"Wäre sein Leib eine Kanone, er hätte sein Herz auf ihn geschossen." - Eine psychoanalytische Betrachtung des arabischen Selbstmordattentäters


Wissenschaftlicher Aufsatz, 2003

56 Seiten, Note: ohne


Leseprobe

Inhaltsangabe

Einführung

Übersicht

Definition des Untersuchungsgegenstandes
Verhältnis von Aggression und Destruktivität

Aggressionstrieb oder Selbst-Erhaltung

Narzisstische Wut - Genese und Psychodynamik
Frühe Entwicklung des Selbst und enttäuschende Selbstobjekte
Narzisstische Wut als Abwehr
Narzisstische Regulation
Narzisstische Objektbeziehungen
Aggression als Folge mangelnder metaphorischer Synchronisierung

Selbstmord als Ausweg aus der narzisstischen Krise

Der arabische Selbstmordattentäter
Soziokultureller Hintergrund
Der Islam
Persönlichkeit des Selbstmordattentäters
Sozialisation in arabischen Ländern
Lebenssituation in arabischen Krisengebieten
Frühkindlicher Defekt, Abwehr und Kompensation
Mystifizierung und Indoktrination
Ich-Ideal / Über-Ich-System
Realitätskontrolle
Schuldproblematik
Beziehung zwischen Attentäter und Objekt des Attentats

Thesen für eine Lösung
Ableitung aus behandlungstechnischen Konsequenzen
Kulturelle und politische Konsequenzen

Zusammenfassung

Literaturliste

Einführung

Kapitän Ahab verleugnet seine Sehnsucht nach Zuwendung und Nähe. Er würde sein Herz lieber verschießen, als sich ihm zuzuwenden und eine neuerliche Enttäuschung zu riskieren Er riskiert die eigene körperliche Vernichtung, setzte sie vielleicht sogar unbewusst ein, um wenigstens sein tief verletztes und enttäuschtes Selbst auf einer grandiosen Ebene zu retten und zu sichern. Er versucht im vermeintlich heroischen Akt das narzisstisch verletzende Objekt oder besser, das von dieser Projektion getroffene Objekt in die Vernichtung zu reißen und sich damit letztlich doch noch mit ihm zu vereinigen.

Bei den Vorüberlegungen für diese Arbeit wurde mir deutlich, dass die modernen Medien verführen, Selbstmordattentate als spektakuläre Gegenwartserscheinung anzusehen. Das Fernsehen sorgt für eine schnelle weltweite Verbreitung, erschüttert und fasziniert gleichermaßen mit seiner Suggestion, aus sicherer Distanz teilnehmen zu können. Es fördert damit einen regressiven Massenprozess, verführt zu Identifikationen und Projektionen, polarisiert und spaltet (Kernberg 2000, S. 16, Büttner 2001, S. 6f). Diese Form der Destruktivität ist aber im Grunde nicht spektakulär, weil sie sich in der Geschichte der Menschheit wiederholt – im Großen, wie im Kleinen. Ich bin mir deshalb sicher, dass die Betonung des Spektakulären auch dazu dient, unsere eigene Anfälligkeit zu verleugnen.

Übersicht

Bei der Bearbeitung meines Themas wurde deutlich, dass ich meine selbstgestellte Aufgabe nicht umfassend würde lösen können. Aber der eingeschränkte Umfang gestattete mir in einem Überblick eine Reihe loser Fäden zu beschreiben, von denen ich glaube, dass es sich lohnt, ihnen weiter nachzugehen.

