Die Ideen des Spracherfahrungsansatzes (nach Brügelmann / Brinkmann)


Hausarbeit, 2010

20 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Vorbemerkung zum Schriftspracherwerb

2. Der Spracherfahrungsansatz nach Hans Brügelmann

3. Lesen und Schreiben als Denkentwicklung

4. Methodische Orientierungshilfen
4.1 Die Didaktische Landkarte
4.2 Das Vier-Säulen-Modell

5. Ein Vergleich mit fibelorientierten Lehrgängen

Literaturverzeichnis

1. Vorbemerkung zum Schriftspracherwerb

Folgende Seminararbeit befasst sich mit den Ideen des Spracherfahrungsansatzes nach Hans Brügelmann und Erika Brinkmann. Hierbei handelt es sich um einen Forschungsansatz zum Schriftspracherwerb. Bevor nun auf Brügelmanns Thesen eingegangen werden soll, ist es sinnvoll zunächst einmal zu klären, was genau unter dem Begriff Schriftspracherwerb zu verstehen ist, damit sich auch der Begriff des Spracherfahrungsansatzes leichter einordnen lässt.

Unter Schriftspracherwerb versteht man den Erwerb der Lese- und Schreibfähigkeiten, wobei auch die spezifischen schriftsprachlichen Kommunikationsformen, die Orthographie und die Schreibmotorik (Graphomotorik) umfasst werden.[1] Das Schreiben wird dabei als Umwandlung von Sprache in Schrift und Lesen als Umwandlung von Schrift in Sprache verstanden. Diese Lernprozesse beginnen bereits vor der Einschulung. „Mit dem Verfügen über die Schriftsprache wird der geistige Horizont des Kindes über den unmittelbaren Erfahrungsraum hinaus in entscheidender Weise erweitert.“[2] „Um Lesen und Schreiben zu lernen, geht das Kind bewusster mit Sprache um. Es muss sich von einer Ebene der rein intuitiven Anwendung von Sprache auf die Ebene der Metakommunikation begeben, auf der Sprache selbst zum Gegenstand der Betrachtung gemacht wird.“[3] Beim Erlernen von Schreiben und Lesen durchläuft das Kind verschiedene Entwicklungsstufen.

Die zentrale Aufgabe für den Lehrer ist es, das Wissen um Schrift und Sprache, das Lesen und Schreiben durch Übung zu automatisieren, also Geläufigkeit, Flüssigkeit, Lesegeschwindigkeit zu fördern.[4]

Folgende Arbeit wird sich nun im Rahmen des Schriftspracherwerbs mit den Ideen des Spracherfahrungsansatzes, dem Lesen und Schreiben als Denkentwicklung und methodischen Orientierungshilfen auseinandersetzen. Als weiterführender Gedanke wird zuletzt ein Vergleich mit fibelorientierten Lehrgängen angestellt.

2. Der Spracherfahrungsansatz nach Hans Brtigelmann

Der Spracherfahrungsansatz nach Hans Brügelmann und Erika Brinkmann, der Anfang der Neunziger Jahre entwickelt wurde, basiert auf dem Modell des language experience approach, welches in den Vierziger Jahren in den USA von Goodman entwickelt wurde.[5] Bei Letzterem handelt es sich um einen lesemethodischen Ansatz, der aus der Kritik an den im Unterricht eingesetzten Fibeln entstand, denn die in den Fibeln verwendete Sprache wurde als den Kindern nicht angemessen angesehen. Der language experience approach sollte nun im Gegensatz zu den Fibellehrgängen die Spracherfahrungen der Kinder berücksichtigen und Lesen und Schreiben als kommunikative Handlungen vermitteln.[6]

Hans Brügelmann geht davon aus, dass Kinder bereits vor ihrem ersten Schultag Kontakt mit Schrift und Sprache haben und somit auch schon eigene Theorien und Konzepte über das Funktionieren und den Sinn von Sprache entwickeln konnten.[7] Jeder Schüler hat also bereits seine individuellen Erfahrungen mit Schrift und Sprache gemacht. Daher ist ein einheitlicher Fibellehrgang auch nicht unbedingt förderlich für den Lernprozess der Schüler.[8] Denn „(...) in derselben Übungsaufgabe lernen verschiedene Kinder Unterschiedliches. (...) Gemeinsame Lehrgänge verdecken insofern nur die unterschiedlichen Lernwege.“[9] Weiterhin richtet sich der Spracherfahrungsansatz nach drei Leitideen.[10]

