Naturalistische und personalistische Einstellung in Husserls "Ideen II"


Seminararbeit, 2011

13 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Geistesgeschichtlicher Ausgangspunkt

3. Der Begriff “Einstellung“

4. Naturalistische Einstellung

5. Personalistische Einstellung

6. Natürliche Einstellung

7. Das Verhältnis von naturalistischer und personalistischer Einstellung

8. Fazit

1. Einleitung

Im zweiten Buch der 1952 posthum erschienenen „Ideen zu einer reinen Phänomenologie und phänomenologischen Philosophie“[1] Edmund Husserls versammeln sich, wie im Untertitel erwähnt, phänomenologische Untersuchungen zur Konstitution. In drei Abschnitten wird der Frage nachgegangen, wie sich materielle Natur, animalische Natur und die geistige Welt konstituieren, das heißt, wie diese Phänomene ihre Gegebenheit im Bewusstsein erlangen. Es handelt sich bei diesen drei grundlegenden Regionen der Wirklichkeit um aufeinander aufbauende Gegenstandsstufen, denen jeweils ein bestimmtes Bewusstsein entspricht, welches sich stufenartig, den jeweils behandelten Gegenständen entsprechend, entwickelt.[2] Husserl geht bei der Beschreibung dieser drei Bereiche von der Unterscheidung zwischen Natur bzw. Seele und Geist aus, die auch in dem Gegensatz von Natur- und Geisteswissenschaft zum Ausdruck kommt. Der im letzten Abschnitt vollzogenen Konstitutionsanalyse der geistigen Welt, die aus Beschreibungen des personalen Seins besteht, kommt dabei eine gewisse Sonderrolle zu. Um einer Konstitution der geistigen Welt und dem darin verorteten Begriff der Person nämlich überhaupt gerecht werden zu können, ist nach Husserl eine eigene Betrachtungsweise, eine bestimmte Einstellung erforderlich, die sich, von der in den ersten beiden Abschnitten gebrauchten, unterscheidet und abhebt. Diese Arbeit versucht diese beiden Betrachtungsweisen, die als naturalistische und personalistische Einstellung bezeichnet werden, im engen Anschluss an Husserls “Ideen II“ nachzuzeichnen und deren Verhältnis zueinander darzustellen. Mit einer kurzen Erörterung der Problemstellung, die den Anstoß für Husserls Überlegungen gegeben hat beginnend, soll zur Orientierung der geistesgeschichtliche Ausgangspunkt markiert werden. Dem sollen Hinweise, gestützt auf die Forschungsergebnisse von Andrea Staiti, zur Einstellungslehre Husserls folgen.[3] Darauf aufbauend werden unter Rückgriff auf die Dissertation von Siegfried Hammer die naturalistische Einstellung und die personalistische Einstellung gesondert behandelt.[4] Im Anschluss daran wird der Begriff der natürlichen Einstellung wichtig werden, wobei maßgeblich Jung-Mi Lees Arbeit Eingang gefunden hat.[5] Aus den sich daraus ergebenden Folgerungen wird abschließend die Frage nach dem Verhältnis und der Wechselbezogenheit von naturalistischer und personalistischer Einstellung gestellt.

2. Geistesgeschichtlicher Ausgangspunkt

In der Einleitung des dritten Abschnitts der „Ideen II“ umreißt Husserl die thematische Ausrichtung und schildert die Gründe für seine Untersuchungen über die Konstitution der geistigen Welt. Den Hauptgegenstand bildet die Problematik die in der Unterscheidung zwischen Seele beziehungsweise Natur und Geist besteht. Diese Unterscheidung, nach der sich die Konstitutionsanalysen in den “Ideen II“ vollziehen und die den Gegensatz zwischen den Natur- und Geisteswissenschaften hervorruft, ist von fundamentaler Bedeutung. Husserl schreibt: „Von der Klärung dieser Unterscheidung ist unsere ganze Weltanschauung grundwesentlich bestimmt.“[6] Im Zusammenhang mit Auseinandersetzungen der Zeit über die Stellung von Natur- und Geisteswissenschaft erblickt Husserl in den Ansprüchen der Naturwissenschaften, insbesondere einer naturalistischen Psychologie, die Geisteswissenschaften ihrer Methodik zu unterwerfen, um dadurch auch auf diesen Gebieten sichere Erkenntnisse zu erzielen, einen grundlegend falschen Ansatz. Wie Husserl in seiner Einleitung lobend betont, war es Wilhelm Dilthey der zuerst auf das Problem aufmerksam machte, dass die „naturalistische Deutung der Geisteswissenschaften als bloßer deskriptiver Naturwissenschaften“[7] beinhaltet. Dilthey, der mit seiner Naturalismuskritik Pionierarbeit geleistet hatte, „erschaute zwar die zielgebenden Probleme, die Richtung der zu leistenden Arbeit: aber zu den entscheidenden Problemformulierungen und methodisch sicheren Lösungen drang er noch nicht durch.“[8] Husserl geht in diesem Abschnitt noch nicht näher darauf ein, worin genau die Schwachstellen einer naturalistischen Deutung der Geisteswissenschaften bestehen, deutlich wird jedoch bereits trotzdem, dass „die moderne Psychologie, eine Naturwissenschaft vom Seelischen, unfähig [ist], den konkreten Geisteswissenschaften die von ihnen gemäß ihrem eigentümlichen Wesen geforderte wissenschaftliche Grundlegung zu geben.“[9] Einerseits die Schwäche der naturalistischen Deutung der Geisteswissenschaften und andererseits Diltheys, in Husserls Augen, unzureichende Analysen dieses Problems, stellen den Ausgangspunkt für die Untersuchungen in den “Ideen II“ dar. Am Ende der Einleitung formuliert er, worum es im Kern geht: „Nur eine radikale, auf die phänomenologischen Quellen der Konstitution der Ideen Natur, Leib, Seele und der verschiedenen Ideen von Ich und Person gerichtete Untersuchung kann hier die entscheidenden Aufschlüsse geben.“[10]

