Die rechte Bildseite füllt der Chor der Gefährtinnen in blockhafter Geschlossenheit auf der schmalen Vordergrundsbühne. In tiefenräumlicher Figurenabfolge konstruiert Jordaens weniger ein Hintereinander als vielmehr ein stufenweises Übereinander. Dieser Ordnung entsprechen die Haltungsmotive: in kompliziert verkürzten Wendungen und Gesten lagern die Figuren breit auf dem Boden, auch kauernd oder kniend, dann nach vorn übergebeugt stehend oder mit empor gestreckten Armen. In etwa der Bildmitte befindet sich eine Rückenfigur. Als frontal zur Aktion befindliche Figur lenkt sie die Aufmerksamkeit des Betrachters auf das Geschehen. Diese breit auf dem Boden lagernde Figur hat einen nackten, markant ausgeprägten Rücken und ist nur mit einem weißen durchscheinenden Tuch mit darüber drapiertem goldenen Stoff ab der Hüfte bekleidet, der an der Knien gerafft ist. Sie stützt den linken Arm auf den Sandboden, unmittelbar neben ein Blumenbouquet, und wirkt als Gabelung im Handlungsgefüge. Hier offenbart sich dem Betrachter die Trennung zwischen der linken Figurengruppe - Europa auf dem Stier mit umschließender Konturgruppe - und der rechten - die Gefährtinnen der Europaim Bild. Die Rückenfigur wird von zwei Frauen zur rechten und zur linken Seite, die in hockender Stellung am Boden lagern, umschlossen. Die Frau zu der linken Seite der Rückenfigur weist mit der linken Hand direkt auf Europa. Ihr Blick wendet sich in das Bild zu einer von außen ins Handlungsgeschehen tretenden Figur in rotem Gewand. Der dunkel-violette Mantel den sie trägt, kontrastiert die strahlende Helligkeit des Zeus-Stieres, auf dessen Beute sie weist. Die Frau zur rechten Seite der Rückenfigur sieht den Betrachter unmittelbar an und führt durch ihre auf die Entführungsszene weisende Handbewegung ins Bildthema. Ihre durch das herunterfallende weiße Kleid entblößte Schulter, berührt die der Rückenfigur, während ihr linker Unterarm in die Seite der Nebenfigur gestützt ist. Die Blickbeziehungen der drei Frauen gehen über weite Distanzen, was die Synthese und unmittelbare Zusammengehörigkeit aller Figuren deutlich werden lässt. Zur rechten Bildseite hin folgen acht weitere Figuren. Der ins Bild weisenden auf dem Boden lagernden Figur folgt eine nackte kniende Person. Der Schleier, der ihre Scham verdeckt, sowie die Stoff- und Tuchreste um sie herum verschaffen ihr Raum.
Inhaltsverzeichnis
1. Die Entführung der Europa
1.1 Einleitung: Der Mythos nach Ovid
1.2 Komposition und Figurenanordnung
1.3 Die Rolle der Rückenfigur und Blickbeziehungen
1.4 Einfluss von Rubens und künstlerische Entwicklung
1.5 Repräsentativer Charakter und barocke Auftraggeberschaft
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Diese Arbeit analysiert das Gemälde „Die Entführung der Europa“ von Jacob Jordaens und untersucht, wie der Künstler den klassischen Mythos in eine repräsentative Form flämischer Barockmalerei übersetzt, wobei ein besonderer Fokus auf der kompositorischen Gestaltung und dem Einfluss von Peter Paul Rubens liegt.
- Analyse der narrativen Abweichungen vom Originaltext Ovids
- Untersuchung der komplexen Figurenanordnung und der kompositorischen Dynamik
- Bewertung des künstlerischen Einflusses von Peter Paul Rubens auf die frühe Schaffensphase
- Deutung der repräsentativen Funktion und Auftraggeberschaft im Kontext der südlichen Niederlande
Auszug aus dem Buch
Die Entführung der Europa
Den Moment der Entführung gestaltet Jacob Jordaens als ein vielköpfiges Ensemble von sechzehn Akteuren weiblichen Geschlechts in voller Lebensgröße. Das mythische Geschehen findet in einer Landschaft vor tiefem Horizont am Meeresgestade statt, doch auf eine genaue Bestimmung des Schauplatzes verzichtet Jordaens. Auf der querformatigen schmalen Raumbühne passt Jordaens die Figuren in die vordere Bildebene: links Europa auf dem Zeus-Stier, dem eine ältere Frau einen Blumenkranz darbietet, rechts die Gefährtinnen der Königstochter, die als typische Mädchen stilisiert sind.
