Hamas und Demokratie – eine Analyse vorhandener Strukturen


Bachelorarbeit, 2011

37 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Muslimbruderschaft als geistige Heimat der Hamas
2.1 Entwicklung und Arbeit der Muslimbruderschaft
2.2 Die Entstehung der Hamas

3. Zwischenergebnis

4. Begriffsbestimmungen
4.1 Terrorismus
4.2 Demokratie

5. Denken und Handeln der Hamas
5.1 Das Politische Denken der Hamas
5.2 Religion
5.3 Feindbild
5.4 Nationalismus
5.5 Dschihad

6. Die Flügel der Hamas
6.1 Dermilitärische Flügel
6.2 Der öffentliche Flügel
6.3 Der politische Flügel
6.4 Führungsebenen der Hamas

7. Hamas und Demokratie
7.1 Hamas in der Zeit vor der Parlamentswahl 2006
7.2 Hamas in der Zeit nach der Parlamentswahl 2006
7.3 Analyse demokratische Züge der Hamas

8. Fazit

9. Anhang 1

10. Abkürzungsverzeichnis

11. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„[...] Führe uns den geraden Weg, den Weg derer, denen Du Gnade erwiesen hast, und nicht den Weg derer, die Deinem Zorn verfallen und irregehen!“ (1. Sure des Koran, Schirrmacher 2004: 1).

Nach dem islamischen Glauben wurde dem Propheten Mohammed letztmalig die einzig wahre und authentische Offenbarung des göttlichen Gesetzes zuteil. Die Idealvorstellung dieser Offenbarung geht für viele Muslime nur in einem Gottesstaat, nach westlichen Vorstellungen auch Religionsdiktatur genannt, auf, in welchem die soziale, politische und wirtschaftliche Sphäre nach dem Koran geregelt wird (Daeed 2006: Kap. 1 und 9).1 Die Schaffung eines solchen Gottesstaates ist ein Grundgedanke der religiös motivierten Hamas. Mit dem einher geht für die Bewegung des islamischen Widerstandes auch die Zerstörung Israels. „Die Islamische Widerstandsbewegung ist eine eigenständige palästinensische Bewegung, [...], die dafür kämpft, dass das Banner Allahs über jeden Zentimeter von Palästina aufgepflanzt wird.“ (Charta der Hamas, Art. 6). Durch die teils radikalen Ansichten und ihre Vorgehensweise wird die Hamas von vielen Staaten auch als terroristische Organisation eingestuft (Philipp 2009).

Es ist jedoch wichtig, die Hamas nicht einseitig zu betrachten und sowohl ihren radikalen, ihren politischen als auch karitativen Flügel gesondert zu betrachten. Diese Flügel fügen sich unter der Charta der Hamas wieder zu einem großen Ganzen zusammen. „ We can not separate the wing from the body. If we do so, the body will not be able to fly. Hamas is one body.” (Sheikh Ahmed Yassin, aus: Levitt 2006: 34).

Im Rahmen dieser Arbeit sollen sowohl der politische als auch der demokratische Aspekt der Hamas untersucht werden und so eventuelle demokratische Teilstrukturen einer terroristischen Vereinigung aufgezeigt werden. Das genaue Verhältnis der Hamas zu anderen politischen Akteuren in Palästina soll dabei nicht der Hauptgegenstand sein.

2. Die Muslimbruderschaft als geistige Heimat der Hamas

Um die politischen Gedanken und die demokratischen Strukturen der Bewegung des Islamischen Widerstandes (Hamas) aufzuzeigen, ist es notwendig kurz auf den historischen Kontext einzugehen. So muss in diesem Zusammenhang vor allem die ägyptische Muslimbruderschaft genannt werden, aus der die Hamas 1987 hervorgegangen ist (Baumgarten - Ochs 2008: 17).

In Bezug auf den palästinensischen Zweig der Muslimbruderschaft, die Hamas, bleibt die Frage zu klären, ob die Hamas vor allem als islamistische Bewegung zu verstehen oder eher eine radikal - nationalistische Antwort auf die Bedingungen der Besatzung durch Israel und das politische Scheitern ihre nationalistischen Vorgänger bzw. Konkurrenten ist (vgl. Baumgarten 2007: 203ff.). Dies soll nun auf den folgenden Seiten, einschließlich der Muslimbruderschaft, untersucht werden.