Ausgehend von der Definition des Untersuchungsgegenstandes diskutiere ich Theorien zu Aggression und Destruktivität, wobei ich mich kritisch mit der Postulierung eines Aggressionstriebes auseinandersetze und ihn zugunsten von Aggressionstheorien der Selbst-Erhaltung verwerfe, die ich destruktiven Handlungen zugrunde lege. Darauf aufbauend setze ich mich mit narzisstischer Wut auseinander, diskutiere ihre Genese und Psychodynamik. Eine Verknüpfung von Kommunikationstheorie, intersubjektiven Ansätzen und Narzissmustheorien reisse ich in diesem Zusammenhang lediglich an, obwohl ich einer Weiterentwicklung dieses Konzeptes viel Relevanz zugestehe. Im Weiteren lehne ich mich an Überlegungen Henselers zum Selbstmord an, wobei ich auf seine Darstellung der Suizidhandlung als Lösung einer narzisstischen Krise zurückgreife. Aufbauend auf einer Betrachtung des arabisch-israelischen Konflikts, Schamis literarischem Bild der arabischen Demütigung und Reuters Darstellung konkreter Hintergründe, Kernbergs Ideen zur Massenpsychologie, Büttners Umsetzung von Bindungstheorien in Vorstellungen für den Terrorismus und Gruens psychoanalytisch fundierte Beschreibungen von Extremismusformen stelle ich dann Ideen für den kulturellen und geschichtlichen Hintergrund des westlich-arabischen Konflikts und seiner Auswirkungen auf den Selbstmordterrorismus vor. Ich formuliere Aussagen zur Entwicklung der Persönlichkeit und zur Handlung des Selbstmordattentäters, wobei ich seine Integration in die terroristische Gruppe und seine destruktive Handlung als Stabilisierungsversuche gegen seine chronische Enttäuschungserwartung, für sein labiles Selbst postuliere. Dabei will ich verdeutlichen, dass die Problematik der Selbstmordattentate nicht auf einen einzelnen Faktor reduziert werden kann, sondern multikausal gesehen werden muss. Abschließend versuche ich u.a. aus behandlungstechnischen Konsequenzen die Thomä und Kächele, Kohut, Wolf u.a. für narzisstische Problematiken vorgeschlagen haben, Konzepte für Lösungen abzuleiten, mit denen Konflikte zwischen Gruppen und Kulturen vermindert werden können.

Definition des Untersuchungsgegenstandes

Das Verhalten, das meinen Untersuchungsgegenstand kennzeichnet, ist eine unmittelbar auf das Objekt, bzw. seine Repräsentanzen gerichtete destruktive Handlung, bei der das Subjekt die eigene körperliche Zerstörung in Kauf nimmt oder gar als Mittel einsetzt, das Objekt real oder narzisstisch[1] zu demütigen und zu verletzen und sich gleichzeitig – auf der Grundlage einer grandiosen Selbstwahrnehmung - in seinem Selbst als unzerstörbar fantasiert[2]. Am konsequentesten tritt dieses Verhalten in Selbstmordattentaten in Erscheinung und in den Grundformen ist es bereits in der fantasierten Handlung angelegt.

Verhältnis von Aggression und Destruktivität

Destruktivität ist eine spezifische Form von Aggressivität. Mit Thomä und Kächele (1996, S. 155) unterscheide ich dennoch zwischen aggressiven und destruktiven Handlungen: Bei einem fließenden Übergang ist eine destruktive Handlung dadurch bestimmbar, dass es bei ihr um Zerstörung und Vernichtung des Objektes geht. Destruktivität in diesem Sinne fällt aus Waelders allgemeiner Aufstellung der Manifestationen von Aggression heraus und ist verwandt oder sogar identisch mit seiner essentiellen Destruktivität. Waelder formuliert eine Ausschlussdefinition...

Essentielle Destruktivität besteht aus …. „Manifestationen der Aggression, die nicht als reaktiv auf Provokationen angesehen werden können, weil sie in ihrer Intensität oder in ihrer Dauer so ungeheuer sind, daß es schwierig wäre, sie sinnvoll in ein Reiz-Reaktions-Schema einzuordnen; die nicht als Nebenprodukt von Ichaktivitäten angesehen werden können, weil sie weder Begleiter augenblicklicher Ichaktivitäten sind, noch sich als Derivate für Nebenprodukte von Ichaktivitäten erklären lassen; und schließlich nicht als Teil sexueller Triebe angesehen werden können, da keine sexuelle Lust irgendwelcher Art mit ihnen verbunden zu sein scheint“ ( aus Thomä und Kächele 1966., S. 156).

Kohut unterscheidet konkurrierende Aggression gegen Objekte, die bei der Erlangung begehrter Ziele im Wege stehen, von narzißtischer Wut gegen Selbstobjekte, die das Selbst bedrohen oder es beschädigt haben (nach Wolf 1998, S. 105). Die konkurrierende Aggression stelle dabei eine normale, gesunde Reaktion dar. Sie verschwinde spontan, wenn das Ziel erreicht sei. Es bleiben keine pathologischen Überreste.

