Keine Vernunft ohne Emotionen: Die emotionelle Basis der menschlichen Kultur


Masterarbeit, 2012
102 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung
I Zur Skizzierung des Grundproblems
II Eine kleine Theoriegeschichte
III Der Lösungsansatz
IV Die Vorgehensweise

Teil I: Terminologische Präzisierungen

1 Sprache

2 Bewusstsein und Denken

3 Handlungsmotive

4 Emotionen und Gefühle

Tei l II: Irrwege des Verstehens

5 Tomasellos “Error“ - Die Annahme einer angeborenen Wir-Intentionalität
5.1 Die Entwicklung von Wittgensteins Bedeutungstheorie
5.2 Zur Möglichkeit vorreflexiv-nonverbaler Erfahrungen
5.3 Die Notwendigkeit eines zweidimensionalen Verständnisses von Bewusstsein

6 Damasios “Error“ - Spiegelneurone als biologischer Ursprung innerer Repräsentationen
6.1 Der spiegelnde Mensch
6.2 Zwischenkonklusion

Teil III: Wege des Verstehens

7 Vygotskijs kompetente Säuglinge
7.1 Pionierarbeit in der Säuglingsforschung
7.2 Vygotskijs Beitrag für die Moderne
7.3 Über Vygotskij hinaus

8 Holodynskis Modell der Sprachentwicklung - Die Entwicklung von Ausdruckszeichen und ihre Bedeutung für das Verständnis anderer
8.1 Holodynskis Internalisierungsmodell
8.1.1 Der Ausgangszustand des subjektiven emotionalen Erlebens
8.1.2 Der entwickelte Zustand des subjektiven emotionalen Erlebens
8.2 Der Stoff, aus dem die Emotionen sind
8.3 Zur Möglichkeit eines vorreflexive Verständnisses anderer durch nonverbale Interaktion
8.3.1 Semiotische Ausdrucksreaktionen
8.3.2 Die vorreflexive Interaktion vermittels Ausdruckszeichen in der kindlichen Ontogenese
8.4 Der Einfluss des vorreflexiven Verständnisses anderer auf die reflexive Bewusstseinsebene
8.4.1 Gefühle als reflektierte Emotionen
8.4.2 Zur Möglichkeit, Gefühle zu umgehen
8.5 Der Einfluss der Kultur auf das Gefühl
8.5.1Vorschlag für eine erweiterte Gefühlsdefinition
8.5.1.1 Nähere Bestimmung der Gefühle als reflektierte Emotionen
8.5.2 Die kulturelle Formung der Gefühle als Grundlage ihrer Versprachlichung
8.6 Die Verbalisierung der Gefühle auf Basis ihrer kulturellen Formung
8.6.1 Der Berührungspunkt des sprechenden Gefühls und des stummen Verständnisses
8.7 Über Holodynski hinaus

9 Die Beziehung des Gedankens zum Wort
9.1 Handlungswissen als Bedingung des vorreflexiven Verständnisses anderer
9.2 Die Bedeutung der gemeinsamen Aufmerksamkeit für das Handlungswissen
9.3 Die Bedeutung der gemeinsamen Hintergründen für die gemeinsame Aufmerksamkeit

10 Menschen lesen Körper - nicht Gedanken

11 Das Hirn als Antizipationsorgan
11.1 Die neuronale Bühne des vorreflexiven Verständnisses
11.2 Spiegelneurone als die Bretter dieser Bühne

Abschlussbetrachtungen

Literaturverzeichnis

„The eyes have one language everywhere.” - George Herbert Mead

Einleitung

I Zur Skizzierung des Grundproblems

„Um so leichter ertragen wir das, was uns umgibt, als wir es mit einem Namen versehen und … es dabei bewenden lassen. Aber einen Gegenstand mittels einer Definition erfassen, so willkürlich diese auch sein mag - und je willkürlicher sie ist, um so bedenklicher wird sie sein, weil dann nämlich die Seele der Erkenntnis vorauseilt - hieße diesen Gegenstand schal und überflüssig machen, hieße ihn vernichten.“

- Emil M. Cioran

Wie kommt es, dass beim alltäglichen Sprechen über private emotionale Erlebnisse mit einer gewissen Grundsicherheit angenommen werden kann, dass man sich einander versteht, obwohl Philosophen und Naturwissenschaftler zugleich größte Schwierigkeiten haben, Emotionen zu definieren und zu verstehen, inwieweit intrapersonale Empfindungen mit den sich auf diese beziehenden interpersonal wahrnehmbaren Wortäußerungen verbunden sind? Diese Sicherheit ist umso erstaunlicher, als dass sie sich mit einem relativ begrenzten Vokabular begnügt. Die mögliche Asynchronität, zwischen dem subjektiv reichhaltig empfundenen emotionalen Erleben und den im Vergleich dazu dürftigen Möglichkeiten einer begrifflichen Darstellung dieses Erlebens, umreißt das Grundproblem, welches innerhalb dieser Untersuchung kritisch beleuchtet wird.

Ein solcher Unmut über die “Unfähigkeit der Sprache zur korrekten Abbildung der inneren Gefühlswelt“ ist ein seit dem Aufkommen der Schriftlichkeit in Dichtung und Philosophie gleichermaßen verhandeltes Phänomen. Genauso wie Platon das Unterfangen der schreibenden Dichter gegenüber den Sängern missbilligt „etwas außerhalb des Geistes zu stellen, was in Wirklichkeit innerhalb des Geistes liegt“ (Schrott (2011), 386), moniert auch der junge Werther Goethes:

[Ich müsste Wort für Wort wiederholen], um dir die reine Neigung, die Liebe und Treue dieses Menschen anschaulich zu machen. Ja, ich müsste, um die Gabe des größten Dichters besitzen, um dir zugleich den Ausdruck seiner Gebärden, die Harmonie seiner Stimme, das heimliche Feuer seiner Blicke lebendig darstellen zu können. Nein, es sprechen keine Worte die Zartheit aus, die in seinem ganzen Wesen und Ausdruck war; es ist alles plump, was ich wieder vorbringen könnte (Goethe (2007), 19f).

Ähnlich drastisch drücken sich Sprachskeptiker während des Fin de siècle aus:

Mein Fall ist in Kürze dieser: Es ist mir völlig die Fähigkeit abhanden gekommen, über irgend etwas zusammenhängend zu denken oder zu sprechen. [...] Ich empfand ein unerklärliches Unbehagen, die Worte 'Geist', 'Seele' oder 'Körper' nur auszusprechen [denn] die abstrakten Worte, deren sich doch die Zunge naturgemäß bedienen muß, um irgendwelches Urteil an den Tag zu geben, zerfielen mir im Munde wie modrige Pilze (Hofmannsthal (1991), hier: 48f).

Diese Beispiele einer Asynchronität zwischen inneren Empfindungen und deren sprachlichen Korrelaten erscheinen jedoch nur auf den ersten Blick problematisch.

Wenn Goethes Werther eindringlich schildert, wie unbeschreiblich der »Ausdruck seiner Gebärden, die Harmonie seiner Stimme, das heimliche Feuer seiner Blicke« wären oder aber Hofmannsthals Lord Chandos sein Unbehagen über seine eingeschränkte sprachliche Artikulierungsfähigkeit paradoxerweise in die blumigsten Metaphern über »im Munde zerfallende modrige Pilze« kleidet, beweisen die Autoren gerade eindringlich, wie mit Worten oder auch dem Auslassen derselben ein Verständnis des jeweils Beschriebenen im Leser geweckt werden kann.