3. Der Begriff „ Einstellung“

Da sich diese Arbeit einer Beschreibung der naturalistischen und personalistischen Einstellung zum Thema gemacht hat, erscheint es angebracht, sich in einem vorhergehenden Schritt damit auseinander zu setzen, in welcher Weise Husserl den Begriff der Einstellung überhaupt verwendet. Auf die Bedeutung dieses Begriffs innerhalb der Phänomenologie weist Andrea Staiti bereits in den ersten Sätzen eines Aufsatzes hin, der sich Husserls Einstellungslehre widmet: „Die zentrale Stellung des Einstellungsbegriffes in der Phänomenologie Husserls zeigt sich bereits dadurch, dass sich die Phänomenologie selbst durch eine bestimmte Einstellung definiert.“[11] Staiti betrachtet den Einstellungsbegriff in zweierlei Hinsicht. In grundlegender Weise ist der Einstellungsbegriff „eng mit dem Aktbegriff und der intentionalen Verflechtungsstruktur des Bewusstseins“[12] verbunden. Ausgehend von den verschiedenen Bewusstseinsleistungen lassen sich auf dieser Ebene bereits unterschiedliche Einstellungsweisen festmachen. In differenzierterer Hinsicht lässt sich eine Gruppe von Erkenntniseinstellungen, in welche auch die naturalistische und personalistische Einstellung fallen, ausmachen, die laut Staiti auf der Tätigkeit des Verstandes beruhen.[13] Für unsere Absicht ist die Verwendung von Einstellung als Erkenntniseinstellung wichtig. Einem ersten Vorverständnis dienend erklärt Staiti: ,,Einstellung‘‘ bezeichnet diejenige qualitative Eigenart eines Aktes, die bestimmt, welche gegebenen Eigenschaften des im Akt jeweils erscheinenden Gegenstandes thematisiert und aktiv aufgefasst werden können und welche nicht.“[14] Dieser Erklärung folgend, kann unter dem Einstellungsbegriff eine theoretische Disposition verstanden werden, die die Haltung, die Denk- und Sichtweise eines erkennenden Subjekts gegenüber dem Erkenntnisobjekt festlegt. Demnach gibt es also theoretische Einstellungen, die sich in verschiedene theoretische Sondereinstellungen aufteilen lassen, welche sowohl das natur- als auch das geisteswissenschaftliche Theoretisieren bestimmen. Ausgehend von dieser allgemeinen und weiten Bestimmung des Einstellungsbegriffs, lässt sich nun dazu übergehen, zwei dieser Einstellungen näher in den Blick zu nehmen.

[...]


[1] Edmund Husserl, Ideen zu einer reinen Phänomenologie und phänomenologischen

Philosophie. Zweites Buch. Phänomenologische Untersuchungen zur Konstitution, (Hua IV), hg. v. M. Biemel, Den Haag 1952.

[2] Vgl. Urte Kocka, Phänomenologische Konstitution und Lebenswelt. Untersuchungen zu Edmund Husserls “Ideen II“ (phil. Diss. Heidelberg 1978), Heidelberg 1980. S.17

[3] Andrea Staiti, Systematische Überlegungen zu Husserls Einstellungslehre, in: Husserl Studies 25, 2009, H. 3, S. 219-233

[4] Siegfried Hammer, Der Begriff der Person bei Edmung Husserl. Nach der Konstitution der Phänomenologie der Ideen (phil. Diss. Innsbruck 1989), Innsbruck 1990

[5] Jung-Mi Lee, Lebenswelt und Einstellung in der Phänomenologie Husserls (phil. Diss. Wuppertal 1999), (URL: http://elpub.bib.uni wuppertal.de/servlets/DerivateServlet/Derivate-286/d029901.pdf [12.10.2011])

[6] Hua IV, S. 172

[7] Ebd.

[8] Ebd. S. 173

[9] Ebd. S.172

[10] Ebd. S.173

[11] Staiti 2009, S. 2

[12] Ebd.

[13] Vgl. Staiti 1999, S.2

[14] Ebd. S.3

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Details

Titel
Naturalistische und personalistische Einstellung in Husserls "Ideen II"
Hochschule
Universität zu Köln
Autor
Jahr
2011
Seiten
13
Katalognummer
V192982
ISBN (eBook)
9783656182993
ISBN (Buch)
9783656183860
Dateigröße
501 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Husserl, Phänomenologie, Einstellung, Naturalismus, Ideen, Person, Ethik, Lebenswelt
Arbeit zitieren
Clemens Boch (Autor), 2011, Naturalistische und personalistische Einstellung in Husserls "Ideen II", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/192982

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