Polnische Identität

Zur polnischen Selbstwahrnehmung als Christus der Völker


Hausarbeit, 2009

9 Seiten, Note: 1,4


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Fragestellung

II. Deutsche Geschichtswahrnehmung
1. Deutsche Täter - Deutsche Opfer
2. Polen in der deutschen Wahrnehmung

III. Polnische Geschichtswahrnehmung
1. Polnische Identität
2. Widerstand durch Geschichtsschreibung
3. Polnische Leiden - Fremde Leiden

IV. Der Fall Steinbac

V. Fazit

VI. Literaturverzeichnis

I. Fragestellung

Am 4.März 2009 erklärte der Bund der Vertriebenen (i.F. BdV) nicht mehr länger auf der Nominierung seiner Vorsitzenden Erika Steinbach für den Rat der Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung zu bestehen.1 Dies markiert eine Zäsur innerhalb eines langwierigen Prozesses, der mit der Gründung der Stiftung Zentrum gegen Vertreibungen im Jahre 2000 durch den BdV begann. Übergeordnetes Ziel sollte die Erinnerungsarbeit an die Vertreibung vieler Millionen Deutscher im Zuge der Grenzverschiebungen nach dem Zweiten Weltkrieg, aber auch anderer Völker sein.2

Von Beginn an hatten sich Kritiker des Projektes zu Wort gemeldet. Befürchtet wird der Versuch eines Geschichtsrevisionismus, der dem singulären Ereignis des Holocausts das Leid der deutschen Vertriebenen entgegenstellt oder zumindest unter Ausklammerung der Hauptursache (des Vernichtungskrieges des Deutschen Reiches) gleichstellt. Zu der generellen Skepsis, die diesem Projekt aus dem Ausland, insbesondere Polen, entgegenschlägt, gesellen sich die Ablehnung des BdV und insbesondere dessen Vorsitzender Erika Steinbach als geeigneter Schirmherrin oder auch nur Mitinitiatorin einer solchen Stiftung. Innerhalb der Bundesregierung herrscht Uneinigkeit, da zwar der Koalitionsvertrag die Gründung einer der Vertreibung der Deutschen gewidmeten Institution unter Führung des Staatsministers für Kultur und Medien vorsieht, jedoch die zukünftige Rolle des BdV, sowie Erika Steinbachs innerhalb einer solchen von den Koalitionspartnern gänzlich unterschiedlich gesehen wird.3

Vorliegend soll die polnische Ablehnung gegenüber dem BdV, der Person Erika Steinbach und dem Projekt einer Gedenkstätte für deutsche Vertriebene, die sich in wiederholten Erklärungen seitens von Politikern, sowie heftiger und andauernder medialer Aufmerksamkeit äußert, erläutert werden. Dabei soll weniger die Einordnung der Argumente für und gegen eine solche Stiftung, oder das Ausmaß der Beteiligung des BdV thematisiert werden, sondern mehr auf über den Einzelfall hinausgehende Geschichtsbilder und daraus resultierende Wahrnehmungs- und Interpretationsmuster sowohl in Polen, wie in Deutschland eingegangen werden.

II. Deutsche Geschichtswahrnehmung

1. Deutsche Täter - Deutsche Opfer

Die Nachkriegszeit in Deutschland war geprägt von einem kollektiven Unwillen die gesamtgesellschaftliche Schuld zu thematisieren. Vielmehr wurde das Selbstbild als Opfer des Nationalsozialismus gepflegt. Einerseits gingen die (teilweise in ihrem vollen Ausmaß noch nicht bekannten) nationalsolzialistischen Verbrechen im Rahmen der öffentlichen Wahrnehmung in einem Umfeld von zerstörten Städten, Millionen Toten, Gefangenen und Vertriebenen unter. Andererseits begab man sich in den Dunstkreis des Relativismus deutschen Handelns, verwies man auf die deutschen Opfer.4 Während es viele Jahre dauerte bis die Aufarbeitung deutscher Verbrechen innerhalb der öffentlichen Diskussion begann (und das auch erst nach den Studentenrevolten Ende der Sechziger Jahre), war deutsches Leid fester Bestandteil des Nachkriegsalltags.

