Die vorliegende Hausarbeit beschäftigt sich mit den erotischen Diskursen in der höfischen Literatur des Mittelalters unter besonderer Berücksichtigung der Hohen Minne. Dafür werden zuerst die grundlegenden Begriffe wie Minne, Liebe, Erotik, Diskurs und Diskursanalyse in ihren Grundzügen erläutert. Literarische Texte sind nicht nur Quellen dafür, mögliche Interpretationen der Intention des Autors zu finden, sondern werden laut der Theorie der Diskursanalyse als Knotenpunkte bestimmter Diskurse gesehen. Um das soziale Wissen über Erotik bestimmter Gruppen wie der Kirche, der Medizin, des Adels und der Literatur und somit auch die Diskurse dieser Gruppen nachvollziehen zu können, werden daraufhin der theologische und der medizinische Erotikdiskurs näher betrachtet. Da das feudale Leben eng mit dem Gewohnheitsrecht verknüpft ist, werden diese beiden Bereiche zum feudal-gewohnheitsrechtlichen Diskurs zusammengefasst. Die Literatur an sich hat im Mittelalter keine eigene institutionelle Grundlage, weshalb der literarische Diskurs in der Literatur des Mittelalters im Folgenden auch höfisch-literarischer Diskurs genannt wird, dessen institutionelle Grundlage der Adelshof ist. Nach einem Vergleich der vorgestellten Diskurse folgt ein Versuch, diese in den Liedern der Hohen Minne festzumachen und in einer Auswahl darzustellen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einführung
2. Begriffsabgrenzung Minne, Liebe, Erotik
3. Die Begriffe Diskurs und Diskursanalyse
3.1 Diskurs
3.2 Diskursanalyse
4. Theologischer Erotikdiskurs
5. Medizinischer Erotikdiskurs
6. Feudal-gewohnheitsrechtlicher Erotikdiskurs
7. Höfisch-literarischer Erotikdiskurs
7.1 Hohe Minne
8. Vergleich der Diskurse
9. Ausgewählte Beispiele
10. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die erotischen Diskurse in der höfischen Literatur des Mittelalters, wobei ein besonderer Fokus auf der Konzeption der Hohen Minne liegt. Ziel ist es, diese Literatur nicht als isoliertes Phänomen, sondern als Knotenpunkt verschiedener zeitgenössischer Wissensordnungen (Theologie, Medizin, Feudalrecht) zu verstehen und zu analysieren, wie sich diese Diskurse in den Liedern widerspiegeln.
- Grundlagen der Diskursanalyse nach Michel Foucault
- Erotikverständnis in Theologie, Medizin und Feudalrecht
- Die Hohe Minne als höfisch-literarischer Diskurs
- Wechselwirkungen zwischen gesellschaftlicher Realität und poetischer Fiktion
- Analyse ausgewählter Lieder (z. B. Friedrich von Hausen, Reinmar der Alte)
Auszug aus dem Buch
3.2 Diskursanalyse
Durch die Diskursanalyse kann man herausarbeiten, welche Wissensbestände und –ordnungen in den Texten enthalten sind. Sie beantwortet die Frage danach, was zu einem bestimmten Zeitpunkt von wem wie sagbar bzw. nicht sagbar war. Foucault fragt bei der historischen Analyse: „[...] wie kommt es, daß eine bestimmte Aussage erschienen ist und keine andere an ihrer Stelle?“.11
Der Autor ist laut Foucault keine Instanz für die Diskursanalyse. Der Autor wird nicht allein für den Sinn des Textes verantwortlich gemacht. Laut der Diskursanalyse ist kein Sprecher oder Autor freies Subjekt. Literarische Texte werden als Knotenpunkte bestimmter Diskurse gesehen. Sprache verweist immer auf andere Texte bzw. Gespräche. Sprache ist immer eine Schöpfung. Rilke hat mal gesagt, dass nicht die Hand schreiben würde, sondern die Hand geschrieben wird. Damit sind zum Beispiel bestimmte Diskurse der Zeit gemeint, in der der Text entsteht. Diskurse verweisen nicht auf eine intertextuelle Welt, sondern immer auf andere Diskurse. Damit ist gemeint, dass Referenzbezüge in der Diskursanalyse nicht zu Texten hergestellt werden, sondern immer zu anderen Diskursen. Im Gegensatz zur älteren Hermeneutik, in der angenommen wurde, dass es den richtigen Sinn gibt, herrscht heute die Annahme, dass es keinen verbindlichen Sinn eines Textes gibt. Die Diskursanalyse versucht also nicht den Text in seiner Ganzheit zu verstehen.
Bei der Diskursanalyse geht es nicht um die Interpretation der Aussagen im Text, sondern die Analyse richtet sich auf die Beschreibung ihrer Koexistenz, ihrer Reihenfolge, ihrer wechselseitigen Bezüge auf- und Beziehungen zueinander.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einführung: Die Arbeit stellt das Ziel vor, erotische Diskurse im Mittelalter unter Berücksichtigung der Hohen Minne anhand diskursanalytischer Methoden zu untersuchen.
