Wahrnehmung und Wissen in Mary Shelleys Roman Frankenstein

Eine Analyse vor dem Hintergrund der epistemischen Brüche um 1800


Seminararbeit, 2009
15 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Ein transdisziplinärer Roadtrip

Gesamtheitliche Konzepte in Frankenstein

Paradigmenwechsel und die Pluralisierung von Wissen

Rekonfigurationen von Wahrnehmung und Erkenntnis

Literaturverzeichnis

Ein transdisziplinärer Roadtrip

Wenn man sich dem 19. Jahrhundert aus einer literaturinteressierten Perspektive nä- hert, wird man kaum umhin kommen, unter der Unsumme an Schauerromanen und Gothic Novels ein großes Werk vorzufinden, dessen erstes Erscheinungsdatum wie ein Eckpfeiler de Anfang dieses Jahrhunderts markiert: Mary Shelley‘s Geschichte über den geblendeten, fehlgeleiteten Forscher Frankenstein, der in einem geradezu luciferischen Akt ein ungeheures Monster, eine Heimsuchung für die ganze Mensch- heit erschafft. Doch würde es bei weitem zu kurz greifen, Frankenstein als bloße Para- bel gegen einen unreflektierten Fortschrittswahn zu sehen; Mary Shelley war, nach allen Quellen, die uns zur Verfügung stehen, keineswegs den sich neu formierenden Wissenschaften des 19. Jahrhunderts abgeneigt, im Gegenteil: Ihr Lebensgefährte und spätere Ehemann Percy Shelley ermunterte sie immer wieder, die Vorlesungen …. zu besuchen.

Die Kritik, die Frankenstein formuliert, ist feinfühliger, diffiziler: Shelley wendet sich in einer Zeit einschneidender sozialer, politischer und kultureller Veränderungen gegen überkommene Wahrnehmungsmuster und Erkenntnismodelle. Damit reiht sie sich in eine Tradition der Romantik ein, welche im Verlauf des 19. Jahrhunderts zu einer ganzen Reihe von Rekonfigurationen von Begriffen wie etwa Wissen, Wahrnehmung oder Erkenntnis führt.

Genau diese Neuformatierungen sollen Gegenstand der nachfolgenden Arbeit sein. Von Shelleys Werk ausgehend, sollen bestimmte Diskurse aus Wissenschaft und Philosophie nachskizziert werden und die Merkmale einer im 19. Jahrhundert neu entstehenden „Wissenspoetik“1 herausgearbeitet werden. Angesichts der unermessli- chen Fülle und Tragweite der Veränderungsprozesse, kann dieses Vorhaben nur skiz- zen-, allenfalls collagenartig bleiben. Nicht alle Teile werden abschließend behandelt werden und die Sprünge - durch die einzelnen wissenschaftlichen Disziplinen, aber auch durch die Jahrhunderte mögen bisweilen abrupt und assoziativ wirken. Vor die- sem Hintergrund ist der Untertitel „ Ein transdisziplinärer Roadtrip durch das 19. Jahrhundert“ verstehen. Diese Herangehensweise ist der Tatsache geschuldet, dass dieser Arbeit nicht von Beginn an eine fertige Tese zu Grunde lag, die es zu verifizie- ren/falsifizieren galt, sondern sich die Richtung dieser Untersuchung erst aus dem ihr zu Grunde liegenden Material ergab - Material, dass in seiner schier unüberschauba- ren Fülle und seinen zahlreichen Paradoxien, typisch für das 19. Jahrhundert ist, ob- gleich das Groß der hier zitierten Arbeiten aus den vergangenen 40 Jahren stammt. Es soll hier ausdrücklich um Nachsicht gebeten werden, sollte diese Arbeitsweise bis- weilen zu Lasten der Transparenz der Auswahl bzw. vor allem der Nicht-Auswahl be- stimmter Diskurse gehen. Mit der Arbeit verbindet sich die Hoffnung, einen guten Ein- und Überblick in diese spannende, vielschichtige und bisweilen erschreckend aktuelle Tematik zu geben.