2.1 Entwicklung und Arbeit der Muslimbruderschaft

Nach Meyer liegt der Ursprung der Hamas nicht in Palästina sondern in Ägypten. Dort wurde 1928 durch Hassan Al-Banna die Muslimbruderschaft gegründet (Meyer 2010: 70f., Ewaida 2009: 43).2 Aus dem in den Folgejahren gewachsenen ideologischen und politischen Gebilde gingen jene Mitglieder hervor, die am Ende der 1980er Jahre die Hamas gründeten (Baumgarten 2007: 205). Eng in Verbindung mit der Gründung der Hamas steht die erste Intifada, der landesweite palästinensische Widerstand gegen die sich zusehends verschärfende israelische Besatzung am Ende der 1980er Jahre (Levitt 2006: 12). Oft wird auch das erste Flugblatt der Hamas genannt, um die Motive der Gründungsväter zu erläutern (siehe Anhang 1) (vgl. Abu - Amr 1994: 9 - 12).

Die Muslimbruderschaft zeichnet sich vor allem durch ihr großes karitatives Engagement in Ägypten aus, durch welches es ihr gelungen ist großen Rückhalt in der Bevölkerung zu gewinnen (Croitoru 2007: 16f.:). Dazu gehören zum Beispiel Erziehung - und Bildungsarbeit (Studium des Korans), Unterhaltung von Sportvereinen, Handwerksbetrieben, Kleinfabriken sowie Arztpraxen und Krankenhäusern (Meyer 2010: 71). Zudem gab es ab 1942 auch eine paramilitärische Ausbildung für Jugendmitglieder, die aber nicht den Schwerpunkt der Aktivitäten bildete (Jensen 2009: 12f.). In der Folgezeit führte die zunehmende Etablierung in der Gesellschaft auch zu einem immer größer werdenden politischen Machtstreben der Muslimbruderschaft. Sie etablierte sich im Laufe der Zeit als ernstzunehmende und bestorganisierte Opposition zum ägyptischen Regime und wurde daraufhin 1954 für illegal erklärt (Lübben 2008: 75, vgl. Baumgarten 2006: 23). Durch das Verbot war die Muslimbruderschaft in Ägypten gezwungen im Untergrund zu operieren. Dennoch behauptete sie ihre Strukturen weiterhin erfolgreich. Dies ist vor allem auf die große Anerkennung in der Bevölkerung zurückzuführen, die das Fortbestehen des Gefüges der MB sicherte (Meyer 2010: 72 / Croitoru 2007: 20f.). Eine wichtige Entwicklung der Muslimbruderschaft (MB) außerhalb Ägyptens zeichnete sich nach 1948, in Folge des Krieges gegen Zionisten3 und Briten auf Seiten der palästinensischen Araber, ab (Winkelkotte 2009: 74). Es entstanden zwei territorial getrennte Zweige der Muslimbruderschaft im Raum Palästina, die sich bis zum Jahr 1967 auch ideologisch unterschiedlich von einander entwickelten (Mishal / Sela (2000): 23f.). Zum einen gab es eine Gruppierung im Westjordanland, die sich stark am jordanischen Regime orientierte und eher gemäßigt auftrat. Später erfolgte sogar eine Integration in die jordanische Gesellschaft, wobei die MB in diesem Areal keine politischen Aktivitäten zur Zielsetzung hatte. Der andere Zweig befand sich im Gazastreifen und hatte unter den Repressionen der ägyptischen Militärverwaltung zu leiden (Winkelkotte 2009: 74f., vgl. Baumgarten 2006: 21-23). Dieser Gegensatz zur Situation im Westjordanland führte zu einer Radikalisierung innerhalb der Muslimbruderschaft, die durch einen religiösen Hintergrund gekennzeichnet war. Einfluss auf die Bevölkerung konnte zum einen über die Rekrutierung von Mitgliedern an Hochschulen und zum anderen durch Hilfsmaßnahmen gegenüber der Bevölkerung im Gazastreifen ausgeübt werden.4 Dabei half der enge Bezug zur ägyptischen Mutterorganisation finanzielle Mittel aus Ägypten sowie dem Ausland zu akquirieren (Abu - Amr 1994: 7-11, vgl. Roy 2001: 65-69). Die Konstellation der zwei Gruppierungen hielt allerdings nur bis 1967 an. Nach 1967 kam es zu einer Wiedervereinigung beider Gruppen und einem Erstarken der Muslimbruderschaft. Genau zu dieser Zeit erfolgte die Eroberung des Westjordanlandes, Ost-Jerusalems, des Gaza-Streifens und der Golanhöhen durch Israel (Baumgart - Ochse 2008: 2). Dieser dritte Nahost - Krieg, auch „Sechstage - Krieg“ oder „Juni - Krieg“ (vgl. Johannsen 2006: 25f.), führte dazu, dass über 1,3 Millionen Araber unter israelischer Herrschaft lebten. Die darauffolgende israelische Besatzung und damit einhergehende Repressalien haben die palästinensische Bevölkerung in ihrer politischen und vor allem in ihrer ökonomischen Entwicklung nachhaltig eingeschränkt. Darauf gründet sich nach Baumgart - Ochse ein reicher Nährboden für [den] gewaltsamen Widerstand“ (Baumgart - Ochse 2008: 2).5 Interessant ist, dass die MB, nach herrschender Meinung, in den 1970er Jahren von der israelischen Besatzungsbehörde gefördert wurde um einen Gegenpol zu den säkularen Nationalisten zu schaffen (Winkelkotte 2009: 76, vgl. Baumgarten 2006: 32).6 Eine weitere wichtige Entwicklung durchlebte die Muslimbruderschaft in den 1980er Jahren. Nach der Krise der Fatah - Bewegung im Jahr 1982 kam es zu einer starken Politisierung der MB. Auch oder gerade durch den neu auftretenden revolutionären Islam sah sich die MB zu diesem Schritt gezwungen

