Im Einklang mit der Zweizeitigkeit der psychosozialen Entwicklung gibt es eine Zweizeitigkeit der Wahrnehmung des Weiblichen. Freuds Entdeckung der infantilen Sexualität läßt sich als ein Ort beschreiben, an dem wir nachhaltig immer zwischen diesen Zeiten uns zu orientieren haben. Daß die Frau nachhaltig die Andere bleibt, wie Freud nahelegt, auch für die Frauen selbst, kann so eine Erklärung finden.
Neben einem Durchgang durch Freuds "Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie" diskutiere ich dies anhand eigener klinischer Vignetten und verfolge ausschnitthaft die Spur im Spätwerk Freuds und (marginal) im Frühwerk Lacans.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
1.1. Fundamente
1.2. Einschnitte (Fallvignetten)
2. Mit Freud
2.1. Der Begriff der psychischen Realität und die Bedeutung der Bisexualität
2.2. Die Zweizeitigkeit der Traumatisierung
2.3. Die infantile Sexualität
2.4. Die ödipale Passage
3. Über Freud hinaus: der Masochismus
4. Literatur
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht die Besonderheiten der weiblichen Entwicklung aus einer psychoanalytischen Perspektive. Ziel ist es, Freuds theoretische Ausführungen zur Geschlechtsidentität und infantilen Sexualität kritisch zu beleuchten und mit weiterführenden psychoanalytischen Theorien zu verknüpfen, um ein tieferes Verständnis für die weibliche Subjektwerdung zu gewinnen.
- Psychoanalytische Betrachtung der Geschlechterdifferenz
- Analyse der infantilen Sexualität und deren Bedeutung für die Pubertät
- Bedeutung der Mutter-Tochter-Beziehung und der ödipalen Passage
- Rolle des Masochismus in der weiblichen Entwicklung
- Kasuistische Veranschaulichung durch klinische Fallvignetten
Auszug aus dem Buch
1.2. Einschnitte (Fallvignetten)
Eine Klientin ruft mich in einer Filiale des Berliner Krisendienstes an – sie, 40jährig, möchte sich von ihrem Vater lösen, der tagtäglich ihre Dienste beansprucht und sie dabei erniedrigt und der ihre Trauer um den Tod ihrer Mutter, seiner Frau, nicht teilen kann. Sie ist wütend auf ihn und gebannt zugleich, spricht klug und ist doch blind für das, was sie hält. Sie weint. Ich habe wie so oft das Gefühl, daß wir schon zu viel am Telefon, diesem trügerischen Medium, geöffnet haben und versuche sie zu überzeugen, zu einem persönlichen Gespräch ins Büro zu kommen. Sie läßt sich nach einigem Zögern – nie habe sie vor einem anderen ihre Tränen gezeigt - darauf ein.
Im Anschluß bekomme ich ein schlechtes Gewissen – habe ich es mir zu leicht gemacht oder insgeheim mit ihrem Ausbleiben gerechnet? Tatsächlich hatte ich, als sie anrief, ausgerechnet mit meiner Mutter gesprochen und ihr angekündigt, mich dann bald wieder zu melden. Als ich dieses wiederaufgenommene Gespräch beendet habe, klingelt es und die Anruferin steht vor der Tür. Ihre Mutter, die vor einem halben Jahr in ihrer Anwesenheit starb, während ihr Vater seine Tochter daran hinderte, die Feuerwehr zu rufen, hätte ihren Töchtern immer vermittelt, nie ein Wort zu erheben gegen den Willen eines Mannes. Ihr Vater schlug ihre Mutter, beide und der ältere Bruder schlugen die Klientin.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einführung legt die theoretischen Grundpfeiler dar und problematisiert das Fehlen einer eindeutigen Definition des Weiblichen in der klassischen Psychoanalyse, ergänzt durch erste Fallbeispiele.
2. Mit Freud: Das Kapitel widmet sich Freuds zentralen Konzepten, wie der psychischen Realität, der Bisexualität, der infantilen Sexualität sowie dem Ablauf der ödipalen Passage.
3. Über Freud hinaus: der Masochismus: Hier wird der Übergang zur Theorie des Todestriebes vollzogen, um die Funktion des moralischen Masochismus im Begehren der Frau zu untersuchen.
4. Literatur: Verzeichnis der zitierten psychoanalytischen Fachliteratur und Quellen.
Schlüsselwörter
Psychoanalyse, Weiblichkeit, infantile Sexualität, ödipale Passage, Masochismus, Penisneid, psychische Realität, Mutter-Tochter-Beziehung, Geschlechterdifferenz, Todestrieb, Nachträglichkeit, Subjektwerdung, Kastrationskomplex, Hysterie, Objektwahl.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht die Entwicklung des Weiblichen und wie psychoanalytische Theorien – ausgehend von Freud bis hin zu modernen Ansätzen – diese Entwicklung begreifen und beschreiben.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zu den Schwerpunkten gehören die infantile Sexualität, die Bedeutung des Ödipus-Komplexes für Mädchen, die psychische Verarbeitung der Geschlechtsdifferenz sowie der Einfluss des Masochismus auf das weibliche Begehren.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist eine kritische Auseinandersetzung mit Freuds Postulaten zur weiblichen Entwicklung unter Einbeziehung klinischer Erfahrungen und neuerer psychoanalytischer Weiterentwicklungen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine theoretische psychoanalytische Arbeit, die durch klinische Fallvignetten und die Auswertung psychoanalytischer Standardliteratur gestützt wird.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert Freuds frühe Theorien zur Sexualität, die Bedeutung der Nachträglichkeit, die ödipale Passage bei Mädchen sowie die Verbindung von masochistischen Tendenzen mit dem Todestrieb.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind Weiblichkeit, Psychoanalyse, infantile Sexualität, Penisneid, Masochismus, Ödipus-Komplex und psychische Realität.
Wie deutet der Autor die Rolle des Vaters in den Fallbeispielen?
Der Autor zeigt auf, wie die väterliche Autorität und die damit verbundene Liebes- und Rivalitätsbeziehung tiefgreifende Auswirkungen auf die psychische Konstitution der Klientinnen haben.
In welchem Zusammenhang steht der Masochismus mit dem Todestrieb?
Der Autor erläutert, wie Freud den Masochismus nach der Einführung des Todestriebes als notwendigen Mechanismus begriff, um den destruktiven Trieb durch eine Legierung mit sexuellen Energien vom eigenen Körper fernzuhalten.
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- Heiko Mussehl (Author), 2005, Besonderheiten der weiblichen Entwicklung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/192729