„All the world’s a stage, and all the men and women merely player“1. Nach diesem berühmten Zitat aus Shakespears Komödie „As you like it“ ist unser ganzes Leben eine Bühne, auf der wir unsere Rolle spielen. Shakespeare schrieb bereits um 1600, dass sich Vorgänge im Theater auf den Alltag übertragen lassen. Theatralität2 bestimmt unser Leben, wir spielen Rollen, stellen unsere Identität dar und setzen unseren Körper als Ausdrucksinstrument ein, um spezifische Eindrücke zu vermitteln. Die Sprache des Theater ist tief in anthropogische
und soziologische Diskurse eingedrungen. Die Rede ist von der Kultur der Inszenierung,3 der Dramaturgie des Alltags bis hin zur Inszenierungsgesellschaft.4 Die vorliegende Arbeit ergründet, warum wir von theatralen Prozessen im Alltag sprechen,wo Gemeinsamkeiten und Unterschiede im inszenierenden Verhalten auf der Bühne und in
Interaktionen liegen. Anhand der Theatermetaphorik von dem amerikanischen Soziologen Erving Goffman wird unser Alltag beleuchtet, gezeigt wie unser Verhalten entsprechend unserer eingenommenen Rolle oft unbewusst inszeniert ist. Am Ende sollte die Arbeit die Frage: „Wie und warum stellen wir uns permanent in der interaktionistischen Lebenswelt selbst dar?“ beantwortet haben, und ebenso den körperlichen Aspekt bezüglich der Selbstdarstellung beleuchten.
1 Shakespear, William: As you like it, in: Delius, Nicolaus: Shakspere’s Werke. Sechster Band, Elberfeld, 1860, S. 52.
2 Kursiv geschriebene Wörter stammen nicht aus dem Vokabular des Autors. In der vorliegenden Arbeit handelt es sich hierbei um
theoretische Begriffe auf dessen direktes Zitieren verzichtet wurde. Alle Quellen befinden sich jedoch in den Fußnoten.
3 Vgl. hierzu Fischer-Lichte, Erika /Horn, Christian/Warstat, Matthias: Verkörperung, a.a.O., 2001.
4 Vgl. hierzu bspw. Willems, Herbert/Jurga, Martin: Inszenierungsgesellschaft. Ein einführendes Handbuch, Opladen u.a., 1998.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Theatrale Körper im Theaters und Alltag
2.1 Körperkonzepte des semiotischen und phänomenalen Körpers
2.2 Die Wirkung von Körper und Zeichen
2.3 Theatralität, Inszenierung und Identität
3. Goffmans Welt des Theaters
3.1 Einführung in Goffmans dramaturgische, interaktionistische Perspektive
3.2 Vorder-und Hinterbühne, Ensemble und Publikum
3.3 Rolle und Rollendistanz
3.4 Reflexion Goffmans Theater-Metaphorik
4. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das menschliche Handeln in der interaktionistischen Lebenswelt durch die Anwendung der Theatermetaphorik. Ziel ist es, zu analysieren, wie und warum sich Individuen permanent selbst darstellen und welche zentrale Rolle der Körper dabei als Medium der Selbstdarstellung und Identitätskonstitution einnimmt.
- Theoretische Grundlagen des Körpers als dramaturgisches Medium (Fischer-Lichte).
- Goffmans dramaturgisches Modell der sozialen Interaktion (Bühnenmetaphorik).
- Konzepte der Identitätskonstitution durch Inszenierung und Spiegelung (Plessner, Mead).
- Unterscheidung und Interdependenz von Vorder- und Hinterbühne im Alltag.
- Die Funktion der Rollendistanz bei der Bewältigung sozialer Anforderungen.
Auszug aus dem Buch
3.2 Vorder-und Hinterbühne, Ensemble und Publikum
Das Problem, das Selbst erfolgreich in sozialen Situationen nach außen hin zu präsentieren, setzt Goffman in ein Modell, was die soziale Welt in komplexen dramaturgischen Vorgängen begreift. Die metaphorische Verwendung der Theatertermini betrachtet Goffman selbst nicht als ‚neue Gesellschaftstheorie‘, sondern lediglich als Zugang zu seiner erforschten Ordnung der sozialen Welt, der Interaktionsordnung.