Kohuts Definition der „narzisstischen Wut“ und Henselers Auffassung der „ohnmächtigen Wut“ weisen auf grundlegende Prinzipien von Destruktivität hin. Nach Henseler ist die „ohnmächtige Wut“ die intensivste Form der Wut, weil sich das Subjekt ihr gegenüber ohnmächtig fühlt. „Sie entsteht aus Ohnmachtsgefühlen und stellt einen leidenschaftlichen – aber meist vergeblichen Versuch dar, die verlorene Macht zurückzugewinnen“ (Henseler 1983, S. 269). Kohut und Henseler weisen beide darauf hin, dass Menschen auf Kränkung allgemein mit Wut reagieren, um davon die pathologische Reaktion mit Realitätsverlust abzugrenzen. In der Erscheinungsform der pathologischen Reaktion müsse dann aber nicht unbedingt ein „Akt des Wütens“ gegeben sein, sondern auch eine „kalte Zerstörungswut“ sei möglich, die auf Ich-Struktur und entwickelte Ich-Funktionen zurückgreifen könne. Henseler unterscheidet denn auch zwischen einer „… blinden, eruptiven, diffusen, planlosen, primärprozesshaft ungestalteten narzisstischen Wut (nach Art des Jähzorns) und solchen narzisstischen Wutausbrüchen, die in tage-, wochen-, ja …. jahrelangen Rachefeldzügen übergeleitet werden, also stark sekundärprozesshaft gestaltet sind“ (Henseler 1983, S. 288). Wolf meint, dass diese narzisstische Wut nicht verschwindet, wenn das angreifende Selbstobjekt nicht mehr vorhanden ist: „Wahrscheinlich wird die unterschwelligen Animosität Wochen, Monate oder gar Jahre nach der Beschämung an irgendeinem Punkt zu offener Feindseligkeit, sei es zu rasender Wut oder kühl kalkulierter Destruktivität, die ihre Befriedigung darin befindet, ein Ersatzobjekt zu opfern, das beleidigend war“ (Wolf 1998, S. 108).

Charakteristisch an der Destruktivität ist, dass die aggressive Reaktion in einem Mißverhältnis zum Auslöser steht und damit eine unbewusste Steuerung signalisiert, die im Bereich der Pathologie anzusiedeln ist. Henseler meint dazu: „Bewußt reagiert der narzisstisch Wütende auf eine bestimmte Kränkung, aber schon die Unverhältnismäßigkeit von Anlass und Reaktion zwingt zu der Annahme, dass es unbewusst um weit dramatischere Dinge geht“ (Henseler 1983, S. 272).

Aggressionstrieb oder Selbst-Erhaltung

Freunds Annahme eines Aggressionstriebes halte ich für indirekt widerlegt und nicht mehr relevant (Dornes 2001, S. 617). Es gab bereits früh viele Kritiker dieses Triebmodells, das in der Formulierung eines Todestriebes gipfelte. Dennoch gab es aber auch auffällige Auswirkungen im klinischen Bereich und in den Äußerungen sich gesellschaftlich zu Wort meldender Analytiker. Mitscherlich schrieb z.B., dass „das Gefühl, der Möglichkeit kollektiver, aggressiver Äußerungen beraubt zu sein, … unbewusst als ein äußerst bedrohlicher, schutzloser Zustand aufgefasst (wird, d. Verf.)…“ (1969, S. 104) und dass darum „Die Bewusstseinsentwicklung … mehr und mehr Kontrolle über und Verzichte auf … archaische Triebansprüche (verlangt, d. Verf.) (ebenda, S.113). Neben der theoretischen Kritik sehe in einer intendierten, missbräuchlichen Verwendung dieser Perspektive die Gefahr, dass Tür und Tor für Vorurteile geöffnet werden, wenn Destruktivität auf den Mangel an bewusster Kontrolle archaischer Triebansprüche reduziert wird, die man dann einer Kultur oder einer genetischen Abkunft, z.B. der arabischen Mentalität unterstellen kann.

