Der imaginierte weibliche Verrat im Spiegel kontrastierender Frauenbilder der mexikanischen Kultur


Seminararbeit, 2011
21 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhalt

0. Einleitung: Hintergund und Inhalt der Arbeit

1. Funktion des „Malinchismo“

2. Idealisierte Weiblichkeit der isthmenischen Zapoteka

3. Weiblicher Verrat im mexikanischen Liedgut: Evozieren und projizieren von Gewalt

4. Paquita la del Empowerment: Große Wahrheit im kleinen Raum

5. Die Malinche als Selbstsymbol der Chicanas

Literatur

0. Einleitung: Hintergrund und Inhalt der Arbeit

Das Bild der weiblichen Verräterin - beispielsweise in Gestalt der Malinche - ist ein kulturell generiertes und Indikator des jeweiligen gesellschaftlichen Diskurses.

Historische Spurensicherung ist bei der Darstellung weiblicher Biografien generell so marginal, dass die Literaturwissenschaftlerin und Essayistin Silvia Bovenschen den Begriff der „imaginierten Weiblichkeit[1]“ prägte. Dieser Begriff bezieht sich sowohl auf die literarische Darstellung von Frauen als auch auf (schreibende) Frauen selbst. Sie weist nach, inwiefern die Re-Präsentation von Weiblichkeit Teil des hierarchisch normierten Diskurses ist:

„Die Untersuchung zu diesem Thema ist dadurch erschwert, dass die realgeschichtliche Subordination der Frauen, die ihrem ideengeschichtlichen Ausschluss aus der Definition des Menschen als zoon politikon korrespondiert, nur sehr selten Gegenstand einer auf diesen unklaren geschichtlichen Status rekurrierenden problemgeschichtlichen Reflexion geworden ist.“[2]

Direkte Folge bzw. dialektisch notwendige Antithese dieser „realgeschichtlichen Subordination“, die daraus resultiert, dass der den Frauen „zugestandene Bereich des häuslichen Alltags historisch nicht sehr beredt ist und nur selten seinen Weg in die Dokumente findet “[3], ist eine fiktive Überrepräsentation des Weiblichen: „Die Geschichte der Bilder, der Entwürfe, der metaphorischen Ausstattungen des Weiblichen ist ebenso materialreich, wie die Geschichte der realen Frauen arm an überlieferten Fakten ist.[4]

Deshalb spricht auch Rosa Maria Zúñiga von Malinche als einer anwesenden und doch immer abwesenden Person: „Malinche: Esa Presente Siempre Ausente[5]“. Als Paradebeispiel faktischer Unterdokumentation - trotz ihrer entscheidenden Rolle als Cortes’ Übersetzerin von 1519-21 - fungiert sie als Prototyp fiktiver Überladung: Ihr Bild als Zunge / Übersetzerin der Eroberer sowie Mutter der Mestizennation Mexiko schillert in allen Farben patriarchal normierter Imagination und zeigt, inwieweit literarische Fiktion und nationale Psyche sich in einer Endlosschleife gegenseitig determinieren[6].

Charakteristisch ist hierbei nicht nur das Chamäleoneske fiktiver Frauengestalten, welche als psychischer Container für die aus dem männlichen Bewusstsein ausgeschlossenen Eigenschaften fungieren[7], sowie die unbewusst logische Konsequenz, mit der ein Frauenbild die Blindflecken des vorhergegangenen auszugleichen hat, sondern zentral ist die Spaltung in gute und schlechte Frau, welche das Dispositiv des mexikanischen Macho kennzeichnet.[8]

Bei dieser Spaltung handelt es sich nach der Frankfurter Psychoanalyse-Professorin Christina Rohde-Dachser um