Gesamtheitliche Konzepte in Frankenstein

In Frankenstein greift Mary Shelley die wissenschaftlichen, politischen und philo- sophischen Ideen ihrer Zeit auf, allen voran die wissenschaftlichen Entdeckungen von Darwin, Davy und Galvani. In der um die Jahrhundertwende geführten Vitalitäts- Debatte postulierte Humphry Davy (1778-1829), ein englischer Chemiker, in sei- nem 1802 erschienen Werk Discourse die Chemie als das allem Leben zu Grunde lie- gende Prinzip.

Chemistry is that part of Natural Philosophy which relates to those intimate actions of bodies upon each other, by which their appereances are altered, and their individuality destroyed. […| Chemistry, considered as a systematic arran- gement of facts, is of later origin than most of the other sciences; yet certain of its processes and operations have been always more or less connected with them […]2

Davy vertrat, im Gegensatz zu Darwins nicht-interventionistischer Haltung, die Auffassung, dass die Kenntnis der chemischen Zusammenhänge es dem Wissenschaftler ermögliche, in die Natur kontrollierend einzugreifen und sie seinen Wünschen entsprechend zu verändern.

[…] it [science] bestowed upon him [mankind] powers which may be almost called creative; which have enabled him to modify an change the beings surrounding him, and by his experiments to interrogate nature with power, not simply as a scholar, passive and seeking only to understand her operations, but rather as a master, active with his own instruments.3

Luigi Galvani hatte schon einige Jahre vor Davys Veröffentlichung begonnen, mit toten Tierkörpern zu experimentieren. Bei seinen „Froschschenkelexperimenten“ ent deckte er, dass dass Stromstöße für die Kontraktion der Muskeln verantwortlich sind. Mit der im Jahr 1800 erfundenen Voltaischen Säule, benannt nach dem italienischen Physiker Alessandro Volta, ließen sich Spannungen erzeugen, die ausreichten, um an menschlichen Leichen Muskelkontraktionen auszulösen. So experimentierte etwa Giovanni Aldini, ein Neffe Galvanis, 1803 öffentlich mit dem Leichnam des hingerichteten Doppelmörders George Forster.

Mary Shelley hatte aus verschiedenen Quellen Kenntnis von diesen Forschungen. Sowohl ihr Vater, in Freund Davys, als auch ihr Lebensgefährte und späterer Ehemann Percy Shelley besaßen ein starkes Interesse für die neuen Wissenschaften4. Shelley selbst verweist in ihrer Einführung zu der 1831 veröffentlichten Ausgabe von Frankenstein auf den Einfluss dieser Ideen:

Many and long were the conversations between Lord Byron and Shelley, to which I was a devout but nearly silent listener. During one of these, various phi- losophical doctrines were discussed, and among others the nature of the princi- ple of life, and whether there was any probability of its ever being discovered and communicated. Tey talked of the experiments of Dr Darwin […]5

Mary Shelley verarbeitete die galvanistischen Teorien in den Experimenten Vic- tor Frankensteins. Obgleich der Roman nicht beschreibt, wie sich die Entstehung von Frankensteins Geschöpf en Detail vollzogen hat, verweist die erste Regung der neuen Kreatur zurück auf die Schau-Experimente Aldinis: Es ist bezeichnenderweise eine krampfartige Bewegung6. Eine andere Information, die der Text über die Er- schaffung des Geschöpfes preis gibt, ist der Umstand, dass es aus verschiedenen Ein- zelteilen zusammengesetzt ist, gesammelt aus Leichenhäusern und Operationssälen. Obwohl der Zeitraum dieser Suche und der Auswahl einzelner Komponenten mit mehreren Monaten angegeben ist - also eine gewisse Sorgfalt im Auswahlprozess an- genommen werden darf - ist Victor entsetzt beim Anblick seines Werkes. „Horror“, „wretch“, und „disgust“7 sind die Attribute, die er seinem Geschöpf zuordnet. Chris Baldick formuliert in seiner Arbeit In Frankenstein ‘ s Shadow deshalb die Frage, „why should a creature constructed from parts which Victor selects as perfect and indeed beautiful specimens turn out to be hideously repulsive“8. Shelleys Roman selbst gibt darauf keine direkte Antwort, betont jedoch die Schönheit der einzelnen Komponen- ten und die Monstrosität ihrer Kombination. Dabei nimmt nicht nur Victor seine Schöpfung als deformiert und missraten wahr; das Monster wirkt ebenso furchterre- gend auf alle anderen Charaktere, wie letztendlich auf sich selbst, wenn es - in einer Umkehrung der Narziss-Mythos - voll Schrecken sein Antlitz in der Spiegelung des Wassers erkennt. Baldick formuliert die Tese, dass dieser Umstand auf eine der zent- ralen philosophischen Positionen zur Zeit Shelleys zurückzuführen ist: Die Vorstel- lung des Idealismus von dem Verhältnis einzelner Teiler zu ihrem Ganzen.