2.2 Die Entstehung der Hamas

Der Zeit ab 1987 stellt einen entscheidenden Zeitpunkt für die Muslimbruderschaft dar. Durch die Gründung der Hamas konnte sie sich innerhalb Palästinas ,,[...] von einer Vereinigung zur kulturellem Erneuerung in eine Nationalbewegung transformieren“ (Winkelkotte 2009: 78).

Die Führung der Muslimbruderschaft erkannte schnell die sich durch die erste Intifada ändernden Bedingungen und beschloss daraufhin am 9. Dezember 1987 die bislang nur theoretischen politischen Strategien und Überzeugungen auch praktisch umzusetzen (Meyer 2010: 91). Um dieses Vorhaben auch nach außen zu tragen, wurde die Bewegung des Islamischen Widerstandes - Hamas7 gegründet (Levitt 2006: 8f.). So konnte die Muslimbruderschaft vom Volksaufstand profitieren ohne die eigentlich Mutterorganisation in Gefahr zu bringen und gleichzeitig der Führung der PLO und der Fatah8 politisch gegenüber treten (Meyer 2010: 92). In ihren verteilten Flugblättern verkündete die Hamas ihren gesellschaftlichen Führungsanspruch. Durch die Stützung auf das Gefüge der Muslimbruderschaft konnte sie auch rasch an Einfluss gewinnen und wurde zum ernsthaften Konkurrenten für die PLO (Baumgart - Ochse 2008: 18). Unterstützt wurde dies durch die Aussage, welche die Hamas in ihrem vierten Flugblatt traf: „Die Bewegung des Islamischen Widerstandes [sei] der mächtige Arm der Gesellschaft der Muslimbrüder“ (Flugblatt Nr.4, 16.12.1988, zit. nach Baumgarten 2006: 40).

Mit Gründung der Hamas endete für die Muslimbruderschaft die Phase der öffentlichen Wahrnehmung als handelndes Gebilde in Palästina. Nach Meyer muss allerdings eine Differenzierung in palästinensische Bevölkerung und westliche Welt getroffen werden. Ersterer ist immer noch bewusst, dass die Muslimbruderschaft die geistige Heimat der Hamas ist. Wohin gegen der westlichen Welt dieser Aspekt meist gar nicht bewusst ist, und diese nur die im Vordergrund agierende Hamas als gewalttätigen Akteur im israelisch - palästinensischen Friedensprozess sieht (Meyer 2010: 94 auch Croitoru 2007: 8f.).

Mit Gründung der Hamas sollte die Monopolstellung der Muslimbruderschaft als Vertreterin der islamischen Interessen wiederhergestellt und das Vorgehen weiterer islamischer Gruppen so fokusziert werden (Baumgarten 2006: 50).9

3. Zwischenergebnis

Wie im vorherigen Abschnitt gezeigt, ist die Muslimbruderschaft die geistige Heimat der Hamas. Die strukturellen Gegebenheiten, die durch die MB gewachsen sind, wusste die Hamas geschickt zu nutzen um ihren Einfluss beizubehalten und den Kampf gegen den Staat Israel führen zu können.

