Ein psychoanalytischer Blick auf Arthur Schnitzlers „Der Sohn – Aus den Papieren eines Arztes“


Seminararbeit, 2007
16 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Allgemeine Analyse
2.1 Inhaltsangabe
2.2 Analyse der Mutter-Sohn-Beziehung
2.3 Folgen der gestörten Mutter-Sohn-Beziehung

3. Die Psychoanalyse
3.1 Einführung
3.2 Das strukturelle Persönlichkeitsmodell

4. Psychoanalytische Figurenanalyse
4.1 Die Mutter
4.2 Der Sohn
4.2.1 Traumatisierung des Sohnes
4.2.2 Entstehung der Gewalttätigkeit
4.2.3 Ursachen und Auswirkungen des Alkoholismus
4.3 Anmerkungen zur Psychoanalyse

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Die Welt des Arthur Schnitzler ist hart und grausam, gemildert allerdings durch die Sehnsucht nach Güte und Verstehen, die aus allen seinen Werken spricht.“1

Diese Einschätzung Josef Rattners über Arthur Schnitzler gibt sehr genau wieder, was der Autor mit dieser Novelle ausdrücken will. Dass ein junger Mann seine Mutter mit einer Axt erschlägt, nachdem sie sich völlig für ihn aufgeopfert hat, ist sicherlich hart und grausam. Doch Schnitzler ist es wichtig, dem Leser verständlich zu machen, dass die Ursachen einer solchen Tat oft sehr weit in der Vergangenheit liegen, und tief in der Psyche der Betroffenen zu suchen sind. Er will zeigen, dass die Frage nach der Schuld nicht immer eindeutig geklärt werden kann und oft weitreichender ist als man zu Beginn annimmt. Denn Schnitzler ist damals schon klar gewesen, „[…] daß das Gute nicht einfach gut, das Schlechte nicht einfach schlecht […]“2 ist

Doch die Erklärung, die Schnitzler in die vorliegende Novelle mit hinein geschrieben hat ist nicht offensichtlich, man könnte sogar sagen sie ist „verschlüsselt“. Insofern „verschlüsselt“, da ein adäquates Verständnis des Textes das gleiche psychoanalytische Wissen des Autors, der selbst Nervenarzt war und mit großem Interesse Freuds Arbeit verfolgte, voraussetzt.3

Ziel dieser Arbeit ist es deshalb, mit Hilfe der Psychoanalyse eine Figurenanalyse durchzuführen und die Ursachen und Folgen offenzulegen, die für diese Tat verantwortlich zu machen sind. Die Psychoanalyse, in diesem Fall angewandt auf die Literatur, bietet somit „[…] einen Lektüreschlüssel und läßt den Sinn wieder verständlich […]“4 werden

2. Allgemeine Analyse

2.1 Inhaltsangabe

Wie viele Geschichten von Arthur Schnitzler, so ist auch die Novelle „Der Sohn - Aus den Papieren eines Arztes“ von „der Schnitzlerischen Grundstimmung, nämlich einer leichten Melancholie, einer düsteren Lesart der Welt und des Daseins“5 geprägt

Ein Arzt wird zu einem Verbrechen gerufen, bei dem ein junger Mann seine Mutter nach einem lautstarken Streit mit einer Axt attackiert hat. Der Sohn ist jedoch nicht nach der Tat geflüchtet, sondern wartet, seine Mutter bewusstlos auf dem blutigen Bett neben ihm liegend, bis die Polizei eintrifft. Emotionslos lässt er sich abführen, von Reue scheinbar keine Spur. Der Arzt, aus dessen Perspektive die Novelle erzählt wird, ist von der Bösartigkeit des jungen Mannes entsetzt. Er ist sich sicher, dass die Schuld allein bei dem Sohn zu suchen sei. Umso erstaunter ist der Mediziner dann, als ihm die Mutter, nachdem sie kurzzeitig aus der Bewusstlosigkeit aufwacht, erklärt, dass sie die ganze Verantwortung an dem Unglück trage. Sie habe damals versucht, das Kind nach der Geburt zu ermorden, was jedoch nicht gelang. Aus diesem Grund sei die Schuld für das Verhalten des Sohnes allein bei ihr zu suchen. Einen Tag bevor sie an ihrer schweren Kopfwunde stirbt, lässt sie sich von dem Arzt das Versprechen geben, dass dieser sich vor Gericht für ihren Sohn einsetze

2.2 Analyse der Mutter-Sohn-Beziehung

Der Ausgangspunkt dieses Unglücks ist in der Nacht zu sehen, in der die verzweifelte Mutter, Martha Eberlein, versucht ihren neugeborenen Sohn mit Decken zu ersticken. Die Tat misslingt, aber trotzdem sind sowohl die Mutter als auch der Sohn nach dieser Nacht, wenn auch verschieden stark, traumatisiert (griechisch Trauma = Verletzung)