Just as for Kant the mind had to be more than the sum of its sense-impressions, so for Coleridge, the British avatar of German Idealism, any living ‚whole‘ - whether a plant, a poem, or a nation - was always more than a mere aggregation of its constituent parts.9

Diese Unterscheidung ist grundlegend für die Kritik des romantischen Idealismus an der empiristischen, kühl verstandesrationalen Denkweise des 18. Jahrhunderts. Es begründet die Opposition zwischen den leblosen Einzelteilen, dem Mechanischen, und dem lebenden Ganzen, dem Organischen und wird von einer breiten Masse namhafter Philosophen um die Jahrhundertwende als ein grundlegendes Prinzip pro- klamiert.

So lässt Shelley etwa ihre Protagonisten an mehreren Stellen aus der Ballade Te Rime of the Ancient Mariner zitieren, einem Werk des englischen Dichters und Philo- sophen Samuel Taylor Coleridge (1772-1834). In der Ästhetik Coleridges manifes- tiert sich der Gegensatz zwischen dem mechanischen Einzelnen und dem organischen Ganzen in der Unterscheidung zwischen Phantasie (fancy) und Vorstellungskraft (i- magination). Während die Phantasie lediglich bereits bestehenden Erinnerungen und Eindrücke neu zusammensetzt, wie Victor seine Kreatur aus bereits existierenden Lei- chenteilen erschafft, verändert die Vorstellungskraft bestehende Bilder und fügt sie in einer organischen Instanz zusammen.

Te Fancy brings together images which have no connection natural or moral, but are yorked together by the poet […] Te Imagination modifies images, and gives unity to variety; it sees all things in one, il più nell‘ uno.10

[...]


1 Vgl. Gabriele Brandstetter/Gerhard Neumann, Romantische Wissenspoetik.

2 Humphry Davy, A Discourse, Introductory to a Course of Lectures on Chemistry (1802), In: Mary Shelley, Frankenstein. Herausgegeben von Johanna M. Smith. S. 211.

3 Ebd. S. 216.

4 Vgl. Anne Mellor, Mary Shelley. S. 90.

5 Mary Shelley, Frankenstein. S. 4.

6 E bd. S. 45: „ a convulsive motion agitated its limbs“.

7 Ebd. S. 45-50.

8 Chris Baldick, In Frankensteins Shadow. S. 33.

9 Ebd. S. 34.

10 Samuel Taylor Coleridge, Specimens of the Table Talk of the late Samuel Taylor Coleridge, 2. Bd., S. 331.

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Details

Titel
Wahrnehmung und Wissen in Mary Shelleys Roman Frankenstein
Untertitel
Eine Analyse vor dem Hintergrund der epistemischen Brüche um 1800
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Theaterwissenschaft)
Veranstaltung
Methoden theaterhistoriographischen Arbeitens
Note
1,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
15
Katalognummer
V192898
ISBN (eBook)
9783656180708
ISBN (Buch)
9783656180906
Dateigröße
446 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Frankenstein, Mary Shelley, Epistemische Brüche, Erkenntnis, Wissen, Wahrnehmung, 1800, 19. Jahrhundert, Industrialisierung, Literaturwissenschaft
Arbeit zitieren
Florian Norbert Bischoff (Autor), 2009, Wahrnehmung und Wissen in Mary Shelleys Roman Frankenstein , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/192898

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