4. Begriffsbestimmungen

Der Untersuchung der Hamas auf demokratische Strukturen muss vor allem eine Definition des Demokratiebegriffs zuvor gehen. Nur durch die Bestimmung und Abgrenzung eines bestimmten Demokratiebegriffs ist es möglich die Hamas auf eventuell vorhandene demokratische Strukturen zu untersuchen. Da die Bewegung des Islamistischen Widerstandes auch gleichzeitig von vielen Ländern als terroristische Vereinigung eingestuft wird (Gunning 2007: 1), soll darüber hinaus auch eine Konkretisierung dieses Begriffes erfolgen.

4.1 Terrorismus

Terrorismus oder auch politische Gewalt10 ist kein neuer Gegenstand in der politischen Debatte. Die Auffassung, was Terrorismus wirklich ist, trifft jedoch in der Literatur auf unterschiedliche Ansätze. Khatchadourian z.B. setzt Terrorismus mit Mord gleich (vgl Townshend 2005: 11), Walzer und Wilkinson halten Terrorismus für zufälligen und wahllosen Mord an Unschuldigen und für Narveson ist Terrorismus ein besonders schweres Verbrechen (aus Bock 2009: 13-14). Trotz dieser unterschiedlichen Auseinandersetzungen mit dem Begriff lässt sich ein gemeinsames Kennzeichen herausarbeiten, die negative Besetzung des Begriffs Terrorismus (Wildfang 2010: Kap. B I., vgl. Nathanson 2010: Kap. 1.1.). Die damit einhergehende moralische Verurteilung und Ablehnung kommt dadurch besonders zum Ausdruck, dass terroristische Gruppierungen sich selbst fast nie als Terroristen bezeichnen. Dadurch versuchen sie diese negative Grundauffassung zu umgehen. Ihre Namen beinhalten vielmehr militärische, politische oder religiöse Kennzeichen, die ihre Erscheinung weitaus souveräner instrumentalisieren (Bock 2009: 14).

Nach Bock ist eine Definition des Terrorismus als Sinnbild von Verbrechen / Mord keine richtige Definition. Für ihn ist es eine Bewertung bzw. Verurteilung (Bock 2009: 15 / Wildfang 2010: 32-34). ,,[...] Dadurch bleibt weiter ungeklärt, was Terrorismus eigentlich von einer falschen und verwerflichen Tat, was Terrorismus von einem gewöhnlichen Verbrechen unterscheidet; kurz: was Terrorismus eigentlich ist“ (Bock 2009: 16). Moghaddam / Marsella greifen die Schwierigkeit der Definition auf und sagen: „The more one tries to define it, the more complex and obscure it becomes“ (Moghaddam / Marsella 2004: 71).

Moghaddam / Marsella bemerken in diesem Kontext auch, dass die Ansicht, was Terrorismus ist und was nicht, auch von der jeweiligen Perspektive abhängt. Im Speziellen gehen sie dabei auf den Mittleren Ost ein und geben an:“[...] most Israelis accuse most Palestinian groups and activists of being terrorists [...]“ und im Gegensatz dazu „In the minds of most Palestinians and some Arabs - Muslims, however, the Israeli government and military also behave like an organized terrorist group“ ((Moghaddam / Marsella 2004: 71, vgl. Baumgart - Ochse 2008: 3).

Auch wenn Terrorismus aufgrund seiner Komplexität keine abschließende Definition ermöglicht, soll im Folgenden eine Konkretisierung getroffen werden, die auf die Hamas anwendbar ist. Arbeitsgrundlage soll dabei eine von Ruby getroffene Definition sein.