Wirkliches Gewicht hat die Möglichkeit dieser Asynchronität erst in den letzten Jahrzehnten erlangt, da sie für die Naturwissenschaften, welche über Emotionen forschen, von entscheidender Bedeutung ist. Im Grunde schwebt nämlich, von den Neurowissenschaften bis zur Psychologie über allen empirischen Aussagen über Emotionen das Damoklesschwert der Verlässlichkeit der sprachlichen Selbsteinschätzungen von Probanden bezüglich ihrer intrapersonalen emotionalen Empfindungen. Die Aussagekraft jedes systematisch entwickelten Fragebogens und jeder durch bildgebende Verfahren gewonnenen Darstellung von Hirnaktivitäten über die subjektiven Empfindungen des Probanden hängt letztlich von der Interpretation dessen ab, was dieser in Korrelation zu den jeweiligen Messungen aussagt.

Das Problem, dass die Übersetzung mentaler Zustände in Sprache eine nicht zu verachtende Abstraktionsleistung des Probanden darstellt, deren Ergebnis keinen wissenschaftlich aussagekräftigen objektiven Zugang zum emotionalen Erleben des Subjekts darstellt, wird von der Forschung meist großzügig übergangen. Genau hierin, so die These der vorliegenden Ausarbeitung, lässt sich jedoch die Achillesferse der modernen Emotionsforschung feststellen.

Dessen ungeachtet, beanspruchen z. B. Neurowissenschaftler anhand immer genaueren Beobachtungsmöglichkeiten für sich, menschliches Bewusstsein und Subjektivität naturalisieren (neurophsyiologisch erklären) zu können (vgl. Fuchs (2008), 16). Doch wenn ein Hirnforscher seinen Probanden fragt: »Haben sie gerade Angst?«, ist er vollends auf die Zuverlässigkeit von dessen Aussagen angewiesen. Natürlich glaubt jedes Subjekt intuitiv, sich über seine eigenen Gefühle und Gedanken im Klaren zu sein und am ehesten dazu kompetent, über dieselben Auskünfte erteilen zu können. Diese Sicherheit des Subjekts, ist aber rein subjektiv und muss nicht zwangsweise mit den objektiven Messungen des Forschers übereinstimmen. Was ein Proband mit Worten wie »starker Schmerz« oder »Wut« verbindet, beruht vielmehr auf seiner Lebensgeschichte und seinen Erfahrungen.

Auf eine solche Hintergrundgeschichte kann ein empirischer Forscher aber unmöglich eingehen. Darum ist es gerade das Zustandekommen dieser höchst prozesshaften und objektiv nicht messbaren Bedeutung von Worten, die im Folgenden untersucht werden soll.

Für dieses Unterfangen lässt sich eine der Grundannahmen des späten Wittgenstein stark machen, der nach, dass Subjekt die Bedeutung von Worten in intersubjektiven Sprachspielen erlernt. Gegen die Möglichkeit eines privaten Erlebnisses, welches eine Person zwar für sich benennen, aber nicht interpersonal vermitteln könne, spricht dabei sein Privatsprachenargument (vgl. Wittgenstein (2006a), § 258). Es wendet dagegen ein, dass ein Kriterium für die Richtigkeit der Verwendung eines Wortes nicht dem einzelnen Subjekt gegeben sein kann, welches dann eine Sprache quasi für sich allein erfinden könnte, sondern nur innerhalb des intersubjektiven Umgangs mit anderen Menschen, die zusammen eine Sprache verwenden und den Sprachgebrauch korrigierend überwachen.

Einige neuere Theorien empirischer Forscher bedenken zwar mittlerweile die Möglichkeit, dass „Emotionswörter letztlich doch nur Etiketten für tatsächlich empfundene Dinge sind“ (Schrott (2011), 106; vgl. Wolf (2011)). Doch auch diese das Problem simplifizierende Annahme, resultiert nur in der abermaligen Suche nach Korrelationen subjektiver Auskünfte mit äußerlich messbaren Parametern wie Reaktionszeiten, körperlichen Stressanzeichen und Hirnströmen (vgl. Schrott (2011), 107; Wolf (2011), hier: 24f). Dabei wird jedoch schnell vergessen, dass Menschen nicht bloße Agenten ihrer Gene, Hormone und Neuronen sind, sondern Personen mit Gründen und Motiven (vgl. Fuchs (2008), 17).

Im Folgenden wird daher die These vertreten, dass es erst durch das Einbeziehen der handlungssteuernden Motive eines Menschen und deren intersubjektiv-kulturellen Formung möglich wird, zu plausibilisieren, warum innere Vorgänge äußerer Kriterien bedürfen, wie es Wittgenstein ausdrückt (vgl. Wittgenstein (2006a), § 580). Diese inneren Vorgänge als das emotionale Erleben des Subjekts, werden im Laufe der Studie als durch eine bereits auf einer vorsprachlichen Ebene der Ontogenese ansetzende, zwischenmenschliche Interaktion grundlegend strukturiert herausgearbeitet. Die dem subjektiven Erleben somit prinzipiell inhärente Intersubjektivität ist, so die These der vorliegenden Untersuchung, die Bedingung des Verständnisses anderer[1] und der damit einhergehenden Möglichkeit des allgemeinverständlichen Sprechens über Emotionen.

II Eine kleine Theoriegeschichte

Das Phänomen der Emotionen entzog sich lange Zeit dem Interesse der Philosophie und der empirischen Forschung. Seit der Antike beschränkte sich das theoretische Interesse an Emotionen als »Krankheiten der Seele«, zumeist auf Möglichkeiten ihrer Kontrolle und der Notwendigkeit ihrer Unterdrückung. So wurden Emotionen bis in das Zeitalter der Aufklärung hinein praktisch nie Gegenstand einer objektiven Theoriebildung (vgl. Landweer (2008), hier: 6). Erst im 17. Jahrhundert änderte sich dieser Zustand und ebnete damit den Weg dafür, die Vernunft - jene den Menschen als vor den Tieren auszeichnende Gegenspielerin der Emotionen - als selbst von emotionalen oder vorreflexiven Prozessen beeinflusst zu denken.

Vielleicht als ein Vorreiter dieser Denkbewegung, beschreibt Kant in seiner Anthropologie in pragmatischer Hinsicht (1833) als einer der ersten ein Phänomen, welches er zwar sprachlich eloquent benennt, jedoch innerhalb seiner philosophischen Überlegungen als rätselhaft deutet:

Es ist aber merkwürdig: daß das Kind, was schon ziemlich fertig sprechen kann, doch ziemlich spät (vielleicht wohl ein Jahr nachher) erst anfängt durch Ich zu reden, so lange aber von sich in der dritten Person sprach, (Karl will essen, gehen u.s.w.) und daß ihm gleichsam ein Licht aufgegangen zu sein scheint, wenn es den Anfang macht durch Ich zu sprechen; von welchem Tage an es niemals mehr in jene Sprechart zurückkehrt. - Vorher fühlte es bloß sich selbst, jetzt denkt es sich selbst. - Die Erklärung dieses Phänomens möchte dem Anthropologen ziemlich schwer fallen (Kant (1833), 4).[2]

Nur wenig später nennt Kant in einer Randnotiz den Grund für diese Ablehnung einer weiteren Beschäftigung mit dem Thema:

Daß das Feld unserer Sinnesanschauungen und Empfindungen, deren wir uns nicht bewußt sind, ob wir gleich unbezweifelt schließen können, daß wir sie haben, d. i. dunkler Vorstellungen im Menschen (und so auch in Thieren), unermeßlich sei, die klaren dagegen nur unendlich wenige Punkte derselben enthalten, die dem Bewußtsein offen liegen: daß gleichsam auf der großen Karte unseres Gemüths nur wenige Stellen illuminiert sind: kann uns Bewunderung über unser eigenes Wesen einflößen [...]. So ist das Feld dunkler Vorstellungen das größte im Menschen. - Weil es aber diesen nur in seinem passiven Theile als Spiel der Empfindungen wahrnehmen läßt, so gehört die Theorie derselben doch nur zur physiologischen Anthropologie, nicht zur pragmatischen, worauf es hier eigentlich abgesehen ist (ebd., 16f).