Die reitende Europa mit umschließenden Frauen auf der linken Bildseite ist tiefer als die Gefährtinnengruppe in das Bild gestellt und dennoch signifikant hervorgehoben. Gegenüber der stark gedrängten Gruppe der Gefährtinnen ist die Protagonistin freigestellt und von den übrigen Figuren separiert. Durch das sich wehend über Europa aufbauschende Tuch wird die Reitende vertikal akzentuiert, während die übrigen Personen als eine in sich geschlossene Gruppe organisiert ist. Über der Europa auf dem Zeus-Stier ist eine Wolkenformation konzentriert, der übrige Himmel hingegen bleibt klar. Diese Tatsache lässt darauf schließen, dass der Künstler die Landschaft als Stimmungsträger einsetzt. Die bedrohlich anmutenden Wolken weisen antizipierend auf das Schicksal Europas. Doch weniger als ängstliches Opfer der Entführungsgewalt Zeus’ wird Europa vielmehr als stolze, wissende Königstochter präsentiert. Die vordem schicksalhafte Angst, die in der bestürzten Reaktion der Europa folgenden Konturgruppe nachklingen mag, ist Erkenntnis über den Betrug des Göttervaters gewichen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Die Entführung der Europa: Dieses einführende Kapitel beleuchtet den mythologischen Hintergrund der Erzählung bei Ovid und setzt ihn in direkten Kontrast zur bildnerischen Interpretation durch Jordaens.
1.1 Einleitung: Der Mythos nach Ovid: Hier wird die literarische Vorlage von Ovid zusammengefasst und die emotionale Ausgangslage der Europa im Mythos beschrieben.
1.2 Komposition und Figurenanordnung: Der Fokus liegt auf der Analyse der räumlichen Gestaltung auf der schmalen Raumbühne und der Anordnung der sechzehn weiblichen Akteure.
1.3 Die Rolle der Rückenfigur und Blickbeziehungen: Dieses Kapitel erläutert die Funktion der zentralen Rückenfigur als Gabelung im Handlungsgefüge und analysiert die Verknüpfung der Figuren durch Blickbeziehungen.
1.4 Einfluss von Rubens und künstlerische Entwicklung: Hier wird der Einfluss von Peter Paul Rubens auf Jordaens’ frühen Stil sowie die methodische Auseinandersetzung mit Vorbildern wie „Nymphen und Satyrn“ untersucht.
1.5 Repräsentativer Charakter und barocke Auftraggeberschaft: Das abschließende Kapitel interpretiert das Werk im sozio-historischen Kontext der spanischen Niederlande und den Anforderungen an repräsentative Barockmalerei.
Schlüsselwörter
Jacob Jordaens, Entführung der Europa, Peter Paul Rubens, flämische Barockmalerei, Ovid, Metamorphosen, Kompositionsanalyse, Rückenfigur, Historienmalerei, mythologische Darstellung, repräsentative Kunst, Figurenanordnung, 17. Jahrhundert, Südliche Niederlande, Zeus-Stier
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert das Gemälde „Die Entführung der Europa“ von Jacob Jordaens hinsichtlich seiner kunsthistorischen Bedeutung und kompositorischen Struktur.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die mythologische Vorlage nach Ovid, die stilistische Abhängigkeit von Rubens und die Funktion des Gemäldes als repräsentatives Barockkunstwerk.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist aufzuzeigen, wie Jordaens den Mythos durch eine spezifische, auf Repräsentation ausgerichtete Figurenkomposition und Farbgebung neu interpretiert.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine kunsthistorische Werkanalyse durchgeführt, die formale Kriterien mit ikonographischen Vergleichen und zeitgeschichtlichen Kontexten verknüpft.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit der detaillierten Bildbeschreibung, der Analyse der Figurengruppen, dem Einfluss des flämischen Meisters Rubens und der Rolle der Auftraggeberschaft.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Jacob Jordaens, flämischer Barock, Mythologie, Komposition und künstlerische Auseinandersetzung.
Warum wirkt die Europa bei Jordaens so anders als im antiken Mythos?
Jordaens stellt Europa nicht als ängstliches Opfer dar, sondern als stolze und wissende Königstochter, was der repräsentativen Funktion des Gemäldes in einem herrschaftlichen Raum dient.
Welche Bedeutung kommt der Rückenfigur im Bild zu?
Die Rückenfigur dient als zentrales Element der Bildführung; sie fungiert als Gabelung, die den Betrachter zwischen den Figurengruppen orientiert und die Aufmerksamkeit auf das Geschehen lenkt.
Wie erklärt die Autorin die anatomischen Unregelmäßigkeiten im Bild?
Die Autorin vermutet, dass Jordaens möglicherweise nicht durchgehend nach dem lebenden Modell arbeitete, sondern das Werk nach vorgefertigten Kompositionsvorlagen arrangierte.
- Citar trabajo
- Magistra Artium Melanie List (Autor), 2006, Jacob Jordaens "Die Entführung der Europa" - Eine kunstwissenschaftliche Abhandlung, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/193060