Folgt man Bernfelds und Waelders Einschätzung, dann gab es einen plausiblen motivationalen Hintergrund für den Einfluss der Aggressionstriebtheorie. Waelder meint: „…Klassifizierungen wie ´erotisch´ oder ´destruktiv´ konnten direkt auf das Beobachtungsmaterial angewandt werden, ohne jede vorausgehende analytische Destillier- und Raffineriearbeit….“ (zitiert aus Thomä und Kächele. 1996, S. 154). Beide Autoren diagnostizieren damit eine oberflächliche Betrachtungsweise, legen vielleicht sogar eine moralisierende oder wertende Verwendung der Begriffe nahe, eine bewusst oder unbewusst spaltende Unterteilung des Menschen in „beherrscht“ und „unbeherrscht“, bzw. „gut“ und „böse“, je nachdem wie gut er seinen „unzivilisierten“ Aggressionstrieb kontrollierte.

Waelder (ebenda) verdeutlicht, dass aggressive und destruktive Phänomene bereits anhand älterer Theorien zu Sexual- und den Selbsterhaltungstrieben bzw. zu Aktivitäten des Ich gut erklärt werden können. Die Annahme eines Todestriebes sei darum verzichtbar. Thomä und Kächele führen Arbeiten von Stone, Anna Freud, Gillespie, Rochlin und Basch an, um zu zeigen, dass „... gerade der bösartigen menschlichen Destruktivität das mangelt, womit üblicherweise ein Trieb, beispielsweise Sexualität und Hunger, in und außerhalb der Psychoanalyse gekennzeichnet wird.“ Sie benennen mit Bezug auf Anna Freud das Fehlen der Merkmale eines Triebes, wie das Organ, die Quelle, die spezielle Energie und das Objekt. Mit Kunz stellen sie fest, daß Aggression auch keinem Rhythmus von Spannung und Entspannung, Unruhe und Ruhe, Mangel und Erfüllung folgt. Gerade die ungeheuere Wirksamkeit, die ständige Sprungbereitschaft von Aggressivität und Destruktivität unterstreiche ihre reaktive Natur. Und die Autoren führen mit dem Exempel der Destruktivität Hitlers an: „Die menschliche Aggressivität geht in ihren destruktiven Zielen der Vernichtung des Mitmenschen und ganzer Kollektive über alles hinaus, was biologisch erklärt werden könnte. Es kommt wohl auch niemand in den Sinn, diese Form der Aggressivität als das sogenannte Böse zu verharmlosen“[3] . Die Autoren kommen zu dem Schluss, dass die Befriedigung aggressiv-destruktiver Impulse der Wiederherstellung des beschädigten Selbstwertgefühls diene (Thomä und Kächele 1996 S. 158f).

Thomä und Kächele beschreiben die Selbsterhaltung als biologisches Regulationsprinzip, das von außen und innen gestört werden kann. Reflektorische und orale Bemächtigung des Objektes ließen sich ebenso der Selbsterhaltung zuschreiben, wie das ausgeklügeltste, wahnhafte System der Destruktion im Dienste grandioser Ideen. Orale und sexuelle Befriedigung erschöpften sich, aber in diesem Sinne instrumentalisierte Aggression sei allgegenwärtig. Sie stehe im Dienste einer Selbsterhaltung, die vorwiegend durch seelische Inhalte bestimmt wird. Die alte Einteilung Freuds in der Aggression zum Ich-Trieb (Selbsterhaltungstrieb) gehört und die Bemächtigung des Objektes zum Selbsterhalt werde damit immens erweitert und erhalte einen psychosozialen Bedeutungsinhalt. Destruktivität könne auf diesem Hintergrund als ein Ausdruck der Selbsterhaltung angesehen werden (ebenda S. 163).