2. Polen in der deutschen Wahrnehmung

Für Polen als überfallenes Land ist die Geschichte des Zweiten Weltkriegs vor allen Dingen eine Geschichte der mörderischen deutschen Okkupation. Im Gegensatz dazu stellt Polen für die Deutschen eines von vielen kriegsbeteiligten Ländern dar. Unabhängig davon welchen Stellenwert Polen im Vergleich zum Rest der Kriegsgegner in der kollektiven deutschen Wahrnehmung einnimmt, jedenfalls steht es dort nicht allein. Hinzu kommt, dass Polen während des Kalten Krieges innerhalb des Ostblocks von der Sowjetunion insoweit überschattet wurde, dass es praktisch nicht möglich war, eine originär-polnische von sowjetischer Interessenpolitik zu differenzieren. Aufgrund dieser Umstände erscheint es nicht abwägig der deutschen Seite eine gewisse Ignoranz gegenüber dem Stellenwert, den die Ereignisse des Zweiten Weltkriegs und dessen Folgen für das Polnische Volk einnehmen, zu unterstellen.

III. Polnische Geschichtswahrnehmung

1. Polnische Identität

Als am 1.September 1939 der Überfall auf Polen begann, hatte dieses seine Unahängigkeit erst vor 20 Jahren wiedererlangt und bereits gegen die Sowjetunion in einem Krieg verteidigt. Zuvor, von 1795 an, war Polen als Nation von der Landkarte verschwunden, aufgeteilt zwischen Russland, Preussen und Österreich. In diesen über 100 Jahren wahrten die Polen dennoch eine nationale Identität mittels Sprache, Konfession, Kultur und historischer Erinnerung.5 Bis zur echten Unabhängigkeit mussten sie bis fast 200 Jahre nach der Auflösung des polnischen Staates warten. Dabei führte der lange Weg bis zum Jahr 1989 über zahlreiche blutige Schlachten im Rahmen von Kriegen oder Aufständen, Repressalien seitens der Schutzmacht Sowjetunion und insbesondere den deutschen Vernichtungskrieg gegen die polnische Bevölkerung. In dieser Zeit entwickelte sich das polnische Selbstverständnis von Polen als Christus der Völker. Ein regelrechter Martyriumskult entstand, auch verstärkt und genährt durch (schöngeistige) Literatur, innerhalb welcher schon einmal ein Held den Opfertod starb, um eine Schlacht zu gewinnen, auch wenn sein historisches Vorbild durchaus überlebt hatte.6

2. Widerstand durch Geschichtsschreibung

Im langen Zeitraum der Fremdbestimmung Polens diente das kollektive Gedächtnis der Polnischen Bevölkerung als Mittel des Widerstands gegen Besatzungsmächte, welche ihre eigene Geschichtsschreibung forcierten. Barbara Szacka schreibt dazu:

Deshalb besteht eine Form des Widerstandes gegen die herrschenden Macht darin, sich an das zu erinnern, was diese zum Vergessen verurteilt, und das zu vergessen, was diese im Gedächtnis erhalten will.7

[...]


1 http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,611206,00.html (13.03.09).

2 http://www.z-g-v.de/aktuelles/?id=35 (13.03.09).

3 http://www.sueddeutsche.de/politik/260/459898/text/ (13.03.09). 3

4 B. Olschowsky: „Die Gegenwart des Vergangenen“, in: APUZ 05-06/2005, S.27. 4

5 K.Ruchniewicz: „Die historische Erinnerung in Polen“, in: APUZ 5-6/2005, S.18.

6 Ebd.

7 B. Szacka: „Der widerspenstige Held.“, in: Deutsche und Polnische Geschichtskulturen. Formen des kollektiven Erinnerns, S.16.

Ende der Leseprobe aus 9 Seiten

Details

Titel
Polnische Identität
Untertitel
Zur polnischen Selbstwahrnehmung als Christus der Völker
Hochschule
Universität zu Köln  (Lehrstuhl für Internationale Politik und Außenpolitik)
Note
1,4
Autor
Jahr
2009
Seiten
9
Katalognummer
V192954
ISBN (eBook)
9783656182221
ISBN (Buch)
9783656183518
Dateigröße
492 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Polen, Polnische Identität, Erika Steinbach, Politik
Arbeit zitieren
Peter Grabowitz (Autor), 2009, Polnische Identität, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/192954

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