorhanden war. Dabei wird zuerst die Schweizer Bevölkerung, danach die politischen Entscheidungsträger näher beleuchtet.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Historisches Umfeld
3. Antisemitische Schweiz ?
3.1 Bevölkerung
3.2 Politische Entscheidungsträger und Institutionen
4. Die Flüchtlinge
4.1 Ausmaße der Flüchtlingswellen
4.2 Aufenthaltsbedingungen für Flüchtlinge in der Schweiz
4.3 Finanzierung der Flüchtlingspolitik
5. Ausnahme oder Normalfall?
5.1 Schweizer Hilfsaktionen
5.2 Flüchtlingspolitik anderer Nationen
6. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die schweizerische Flüchtlingspolitik zur Zeit des Nationalsozialismus, um zu bewerten, inwieweit diese durch antisemitische oder fremdenfeindliche Tendenzen geprägt war oder ob andere, rationale Faktoren für das Handeln der Eidgenossenschaft ausschlaggebend waren.
- Historische wirtschaftliche und politische Rahmenbedingungen der Schweiz.
- Analyse antisemitischer Strömungen in Bevölkerung und Entscheidungsebene.
- Quantitative und qualitative Betrachtung der Flüchtlingsströme und Aufenthaltsbedingungen.
- Bewertung der Flüchtlingspolitik im internationalen Vergleich.
- Untersuchung individueller Hilfsaktionen versus restriktiver Behördenpolitik.
Auszug aus dem Buch
3.1 Bevölkerung
Wie bereits erwähnt, hatten rechtsextremistische politische Parteien in der Schweiz in den 1930er und -40er Jahren kaum politische Macht. So scheiterte bereits 1935 eine von rechtsradikalen Parteien eingebrachte Volksabstimmung, welche die Totalrevision der Bundesverfassung als Ziel hatte. Konkret hätte dies bedeutet, dass sich die Schweiz eine neue, am „Führerprinzip“ angelehnte Verfassung gegeben hätte. Es stimmten lediglich 28% für den Antrag. Maissen sieht den deutlichen Misserfolg vor allem darin, dass die Blut-und-Boden Politik der Nazis im völligen Gegensatz zum Schweizer Föderalismus stand. Ebenso wenig erfolgreich agierte die größte rechtsradikale Gruppierung „Nationale Bewegung“, welche am 18.11.1940 verboten wurde. Letztlich gab es ab dem 10.06.1941 keine legalen rechtsradikalen Organisationen mehr in der Schweiz. Auch scheiterte die Gründung einer Schweizer SS, lediglich einige Hundert Schweizer traten der deutschen (Waffen-)SS bei.
Aus diesen Ereignissen abzuleiten, dass antisemitische und fremdenfeindliche Tendenzen in der Schweiz kaum vorhanden waren wäre jedoch zu einfach. Denn wie Bourgeois belegt, war die Zugehörigkeit zur „Jüdischen Rasse“ schon lange vor dem Ersten Weltkrieg und damit lange vor der nationalsozialistischen Herrschaft ein Auslesekriterium bei der Vergabe von Visa. Maissen bewertet dies ebenso und merkt zusätzlich an, dass vor allem Juden aus Osteuropa und dem Balkan sich mit massiven Vorurteilen konfrontiert sahen, so galten sie z.B. als nicht assimilierbar in die Schweizer Gesellschaft. Weiterhin sieht Maissen fließende Übergänge zwischen einem tradierten katholischen Antijudaismus und einem konfessionsunabhängigen, eher politischen Antisemitismus. Während in der Bevölkerung typische Vorurteile dominierten, argumentierten Behörden eher auf einer kulturellen Ebene und Übernahmen teilweise gar das nationalsozialistische Vokabular, indem sie etwa bei Passkontrollen einen „Arier-Ausweis“ verlangten. Maissen sieht dieses Gedankengut auch im Zusammenhang mit der zunehmenden Betonung des Nationalen in der Schweiz, welche durch die wahrgenommene Bedrohung durch Deutschland deutlichen Aufwind erhielt.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die historische Problematik der Flüchtlingsaufnahme während des NS-Regimes und Darlegung des Forschungsansatzes.