Kernberg versucht die Theorie des Todestriebes zu retten, indem er ihn aus „heftigen primitiven Affekterlebnissen“ ausgelöst von Objekten ableitet. Kernberg: „Alle diese heftigen primitiven Affekterlebnisse werden als affektive Erinnerungen gespeichert, in die schrittweise die einander zugehörigen Spitzenaffekte integriert werden, so dass schließlich zwei voneinander unabhängige Welten nebeneinander aufgebaut werden. Damit würde die Psychobiologie der Affekte in intrapsychische Strukturen überführt werden (Kernberg 2000, S. 9). Kernberg beschreibt damit aber keine Triebstruktur im eigentlichen Sinne, sondern die polarisierende Verarbeitung von frühem Erleben unterschiedlicher Affekte. Er betont die Bedeutung des Objektes bei der Entstehung dieser Affekte und schildert das Subjekt damit reaktiv. Die Organisation unseres Objekterlebens in dualen Mustern im Rahmen eines Entwicklungsprozesses ist aber etwas ganz Anderes als ein triebhaftes Geschehen. Sie folgt vielmehr einem grundlegenden Organisationsprinzip, das sich in den verschiedensten Bereichen unserer Wahrnehmung wiederfindet.

Von Bedeutung ist noch, dass menschliche Destruktivität auf die Fähigkeit zur Symbolisierung zurückgreifen kann. Damit können sich Menschen und Menschengruppen voneinander abgrenzen, Kommunikationsbarrieren errichten und spezifisch menschlichen Identifizierungsprozessen folgen. Daraus entsteht das typische Merkmal von Destruktivität, mit dem der Andere diskriminiert und zum Unmenschen erklärt wird[4]. Was der menschlichen Destruktivität ihre Bösartigkeit verleiht und unerschöpflich macht, sind diese spezifischen menschlichen Identifizierungsprozesse, ist die Bindung an bewusste und unbewusste Fantasiesysteme. Das erklärt z.B., warum bei psychopathologischen Grenzfällen banal erscheinende Kränkungen unbewusste Phantasien in Gang setzen, diese als schwere Bedrohung erscheinen lassen und destruktive Prozesse zur Folge haben.

Narzisstische Wut - Genese und Psychodynamik

„Ich würde die Sonne zerschlagen, hätte sie mir ein Leides getan“

Kapitän Ahab

in Melvilles Moby Dick

Kohut übernimmt den von Alexander[5] eingeführten Begriff der narzisstischen Wut und sieht sie neben dem schamerfüllten Rückzug als eine von zwei grundlegenden Reaktionsformen auf narzisstische Kränkung. In der pathologischen Erscheinung sieht er narzisstische Wut als Ausdruck der Enttäuschung eines sich grandios erlebenden Menschen gegenüber dem Versagen eines narzisstischen bzw. Selbstobjektes (Kohut 1973, S. 540ff). Wolf, der sich auf den Artikel Kohuts bezieht, führt weiter aus: “Die wirkliche Gefahr entsteht, wenn überhaupt keine Selbstbehauptung möglich ist, wenn das Selbst sich vollkommen hilflos, irritiert und gekränkt fühlt, das heißt gelähmt, während es gleichzeitig im höchsten Maße aufgewühlt ist und damit in tödlicher Gefahr, seine Integrität zu verlieren. Ein solcher Selbstzustand ist unerträglich und muß geändert werden. Das beleidigende Selbstobjekt oder das vollständig beschämte Selbst muß zum Verschwinden gebracht werden, notfalls auch mit Gewalt, und wenn die ganze Welt dabei in Flammen aufgeht“ (Wolf 1998, S. 107). Da eine narzisstische Kränkung in jedem Menschen emotionale Reaktionen hervorruft, stellt sich die Frage nach dem genetischen Hintergrund und der Psychodynamik der pathologischen Reaktion, wie sie Wolf so plastisch beschreibt.

Frühe Entwicklung des Selbst und enttäuschende Selbstobjekte

Die Beschreibung Wolfs lässt vermuten, dass eine sehr tiefe Verletzung zugrunde liegen muss, mit kaum zu bewältigenden und zu kontrollierenden Affekten, wie sie nur bei schwerer Traumatisierung bzw. bei der Disponierung in einer frühen Entwicklungsphase vorstellbar sind. Mit der Betrachtung der frühen Entwicklungsphase des Menschen stößt man auf die Kontroverse zwischen Säuglingsforschung und psychoanalytischen Theorien.