Das Trauma des Kindes liegt im Unbewussten „begraben“, d.h. der Sohn wird sich sicherlich nicht an den ersten Tag seines Lebens erinnern können. Verschwunden ist diese unverarbeitete Traumatisierung aber deswegen nicht. Wie es sich genau auf das Handeln des jungen Mannes auswirkt und welche Folgen es noch hat, wird Aufgabe der später folgenden psychoanalytischen Betrachtung sein

Auch die Mutter trägt ein Trauma aus dieser Nacht davon. Sie ist erschrocken über die Kaltblütigkeit und Grausamkeit ihrer Tat. Immerhin hat sie versucht, ihren gerade geborenen Säugling zu ersticken. Ob diese Tat in einer postpartalen Depression begründet liegt, oder der verzweifelte Lösungsversuch von Existenzangst gewesen ist, bleibt ungeklärt

Seit dieser Nacht lebt Martha Eberlein ein Dasein voller Schuldgefühle und Angst. Täglich fürchtet sie ertappt zu werden, d. h. dass ihr Sohn ihre Tat aufdeckt und dahinterkommt, dass sie versucht hat ihn umzubringen. Ihr schlechtes Gewissen ist allgegenwärtig und bestimmt ihre ganze Wahrnehmung dem Sohn gegenüber. Folglich interpretiert sie jede Handlung und jeden Blick des Sohnes als eine Anschuldigung gegen sich selbst. Martha Eberlein ist sich sicher, dass ihr Sohn sie hasst und sie „durchschaut“.6 Sie wartet ständig darauf, dass er die anklagenden Worte ausspricht, was jedoch nie erfolgt, da sich das Kind nicht an diese Nacht erinnern kann.7

Aufgrund dieser ständigen Schuldgefühle und der übertriebenen Reue wagt sich die Mutter nicht, ihrem Sohn auch nur einen Wunsch zu verwehren. Wie Martha Eberlein dem Arzt berichtet, versuchte sie auf diese Weise, ihre „Schuld loszuwerden“8

So bekommt ihr Sohn von klein auf alles was er will und wird nie „in die Schranken gewiesen“, d.h. ihm wurden niemals seine eigenen Grenzen aufgezeigt. Auch eine väterliche Instanz, die vielleicht hätte regulierend eingreifen können, fehlt völlig, da die Mutter schon vor der Geburt des Sohnes von ihrem Partner verlassen wurde.9 Dieses erzieherische Fehlverhalten der Mutter wirkt sich folgenschwer und fatal auf die Entwicklung des Jungen aus. Martha Eberlein lässt sich wirklich alles von ihrem Sohn gefallen, sei es nun materielles Ausnutzen oder sogar Gewalttätigkeit ihr gegenüber. Dem begegnet sie mit übermäßiger Nachsicht und Liebe. Jede „normale“ Mutter wäre irgendwann mit ihrer Geduld am Ende gewesen und hätte ihrem Kind manchen seiner Wünsche verwehrt

Genau ein solches Frusterleben, und nichts anderes ist es, wenn ein Kind einmal nicht das bekommt was es will, ist meiner Meinung nach, für eine gesunde Entwicklung von Kindern notwendig. Kinder müssen frustrierende Erlebnisse erfahren, um daraus zu lernen, mit diesem Frust umzugehen. Denn jeder Mensch muss in seinem Leben Rückschläge, Kränkungen und Enttäuschungen hinnehmen. Und wie gut er damit umgeht, d.h. wie gut er lernt, solche Emotionen verarbeiten zu können, prägt in großem Maße sein weiteres Leben

[...]


1 Rattner: Österreichische Literatur und Psychoanalyse, S. 96

2 Anz/Pfohlmann (Hg.): Psychoanalyse in der literarischen Moderne, S. 193

3 Ebd. S. 24

4 Scheible (Hg.): Arthur Schnitzler in neuer Sicht, S. 72

5 Rattner: Österreichische Literatur und Psychoanalyse, S. 94

6 Schulz (Hg.): Prosa des Naturalismus, S. 203

7 Ebd. S. 202-203

8 Ebd. S. 203

9 Ebd. S. 202

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Ein psychoanalytischer Blick auf Arthur Schnitzlers „Der Sohn – Aus den Papieren eines Arztes“
Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg  (Lehrstuhl für Neuere Deutsche Literaturwissenschaft )
Veranstaltung
Literatur des Naturalismus - Kultur um 1900
Note
1,7
Autor
Jahr
2007
Seiten
16
Katalognummer
V192724
ISBN (eBook)
9783656177043
ISBN (Buch)
9783656177630
Dateigröße
521 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Psychoanalyse, Schnitzler, Naturalismus, Literatur um 1900, Freud, psychoanalytische Literaturwissenschaft
Arbeit zitieren
Dipl. Germ. Florian Wenz (Autor), 2007, Ein psychoanalytischer Blick auf Arthur Schnitzlers „Der Sohn – Aus den Papieren eines Arztes“ , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/192724

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