Der Autor betrachtet arabische Selbstmordattentäter aus psychoanalytischer Perspektive. Er stellt das destruktive und selbstzerstörerische Handeln als narzisstischen Akt auf dem Hintergrund der Verleugnung von Sehnsucht nach Zuwendung und Nähe dar. Mit der Haltung, wie sie Mellville in seinem Roman „Moby Dick“ dem Kapitän Ahab zuschreibt, würden sie ihr Herz lieber verschießen, als sich ihm zuzuwenden und eine neuerliche Enttäuschung zu riskieren. Sie setzen die eigene körperliche Vernichtung ein, um wenigstens ihr tief verletztes und enttäuschtes Selbst auf einer grandiosen Ebene zu retten. Sie versuchen im vermeintlich heroischen Akt das narzisstisch verletzende Objekt oder besser, das von dieser Projektion getroffene Objekt in die Vernichtung zu reißen und sich darin letztlich doch noch mit ihm zu vereinigen.
Das Thema wird mit einer Diskussion von Theorien zu Aggression und Destruktivität eingeleitet, insbesondere der Aggressionstheorien zum Selbst-Erhaltung und der narzisstischen Wut. Sie bilden den Hintergrund, Suizidhandlungen als Lösungsversuche einer narzisstischen Krise zu begreifen. Aufbauend auf einer Betrachtung des arabisch-israelischen Konflikts, einem literarischem Bild der arabischen Demütigung, Kernbergs Ideen zur Massenpsychologie, Büttners Umsetzung von Bindungstheorien in Vorstellungen für den Terrorismus und Gruens psychoanalytisch fundierten Beschreibungen von Extremismusformen werden dann Ideen für den kulturellen und geschichtlichen Hintergrund des westlich-arabischen Konflikts und seiner Auswirkungen auf den Selbstmordterrorismus vorgestellt. Überlegungen zur Entwicklung der Persönlichkeit des Selbstmordattentäters und psychodynamische Erwägungen zu seiner Handlung liefern dann Erklärungsmodelle für seine Integration in die terroristische Gruppe. Dabei wird seine destruktive Handlung als Stabilisierungsversuch gegen seine chronische Enttäuschungserwartung und für sein labiles Selbst gedeutet. Doch der Autor versucht auch eine Lösungsperspektive zu entwickeln, die er aus Behandlungstechniken der modernen, am Selbst orientierten Psychoanalyse gewinnt.
Inhaltsverzeichnis
Einführung
Übersicht
Definition des Untersuchungsgegenstandes
Verhältnis von Aggression und Destruktivität
Aggressionstrieb oder Selbst-Erhaltung
Narzisstische Wut - Genese und Psychodynamik
Frühe Entwicklung des Selbst und enttäuschende Selbstobjekte
Narzisstische Wut als Abwehr
Narzisstische Regulation
Narzisstische Objektbeziehungen
Aggression als Folge mangelnder metaphorischer Synchronisierung
Selbstmord als Ausweg aus der narzisstischen Krise
Der arabische Selbstmordattentäter
Soziokultureller Hintergrund
Der Islam
Persönlichkeit des Selbstmordattentäters
Sozialisation in arabischen Ländern
Lebenssituation in arabischen Krisengebieten
Frühkindlicher Defekt, Abwehr und Kompensation
Mystifizierung und Indoktrination
Ich-Ideal / Über-Ich-System
Realitätskontrolle
Schuldproblematik
Beziehung zwischen Attentäter und Objekt des Attentats
Thesen für eine Lösung
Ableitung aus behandlungstechnischen Konsequenzen
Kulturelle und politische Konsequenzen
Zusammenfassung
Zielsetzung und Themen
Die Arbeit untersucht das Phänomen des arabischen Selbstmordattentäters aus einer psychoanalytischen Perspektive. Ziel ist es, die komplexen psychodynamischen Hintergründe, die zur Wahl dieser destruktiven Handlung führen, aufzuzeigen und dabei insbesondere die Rolle narzisstischer Krisen, früher Bindungserfahrungen und soziokultureller Einflussfaktoren zu beleuchten, um Wege zu einem konstruktiveren interkulturellen Dialog zu finden.