„eine kollektive, das Patriarchat konstituierende Abwehrfunktion von gigantischen Ausmaßen. Weiblichkeitskonstruktionen im Patriarchat (Weiblichkeitsmythen könnte man auch sagen, um ihren grundsätzlich irrealen Charakter hervorzuheben) sind in dieser Lesart männliche Phantasien, in denen das in einer solchen Gesellschaft nicht Lebbare, aus der männlichen Selbstrepräsentanz Ausgeschlossene, Verpönte oder auch Ersehnte, in beiden Fällen der Frau zugewiesene, eine kulturell akzeptierte Gestalt gewonnen hat. Beispiele solcher Weiblichkeitskonstruktionen sind das Bild der Madonna, der Femme fatale, der nährenden Mutter, der Hexe usw.“[9]

Diese Weiblichkeitsmythen - wie konsequenterweise alle Gendermythen - sind per Definitionem ambivalent, da sie die „kollektiven Verwerfungen des Patriarchats ebenso wie seine kollektiven Utopien[10]“ verkörpern. Die zusätzliche spezifisch latinische Verteilung von Macht und Moral auf Mann und Frau erläutert Marit Melhuus’ Publikation „Power, Value and the Ambiguous Meanings of Gender“[11] exzellent. In der Festschreibung auf überirdische und irdische Mutter, Guadalupe und Chingada respektive Malinche scheint sich nicht nur ein fiktives Ringen um die verlorene reale Frau zu manifestieren, ein halbbewusstes Bedürfnis nachgeordneter Gerechtigkeit, sondern, nach Rohde-Dachser, eine Möglichkeit, das jeweils Verleugnete in einem entsprechenden Mythos zu deponieren und bei Bedarf „wieder aufsuchen zu können.“[12] Chingada und Guadalupe entspringen derselben psychischen Wurzel.

Als Medikation für die gespaltene männliche Seele fungiert die Frau als Verräterin: wie der Sündenfall beweist, ist Eva - und mit ihr die Schlange, welche mit gespaltener Zunge spricht - eine Konstante der patriarchalen Welt- und Geschlechtskonstruktion. Diese männliche Projektion ist im mexikanischen Diskurs in Gestalt der Lengua Malinche, welche zur Göttin stilisiert, zur Verräterin mutiert und zur Chingada degradiert wird, hochpräsent. Ihre spezifische Spielform als verräterische Namensgeberin des „Malinchista“ soll in dieser Arbeit skizziert werden:

Nach einem Durchlauf äußerst heterogener Positionen als Galionsfigur mexikanischer Geschichte, wird Malinche in den 30er – 40er Jahren des vergangenen Jahrhunderts aufgrund eines gewandelten Verständnisses der Conquista auf neue Weise zur Verräterin am eigenen Volk. Nicht mehr der Nutzen der Eroberung für spanische Krone und Vatikan stehen im Zentrum der Auseinandersetzung, sondern erstmals das Verheerende Ausmaß der Dezimierung indigener Bevölkerung und Kultur.

Malinche wird als willentliches Werkzeug dieses Prozesses gesehen und so kreiert die Presse den Begriff des „Malinchismo“. Eine aus dem „Complejo de la Malinche“, also aus mangelndem Selbstwertgefühl des Mexikaners resultierende Öffnung gegenüber Fremdem und Fremden zum Schaden des eigenen Landes.

Kann die Verurteilung der bis dato wahlweise idealisierten oder viktimisierten indigenen Mutter der Nation durch die (weiße) mexikanische Intelligenzia als Reaktion auf politisch-wirtschaftliche Entwicklungen gewertet werden? Oder handelt es sich vielmehr um eine Reaktion auf das veränderte Selbstverständnis und den wachsenden Aktionsradius der Frau in den 1950er Jahren? Diese Fragen versucht die Arbeit in Punkt 1 zu beantworten.

Ist es aufgrund einer vergleichsweise gelungenen Selbstbehauptung und Abschottung, dass sich das idealisierende Frauenbild der isthmenischen Zapoteka vom generisch mexikanischen zu unterscheiden scheint? Sie wird als selbstbewusste, kriegerische, geschäftstüchtige und vor allem loyale Begleiterin ihres Mannes dargestellt. In diesem hermetischen gesellschaftlichen Modell kann das verräterische Moment seinen Platz nur außerhalb finden. Die Überhöhung der Zapoteka verbindet sich allerdings untrennbar mit überregionalen Werteprinzipien, bei denen die obengenannte charakteristische Spaltung von Tugend und Macht die Frau in das Kaleidoskop männlicher Projektionen zurückzwingt (Punkt 2).