„Nach ihm ist Terrorismus [...] politisch motiviert; er zielt darauf ab, Regierungspolitik zu beeinflussen. Die Gewalt richtet sich in erster Linie gegen Zivilisten, aber auch gegen militärisches Personal, wenn es außerhalb militärischer Kampfhandlungen attackiert wird. Ausgeübt wird diese Gewalt von geheimen, im Untergrund agierenden Gruppen, die überraschend zuschlagen. Der Terror soll Angst und Schrecken in einem Zielpublikum verbreiten, das über den Kreis der direkten Opfer hinausgeht, um trotz vergleichsweise niedriger Opferzahlen einen hohen Verbreitungsgrad der politischen Botschaft zu erzielen“ (Ruby 2002 aus Baumgart - Ochse 2008: 3L).11

Offen bleibt dabei meist die Frage nach der legitimen Anwendung von Gewalt als Mittel zur Zieldurchsetzung. Davis - Sulikowski spricht in diesem Kontext auch von einer Mittel - Zweck - Relation, dabei ist Terror „[...] erfahrbare Realität und politische intentionale Taktik [...] (Davis - Sulikowski 2007: 139)“ und Terrorismus das ideologische Instrument (Davis - Sulikowski2007: 137-139,auchWaldmann2005: 17f.).

Eine weitere Eigenschaft des Terrorismus ist nach Waldmann die Gewinnung von Sympathie und Unterstützungsbereitschaft innerhalb der Bevölkerung (Waldmann 2005: 12). Für die Hamas ist vor allem die Unterstützung der Bevölkerung ein wichtiges Gut. Dies ist zum einen gegeben durch ihren karitativen Grundcharakter und zum anderen durch die Vermittlung ihrer politischen Botschaft.12

Ein weiterer wichtiger Aspekt bei der Untersuchung der Handlungsweise der Hamas ist ihre religiöse Motivierung (Croitoru 2007: 8, Waldmann 2007: 52). Nach Bock und Laqueur kann dieser Impuls auch als Islamismus im Sinne einer religiösen Form des politischen Extremismus ausgelegt werden (Bock 2009: 9, vgl. Laqueur 2004: Kap. 3).13 In Anbracht der bis hier her getroffenen Erläuterung zum Terrorismus, soll die Hamas nun in diesen Kontext eingeordnet werden.

Die Hamas folgt einer religiös- politischen Ideologie und will diese mit Gewalt, z.B. mit Selbstmordattentaten, verwirklichen (Townshend 2005:145f.). Selbstmordattentate werden von ihr als Waffe eingesetzt um den Friedensprozess zu bekämpfen (Baumgart - Ochse 2008: 27). Dabei ist sie im Vergleich mit Israel, vor allem aus militärischer Sicht, eine eher kleine Organisation (Hroub 2006: 38f.). Nach Waldmann sind militärisch kleine Gruppen auf aus dem Untergrund heraus geplante gewalttätige Aktionen angewiesen, um einer militärischen Übermacht entgegen treten zu können (Waldmann 2005: 13). Das zeichnet auch die Hamas aus, die vor allem durch diese Selbstmordattentate auf sich aufmerksam macht (Croitoru 2007:7- 10).

Der terroristische Flügel ist jedoch nur eine Strömung innerhalb der Hamas, die sich, wie auch die Muslimbruderschaft, gleichermaßen auch durch ihr soziales Wesen auszeichnet (vgl. Walther 2009: 3f.).

Die breite Aufstellung der Hamas, politisch, radikal als auch karitativ, ist zugleich ihr größter Schwachpunkt. Nach Waldmann ist die Ausweitung von Organisationsstrukturen terroristischer Gruppierungen existenzgefährdend für selbige. Sie laufen Gefahr unterwandert und, bedingt durch die Organisationsgröße, leichter, z.B. von der israelischen Armee bzw. dem israelischen Geheimdienst, entdeckt zu werden.

Zusammenfassend ist die Hamas als terroristische Organisation zu bezeichnen (vgl. Walther 2009: 2, Bock 2009 und Nathanson 2010).

4.2 Demokratie

„Sind Islam und Demokratie unverträglich?“ (Hafez 2009: 81). Die Beantwortung dieser Frage ist nach Hafez seit Jahren mit vielen Variationen von Vorurteilen behaftet (Hafez 2009:81f., Khatab / Bouma 2007: 7-9). Die vielmals genannte Radikalität in Staaten mit mehrheitlich islamischer Bevölkerung versucht er durch eine historische Betrachtung in einem neutralen Feld einzuordnen (Hafez 2009: 9-20, vgl. Boff 2007). „War die westliche Demokratie etwa allein das Produkt kultureller Demokraten, zivilgesellschaftlicher engagierter Bürger und menschenrechtlicher geerdeter Nichtregierungsorganisationen (NGO's), die heute die beliebtesten Partner westlicher Entwicklungshilfe sind? Mitnichten!“ ( Hafez 2009: 13).