Dahl macht deutlich, dass die Ergebnisse der beobachtenden Säuglingsforschung und die Annahmen des subjektiven Erlebens, wie sie psychoanalytische Theorien beschreiben, nicht als Widerspruch gesehen werden müssen. Er stellt fest: „Empirische Daten können uns allenfalls zeigen, ab wann das Baby in der Lage ist, z.B. eine Puppe zu be-greifen, sich ihr zuzuwenden und mit ihr in vielfacher Weise kompetent umzugehen. Sie sagen nichts darüber aus, was das Baby dabei erlebt“ (Dahl 2001, S. 585). Er postuliert, dass der Säugling nicht über eine Symbolfunktion verfügt, wohl auch keine Vorstellungen hat und Erfahrungen noch nicht speichern kann, sagt aber auch: „Man kann sich Erfahrungen von namenloser Katastrophen- oder Vernichtungsangst durchaus vorstellen, wobei die kognitive Erfahrung selbst nicht gespeichert wird, weil es sie nicht gibt, aber heftige Affekte als implizite oder nicht-deklarative Erinnerungen zurückbleiben….. Sie bleiben so lange namenlos, also nur im Gedächtnis fixierte Affekte, bis sie sich nachträglich mit einer kognitiven Erfahrung verbinden können“ (ebenda, S. 588) . Dahl nennt zwei Formen der präverbalen Erinnerung an prägenitale Traumatisierungen: Zum einen die direkte Traumafolge, bei der der Affekt sich in der bleibenden Veränderung am Körper symbolisiert und vermutlich auch mit Fantasien verbunden ist (z.B. in Erwartung von etwas Schrecklichem) und zum anderen die nachträgliche Verknüpfung in der ödipalen Entwicklung, als Determinierung der Krankheitssymptome. Thomä und Kächele nennen dies eine „retrospektive Zuschreibung“. In der Erwiderung auf Dahl stellt sich Altmeyer der Vorstellung eines quasi autistischen Erlebenszustandes eines primären Narzissmus ablehnend gegenüber. Aus seiner intersubjektiven Perspektive erkennt er, dass bereits Freud die „primärnarzisstische Fiktion“ (Altmeyer 2002, S. 621) an die berühmte umweltbezogene Bedingung geknüpft habe, weil er die Mutterpflege berücksichtige. Altmeyer nennt dies eine „unbewusste Implikation des Objekts“, mit der der primäre Narzissmus dann einer selbstverständlichen Gewissheit entspräche, gehalten zu werden. Er verweist auf Winnicott, der gezeigt habe, dass der Säugling dies allerdings nicht bemerke. Er erlebe aber mit psychotischer Vernichtungsangst wenn er fallengelassen werde (Altmeyer 2001, S. 621). Altmeyer stellt weiter fest: „Was aus der externen Beobachterperspektive als gekonnte Interaktion imponiert, lässt sich emphatisch als ein frühes Selbsterleben verstehen, welches vom Objekt weiß, ohne es schon denken zu können“. Altmeyer nennt dies die objektale Kontaminierung des primären Narzissmus und macht deutlich, dass im Narzissmus, der als unbewusste Erfahrung des Selbst im Spiegel seiner Umwelt verstanden wird, die Paradoxa menschlicher Identität ihre Quelle haben und zu begreifen sind: „[…] uns unabhängig zu fühlen - und gleichzeitig unserer Abhängigkeit Tribut zu zollen, uns als einzigartig zu präsentieren – und gleichzeitig auf Abhängigkeit angewiesen zu sein, allein sein zu können – ohne verloren zugehen“ (ebenda S. 622).

Auf diesem Hintergrund kann ich Henseler nicht folgen, wenn er beim Säugling eine quasi feindliche Umwelt postuliert, die die Entwicklung des Ich durch Frustration vorantreibt. Er beschreibt die Konfrontation mit der Realität als „Urverunsicherung“, die nur bedingt ausgeglichen werden könne. Die Entwicklung des Ichs knüpft er an das „intensive Bestreben“, sich von der „Urverunsicherung“ zu entfernen und sie nie wieder zu erleben. Dafür brauche ein Kind lange Zeit das Gefühl, entgegen der Wahrnehmung seiner Realität ein grandioses Wesen zu sein, das von idealen Personen umgeben ist (Henseler 2000, S. 75ff). Auf dem Hintergrund der differierenden Theorien über das frühe Selbsterleben ist der Grandiositätsbegriff allerdings strapaziert worden. Mit Recht haben Dornes und Wolf darauf hingewiesen, dass ein Säugling zur Fantasie von eigener Grandiosität gar nicht fähig ist, solange seine Symbolisierungsfähigkeit noch nicht ausgebildet ist.

