Schon mit dem Titel „Schmerznovelle“ gibt der Autor Helmut Krausser einen deutlichen Hinweis auf die Gattungszugehörigkeit seines Textes. Auf der einen Seite baut der Autor damit einen gezielten Erwartungshorizont beim Leser auf und setzt sich auf der anderen Seite selbst enge Grenzen, da die von ihm gewählte Gattung strenge Vorschriften hat.
Doch ist der vorliegende Text tatsächlich eine Novelle? Also bleibt der Autor wirklich innerhalb dieses engen Korsetts? Mit dieser Fragestellung befasst sich diese Arbeit. Eine Schwierigkeit ist dabei, dass man die literarische Gattung der Novelle nicht vollständig klar definieren, höchstens grob eingrenzen kann. Oder mit den Worten von Wolfgang Rath formuliert, der die Novelle als „[…] nie formal erstarrt, im immer wieder neuen Spiel mit ihrer Form bis heute lebendig geblieben […]“ beschreibt.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Gattungsabgleich
2.1 Situative Bedingungen der Novelle
2.2 Form
2.3 Aufbau
2.4 Sprache
2.5 Inhalt
3. Fazit
4. Literaturverzeichnis
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Diese Arbeit untersucht die Gattungszugehörigkeit der „Schmerznovelle“ von Helmut Krausser, indem sie den Text kritisch anhand klassischer Novellentheorien analysiert und dabei das Spannungsfeld zwischen konventioneller Erwartungshaltung und bewussten Brüchen mit der literarischen Form auslotet.
- Analyse der Novelle als Gattung im Kontext ihrer theoretischen Grundlagen
- Untersuchung der formalen und inhaltlichen Struktur der „Schmerznovelle“
- Vergleich von traditionellen Merkmalen (z. B. Einzahl der Begebenheit, Dramaturgie) mit dem konkreten Text
- Diskussion über das Wechselspiel zwischen dem Autor als Regelkenner und seinem bewussten Einsatz postmoderner Elemente
Auszug aus dem Buch
2.2 Form
Die Gattung Novelle wird sowohl anhand von inhaltlichen als auch anhand von formellen Gesichtspunkten definiert. Dies bedeutet, dass man eine Novelle bereits an ihrem Umfang erkennen kann. Dieser entspricht laut Definition einer Erzählung mittlerer Länge, auch wenn ein solcher Norm-Komparativ, bei der Novelle nur im Verhältnis zu ihren epischen Nachbargattungen wie zum Beispiel dem Roman angewendet werden kann. Dennoch wurde der Umfang auf 75 bis 150 Seiten eingegrenzt, den Helmut Krausser bei der 143-seitigen Schmerznovelle fast komplett ausreizt.
Lesepsychologisch lässt sich die Novelle also in einem „Rutsch“ und in kurzer Zeit lesen. Diese Länge hat die Novelle zum einen aus ihrem Verwendungszusammenhang, zum anderen muss aber diese mittlere Länge auch „[…] als äußere Folge innerer Komposition angesehen […]“ werden. Denn die Novelle ist Epik in konzentrierter Form und „mit dieser ›kürzeren‹ Erzählform hängt auch die Einzahl der Begebenheit zusammen.“ Diese Kennzeichnung, die Christoph Martin Wieland die „[…] Simplicität [sic!] des Plans […]“ genannt hat, ergibt sich vor allem aus der Abgrenzung zum Roman. Simplizität oder Schlichtheit darf in diesem Zusammenhang jedoch nicht mit Einfältigkeit des Erzählten verwechselt werden. Vielmehr verweist sie auf den kleineren Umfang und auf die klassische Forderung nach der Einheit der Handlung. Simplizität meint dabei auch nicht unbedingt eine Singularität der Ereignisse, sondern eher ein Ganzes, das im Gegensatz zu Ereignissplittern, in sich gegliedert ist. Des Weiteren ist die Novelle nicht offen, sondern in sich geschlossen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Fragestellung ein, ob Kraussers „Schmerznovelle“ tatsächlich den Gattungskonventionen der Novelle entspricht und stellt das methodische Vorgehen vor.
2. Gattungsabgleich: Dieses Kapitel prüft anhand verschiedener Unterpunkte (situative Bedingungen, Form, Aufbau, Sprache, Inhalt), inwieweit der Text klassische Merkmale der Novelle aufgreift oder gezielt bricht.
3. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und kommt zu dem Schluss, dass die „Schmerznovelle“ zwar den Gattungsanforderungen weitgehend entspricht, jedoch durch postmoderne Brüche eine bewusste experimentelle Komponente erhält.
4. Literaturverzeichnis: Hier werden alle verwendeten Primärquellen und sekundärliterarischen Werke aufgelistet, die der Analyse zugrunde liegen.
Schlüsselwörter
Schmerznovelle, Helmut Krausser, Novellentheorie, Gattungsabgleich, Literaturwissenschaft, Erzählstruktur, Dramaturgie, Form, Inhalt, Schizophrenie, Postmoderne, Epik, Literaturanalyse, Erzähler, Novelle.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert, ob Helmut Kraussers „Schmerznovelle“ tatsächlich den literaturwissenschaftlichen Kriterien einer Novelle entspricht.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die Untersuchung konzentriert sich auf die situativen Bedingungen, die Form, den dramaturgischen Aufbau, den sprachlichen Stil und die inhaltliche Gestaltung des Werks.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, den „Erwartungshorizont“ des Lesers zu prüfen und aufzuzeigen, wie der Autor klassische Gattungsregeln einerseits erfüllt und andererseits gezielt durchbricht.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt ein komparatives Schema: Zu jedem untersuchten Aspekt wird zunächst eine klassische Novellentheorie vorgestellt und anschließend mit dem Inhalt der „Schmerznovelle“ verglichen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine detaillierte Auseinandersetzung mit den Gattungsmerkmalen, gestützt durch Zitate aus der Sekundärliteratur und spezifische Textstellen der Novelle.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren diese Arbeit?
Zu den wichtigsten Begriffen gehören Schmerznovelle, Gattungsabgleich, Novellentheorie, Erzählstruktur und postmoderne Literatur.
Warum spielt das Drama für diese Novellenanalyse eine Rolle?
Die Arbeit arbeitet heraus, dass die Novelle aufgrund ihres konzentrierten Aufbaus als „Schwester des Dramas“ gilt und strukturelle Parallelen zur klassischen Dramentektonik aufweist.
Wie bewertet der Autor den Umgang mit der Erzählsprache?
Die Arbeit stellt fest, dass Krausser eine gehobene, kunstfertige Sprache verwendet, aber vereinzelt demonstrativ stilistische Brüche einbaut, um Konventionen zu hinterfragen.
Was bedeutet der „Schlussgag“ für die Geschlossenheit der Novelle?
Der unerwartete Hinweis auf die Figur „Sonja“ am Ende des Buches sprengt die klassische Geschlossenheit der Novelle auf und weckt beim Leser Interesse an der Vorgeschichte des Erzählers.
- Citar trabajo
- Dipl. Germ. Florian Wenz (Autor), 2008, Helmut Kraussers „Schmerznovelle“ aus gattungstheoretischer Sicht , Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/192726