Kant ist, befangen in der engstirnigen Sicht seiner Zeit, in welcher die sinnliche Wahrnehmung als bloß passiv verkannt und eine mögliche Bedeutung des Körpers als Medium dieser Wahrnehmungen ignoriert wird, nicht daran interessiert, dieses Problem zu lösen.

Doch was schon hier anklingt, ist die Vorstellung zweier verschiedener Formen des Bewusstseins in Gestalt eines »dunklen« unbewussten Teils und eines »klaren« bewussten Teils. So gleichen bei ihm bereits die klaren Vorstellungen der Vernunft kleinen Inseln, die quasi aus einem “Ozean des Unbewussten“, dem »Feld dunkler Vorstellungen«, herausragen, welche damit den größeren und ursprünglicheren Teil des Wesens des Menschen ausmachen. Auch wenn Kant in diesem Bild noch keine konkreten Relationen zwischen diesen beiden Ebenen festmacht, wie es später Freud und andere nach ihm werden, bereitet seine Unterscheidung dennoch einen gedanklichen Weg in diese Richtung. Denn Kant spricht an späterer Stelle von der Wichtigkeit der für die Verstandestätigkeit notwendigen körperlichen »Sinnlichkeit«:

Verstand, als das Vermögen zu denken (durch Begriffe sich etwas vorzustellen), wird auch das obere Erkenntnisvermögen (zum Unterschiede von der Sinnlichkeit, als der unteren) genannt, darum, weil das Vermögen der Anschauungen (reiner oder empirischer) nur das Einzelne in Gegenständen, dagegen das der Begriffe das Allgemeine der Vorstellung derselben, die Regel, enthält, der das Mannigfaltige der sinnlichen Anschauungen untergeordnet werden muß, um Einheit zur Erkenntnis des Objekts hervorzubringen. - Vornehmer ist also zwar freilich der Verstand als die Sinnlichkeit, mit der sich die verstandlosen Thiere nach eingepflanzten Instincten schon nothdürftig behelfen können, so wie ein Volk ohne Oberhaupt; statt dessen ein Oberhaupt ohne Volk (Verstand ohne Sinnlichkeit) gar nichts vermag. Es ist also zwischen beiden kein Rangstreit, obgleich der eine als Oberer und der andere als Unterer betitelt wird (ebd., 112f).

Die Frage, warum Kant trotz einer solchen Aussage derart abrupt die weitere Betrachtung der soeben in den Stand der Gleichwertigkeit erhobenen Sinnlichkeit abbricht, obwohl diese ja entsprechend für eine Erschließung der menschlichen Vernunft ebenso wichtig zu seien scheint, wie die Erforschung der Vernunftstätigkeit durch die pragmatische Anthropologie, sei an dieser Stelle dahingestellt und der Kantforschung überlassen.

Für die vorliegende Untersuchung interessant ist hierbei jedoch Kants Unterscheidung der vorsprachlichen Fähigkeit des Kleinkindes »sich selbst zu fühlen« (einem vorreflexiven “Selbstgefühl“) von der mit dem Spracherwerb einsetzenden Fähigkeit »sich selbst zu denken« (einem reflexiven “Selbstbewusstsein“). Vorausgesetzt, dass ein reflexives Bewusstsein erst mit dem Erlernen von Sprache sich im Kind entwickelt, wie lässt sich dann ein vorreflexives Erleben des Kleinkindes erklären? Welche Bedeutung hat diese Fähigkeit für die sich später entwickelnden reflexiven Erkenntnisprozesse des Menschen? Diese Fragen sind von entscheidender Bedeutung für das zu bearbeitende Thema.

III Der Lösungsansatz

„Darin läge die Komik des Satzes »ich liebe dich«, wenn man seine Äußerung als Mitteilung verstehen wollte, weil man dann mit ihm prätendieren würde, dem Anderen etwas mitzuteilen, was einem selbst direkt und ihm nur indirekt zugänglich wäre; man hätte eine Verhaltensweise mit einem Bewußtseinszustand verwechselt.“

- Ernst Tugendhat

Ein entscheidendes Indiz für die Beantwortung der ersten Frage, also dafür, wie sich das vorreflexive Empfinden (Selbstgefühl) des Kleinkindes, analog zum reflexiven Wissen des Kindes bezüglich seiner mentalen Zustände (Selbstbewusstsein) theoretisch fassen lässt, liefert eine entwicklungspsychologische Erweiterung des Postulats Wittgensteins, dass innere Vorgänge äußerer Kriterien bedürfen.

Auch das vorreflexive Empfinden des Kleinkindes äußert sich in einem interpersonal wahrnehmbaren Verhalten, welches sich von ihm noch nicht unterdrücken lässt. Bereits Neugeborene schreien bei einer Schmerzempfindung und zucken bei starken Reizveränderungen zusammen (Holodynski (2006), 88ff). Das instinktive sprachliche Reagieren der Bezugspersonen auf dieses nonverbale Verhalten führt (wie noch zu zeigen ist) dazu, dass das Kleinkind schon vor dem Spracherwerb an intersubjektiven Sprachspielen[3] aktiv teilnimmt. Das hat zur Folge, dass bereits sehr früh in der Entwicklung des Menschen konsistente Verknüpfungen zwischen subjektiv-vorreflexiven Empfindungen und äußerlich wahrgenommenen Reizen erfahren werden können, welche schon im Säugling ein rudimentäres vorrational strukturiertes Bewusstsein begründen, auf denen sich dann später die begrifflich strukturierte Kognitionsfähigkeit der menschlichen Vernunft etabliert.

Die zweite Frage danach, welchen Einfluss ein derartiges vorreflexives Erleben auf reflexive Denkvorgänge hat, lässt sich im Anschluss an diese Überlegungen genauer betrachten. Auch wenn Wittgenstein zur Beantwortung der Frage nach der Entstehung des begrifflichen Sprechens über Emotionen keine entwicklungspsychologischen Prämissen hinzuzieht, so liefert schon die Thematisierung dieser Entstehung seinerseits wichtige Hinweise dafür, wieso die vorsprachliche Interaktion mit Kleinkindern innerhalb gewisser Sprachspiele eine Bedingung für die Möglichkeit des späteren Sprechens über psychische Zustände ist.

Wenn Kinder nämlich Wörter wie »Schmerz« nachweislich in intersubjektiven Sprachspielen erlernen, erlangt Wittgensteins Annahme, dass innere Vorgänge äußere Kriterien bedürfen, eine weitere Bedeutungsdimension. Denn dann entwickelt sich Bedeutung von Worten bezüglich subjektiver mentaler Zustände nicht in erster Linie im Subjekt, sondern vielmehr zunächst einmal in der intersubjektiven Interaktion mit anderen.

Zur Explikation dieses zunächst kontraintuitiv erscheinenden Gedankens, welcher dem Eindruck widerspricht, dass nur das Subjekt selbst wissen kann, was genau es mit Worten verbindet, lässt sich das folgende Beispiel Wittgensteins anführen:

[W]ie lernt ein Mensch die Bedeutung der Namen von Empfindungen? [...] Z.B. des Wortes »Schmerz«. Dies ist eine Möglichkeit: Es werden Worte mit dem ursprünglichen, natürlichen Ausdruck der Empfindung verbunden und an dessen Stelle gesetzt. Ein Kind hat sich verletzt, es schreit; und nun sprechen ihm die Erwachsenen zu und bringen ihm Ausrufe und später Sätze bei. Sie lehren das Kind ein neues Schmerzbenehmen. »So sagst du also, daß das Wort ›Schmerz‹ eigentlich das Schreien bedeute?« - Im Gegenteil; der Wortausdruck des Schmerzes ersetzt das Schreien und beschreibt es nicht (Wittgenstein (2006a), § 244).