- „Kinder sollen erfahren, dass man sich durch Lesen und Schreiben anderen mitteilen und von ihnen Informationen gewinnen kann. Lesen und Schreiben sollte deshalb als soziale Handlung möglichst viele Aktivitäten im Klassenzimmer bestimmen und Folgen für das eigene Verhalten haben.
- Kinder sollen die wechselseitige Übersetzbarkeit von Schrift und Sprache begreifen. Lesen und Schreiben als eine technische Tätigkeit sollen deshalb inhaltlich und formal an der gesprochenen Sprache anknüpfen.
- Kinder werden mit den Aufbauprinzipien und mit einzelnen Elementen der Schrift am ehesten vertraut, wenn sie Schriftzeichen gegenständlich manipulieren können.“[11]

Ausgangspunkte des Spracherfahrungsansatzes sind also Folgende:[12]

Kinder bringen an ihrem ersten Schultag schon individuelle Erfahrungen im Umgang mit Schrift und Zahlen mit: Durchschnittlich kennen sie bereits 12-15 große Buchstaben. Dies bedeutet, dass Schulanfänger keine Lernanfänger mehr sind. Allerdings unterscheiden die Kinder sich erheblich in ihren Erfahrungen, Kenntnissen und Fertigkeiten. Die Entwicklungsunterschiede im Hinblick auf den Schriftspracherwerb betragen drei bis vier Jahre, denn jedes Kind hat sein eigenes Lerntempo und die Kinder lernen auf unterschiedlichen Wegen. Lernen gilt also als eigene, konstruktive Tätigkeit.

Wie Kinder Schrift vor ihrem Schuleintritt in ganz unterschiedlichen Zusammenhängen nutzen, soll im Folgenden kurz aufgezeigt werden. Trotz Unterschieden ist allen Schreibanlässen aber gemeinsam, dass sie für die Kinder stets funktional sind, sie damit also etwas erreichen wollen.

Sie schreiben Briefe (1), Einkaufszettel (2), Wunschzettel (3), Schilder für die Zimmertür und dergleichen mehr.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Als Konsequenz ergibt sich nun, dass gleichschrittige Lehrgänge den unterschiedlichen Voraussetzungen der Kinder nicht in ausreichendem Maße gerecht werden. „Sie brauchen vielmehr auf das einzelne Kind abgestimmte und herausfordernde Angebote, die individuelle Zugänge und eigenaktives Lernen ermöglichen.“[13]

An einem Fallbeispiel soll nochmals die Problematik der Einheitslehrgänge verdeutlicht werden, sowie die individuellen Entwicklungsunterschiede der Schüler.

Lukas freut sich auf die Schule. Er -will Lesen und Schreiben lernen und endlich zu den Großen gehören. Seinen Namen kann er schon schreiben, auch den von seiner kleinen Schwester FIA und natürlich MAMA und PAPA. Das letzte Jahr im Kindergarten fand er ziemlich langweilig, besonders dann, wenn alle Kinder malen sollten, das mochte er gar nicht. Aber nun geht die Schule endlich los! Am ersten Schultag sollen alle Kinder ein Bild von ihrer Schultüte malen. An den folgenden Tagen geht es weiter mit Malen: Angefangene Muster sollen in Reihen weitergeführt werden, Schäfchen sollen ein lockiges Fell bekommen, der Igel spitze Stacheln und das Dach viele wellige Ziegel. Jeden Mittag fragt Fia, ob Lukas ihr nun endlich aus dem Bilderbuch vorlesen kann. Zunehmend genervt schickt der große Bruder die Kleine immer wieder weg. Aber nach ein paar Wochen ist es endlich soweit, die Lehrerin verteilt die Fibeln und die ersten Buchstaben werden gelernt: das F, das U, das R und das A. Bis auf das R kennt Lukas sie schon alle. Die Schule findet er inzwischen ziemlich langweilig.

Dieses Beispiel zeigt deutlich, dass eben jeder Schüler beim Schuleintritt unterschiedliche Erfahrungen und Vorwissen mitbringt und somit auch einer unterschiedlichen Förderung bedarf. Diese kann nicht durch den ausschließlichen Einsatz von Einheitslehrgängen vollzogen werden, sondern bedarf zudem einer sorgfältigen Beobachtung der einzelnen Schüler durch die Lehrperson. Dementsprechend sollten dann die Übungsmaterialien für die Kinder individuell ausgewählt werden, um die Schüler effektiv auf ihren verschiedenen Wegen zu begleiten und zu fördern.