2. Historisches Umfeld: Analyse der wirtschaftlichen Abhängigkeit der Schweiz und ihrer diplomatischen sowie politischen Stellung zu den Achsenmächten.
3. Antisemitische Schweiz ?: Untersuchung antisemitischer Strömungen in der Bevölkerung sowie bei politischen Entscheidungsträgern und Institutionen.
4. Die Flüchtlinge: Analyse der Flüchtlingszahlen, der schwierigen Aufenthaltsbedingungen in Lagern und der Finanzierungsfragen der Flüchtlingspolitik.
5. Ausnahme oder Normalfall?: Gegenüberstellung von individuellen Schweizer Hilfsaktionen und der Flüchtlingspolitik im internationalen Vergleich.
6. Fazit: Zusammenfassende Bewertung der Flüchtlingspolitik als komplexes Zusammenspiel von Ängsten, Vorurteilen und politischen Zwängen.
Schlüsselwörter
Schweiz, Flüchtlingspolitik, Nationalsozialismus, Zweiter Weltkrieg, Antisemitismus, Fremdenfeindlichkeit, Flüchtlinge, Holocaust, Bergier-Bericht, Asyl, Rückweisungen, Neutralität, Humanitäre Tradition, Ausgrenzung, Historische Analyse
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert kritisch die schweizerische Flüchtlingspolitik zwischen 1933 und 1945 und hinterfragt das Spannungsfeld zwischen humanitärer Tradition und restriktiver Abschottung.
Welche zentralen Themenfelder stehen im Mittelpunkt der Untersuchung?
Zentrale Aspekte sind der Einfluss antisemitischer Tendenzen, die wirtschaftlichen Abhängigkeiten der Schweiz sowie die Auswirkungen nationalsozialistischer Ideologie auf die staatliche Verwaltung.
Was ist die zentrale Forschungsfrage der Arbeit?
Die Arbeit untersucht, ob die Abweisung von Flüchtlingen als begründete Vorsicht oder als Ergebnis eines Antisemitismus gewertet werden kann, der die schweizerische Politik prägte.
Welche wissenschaftliche Methode wird zur Erkenntnisgewinnung genutzt?
Es handelt sich um eine historische Analyse, die auf einer fundierten Auswertung relevanter Forschungsliteratur, zeitgenössischer Dokumente und der Debatten um den sogenannten „Bergier-Bericht“ basiert.
Was wird im inhaltlichen Hauptteil der Publikation behandelt?
Der Hauptteil beleuchtet detailliert das historische Umfeld, die Verbreitung antisemitischer Ansichten, die konkrete Situation der Flüchtlinge in Auffanglagern und deren Finanzierung.
Welche Schlagworte charakterisieren die Arbeit am besten?
Kernbegriffe sind Flüchtlingspolitik, Antisemitismus, Nationalsozialismus, humanitäre Tradition, Asylrecht und der internationale Vergleich der Neutralitätspolitik.
Wie bewertet der Autor die Rolle von Entscheidungsträgern wie Heinrich Rothmund?
Rothmund wird als Schlüsselfigur der schweizerischen Ausländerpolitik identifiziert, deren persönliche antisemitische Ansichten maßgeblich zur restriktiven Flüchtlingspolitik beigetragen haben.
Was ist das Fazit zur Einordnung der Schweizer Flüchtlingspolitik im internationalen Kontext?
Die Schweiz stellt im internationalen Vergleich keine Sonderrolle dar; ihr Versagen bei der Flüchtlingsaufnahme wird in den Kontext eines globalen kollektiven Versagens der Weltgemeinschaft gestellt.
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- B.A. Christian Rödig (Author), 2011, Begründete Vorsicht oder Antisemitismus, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/192389