So schuf der zapotekische Komponist Jesus Rasgado ein weltbekanntes musikalisches Beispiel weiblichen Verrats: „Naila“, vielleicht prominenteste imaginierte Untreue des mexikanischen Liedguts, ist Kreatur der Fantasie eines in Ixaltepec geborenen Bohemiens und Dandys.

Weibliche Untreue sowie großherziges männliches Verzeihen sind im populärmexikanischen Liedgut nahezu omnipräsent. These in Punkt 3 dieser Arbeit ist, dass es sich hierbei um einen kollektiven Leugnungs- und Verarbeitungsmechanismus männlicher Gewalt handelt. Das konflikthafte Thema muss - angetan mit des Kaisers neuen Kleidern - einerseits ständig evoziert, anderseits auf das andere Geschlecht projiziert werden, um beispielsweise Schuldgefühle zu vermeiden.

Hier tritt Paquita la del Barrio, Empowermentqueen des einfachen Volks auf die Bühne und dreht den Spieß der Utopien um. Sie besingt die Niedrigkeit des mexikanischen Mannes, einer „Ratte auf zwei Beinen[13]“ – und zerrt damit das dunkle Gesicht des Machismo ans Licht. Im geschützten Raum musikalischer Fiktionalität wird sie nur zunächst als Verräterin, dann als erleichternde Transformatice wahrgenommen: ihre Fangemeinde besteht zu einem großen Teil aus Männern (Punkt4).

Letztlich sind es erst schreibende Chicanas, in den USA geborene Mexikanerinnen, welche aufgrund von Distanz und gleichzeitiger Wiederkonfrontation die Relationalität des Verratsthemas greifbar machen und damit eine mögliche Auflösung in Aussicht stellen.

Ihre Aussage ist: Ja, ich habe verraten und ich verrate – La Malinche, c’est moi. Doch Verrat setzt Selbstbestimmung und einen Beziehungskontext voraus, in dem gegenseitige Abhängigkeiten transparent gemacht und verhandelt werden müssen (Punkt 5).

[...]


[1] Bovenschen 1979

[2] Bovenschen 1979, 11

[3] Bovenschen 1979, 11

[4] Bovenschen 1979, 11

[5] Zúñiga 2003

[6] Melhuus 1996, 232 - 235

[7] Rohde-Dachser 1997, 144-147

[8] Melhuus 1996, 244: „In order to confirm his manhood, a man needs both the virtuous woman and the fracasada (literally a ‘failed woman¢) […] a local term used to describe the woman who has fallen from grace – that is, one who has had sexual interccourse before marriage or a child out of wedlock.”

[9] Rohde-Dachser 1997, 145

[10] Rohde-Dachser 1997, 146

[11] Melhuus 1996

[12] Rohde-Dachser 1997, 145

[13] Paquita la del Barrio, Rata de dos Patas

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Der imaginierte weibliche Verrat im Spiegel kontrastierender Frauenbilder der mexikanischen Kultur
Hochschule
Hochschule für Philosophie München
Veranstaltung
Lateinamerikanische Gesellschaften und Kulturen aus der Perspektive ihrer Sozialwissenschaftler und Sozialphilosophen
Note
1,3
Autor
Jahr
2011
Seiten
21
Katalognummer
V193207
ISBN (eBook)
9783656192541
ISBN (Buch)
9783656192992
Dateigröße
494 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Mexiko, Malinche, weiblicher Verrat, Frauenbilder, Isthmus von Tehuantepec. Chicana, Paquita la del Barrio
Arbeit zitieren
M.A., staatl. gepr. Fotodesignerin Stefanie Graul (Autor), 2011, Der imaginierte weibliche Verrat im Spiegel kontrastierender Frauenbilder der mexikanischen Kultur, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/193207

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