Zwei Aspekte lassen sich an diesem wichtigen Paragraphen hervorheben, die den in dieser Studie zu beschreitenden Weg illuminieren: Zum einen lässt sich berechtigterweise mit Wittgenstein annehmen, dass der emotionale Ausdruck des Kleinkindes bei seinen Bezugspersonen eine spontane Interaktion mit dem Kind auslöst, welche zum andern mit dem Erwerb von Sprache zur Umwandlung von emotionalen zu sprachlichen Verhalten führt. Die Bedeutung des so entstehenden verbalen Verhaltens des Subjekts ist dabei für dessen Interaktionspartner identisch mit der seiner emotionalen Ausdrucksgebärden, die durch das sprachliche Verhalten ersetzt werden.[4]

In dieser Auffassung subjektiver Selbstzuschreibungen als interpersonal entstandener verbaler Verhaltensweisen anstatt privat entwickelter Erkenntniszustände, besteht eine zentrale Annahme meiner Theorie, die sich auf die Überlegungen Wittgensteins stützt:

Die Selbstzuschreibung »Ich habe Zahnschmerzen« tritt an die Stelle der natürlichen Ausdrücke des Schmerzes und ersetzt ihn; sie ist somit selbst Ausdruck des mentalen Zustandes. In der Verwendung eines Selbstzuschreibungssatzes kommt also der Schmerz zum Ausdruck, nicht eine Erkenntnis. Selbstzuschreibungen sind folglich keine deskriptiven, wahrheitsbewertbaren Äußerungen und als Verhaltensweisen besitzen sie keinen kognitiven Gehalt (Röska-Hardy, (2005), hier: 197f).[5]

Anthropologisch betrachtet, besteht der Vorteil der Tendenz dazu selbstbezügliche Äußerungen als verbalisierte Verhaltensweisen zu gebrauchen offenkundig darin, dass diese im Unterschied zur mimischen und gestischen Kommunikation auch eine Verständigung über zeitlich abwesendes ermöglichen.

Dabei soll im Folgenden die These entwickelt werden, dass bereits durch das auf der Ebene des emotionalen Verhaltens wechselseitig gestiftete » stumme Verständnis « zwischen Menschen auch im sprachlichen (und schriftlichen) Gebrauch ein grundlegendes Verständnis zwischen Menschen garantiert. So muss eine Person beispielsweise nicht jedes Mal den Müll heruntertragen, wenn sie einer anderen Person zeigen möchte, dass sie diese liebt. Der Wortausdruck »Ich liebe dich« ersetzt auch Ausdruckshandlungen wie diese aufgrund ihrer identischen Bedeutung. Würde man dagegen aber annehmen, Aussagen wie »Ich habe Zahnschmerzen« oder »Ich liebe dich« wären Mitteilungen über reflexive Bewusstseinszustände, so hätte man, wie oben bemerkt, Verhaltensweisen mit Bewusstseinszuständen verwechselt:

Laut Wittgenstein führt uns die Oberflächengrammatik von Selbstzuschreibungssätzen in die Irre. Trotz deren prädikativer Form dienen Selbstzuschreibungen nicht dazu, über einen inneren Zustand des Sprechers zu berichten. [...] Wenn Selbstzuschreibungen ein verbaler Ersatz für natürliche Ausdrücke wie Stöhnen oder Kichern sind, macht es keinen Sinn, Gründe oder Rechtfertigungen zu verlangen. Der Ausdruckscharakter von Selbstzuschreibungen würde ebenfalls deren direkten, nicht-inferentiellen Charakter erklären, denn es handelt sich um den unmittelbaren Ausdruck eines mentalen Zustandes in einer Verhaltensweise und nicht um eine gesonderte Erkenntnis (ebd., 198).

Dieser »Ausdruckscharakter« von Selbstzuschreibungen ist im Wesentlichen das Phänomen, welches im Folgenden untersucht werden soll. Durch diesen Charakter, der bereits auf einer vorreflexiven Ebene durch nonverbale Interaktion zwischen Kleinkind und Bezugspersonen ein grundlegendes Verständnis zwischen ihnen sichert, so die Annahme, würde dieses unmittelbare Verständnis, aus welchem sich der Spracherwerb erst ausformt, auch in den Sphären des reflexiven Bewusstseins das Gelingen des verständigen Sprechens über Emotionen garantieren.

IV Die Vorgehensweise

Eine philosophische Studie, die sich thematisch zwischen einer in der Forschung unübersichtlichen Vielzahl von Auffassungen davon bewegt, was eigentlich »Sprache«, »Emotionen« und »Bewusstsein« sind, macht es nötig, einen nicht unwesentlichen Teil derselben darauf zu verwenden, wie diese Begriffe im Folgenden verstanden und gebraucht werden. Dieser Aufgabe widmet sich darum der erste Teil des Buches.

Im zweiten Teil werden dann ausgehend von diesen begrifflichen Eingrenzungen einige Zugangsweisen zum Thema des Sprechens über Emotionen skizziert, in denen die Bedeutung des durch die nonverbale (und auf Seiten des Kindes vorreflexive) Interaktion gestifteten Verständnisses anderer fehlinterpretiert oder gar ignoriert wird und die sich darum in der zu kritisierenden Schaffung von Scheinproblemen erschöpfen.

Dagegen wird im dritten Teil eine Konzeption herausgearbeitet, welche die Bedeutung des vorreflexiven Verständnisses betont. Es wird dafür argumentiert, dass dieses als Bedingung der Möglichkeit des Sprechens über Emotionen zu deuten ist. Das Hauptaugenmerk wird dabei auf dem von Holodynski entwickelten Modell von Emotionen und deren Regulation liegen, sowie auf dem Prozess ihrer Verbalisierung, als einer Weiterentwicklung des Internalisierungsmodells Vygotskijs. Der kritischen Darstellung Holodynskis Theorie folgen im Anschluss noch einige Hinweise, wie sich diese durch Ansätze Tomasellos und Gallaghers vervollständigen lassen und umgekehrt Holodynskis Modell zu einem plausibleren Verständnis des Spiegelneuronensystems für den Menschen führt, als es von Rizzolatti und anderen Entdeckern desselben angeboten wird.

Teil I: Terminologische Präzisierungen

1 Sprache

„Wenn Worte meine Sprache wären.“

- Tim Bendzko

Der erste näher zu betrachtende Begriff der » Sprache «, lässt sich noch relativ unstrittig als ein zwischen Menschen zirkulierendes und in der Gemeinschaft ausgehandelte Bedeutungen transportierendes Kommunikationsmittel grob definieren. Doch schon bei dieser Setzung müssen erste Differenzierungen vorgenommen werden. Betrachtet man nämlich, wie Menschen Sprache gebrauchen und erlernen erkennt man, dass ein Bild zwischenmenschlicher Kommunikationstätigkeit, welches auf rein sprachliche Mittel reduziert ist, nur unvollständig sein kann.

Zur Komplettierung dieses Bildes müssen daher auch die im Gebrauch der Sprache nicht weniger wichtigen nonverbalen Informationskanäle wie Mimik, Gestik, Stimme und Körperhaltung berücksichtigt werden, die es schon dem vorsprachlichen Säugling ermöglichen, Bedeutungen (vorreflexiv) zu vermitteln (vgl. Strobel (2011)). Diese Informationskanäle ermöglichen somit lange vor dem Spracherwerb eine viel grundlegendere Mitteilungsebene zwischen Menschen, die (wie noch zu zeigen ist), das Verstehen anderer im Subjekt bereits vorsprachlich begründen.