Meine Schlussfolgerung aus der Kontroverse ist, dass das Bestreben, sich und seine Bezugspersonen als grandios zu erleben, als ein in der Entwicklung später erscheinender Bewältigungsmechanismus der „Unzulänglichkeit“ der primären Bezugsperson aufgefasst werden muss. Sich grandios zu erleben, stellt somit eine retrospektive Zuschreibung mit umgekehrtem Vorzeichen für disponierende „Erinnerungen“ an Verletzungen und Enttäuschungen bzw. an die psychotische Vernichtungsangst (Winnicott) dar. In diesem Bewältigungsmechanismus erkenne ich dann den Hintergrund für die extreme Angewiesenheit auf Selbstobjekte. Und hier findet sich dann eine der möglichen Ursachen für die Destruktivität, die ich untersuchen will. Diese Angewiesenheit drückt sich eventuell im Streben nach außergewöhnlicher narzisstischer Zuschreibung oder außergewöhnlichem Wirkerleben aus, wie es sich z.B. durch die Anwerbung zum „auserwählten Gotteskrieger“ in einer Gruppe fundamentalistisch religiöser Orientierung oder durch Waffenbesitz befriedigen lässt.

[...]


[1] Ich verwende in Anlehnung an Dahls (2001) und Henselers (1983) Ausarbeitungen den Begriff Narzissmus bzw. narzisstisch zur Kennzeichnung verschiedener Zustände des Selbstwertgefühls und der affektiven Einstellung des Menschen zu sich selbst. Die Regulation des Narzissmus beschreibt dann die Aufrechterhaltung des affektiven Gleichgewichts bezüglich der Gefühle von innerer Sicherheit, Selbstwertgefühl und Selbstsicherheit.

[2] Der Fokus vom 9. September 2002 zitiert aus einer spirituellen Anleitung, die man im Gepäck des Todespiloten Mohamed Atta (Selbstmordattentäter des 11. September 2001) gefunden habe: "Der Himmel, der auf den Märtyrer wartet,... würde lechzen. Die Engel riefen bereits dessen Namen und trügen ihre schönsten Kleider".

[3] Es ist bemerkenswert, wie der Sprachgebrauch heute aktiver Politiker diese 1996 veröffentlichte Einschätzung widerlegt. George W. Busch spricht zum Beispiel im Zusammenhang mit dem Terrorismus von einer Achse des Bösen.

[4] Arno Gruen hat in seinen analytische Deutungen von Rechts- und Linsradikalismus diese Perspektive ausgearbeitet (Gruen 2002)

[5] siehe Henseler, 1983, S. 271

Ende der Leseprobe aus 56 Seiten

Details

Titel
"Wäre sein Leib eine Kanone, er hätte sein Herz auf ihn geschossen." - Eine psychoanalytische Betrachtung des arabischen Selbstmordattentäters
Hochschule
Lehrinstitut für Psychoanalyse und Psychotherapie e.V.  (Psychoanalytische Weiterbildung)
Note
ohne
Autor
Jahr
2003
Seiten
56
Katalognummer
V19307
ISBN (eBook)
9783638234603
ISBN (Buch)
9783638700368
Dateigröße
615 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Der Autor setzt sich mit arabischen Selbstmordattentätern auseinander. Dafür diskutiert er die grundlegenden psychoanalytischen Theorien zur Aggression und Destruktivität und stellt dann soziokulturelle Hintergründe und Gedanken zur Persönlichkeit des Selbstmordattentäters dar. Er hebt eine multikausale Sichtweise hervor, die auch den geschichtlichen Hintergrund nicht vernachlässigt.
Schlagworte
Wäre, Leib, Kanone, Herz, Eine, Betrachtung, Selbstmordattentäters
Arbeit zitieren
Klaus Walter (Autor:in), 2003, "Wäre sein Leib eine Kanone, er hätte sein Herz auf ihn geschossen." - Eine psychoanalytische Betrachtung des arabischen Selbstmordattentäters, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/19307

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: "Wäre sein Leib eine Kanone, er hätte sein Herz auf ihn geschossen." - Eine psychoanalytische Betrachtung des arabischen Selbstmordattentäters



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden