1 Einleitung
Attice, crede mihi, militat omnis amans.
Ein römischer Liebhaber vergleicht seinem Freund gegenüber die Liebe mit dem Kriegsdienst. Ovid lässt seine Figur in der Tradition der Liebeselegie die militia amoris verkörpern und anhand vielfältiger Beispiele als Gegenentwurf zum ideal-römischen Streben nach Kriegsruhm erklären. Doch bleibt es bei der bloßen Erläuterung dieses Motivs, oder sind argumentative, gar rechtfertigende Züge auszumachen? Muss Ovid, der letzte in der Reihe der großen Elegiker, seine Figur tatsächlich für die eigenen dichterischen sowie Lebensideale sprechen lassen? Konnte er doch seinem ingenium nur nachgehen und lusor seiner tenerorum amorum sein, wenn er sich „von den drückenden Pflichten der vita activa zurückzog und sich dem Leitstern des otium anvertraute […] Die Last des öffentlichen Lebens war für seine Kräfte zu schwer, sagt er.“
Der Adressat allein scheint mir ein wichtiger Ansatzpunkt zu sein: Warum ist das Gedicht nicht – wie vormals schon öfter gesehen – an den amator selbst oder seine puella gerichtet? Dem Freunde gegenüber könnte man eine triumphierende Schilderung des letzten Schäferstündchens erwarten, einen selbstmitleidigen aber kämpferischen Anruf des eigenen Durchhaltevermögens oder eine Absage an das quälende Mädchen; je nachdem, wie weit wir in der Dramaturgie des Gedichtzyklus fortgeschritten sind.
Mit unserer Elegie Am. 1.9 befinden wir uns mitten im ersten der drei Bücher der Amores. Möchte man die ersten beiden Elegien als Einleitung des Werkes etwas gesondert betrachten, befindet sich Am. 1.9 sogar genau in der Mitte zwischen 1.3 und 1.15, dem einleitenden und dem abschließenden Stück des ersten Buches. Erkennen wir eine raffinierte Komposition und nehmen an, dass jedes Gedicht an seiner Stelle von Bedeutung ist und sich Beziehungen zu anderen Gedichten an korrespondierenden Stellen herstellen oder vielmehr nachvollziehen lassen, dann könnte die Position also für eine angemessene Würdigung von Bedeutung sein. Vielleicht müssen in dieser frühen Phase aber auch noch bekannte Motive bedient werden? Vielleicht befinden wir uns an dieser Stelle (in diesem Werk von diesem Autor) aber auch vor allem auf einer anderen, distanziert-ironischeren Ebene als bei seinen Vorgängern Gallus, Tibull oder Properz. Dementsprechend wird übergeordnet zudem nach der Ernsthaftigkeit dieses Gedichtes sowie des Gesamtprojekts zu fragen sein.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Ovid, Amores 1.9 mit metrischer Analyse
3 Interpretation
3.1 Einbindung von Am. 1.9 in Buch 1 und Gliederung des Gedichts
3.2 Interpretation der Verse 1-32
4 Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Gedicht 1.9 aus den Amores von Ovid, in dem der Autor die Liebe mit dem Kriegsdienst vergleicht. Ziel ist es, zu analysieren, ob dieser Vergleich lediglich als rhetorisches Motiv dient oder ob der Autor damit eine rechtfertigende Argumentation für seine eigenen dichterischen und Lebensideale verbindet, während er die Rolle des lyrischen Ichs kritisch hinterfragt.
- Analyse der Militär-Metaphorik (militia amoris) im Werk Ovids
- Strukturelle Einbettung von Elegie 1.9 innerhalb des ersten Buches der Amores
- Untersuchung der Rollenverteilung zwischen poeta und amator
- Textnahe Interpretation der Verse 1-32 unter Einbeziehung metrischer Aspekte
- Kritische Würdigung des Vergleichs von Liebesdienst und realem Soldatentum
Auszug aus dem Buch
3.2 Interpretation der Verse 1-32
Im ersten Distichon wird die These vorgestellt, zu deren Verteidigung das gesamte Gedicht dienen soll: der Liebende ist wie ein Soldat, er leistet Kriegsdienst. Diese Behauptung steht exponiert am unmittelbaren Anfang der Elegie und wird durch ihre Wiederholung im vierten Halbvers verstärkt. Zusätzlich lassen der gleichlaufende, schwere Rhythmus der fünf aufeinander folgenden Daktylen vor dem Spondeus an das Marschieren von Soldaten denken. Die Benennung eines direkten Adressaten kann ganz pragmatisch so interpretiert werden, dass die Figur des poeta, vielleicht auch tatsächlich Ovid selbst, einem realen Freund Atticus antwortet, etwa auf eine Art Anschuldigung der Untätigkeit. Wahrscheinlicher scheint es jedoch, dass diese Situation vom Dichter nur geschaffen wird, um den Rahmen für eben dieses Gedicht zu bereiten.
Et habet sua castra Cupido weiß der Dichter im vorhergehenden Am. 1,8 noch ganz anders darzustellen: Mars und Venus passen nicht zusammen. Noch deutlicher widerspricht er sich in Am. 1,10: nec Venus apta feris Veneris nec filius armis: / non decet inbelles aera merere deos. (Ov. Am. 1,10,19/20) Der kriegerische Charakter Amors wird allerdings auch noch in Am. 1,2 sowie 1,6 angesprochen, ist hier in 1,9 also nicht überraschend. Vielmehr wird deutlich, dass der Dichter bzw. Liebende die Tatsachen gern so interpretiert, wie sie ihm in der jeweiligen Situation den größten Nutzen bringen. Die auch in dieser Hinsicht auffällige Umrahmung durch Am. 1,8 und 1,10 unterstreicht jedenfalls die Bedeutung unserer Elegie.
Nun werden in 3-6 quasi als erste Argumentationsebene zwei Eigenschaften besprochen, die sowohl für Soldaten als auch für Liebende Voraussetzungen ihres Dienstes sind. Zunächst ist dies das rechte Alter in 3-4, welches in dreifachem Sinne notwendig ist: nicht nur in praktischer Hinsicht (habilis, convenit), sondern auch in ästhetischer und sittlicher (turpe). Die letztgenannten werden durch die Anapher und angeschlossene parallele Konstruktion in 4 besonders betont, als seien sie für den Künstler die gewichtigeren Argumente.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung führt in die Thematik der militia amoris ein und stellt die Forschungsfrage, ob der Vergleich der Liebe mit dem Kriegsdienst eine tiefergehende Rechtfertigung der Lebensideale des Autors darstellt.
2 Ovid, Amores 1.9 mit metrischer Analyse: Dieses Kapitel präsentiert den lateinischen Originaltext des Gedichts inklusive einer metrischen Analyse der Verse.
3 Interpretation: Dieser Hauptteil analysiert die Einbindung der Elegie in den Zyklus der Amores und liefert eine detaillierte textnahe Auslegung der Verse 1 bis 32.
4 Zusammenfassung: Das abschließende Kapitel resümiert, dass das Gedicht ein raffiniertes, weitgehend unpolitisches Spiel ist, das die traditionelle Vorstellung des Kriegsdienstes zugunsten einer Huldigung an die Kunst und Ästhetik umdeutet.
Schlüsselwörter
Ovid, Amores, Liebesdichtung, militia amoris, Elegie, Kriegsdienst, Liebhaber, Poetologie, Römische Gesellschaft, Liebeskonzept, Antike, Literaturinterpretation, persona, antike Dichtung, Versanalyse
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit einer Interpretation der Elegie 1.9 aus Ovids Amores, in der die Liebe als militärischer Dienst dargestellt wird.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Militär-Metaphorik, die Rolle des Dichters als Liebender sowie die strukturelle Anordnung der Gedichte im ersten Buch der Amores.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist die Erforschung der Ernsthaftigkeit des Vergleichs zwischen Liebhaber und Soldat sowie die Klärung, ob dieser Vergleich zur Verteidigung der dichterischen Ideale Ovids dient.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine textnahe philologische Interpretation, ergänzt durch metrische Analysen und den Vergleich mit zeitgenössischer Sekundärliteratur.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Einbettung des Gedichts in den Kontext des ersten Amores-Buches und eine detaillierte Interpretation der ersten 32 Verse.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Ovid, Amores, militia amoris, Liebesdichtung, Poetologie und Elegie sind die prägenden Begriffe der Untersuchung.
Inwieweit lässt sich der Sprecher des Gedichts mit Ovid gleichsetzen?
Die Autorin argumentiert, dass der Sprecher eher als literarische Maske (persona) zu verstehen ist und warnt davor, eine direkte Identität zwischen dem historischen Ovid und dem lyrischen Ich anzunehmen.
Warum wird das Gedicht 1.9 als "zentral" für das erste Buch der Amores bezeichnet?
Es wird aufgrund seiner inhaltlichen und strukturellen Position in der Mitte des Buches sowie seiner Funktion als Antwort auf gegensätzliche Liebeskonzepte in den umrahmenden Elegien als zentral betrachtet.
- Quote paper
- Martin Hoffmann (Author), 2010, Militat omnis amans - Interpretation von Ovid, Amores 1.9, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/192949