Wie bereits erwähnt ist das Ziel einer ‚gelungenen‘ Interaktion die harmonische Situationsdefinition der Beteiligten aufrecht zu erhalten. Das Selbst des Darstellers kontrolliert laut Goffman seinen Ausdruck, um die Situationsdeutung des Publikums zu lenken und unerwartete Abweichungen von der Definition zu vermeiden. Diese von ihm gebrachte Leistung bezeichnet Goffman als Fassade, bestehend aus einem „standardisierte[n] Ausdrucksrepertoire, das der Einzelne im Verlauf seiner Vorstellung bewußt oder unbewußt anwendet“, sowie aus Bühnenbild und Requisiten, welche Mimik, Gestik und Körperhaltung ausdrucksstark erscheinen lassen. Folglich zielt diese Ausdruckskontrolle nicht nur auf eine situationsangemessene Beherrschung des Körpers, z.B. Verhindern von stolpern, rülpsen oder Wind lassen, sondern auch auf eine gelungene Gesamtinszenierung durch angemessene Sprache und Beteiligung an der Interaktion. Die Mitglieder des Ensembles, welche an diesem Vorgang auf der Vorderbühne am Ort der Höflichkeit und des Anstands beteiligt sind, hoffen während der Darstellung auf Loyalität, Disziplin und Sorgfalt der anderen, um die Stabilität der vorgeführten Wirklichkeit zu erhalten. Mit Goffmans Worten: „Wir müssen bereit sein zu sehen, daß der Eindruck von Realität, den eine Darstellung erweckt, ein zartes zerbrechliches Ding ist, das durch kleinste Mißgeschicke zerstört werden kann“.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Theatermetaphorik ein und erläutert die Relevanz der Inszenierungsgesellschaft für das alltägliche, rollenbasierte Verhalten.
2. Theatrale Körper im Theaters und Alltag: Dieses Kapitel thematisiert die Verkörperungskonzepte des semiotischen und phänomenalen Körpers und setzt diese in Bezug zur Identitätsbildung sowie der Wahrnehmung im Alltag.
3. Goffmans Welt des Theaters: Hier wird Goffmans dramaturgisches Modell erläutert, das soziale Interaktionen als Aufführungen betrachtet und Begriffe wie Vorder- und Hinterbühne sowie Rollendistanz einführt.
4. Fazit: Das Fazit resümiert die Bedeutung theatraler Prozesse für die moderne Lebenswelt und betont die Unverzichtbarkeit des Körpers für die soziale Interaktionsordnung.
Schlüsselwörter
Theatralität, Inszenierung, Goffman, Rollentheorie, Identität, Körperlichkeit, Interaktion, Vorderbühne, Hinterbühne, Rollendistanz, Selbstdarstellung, Plessner, Soziologie, Alltag, Performanz
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das menschliche Handeln im Alltag unter Anwendung soziologischer Theatermetaphern, um zu verstehen, wie wir uns in sozialen Situationen inszenieren.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die zentralen Felder umfassen die Rolle des Körpers in der Interaktion, die Dramaturgie des Alltags, die Theorie der Theatralität sowie die Identitätskonstitution durch Rollenspiel.
Was ist das primäre Ziel oder die zentrale Forschungsfrage?
Die Arbeit zielt darauf ab zu ergründen, warum wir uns in der interaktionistischen Lebenswelt permanent darstellen und wie dies körperlich sowie identitätsstiftend erfolgt.
Welche wissenschaftliche Methode wird primär verwendet?
Es handelt sich um eine theoretisch-analytische Arbeit, die primär auf der dramaturgischen Interaktionstheorie von Erving Goffman sowie ergänzenden anthropologischen Ansätzen von Helmuth Plessner basiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung von Körperkonzepten und die detaillierte Anwendung von Goffmans Theater-Modell (z.B. Bühnenbegriffe, Rollenverhalten) auf soziale Alltagssituationen.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Publikation?
Besonders prägend sind Begriffe wie "Theatralität", "Inszenierung", "Vorderbühne", "Hinterbühne" und das Konzept des "Goffmenschen" als Alltagsschauspieler.
Inwiefern beeinflusst der Körper die "Gelungenheit" einer Interaktion?
Laut Goffman ist der Körper die notwendige Basis für die soziale Präsenz. Durch bewusste Kontrolle von Mimik, Gestik und Haltung sichert das Individuum seine "Fassade" und damit die Definition der sozialen Situation.
Was bedeutet der Begriff "Rollendistanz" bei Goffman?
Rollendistanz bezeichnet die Fähigkeit eines Akteurs, durch Humor, Ironie oder Sarkasmus zu zeigen, dass man nicht vollständig mit der aktuell eingenommenen Rolle identisch ist, was eine kreative Handlungsfreiheit ermöglicht.
Warum spielt die Unterscheidung zwischen Vorder- und Hinterbühne eine Rolle?
Sie trennt den Bereich der öffentlichen, normgerechten Inszenierung von einem geschützten Rückzugsraum, in dem Akteure sich von der "mühevollen Darstellung" erholen und sich auf weitere Auftritte vorbereiten können.
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- Patricia Weber (Author), 2010, Theatralität in der interaktionistischen Lebenswelt, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/192812