- Psychodynamik narzisstischer Wut und Destruktivität
- Einfluss der Sozialisation und Krisensituationen in arabischen Ländern
- Die Rolle von Ideologie, Indoktrination und Mythologisierung
- Interkulturelle Konflikte und die Bedeutung der interaktiven Synchronisierung
Auszug aus dem Buch
Narzisstische Wut - Genese und Psychodynamik
Kohut übernimmt den von Alexander eingeführten Begriff der narzisstischen Wut und sieht sie neben dem schamerfüllten Rückzug als eine von zwei grundlegenden Reaktionsformen auf narzisstische Kränkung. In der pathologischen Erscheinung sieht er narzisstische Wut als Ausdruck der Enttäuschung eines sich grandios erlebenden Menschen gegenüber dem Versagen eines narzisstischen bzw. Selbstobjektes (Kohut 1973, S. 540ff). Wolf, der sich auf den Artikel Kohuts bezieht, führt weiter aus: “Die wirkliche Gefahr.... entsteht, wenn überhaupt keine Selbstbehauptung möglich ist, wenn das Selbst sich vollkommen hilflos, irritiert und gekränkt fühlt, das heißt gelähmt, während es gleichzeitig im höchsten Maße aufgewühlt ist und damit in tödlicher Gefahr, seine Integrität zu verlieren. Ein solcher Selbstzustand ist unerträglich und muß geändert werden. Das beleidigende Selbstobjekt oder das vollständig beschämte Selbst muß zum Verschwinden gebracht werden, notfalls auch mit Gewalt, und wenn die ganze Welt dabei in Flammen aufgeht“ (Wolf 1998, S. 107). Da eine narzisstische Kränkung in jedem Menschen emotionale Reaktionen hervorruft, stellt sich die Frage nach dem genetischen Hintergrund und der Psychodynamik der pathologischen Reaktion, wie sie Wolf so plastisch beschreibt.
Zusammenfassung der Kapitel
Einführung: Der Autor thematisiert die psychologische Anfälligkeit durch den medialen Diskurs über Selbstmordattentate und die menschliche Neigung, die eigene Destruktivität zu verleugnen.
Übersicht: Es wird der methodische Ansatz dargelegt, der Theorien zu Aggression, Narzissmus und Suizidalität im Kontext des arabisch-israelischen Konflikts verknüpft.
Definition des Untersuchungsgegenstandes: Der Autor beschreibt das destruktive Handeln als Versuch des Subjekts, das eigene Selbstwertgefühl durch die Zerstörung eines Objekts zu retten.
Narzisstische Wut - Genese und Psychodynamik: Dieses Kapitel analysiert die pathologische Reaktion auf Kränkung, bei der das Selbst eine unerträgliche Hilflosigkeit durch massive Zerstörung abzuwehren versucht.
Selbstmord als Ausweg aus der narzisstischen Krise: Es wird die Hypothese aufgestellt, dass die Suizidhandlung ein krisenhafter Versuch ist, ein labiles Selbstwertgefühl in einer ausweglosen Situation zu stabilisieren.
Der arabische Selbstmordattentäter: Dieser Teil beleuchtet die multikausalen Ursachen, wie Soziokulturelle Hintergründe, religiöse Ideologien und die spezifischen Lebensbedingungen in Krisengebieten.
Thesen für eine Lösung: Der Autor schlägt basierend auf psychoanalytischen Konsequenzen Wege zur Verminderung von Gruppenkonflikten durch empathisches Verstehen vor.
Zusammenfassung: Das abschließende Kapitel fasst die psychoanalytische Deutung der Selbstmordattentate als narzisstischen Kompensationsversuch unter Einfluss soziokultureller Traumatisierung zusammen.
Schlüsselwörter
Narzissmus, narzisstische Wut, Selbstmordattentat, Destruktivität, Psychodynamik, arabische Welt, Identität, Ideologie, Indoktrination, Suizidalität, Traumatisierung, interkultureller Konflikt, Objektbeziehung, Märtyrer, Spiegelung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit einer psychoanalytischen Untersuchung der Ursachen und Beweggründe von arabischen Selbstmordattentätern.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Zentrum stehen die Konzepte von Narzissmus und narzisstischer Wut, die Auswirkungen von Sozialisation und Traumatisierung sowie die Rolle von Ideologie und Gruppenzugehörigkeit.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Ziel ist es, die multikausalen psychologischen Faktoren zu identifizieren, die Menschen dazu bringen, sich zu fundamentalistischen Standpunkten zu bekehren und destruktive Handlungen wie Selbstmordattentate auszuführen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine psychoanalytische Betrachtungsweise genutzt, die Theorien von Kohut, Henseler, Kernberg und anderen heranzieht, um das Handeln der Attentäter in einen psychodynamischen Gesamtzusammenhang zu stellen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil behandelt die Genese der narzisstischen Wut, die Rolle der arabischen Sozialisation, die Einflüsse von Krisengebieten und die psychische Einengung durch Indoktrination und Mythologisierung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Narzissmus, narzisstische Wut, Destruktivität, Psychodynamik, Identität, Ideologie, Märtyrer und Suizidalität.
Wie bewertet der Autor den Einfluss der Religion?
Der Autor sieht den Islam nicht als direkte Ursache für Gewalt, stellt jedoch fest, dass die fundamentalistische Auslegung und Indoktrination den Terrorismus begünstigen können.
Welche Rolle spielt die "Märtyrer"-Mythologisierung?
Sie dient als psychologischer Abwehrmechanismus, um das Handeln ideologisch zu überhöhen und dem Attentäter das Gefühl von Größe und Allmacht in einer sonst als ohnmächtig erlebten Situation zu vermitteln.
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- Klaus Walter (Author), 2003, "Wäre sein Leib eine Kanone, er hätte sein Herz auf ihn geschossen." - Eine psychoanalytische Betrachtung des arabischen Selbstmordattentäters, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/19307