Bereits Säuglingen gelingt es, das Verhalten ihrer Bezugspersonen durch anfangs unwillentliche Körperreaktionen zu beeinflussen, indem sie für ihre Bezugspersonen eindeutige Informationen über ihre Bedürfnisse aussenden. Die Verfeinerung dieser Informationsmitteilung vollzieht sich später im Zuge des Erlernens der Sprache, die ebenso in erster Linie dazu dient, das Verhalten anderer zu beeinflussen. Schon Nietzsche hatte erkannt, dass ein Mensch für sich allein eines solchen Mitteilungswerkzeugs nicht bedürfte (vgl. Nietzsche (1999),
§ 354). In diesem Sinne ist dem Kommunikationsbegriff der Verhaltensforscherin Feddersen-Petersen zuzustimmen:

Kommunikation ist ein Prozeß, bei dem ein Individuum, der Sender, das Verhalten eines anderen, des Empfängers, durch das Aussenden von Signalen beeinflußt. Es geht dabei um eine wechselseitige, kontingente (aufeinander abgestimmte) Informationsübertragung zwischen zwei oder mehreren Interaktionspartnern [...] (Feddersen-Petersen (1995), 20).

Um den bei diesem Verständnis jedoch nicht bedachten Unterschied zwischen reflexiver und vorreflexiver Informationsübertragung Rechnung zu tragen, wird im Weiteren eine Unterteilung des Bewusstseins in eine präreflexiv-nonverbale (B1) und eine reflexiv-sprachliche (B2) Ebene vorgenommen. Diese hebt den später noch wichtig werdenden Unterschied zwischen einer sprachlichen Kommunikation und einer vorsprachlichen Interaktion hervor, wobei zu letzterer bereits Säuglinge und diverse Arten von Säugetieren fähig seien dürften.[6]

2 Bewusstsein und Denken

„Erst die Empfindungen dann die Gedanken. Erst die Ferne dann die Schranken.“

- Johann W. v. Goethe

Moderne Bewusstseinstheorien vertreten zumeist die naheliegende These, dass Bewusstseinszustände grundlegend reflexiver Natur und mit »Denkvorgängen« gleichzusetzen sind. Dabei wurde die Fähigkeit zum bewusst-reflexiven Denken von vielen Naturwissenschaftlern, Psychologen und Philosophen, von Vygotskij über Mead bis hin zum frühen Wittgenstein von dem Erlangen der Sprachfähigkeit des Subjekts abhängig gedacht. Das Denken, so nahm man an, sei wesentlich ein »Operieren mit Symbolen«. Daraus würde unweigerlich folgen, dass ohne Sprache im Grunde weder Denkvorgänge, noch Bewusstsein möglich seien. Diesem voreiligen Schluss muss jedoch widersprochen werden, denn:

Menschen können natürlich auch ohne Symbole denken, wenn wir unter »Denken« Wahrnehmen, Erinnern, Kategorisieren und intelligentes Handeln verstehen, wie man es bei anderen Primaten auch findet. Aber die spezifisch menschlichen Formen des Denkens, z. B. diejenigen, die ich vollziehe, wenn ich dieses Argument formuliere [...], leiten sich [vom intersubjektiven Diskurs] ab oder werden vielleicht sogar durch ihn konstituiert (Tomasello (2006), 269f).[7]

Diese implizit von Tomasello vorgenommene Ausdehnung des Verständnisses vom Denken auf eine vorsprachliche (B1) und eine sprachliche Ebene (B2) bietet den Vorteil, eine differenzierte Darstellung der Entwicklung des reflexiven Denkens im Zusammenhang mit der Entwicklung der Sprachfähigkeit des Menschen zu ermöglichen. Das ist vor allem in Debatten nützlich, in denen der bewusste Gebrauch der Sprachfähigkeit des Menschen (B2) als Fundament seines reflexiven Denkens (B2) betont und im gleichen Atemzug mögliche vorsprachliche Grundlagen (B1) dieser kognitiven Fähigkeit ignoriert werden.

Das sprachlich operierende Denken (B2), ist dabei jedoch auch nicht als eine Art Aufbau einer weiter entwickelten reflexiven Bewusstseinsebene auf einer niedrigeren Ebene eines vorsprachlich-vorreflexiven Bewusstseins (B1) zu verstehen, sondern eher als eine kulturell entwickelte Erweiterung einer solchen vorreflexiven Bewusstseinsebene, wobei letztere für sich allein bereits eine grundlegende zwischenmenschliche Verständigung vermittels bereits bedingt bedeutungsvoller körperlicher Interaktionen (B1) ermöglicht, auf die auch im entwickelten Zustand des Bewusstseins (B2) implizit zurückgegriffen wird.

Sprachliche Äußerungen, verstanden als Produkt einer spezifisch menschlichen Fähigkeit mentaler Teilhabe an der Welt (B2), gesellen sich demnach erst nachträglich zu der schon vor dem Aufkommen der Sprache in der menschlichen Ontogenese existierenden Fähigkeit, sich intuitiv nonverbal interagierend auf die Welt zu beziehen (B1).

Zur Stützung dieser These lassen sich Vygotskijs Arbeiten heranziehen, in denen er dafür argumentiert, dass sich die nacheinander entwickelnden Komponenten des Bewusstseins in der Ontogenese des Menschen nicht völlig ersetzen: „Auch [während der Entwicklung des Denkens] trennt sich das Kind, das dabei ist, sich die höchste Form des Denkens - die Begriffe - anzueignen, keineswegs von den elementaren Formen. [...] Selbst der Erwachsene denkt bei weitem nicht immer in Begriffen [...]“ (Vygotskij (1969), 240).

Geht man dagegen jedoch davon aus, dass die menschliche Sprache lediglich eine Weiterentwicklung eines diffusen und nur in niederen Tieren und Kleinkindern anzutreffenden grundlegenden Bewusstseins (B1), hin zu einem reflexiven Bewusstsein (B2) bewirkt, kommt man schnell zu Schlussfolgerungen wie jener des Soziolinguisten Whorf, dass ein die Welt grundlegend strukturierendes Denken nur sprachlich (B2) möglich ist: „It is the grammatical background of our mother tongue, which includes not only our way of constructing propositions but the way we dissect nature and break up the flux of experience into objects and entities to construct propositions about” (Whorf (1956), 239).

Im Folgenden soll zum einen dagegen argumentiert werden, dass das vorsprachliche Kleinkind als sich selbst überlassen und in solch einem völlig »ungeordneten Bewusstseinsstrom der Erfahrung« geworfen gedacht werden kann, da Sprache vom Kleinkind immer in einer interpersonalen Dyade mit erwachsenen Bezugspersonen erlernt wird, woraus sich Konsistenzen im Erleben des Kleinkindes bilden. Zum anderen wird dafür argumentiert werden, dass schon die hirnphysiologische Grundausstattung des Neugeborenen es ihm ermöglicht, die ihn umgebene Welt grundlegend zu kategorisieren und aktiv an ihr zu partizipieren.

Diese beiden Aspekte ermöglichen es bereits dem vorsprachlichen Kleinkind auf einer vorreflexiven Bewusstseinsebene (B1), Erfahrungen im soziokulturellen Raum zu sammeln, die dieses im Zuge des Spracherwerbs mit bestimmten Worten zu verknüpfen lernt.

Während für den ersten Aspekt ausführlich im Holodynski-Kapitel argumentiert wird, ist für die Untersuchung der besagten physiologischen Grundausstattung die Theorie des Neurowissenschaftlers Damasio von entscheidender Bedeutung. Die Wahrnehmungen von Dingen in der Welt, seien es Gesichter, Melodien oder Schlangen und der mit ihnen korrelierenden Körperreaktionen (Emotionen), werden seiner weithin anerkannten Theorie gemäß im Hirn als » somatische Marker « abgespeichert, so dass diese die Aufmerksamkeit des Subjekts auf zuvor erfahrene positive oder negative Erfahrungen lenken können, um die kognitiven Wahlmöglichkeiten für Handlungen automatisch sinnvoll einzuschränken (vgl. Damasio (2006), 237f).[8] Damasio zufolge sind Emotionen also körperlich abgespeicherte Erfahrungen, die sich im Laufe der individuellen Entwicklung im Hirn fest verankern und bestimmten Reizen entsprechende Werte zuordnen. Wie Emotionen im Detail diese Funktion erfüllen können, wird ebenfalls innerhalb des Holodynski-Kapitels Thema sein.