Zusammenfassend kann man also sagen, dass der Spracherfahrungsansatz die unterschiedlichen Vorerfahrungen der Kinder mit Sprache und Schrift aufgreift und ihre individuellen Lernmöglichkeiten und Interessen ernst nimmt. Jedes Kind soll so herausgefordert werden, dass es sich seinen Fähigkeiten entsprechend bestmöglich entwickeln kann, wobei bedeutsame Themen und Inhalte wichtig sind, denn Kinder lernen dann, wenn sie etwas interessiert: Sie lesen, weil sie etwas wissen wollen, und sie schreiben, weil sie etwas mitteilen wollen.[14]

3. Lesen und Schreiben als Denkentwicklung

Schreibenlemen kann man grundsätzlich als eine Denkentwicklung bezeichnen. Diese Denkentwicklung kann man auch in acht kritischen Einsichten in den Aufbau des alphabetischen Schriftsystems beschreiben, welche „(...) die Kinder sozusagen »knacken« müssen, um sich innerhalb des so gewonnenen gedanklichen Rahmens spezifische Fertigkeiten und Kenntnisse des Lesens bzw. Schreibens aneignen zu können.“[15] Es wird also verdeutlicht, welche Denkleistung von den Schülern beim Schriftspracherwerb verlangt wird.

- Einsicht 1:

„Schrift ist nicht bloß grafischer Schmuck oder gar ein beliebiges »Spuren«-Machen, sondern sie »trägt Bedeutung«, steht also für etwas anderes, ist somit »Zeichen«.“[16]

Das heißt Schrift dient beispielsweise zur Kennzeichnung von etwas wie es bei Schildern oder Etiketten der Fall ist. Sie ist Mitteilung für andere, zum Beispiel in Briefen, Zeitungen und Büchern. Erst die Einsicht in die soziale und geistige Funktion von Schriftsprache und ihre verschiedenen Verwendungsformen vermittelt den Schülern ein Vorverständnis und die Motivation, sich mit den technischen Aspekten der Schrift auseinander zu setzen. Die Kinder begreifen die Bedeutung der Schrift aber oft schon früh, wenn Erwachsene ihr Alltagsverhalten kommentieren, also beim Schreiben eines Einkaufszettels, bei der Suche der Zuckerpackung im Supermarkt oder auch der Wahl der Buslinie.[17]

- Einsicht 2:

„Unser Schriftsystem besteht aus verabredeten Zeichen, den Buchstaben.“[18] Das Kind muss also diese Zeichen erlernen, sich die Buchstaben aneignen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

[...]


[1] Vgl. http://www.uni-bielefeld.de/lili/personen/ssahel/pdf/Mehrsprachigkeit_Sitzung8_04.12._Mehrsprachigkeit.pdf

[2] Schorch (1988), S. 45.

[3] Geisel (2009), S. 24.

[4] Vgl. Meiers (1998), S. 78f.

[5] Vgl. http://www.uni-leipzig.de/herder/projekte/alpha/frames/main5.02.htm

[6] Vgl. http://www.uni-leipzig.de/herder/projekte/alpha/frames/main5.02.htm

[7] Vgl. Brügelmann/Brinkmann (2005), S. 92.

[8] Vgl. Brügelmann/Brinkmann (2005), S.11.

[9] Brügelmann/Brinkmann (2005), S.11.

[10] Vgl. Brügelmann (2007), S.175.

[11] Brügelmann (2007), S.175.

[12] Im folgenden Absatz beziehe ich mich auf eine Präsentation Erika Brinkmanns: Vgl. http://www.erika-brinkmann.de/daten/ppt/bildungsansprueche.pdf

[13] http://www.erika-brinkmann.de/daten/abc/abc-lernlandschaft_einblicke.pdf

[14] Vgl. http://www.erika-brinkmann.de/daten/abc/abc-lernlandschaft_einblicke.pdf

[15] Brügelmann/Brinkmann (2005), S.37.

[16] Brügelmann/Brinkmann (2005), S.37.

[17] Vgl. Brügelmann/Brinkmann (2005), S.37.

[18] http://www.erika-brinkmann.de/daten/ppt/schriftsprachentwicklung.pdf

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Die Ideen des Spracherfahrungsansatzes (nach Brügelmann / Brinkmann)
Hochschule
Universität Passau
Note
1,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
20
Katalognummer
V193239
ISBN (eBook)
9783656190479
ISBN (Buch)
9783656191605
Dateigröße
2272 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
ideen, spracherfahrungsansatzes, brügelmann, brinkmann
Arbeit zitieren
Laura Ostermaier (Autor:in), 2010, Die Ideen des Spracherfahrungsansatzes (nach Brügelmann / Brinkmann), München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/193239

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