2. Begriffsabgrenzung Minne, Liebe, Erotik: Dieses Kapitel definiert zentrale Begriffe wie Minne, Eros, Agape und Philia und grenzt den modernen Erotikbegriff vom mittelalterlichen Verständnis ab.
3. Die Begriffe Diskurs und Diskursanalyse: Hier werden die theoretischen Grundlagen nach Michel Foucault erläutert, insbesondere das Konzept des Diskurses als Wissensordnung.
4. Theologischer Erotikdiskurs: Die Rolle der Kirche bei der Regulierung von Sexualität und die Bewertung der Ehe als Mittel gegen die Sünde werden analysiert.
5. Medizinischer Erotikdiskurs: Das Kapitel beleuchtet medizinische Annahmen, nach denen Sexualität als gesundheitlich relevante Balance der Körpersäfte verstanden wurde.
6. Feudal-gewohnheitsrechtlicher Erotikdiskurs: Es wird untersucht, wie das Gewohnheitsrecht und die feudale Ehepraxis die Kontrolle über Erotik und Eheverbindungen regelten.
7. Höfisch-literarischer Erotikdiskurs: Hier steht die Entstehung der Hohen Minne und deren Funktion als Gegenentwurf zur Realität im Zentrum.
8. Vergleich der Diskurse: Die verschiedenen Wissensordnungen werden gegenübergestellt, um Gemeinsamkeiten und strukturelle Widersprüche aufzuzeigen.
9. Ausgewählte Beispiele: Anhand konkreter Liedbeispiele wird die praktische Anwendung der theoretisch erarbeiteten Diskurse demonstriert.
10. Fazit: Die Arbeit schließt mit der Erkenntnis, dass alle Diskurse eigene Traditionen besitzen und die Lieder der Hohen Minne primär als literarische Fiktion zu verstehen sind.
Schlüsselwörter
Hohe Minne, Mittelalter, Diskursanalyse, Michel Foucault, Erotik, Minnesang, Theologie, Medizin, Feudalrecht, Literaturwissenschaft, Sexualethik, Liebeskrankheit, Liebeskonzeption, höfische Liebe, Körperlichkeit.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie Erotik und Liebe in der mittelalterlichen Literatur unter verschiedenen gesellschaftlichen Perspektiven – theologisch, medizinisch, rechtlich und literarisch – verhandelt wurden.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Themenfelder umfassen die diskursanalytische Erforschung der mittelalterlichen Sexualmoral, die feudalen Strukturen von Eheschließungen sowie die poetische Stilisierung der Liebe in der Hohen Minne.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, die Hohe Minne als Teil eines komplexen Systems aus gesellschaftlichen Diskursen zu begreifen und die Frage zu klären, warum sie zwischen Poesie, Sünde, Rechtsbruch und Krankheit changiert.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt die Theorie der Diskursanalyse nach Michel Foucault, um literarische Texte als Knotenpunkte gesellschaftlicher Wissensordnungen zu interpretieren.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert nacheinander den theologischen, medizinischen, feudalen und höfisch-literarischen Erotikdiskurs, vergleicht diese miteinander und wendet die Erkenntnisse auf konkrete Beispiele aus dem Minnesang an.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind Hohe Minne, Diskursanalyse, Liebeskonzeption, Minnesang, christliche Sexualethik und die medizinische Säftetheorie.
Wie unterscheidet sich die Auffassung der Liebe in der Medizin von der Theologie?
Während die Theologie Sexualität primär moralisch unter dem Aspekt der Sünde und Fortpflanzung betrachtet, bewertet die Medizin sie als biologische Notwendigkeit zur Erhaltung des Gleichgewichts der Körpersäfte.
Warum wird die Hohe Minne als "Fiktion" bezeichnet?
Der Autor argumentiert, dass das Frauenbild der Hohen Minne in der Realität keine Entsprechung hatte, sondern als hoch ritualisierte, idealtypische Gedankenlyrik diente, die von der täglichen Lebenswirklichkeit der Frauen abwich.
Was ist das Paradoxon der Hohen Minne?
Das Paradoxon besteht darin, dass der Sänger die Frau, die er begehrt, durch seine Verehrung unerreichbar macht; würde er ihre Gunst tatsächlich erlangen, verlöre die Frau ihre tugendhafte Idealität, durch die sie erst anziehend auf den Dichter wirkte.
Welche Rolle spielt das Motiv der Liebeskrankheit?
Die Liebeskrankheit (amor hereos) ist ein zentrales Bindeglied, da sie aus medizinischer Sicht körperliche Symptome des Begehrens beschreibt, die in der Dichtung als Motiv für das Leiden des lyrischen Ichs übernommen wurden.
- Citation du texte
- Olga Heckmann (Auteur), 2011, Die Liebeskonzeption der Hohen Minne - Poesie, Sünde, Rechtsbruch oder Krankheit?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/193071