Diese vorreflexiv-somatische Grundlage einer strukturierten Weltwahrnehmung ist jedoch nur schwer nachzuvollziehen, unterlässt man eine Differenzierung des Bewusstseinsbegriffes, wie sie in diesem Kapitel vorgenommenen wurde. Menschliche Kognition zerfällt demnach in ein vorsprachliches vorreflexiv- bewusstes (B1) und ein begrifflich verfasstes reflexiv- bewusstes Bewusstsein (B2).

3 Handlungsmotive

„Du kannst die Leute nicht motivieren wenn sie nicht das Gefühl haben unmittelbar selbst davon betroffen zu sein!“

- Hans Söllner

So gut wie alles vom Menschen Wahrgenommene und Gedachte hat für ihn eine gewisse Bedeutung oder Wertigkeit (Valenz), die er den Dingen der Welt beimisst. Aus diesen Wertungen entwickeln sich im Laufe eines Lebens bestimmte Motive, wie z. B. wiederholt in den Genuss von Eiscreme zu gelangen, da dieses Erlebnis mit einem positiven Wert belegt wurde und somit zukünftige Handlungen motiviert. Wie kommt es aber, dass erst Schulkinder dazu im Stande sind, solche subjektiven Handlungsmotive selbstständig reflexiv zu regulieren?

Dieser Umstand lässt sich erst dann verstehen, wenn Motive nicht als ausschließlich auf reflexiven Bewertungen der Welt (B2) beruhend gedacht werden. Die Fähigkeit des Subjekts, seine Handlungen reflexiv-bewusst zu beeinflussen, ist nur zur Hälfte beschrieben, spart man die auf der vorreflexiven Ebene direkt handlungswirksamen Motive (B1), die nicht vom Subjekt aktiv reguliert werden können, aus der Beschreibung aus. Slaby formuliert eine solche einseitige Sichtweise wie folgt:

Gefühle motivieren vermittels einer in der Erfahrung liegenden verspürten Qualität – etwas fühlt sich gut oder schlecht an und ist deshalb ein angemessenes Ziel handelnder Eingriffe. Motivation durch affektive Zustände ist somit ein Fall rationaler Motivation (Slaby (2006), 76).

Natürlich ist es so, dass die vom Subjekt positiv oder negativ bewerteten emotionalen Erfahrungen die Wahrnehmung und Handlungsregulation des Menschen strukturieren. Warum sollten jedoch »affektive Zustände« als allein »rational« motivierend (B2) gedacht werden? Die Möglichkeit, emotionale Handlungsmotivationen beim Kleinkind als direkt handlungswirksam (da noch nicht rational gesteuert) zu verstehen, wird durch die Verwendung von Allgemeinbegriffen wie »affektiven Zuständen« verschleiert.[9]

Holodynski, der diese Entwicklung der Handlungsregulation in seiner Theorie greifbar macht, definiert dagegen ein „Motiv zunächst nur als einen erwünschten Zustand der Person, den diese bestrebt ist zu erreichen, ohne damit schon eine bestimmte Quelle dieser Motivation oder ihre Bewusstheit oder Willkürlichkeit zu verbinden“ (Holodynski (2006), 41; vgl. Slaby (2006), 96).

In Holodynskis Theorie sind es die Emotionen, die Handlungen im Sinne
Damasios‘ somatischer Marker vorrational steuern und deren reflexive Regulation erst mit einem im Laufe der Ontogenese sich entwickelnden, die Emotionen überwachenden Gefühlssystem gelingt:

Menschliche Tätigkeit lässt sich als eine Folge von Handlungen beschreiben. Eine Handlung ist ein auf ein Ziel ausgerichtetes Verhalten. Das Ergebnis einer Handlung ist bereits zu Beginn als (mehr oder minder) vage Vorstellung repräsentiert, die den Handlungsvollzug ausrichtet. Dabei ist das ausrichtende Potenzial von Zielvorstellungen kein automatisch sich vollziehender Akt. Es entsteht vielmehr in einem langwierigen ontogenetischen Lernprozess, in dem die Erreichung von Zielen durch Handlungen ausprobiert und zunehmend optimiert wird. [...] Bei dieser Optimierung der Zielerreichung und bei der Zielauswahl spielen Emotionen eine wesentliche Rolle. [...] Die Funktion von Emotionen ist es, die eigenen Handlungsziele, -ergebnisse und -folgen [...] einzuschätzen und durch die Initiierung geeigneter Bewältigungshandlungen die Befriedigung der Motive sicherzustellen (Holodynski (2006), 41).

In den Kapiteln 8.4 und 8.5 wird dieser Prozess der Entstehung einer zunehmend bewussten reflexiven Handlungsregulation eingehend betrachtet werden.

4 Emotionen und Gefühle

„Was uns fesselt oder befreit, ist die Art und Weise, wie wir mit unseren Emotionen umgehen.“

- Jack Kornfield

In der vorliegenden Studie wird der Begriff » Emotion « in einer Weise verwendet, wie es bei einer Vielzahl führender Emotionsforscher üblich, aber dennoch nicht unumstritten ist. Emotionen sind demnach direkte Körperreaktionen, die vor allem von äußeren Reizen ausgelöst werden, indem sie spezifische Signale an den motorischen Apparat des Körpers leiten. Diese Signale werden als vorrational empfundenes Körperfeedback gedacht, welches im vorsprachlichen Kleinkind direkt handlungswirksam wird.

Im Laufe der menschlichen Ontogenese entwickeln sich zudem » Gefühle« als reflexiv-bewusste Gegenstück zu den Emotionen, in welchem Emotionen nicht nur vorrational empfunden (B1), sondern auch reflexiv bewertet werden (B2), bevor sie handlungswirksam werden können. Ein solches Gefühlskonzept wird so oder ähnlich von Emotionsforschern wie Damasio, Scherer, Wundt und Frijda vertreten (vgl. Ekman in: Darwin (2000); Damasio (2000), hier: 15; ders. (2006), 193; Schrott (2011), 107f). Durch eine solche Differenzierung von vorreflexiv-bewussten Emotionsprozessen und reflexiv-bewussten Gefühlen, die emotionale Prozesse regulieren können, entgeht man terminologisch bedingten Verwirrungen, wie sie sich exemplarisch in der Jameschen Theorie ergeben.

Der von James als dem Begründer der amerikanischen Psychologie entwickelten James-Lange-Theorie muss zunächst zugutegehalten werden, dass sie eine Abkehr von der zu ihrer Zeit gängigen Vorstellung darstellt, Körperreaktionen (z. B. Weinen) wären eine Folge von reflexiven Überlegungen (“Emotionen“) bezüglich bestimmter Reize. Dem entgegnet James, dass Menschen nicht etwa weinen würden, weil sie traurig sind, sondern umgekehrt, das Weinen der Traurigkeit vorausgehen müsste. Sein bekanntes Argument dafür ist das folgende Gedankenexperiment:

If we fancy some strong emotion, and then try to abstract from our consciousness of it all the feelings of its characteristic bodily symptoms, we find we have nothing left behind, no "mind-stuff" out of which the emotion can be constituted, and that a cold and neutral state of intellectual perception is all that remains (James (1884), hier 193).

Ohne körperliche Reaktionen bliebe demnach nichts, was eine leidenschaftliche “Emotion“ bedingen könnte. Deshalb argumentiert James in seinem berühmten Aufsatz What is an Emotion? für eine umgekehrte Kausalkette: „My thesis on the contrary is that the bodily changes follow directly the PERCEPTION of the exciting fact, and that our feeling of the same changes as they occur IS the emotion” (ebd., hier: 189f).

Seine These besagt also im Grunde, dass das Empfinden physiologischer Phänomene, wie des Weinens in psychologischen Phänomenen (“Emotionen“), wie in dem der Trauer, resultiert. James‘ Konzeption von Emotionen als »our feeling of the same changes«, als reflexiv gefühlte Körperreaktionen ist jedoch problematisch. Seine Theorie übergeht nämlich einen Zwischenschritt.

Es ist anzunehmen, dass Körperreaktionen schon vorreflexiv empfundenen werden (B1) und bereits auf dieser Bewusstseinsebene zu Handlungen befähigen, die nicht auf reflexiven Überlegungen, sondern auf im Hirn abgespeicherten Erfahrungen (somatische Marker) beruhen, bevor sie reflexiv bewertet werden (B2). Für ihn resultiert dagegen eine Körperreaktion in einem sofortigen reflexiven Bewusstsein über dieselbe, da er diese Bewusstseinsebenen nicht differenziert. Wenn er aber eine Emotion als » feeling « der »bodily changes« definiert, was sind dann die » bodily changes« ?

Mit der oben vorgenommenen Differenzierung zwischen vorreflexiven Emotionen (B1) und reflexiven Gefühlen (B2) lässt sich James derart interpretieren, dass er eher das Wesen der menschlichen Gefühle, als das der Emotionen beschrieb. Das Empfinden eines physiologischen Phänomens wie dem eines Weinimpulses resultiert tatsächlich in einem psychologischen Phänomen wie dem einer Trauerempfindung, nur dass Phänomene der ersteren Sorte als vorreflexive Emotionen und solche der letzteren als reflexive Gefühle zu klassifizieren sind.

Damasio definiert Emotionen im Gegensatz zu James als „specific and consistent collections of physiological responses triggered by certain brain systems when the organism represents certain objects or situations” (Damasio (2000), hier: 15). Sein Punkt, dass Emotionen konsistente körperliche Reaktionen sind, die durch (ebenfalls konsistente) Wahrnehmungen von bestimmten Reizen im Hirn ausgelöst werden, ist für die weiteren Betrachtungen zentral.

Während an dieser Stelle uninteressant ist, welche Hirnstrukturen genau hieran beteiligt sind (zumal die Erkenntnisse diesbezüglich einem steten Wandel unterliegen), wird die Betrachtung des vorreflexiven Empfindens der eigenen konsistenten Körperreaktionen einen entscheidenden Beitrag leisten, um zu belegen, wie Emotionen die vorreflexiven Wahrnehmungen des Kleinkindes bereits in Ansätzen strukturieren helfen und ein vorreflexives Verständnis anderer begründen können.

Später in der Untersuchung wird es darum gehen, wie in einem ausgebildeten Emotionssystem das reflexive Empfinden (die Gefühle) des emotionalen Empfindens (die Emotionen) eine Übersetzung in Sprache erfahren. Dafür ist die Fähigkeit des Subjekts von besonderer Bedeutung, im Verlaufe seiner Ontogenese auch Gefühle durch bloße Repräsentationen von Emotionen hervorzurufen.

Im Augenblick gilt es jedoch nur festzuhalten, dass auch Damasio davon ausgeht, dass Gefühle das reflexive Pendant der Emotionen darstellen, wenn er schreibt, dass „[j]ust as a human emotion is a global change in the organism, in body and brain, a human feeling is a composite image of that global change in body and brain” (ebd., hier: 21).

Gleiches gilt für Holodynskis Theorieansatz, in dem bezüglich der im Verlaufe der Ontogenese sich entwickelnden Emotionsregulation explizit zwischen Emotionen und Gefühlen unterschieden wird:

Während man das emotionale Erleben von kleinen Kindern am jeweiligen Emotionsausdruck deutlich erkennen kann, verfügen Erwachsene über eine private Gefühlswelt, die nicht zu jeder Zeit an ihrem Ausdrucksverhalten ablesbar ist. Es scheint sich demnach im Laufe der Ontogenese - zumindest in westlichen Kulturen - eine Entkoppelung von Emotionsausdruck und Emotionserleben zu vollziehen (Holodynski (2006), 3; vgl. ebd., 43).

Auch Holodynski geht also davon aus, dass Erwachsene im Unterschied zu Kleinkindern zu das emotionale Erleben reflektierenden Gefühlen fähig sind. Der Prozess des emotionalen Erlebens, welchen Holodynski bereits Kleinkindern zuspricht, erschöpft sich dabei jedoch nicht darin, dass Reaktionen auf Umweltereignisse im sie erlebenden Subjekt hervorgerufen und dann sofort wieder vergessen werden. Emotionen werden vielmehr vorreflexiv erlebt, als Erfahrungen körperlich gespeichert und erst durch ein sich im Verlaufe der Ontogenese entwickelndes Gefühlssystem nach und nach reflexiv bewertbar.

Dabei findet schon das vorreflexiv-bewusste Erleben von Emotionen in einem interpersonalen Erfahrungsraum statt und färbt die in ihm erlebten Erfahrungen mit entsprechenden subjektiven Valenzen ein, womit Intersubjektivität zu einer Bedingung von Subjektivität wird. Das emotionale Erleben ermöglicht bereits ein als »intelligent« zu bezeichnendes Handeln, in dem Sinne, dass Handlungen, die zu Gefahr führen, vermieden und Handlungen, die zu angenehmen Reizen führen, angestrebt werden und ist nach Holodynski ein ständig sich weiter entwickelnder Prozess. In diesem Kontext erschließt sich bereits ein Stück weit sein Verständnis von Emotionen, die sich nicht als

abgeschlossene Entitäten, sondern nur im Zusammenhang mit ihrer psychologischen Funktion [...], die in der motivbezogenen Regulation von Handlungen besteht [entwickeln]. Unsere Analyseeinheit ist daher nicht die »Emotion an und für sich«, sondern die Einheit »Anlass-Emotion-Handlung« (ebd., 83).

Die Definition von Emotionen, als ein solcher körperlicher Anlass-Reaktionsprozess, welcher ab einem gewissen Alter durch die Wechselwirkung des mit diesem eng verbundenen Gefühlssystems des Subjekts motivbezogene Handlungsregulationen anstößt, wird innerhalb der Einarbeitung in Holodynskis Theorie in Kapitel 8.6.1 vertieft werden.[10]

Teil II: Irrwege des Verstehens

Julie: „Du kennst mich Danton.“

Danton: „Ja, was man so kennen heißt. Du hast dunkle Augen und lockiges Haar und einen feinen Teint und sagst immer zu mir: lieb Georg. Aber (er deutet ihr auf Stirn und Augen) da da, was liegt hinter dem? Geh, wir haben grobe Sinne. Einander kennen? Wir müssten uns die Schädeldecken aufbrechen und die Gedanken einander aus den Hirnfasern zerren.“

- Georg Büchner, »Dantons Tod«

In diesem Kapitel sollen einige für die Emotionsforschung relevante Theorieansätze skizziert werden, die aufgrund der Unterschätzung der Bedeutung des vorreflexiven Verständnisses anderer nicht zu erklären vermögen, worin die intersubjektive Allgemeinverständlichkeit beim Sprechen über intrapersonale Emotionen gründet.

Solche Ansätze versuchen, wenn überhaupt, dieses Phänomen durch eine Art Analogiebildung seitens des Subjekts in die Theorie einzuholen, wobei dieses dann die von ihm bei anderen wahrgenommenen Verhaltensmuster mit den mentalen Zuständen in Verbindung setzt, die es bei sich selbst wahrnimmt wenn es selbst ähnliche Verhaltensweisen an den Tag legt. Doch was hier eingeholt wird, ist schon ein reflexives Verstehen anderer durch das Subjekt (B2), welches es aus einer privaten Reflexion über seine geistigen Zustände gewinnt und lediglich auf andere Menschen abbildet.

Im nächsten Kapitel wird hingegen versucht nachzuweisen, dass das Verstehen anderer (B2) bereits auf einer vorreflexiven Ebene, durch ein dieses Verstehen begründendes Verständnis anderer (B1) innerhalb intersubjektiver Interaktionsprozesse generiert wird.

5 Tomasellos “Error“ - Die Annahme einer angeborenen Wir-Intentionalität

Auf die Annahme einer solchen Analogiebildung scheint auch Tomasello in seinen Arbeiten zu insistieren, wobei er sich zuweilen explizit auf Wittgenstein bezieht. Doch wenn er dies tut, hat er trotz all der fruchtbaren Überlegungen, die er aus dieser Annahme zieht, einen zentralen Gedanken Wittgensteins fehlinterpretiert. Er versteht Wittgenstein so, als ob dieser dafür argumentieren würde, dass eine Person für das Verstehen anderer auf eine » Theory of Mind « angewiesen sei, also eine Theorie darüber, was im Kopf des jeweils anderen vor sich geht. Dagegen bildet nach Wittgenstein das Subjekt gerade nicht erst reflexiv eine Theorie dessen, was der andere denkt, sondern befindet sich vielmehr immer schon im verstehenden Umgang mit anderen.

[...]


[1] In der Philosophie des Geistes ist das hier zugrunde liegende Phänomen immer wieder unter diversen Problemstellungen verhandelt worden, wie dem »Problem des Fremdpsychischen«, dem » explanatory gap -Problem« und dem »Leib-Seele-Dualismus« (vgl. Pauen (2001); Descartes (2004); Brüntrup (2008); u.a.).

[2] Hervorhebungen in Zitaten entsprechen innerhalb dieser Studie immer dem Original.

[3] Mit Sprachspiel meint Wittgenstein ganz allgemein den Verwendungszusammenhang, in denen Worte in der alltäglichen sozialen Praxis zwischen Menschen gebraucht werden (vgl. Wittgenstein (2006a), § 7).

[4] Das lässt sich, um kurz vorzugreifen, über Wittgenstein hinaus dadurch erklären, dass der »sinnliche Stoff«, das Erleben des Schmerzes, welcher beiden Ausdruckssystemen zugrunde liegt, in beiden Fällen derselbe ist.

[5] Wenn Röska-Hardy dann jedoch gegen nicht-epistemische Ansätze im Sinne Wittgensteins den Widerfahrnischarakter von Gefühlen betont, muss man entgegenhalten, dass freilich „Gefühle und Gedanken, die wir uns selbst zuschreiben, nicht erst durch unsere Zuschreibungspraxis ins Leben gerufen werden“ (ebd., hier: 200), durchaus aber die sprachlichen Benennungen dieser Gefühle.

[6] Streng genommen sollte man nicht zwischen nonverbalen und verbalen Entwicklungsstadien von Mitteilungsfähigkeiten unterscheiden, sondern zwischen nonverbalem Ausdruck und gesprochenen Worten einerseits und dem Gebrauch einer verschriftlichten Sprache andererseits: „Sprechen heißt, Situationen zu manipulieren; deren Totalität geht über das rein Verbale insofern hinaus, als darin eine große Bandbreite an menschlichen Interaktionen zum Ausdruck kommt. Schreiben dagegen bedeutet, ›etwas‹ auf Papier [...] zu setzen: psychodynamisch gesehen ist dies eine isolierte, quasi solipsistische Operation“ (Schrott (2011), 390f). Diese Unterscheidung eines gegenüber dem literalen originären oralen Entwicklungsstadiums menschlicher Mitteilungsfähigkeit bekräftigt jedoch nur noch einmal die These, dass die zunächst sprachliche und später auch schriftliche Kommunikation zwischen Menschen (B2) auf einer noch grundlegenderen nonverbalen Interaktion (B1) beruht und somit sprachlich-reflexives Bewusstsein immer schon interpersonal geprägt ist.

[7] Im dritten Teil des Buches wird versucht werden, zu zeigen, dass die sprachliche Form des Denkens nicht nur möglicherweise durch den intersubjektiven Diskurs konstituiert wird, sondern dass dem tatsächlich so ist.

[8] Diese Theorie lässt sich durch die Überlegung stützen, dass es aus einer evolutionsbiologischen Perspektive betrachtet für den Menschen nur von Vorteil gewesen sein konnte, sich mittels eines emotionalen Empfindens »erinnern« zu können, welches Verhalten das eigene Überleben und die Fortpflanzung am ehesten garantiert. Ein Individuum wird Handlungen, die von positiven Emotionen begleitet wurden automatisch häufiger ausführen und umgekehrt, Situationen meiden, in denen es negative Emotionen durchlebte (vgl. Wilhelm (2006), hier: 81f). Diese These deckt sich mit einer Formulierung Slabys: „Für Objekte, die regelmäßig und gleichförmig bestimmte affektive Reaktionen hervorrufen, entwickelt sich ein System von Kategorien, das eng an die Bezeichnungen für die jeweils ausgelösten affektiven Reaktionen angelegt ist. Aus der Sicht der fühlenden Wesen ist die Tatsache, dass diese Objekte bestimmte Gefühle auslösen, derart grundlegend, dass es eine solche anthropozentrische Kategoriebildung nahe liegend erscheinen lässt. Es entwickeln sich also Kategorien wie das ‚Erfreuliche‘, das ‚Lustige‘, das ‚Frustrierende‘ oder das ‚Ärgerliche‘, etc.“ (Slaby (2006), 194).

[9] Der Begriff “Affekt“ wird im emotionstheoretischen Kanon vieldeutig gebraucht. In der Regel wird er jedoch als ein Überbegriff für die Prozesse des emotionalen vorrationalen Erlebens, als auch sich aus diesen entwickelnde reflexive Gefühle zusammengefasst. Im nächsten Abschnitt wird für die Notwendigkeit einer Trennung dieser beiden unterschiedlichen Aspekte menschlicher Kognition argumentiert.

[10] Das bisher nicht angesprochene Phänomen der über längere Zeitspannen hinweg subjektiv empfundenen »Stimmungen« (früher: Gemütsbewegungen), deren Auslöser im Gegensatz zu Gefühlen nicht bekannt sein müssen, wird im Folgenden, wie innerhalb der meisten gängigen Theorien, als eine Art »ausgedehntes Gefühl« betrachtet.

Ende der Leseprobe aus 102 Seiten

Details

Titel
Keine Vernunft ohne Emotionen: Die emotionelle Basis der menschlichen Kultur
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Institut für Philosophie )
Note
1,7
Autor
Jahr
2012
Seiten
102
Katalognummer
V192572
ISBN (eBook)
9783656175407
ISBN (Buch)
9783656175629
Dateigröße
1255 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
In Marcel Nakoinz’ Masterarbeit wird ein altes Problem der Philosophiegeschichte in den Mittelpunkt gestellt. Es geht ihm um die Überwindung des traditionellen Schemas von subjektiver Innenwelt und intersubjektiver Außenwelt. Mit dem Problem des Verstehens von Emotionen wird dies alte Problem noch verschärft zu der Frage: Wie ist es möglich, daß wir die subjektiven Gefühle anderer Menschen verstehen und mit unseren eigenen Gefühlen in Beziehung setzen können? - Prüfer: Univ.-Prof. Gunter Gebauer
Schlagworte
stummes, verständnis, verstehen, interaktion, bedingung, möglichkeit, sprechens, emotionen
Arbeit zitieren
Marcel Nakoinz (Autor), 2012, Keine Vernunft ohne Emotionen: Die emotionelle Basis der menschlichen Kultur, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/192572

Kommentare

  • Marcel Nakoinz am 23.4.2012

    Danksagung

    Ich danke Herrn Prof. Gunter Gebauer für die engagierte wissenschaftliche Betreuung meines Masterprojekts und Herrn Prof. Jan Slaby für die Bereitschaft als Zweitgutachter für meine Masterarbeit zu fungieren. Außerdem möchte ich mich an dieser Stelle bei all den Kommilitonen aus diversen philosophsichen Seminaren und Kolloquien bedanken, die mich in vielen Gesprächen inspirierten und zu zahlreich sind um hier im Einzelnen benannt zu werden.

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