Nach Hafez setzen nicht Demokratiebewegungen Demokratie durch, sondern ehemals radikale und militante Kräfte. Dies führte zunächst zu einer Demokratie ohne Demokraten, in der nicht die absoluten demokratischen Maximalziele erreicht, indes aber alle Minimalziele realisiert werden (Hafez 2009: 13, vgl. Khatab / Bouma 2007: 36-38).14 Um Aspekte zu schaffen, die der Untersuchung der Hauptthese dieser Arbeit dienlich sind, ist es wichtig einen Demokratiebegriff zu bestimmen, der die gesellschaftlichen und politischen Minimalziele der Hamas in einen demokratischen Rahmen fasst.

[...]


1 Dies soll nur als diskursiver Ansatz für diese Arbeit dienen und keineswegs eine Reflexion auf alle Muslime darstellen.

2 Berman hat sich in diesem Zusammenhang intensiv mit Sayyid Qutb, einem wichtigen islamischen Gelehrten des 20. Jhr, auseinandergesetzt, um die Anfänge der MB zu erläutern (Berman 2004: 87 -100).

3 Der Begriff des modernen politischen Zionismus findet sich unter anderem bei Herzl 2004.

4 Später wurde im Rahmen des Institutionalisierungsprozesses auch eine Organisationseinheit geschaffen, die Mujamma, um die Aktivitäten der MB auch öffentlich besser voran treiben zu können. Sie durchdrang bis Mitte der 1980er Jahre alle gesellschaftlichen Bereiche und akquirierte sogar Studenten und Intellektuelle (Winkelkotte 2009: 75-77, vgl. Mishal / Sela 2000: 22-24).

5 Daase und Evangelista setzten sich in diesem Zusammenhang auch mit dem Terrorbegriff auseinander und versuchen diesen politische umstrittenen Begriff im Sinne staatlicher Repression oder substaatlicher Revolution einzugrenzen (Daase 2001: 58-60 / Evangelista 2008: 47-49, vgl. Baumgart - Ochse 2008: 2f.).

6 Dies drückte sich z.B. durch finanzielle Hilfe für den Moscheenbau oder der Unterlassung von allzu harten Repressionen aus (Winkelkottel 2009: 76f.).

7 Eine genaue Auseinandersetzung des Akronyms Hamas findet der Leser bei Meyer 2010: 90 -94.

8 Näheres zur PLO (Palästinensische Befreiungsorganisation - Dachorganisation verschiedener palästinensischer Fraktionen) und Fatah (politische Partei) findet sich bei Winkelkotte 2009, Johannsen 2006.

9 Des Weiteren sollte die Prägung der palästinensischen Bevölkerung durch die Fatah vermindert werden um den Bürgern die religiösen Ansichten der MB näher zu bringen.

10 Terrorismus kann nach Bock auch als Politische Gewalt bezeichnet werden (Bock 2009: 12).

11 Im Vergleich dazu eine Terrorismusdefinition der US - Amerikanischen Armee: „Terrorism is the calculated use of violence or threat of violence to attain goals that are political, religious, or ideological in nature trough intimidation, coercion, or instilling fear” (nach Chomsky 2004: 188).

12 Dazu mehr in Kapitel 6 ff.

13 Andere Autoren wie Kernic sehen die Verwendung des Begriffe Islamismus vor allem im Bereich des Fundamentalismus in der heutigen Zeit als kritisch, bzw. vielfach mit Vorurteilen behaftet (Kernic 2007: 35 -40).

14 Dieser Absatz soll nur als Einstieg in die Beziehung der Hamas zur Demokratie dienen und die schwierige Einordnung der Hamas nach einem westlichen Demokratieverständnis aufzeigen.

Ende der Leseprobe aus 37 Seiten

Details

Titel
Hamas und Demokratie – eine Analyse vorhandener Strukturen
Hochschule
Universität Erfurt
Note
1,7
Autor
Jahr
2011
Seiten
37
Katalognummer
V193125
ISBN (eBook)
9783656184638
ISBN (Buch)
9783656184720
Dateigröße
584 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
hamas, demokratie, analyse, strukturen, Palästina, Fatah, Muslimbruderschaft, Muslimbrüder
Arbeit zitieren
Steffen Müller (Autor), 2011, Hamas und Demokratie – eine Analyse vorhandener Strukturen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/193125

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