Wirtschaften in der Armut: Eine Analyse ökonomischer Strategien in Mexiko Stadt


Magisterarbeit, 2011
82 Seiten, Note: 2,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung: Urbane Subsistenz in der Metropolregion von Mexiko Stadt?

2. Urbane Subsistenz

3. Unsichere Lebensbedingungen in der Metropolregion von Mexiko Stadt

4. Kriterien des ökonomischen Handelns: Urbane Subsistenz in der Metropolregion von Mexiko Stadt

5. Fazit: Urbane Subsistenz in der Metropolregion von Mexiko Stadt

6. Quellenverzeichnis

7. Anhang

Verwendete Abkürzungen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Einleitung: Urbane Subsistenz in der Metropolregion von Mexiko Stadt?

Weltweit lebt ein großer Teil der städtischen Bevölkerung in einer prekären Lebenssituation. Nach dem Konzept der urbanen Subsistenz ist das entscheidende Kriterium, welches das ökonomische Handeln konditioniert die „Unsicherheit“. Dies kann sich auf die Einkommensquellen sowie „ (…) den legalen Status der Akteure[1] oder ihren Aufenthalt im urbanen Raum beziehen“ (Kokot/Wonneberger, 2006:2). Der Arbeitsbegriff der urbanen Subsistenz besagt, dass die Überlebensstrategien und das kulturelle Wissen, um trotz der unsicheren Lebensbedingungen zu überleben, zwar divers sind, sie zeichnen sich aber größtenteils durch die folgenden Charakteristika aus (ebd.:2f):

- „keine oder nur geringe Investitionskosten für die ökonomischen Grundlagen;
- geringe Einkommen und keine oder minimale Möglichkeiten zur Akkumulation von Ressourcen“ (Kokot/Wonneberger: 2006:3);
- „informelles Lernen des job-spezifischen kulturellen Wissens – „learning by doing“;
- hohe persönliche Flexibilität, die nötig ist, um multiple Ressourcen zu nutzen“ (Wonneberger, 2006:8; Hervorh. i. Orig.);
- undeutliche oder keine Trennung von „Arbeit“ und „Freizeit“;
- oft flexible oder mobile Arbeitsorte“ (Kokot/Wonneberger, 2006:3; Hervorh. i. Orig.);
- eine Verflechtung der ungesicherten Lebensweise mit dem urbanen Raum (ebd.).

Wonneberger (2006) betont, dass es nicht möglich gewesen sei die Anwendbarkeit des Konzepts, welches im Rahmen des EU-Projektes zum Thema „European Port Cities – Disadvantaged Areas in Transition“ entwickelt wurde, detailliert anhand der Forschungen zu überprüfen (7f)[2]. Die vorliegende Arbeit hinterfragt die Anwendbarkeit des Arbeitsbegriffs der urbanen Subsistenz auf die Metropolregion von Mexiko Stadt, indem überprüft wird, ob sich das ökonomische Handeln der Akteure aus der Metropolregion anhand der Kriterien der urbanen Subsistenz beschreiben lässt und die einzelnen Kriterien auf das Handeln zutreffen. So ist die übergeordnete Fragestellung, ob der Arbeitsbegriff der urbanen Subsistenz anwendbar ist.

Es bietet sich an, die Anwendbarkeit des Arbeitsbegriffs am Beispiel der ZMCM zu überprüfen, da das ökonomische Agieren unter prekären Lebensbedingungen in der Metropolregion von Mexiko Stadt durch ethnographische Studien gut dokumentiert ist[3].

Die Studien weisen eine große Vielfalt unterschiedlicher Lebensweisen und Arbeitsformen auf, beispielsweise gibt es Gegenden innerhalb der Metropolregion, die sich durch ein ländlich orientiertes Leben auszeichnen - andere Regionen weisen dicht besiedelte Hüttenviertel auf. Aufgrund der kulturellen Heterogenität ist es möglich, den Nutzen des Arbeitsbegriffs der urbanen Subsistenz anhand unterschiedlicher Situationen zu überprüfen und Gemeinsamkeiten, aber auch Spezifika zu beschreiben. Des Weiteren lassen sich die Übereinstimmungen und Ausnahmen über verschiedene Zeiträume betrachten, da die relevanten Studien sich auf die Periode von 1940 bis zur Mitte des letzten Jahrzehnts beziehen.

Die Beantwortung der genannten Fragestellung ermöglicht auch eine Zusammenfassung der Studien zur ZMCM, welche auf dem ökonomischen Handeln von Akteuren in einer prekären Lebenssituation fokussieren. Darüber hinausgehend kann basierend auf der Ausarbeitung ein Vergleich zu anderen Städten gemacht werden.

Um die Fragestellung nach der Anwendbarkeit des Konzeptes zu beantworten, erläutere ich zunächst die Begriffe der urbanen Subsistenz sowie der ökonomischen Strategien und des kulturellen Wissens. Darauf folgt ein Kapitel über die Metropolregion Mexiko Stadt, welches die Bedingungen für die unsicheren Lebensumstände beschreibt. Im Anschluss werden die empirischen Daten anhand der oben genannten Kriterien dargestellt. Das Fazit betrachtet die Anwendbarkeit des Arbeitsbegriffs der urbanen Subsistenz zusammenfassend. Der Ausblick fokussiert auf möglichen Fragestellungen in Hinsicht auf das Konzept der Global City.

Bei der Auswahl des empirischen Materials[4] standen die folgenden Kriterien im Vordergrund:

- Die Autoren verwenden ethnographische Daten[5].
- Die Akteure wohnen (zeitweise) in der Metropolregion von Mexiko Stadt oder ein Teil ihres Haushaltseinkommens ist abhängig von der Arbeit in diesem Gebiet. Da die Grenzen sich verändern, muss der genannte Bereich zur Zeit der Forschung innerhalb der Metropolregion liegen[6]. So können auch die Studien zu einer zeitlich begrenzten Migration, bei welcher der Hauptwohnsitz nicht in der ZMCM ist, als relevant angesehen werden.
- Ein Agieren unter unsicheren Lebensbedingungen. Dabei kann die Unsicherheit sich auf die „Dauer und Zuverlässigkeit der Einkommensquellen wie auf den legalen Status der Akteure oder ihren Aufenthalt im urbanen Raum“ (Kokot/Wonneberger, 2006:2) beziehen.

Die Studien weisen eine große Diversität in Bezug auf den geographischen Ort und den Forschungsschwerpunkt auf. Es kristallisieren sich folgende Themenblöcke heraus:

- Studien, die sich im Wesentlichen mit der Land-Stadt Migration sowie der kulturellen und sozialen Anpassung in der Stadt beschäftigen (Kemper, 1977; Kramer, 1986; Arizpe, 1980; Hiernaux-Nicolas, 2000).
- Einige Autoren beschreiben vorrangig einen bestimmten geographischen Ort, beispielsweise einen Stadtteil (Lewis, 1963; Lomnitz, 1977). Innerhalb dieser Studien liegt ein Schwerpunkt auf den Siedlungen, die durch informellen Wohnungsbau entstanden sind (Gutmann, 2002; Gutmann, 2007; Ribbeck, 2002; Schütze, 2005).
- Der Fokus liegt auf bestimmten Arbeitsfeldern, wie dem Aufbau (familiärer) Mikrounternehmen (Franzoni Lobo, 2003; Neira Orjuela, 2003), Straßenhandel (Cross, 1998a; Cross, 1998b) oder Angestelltenverhältnissen in der Bauindustrie (Bueno Castellanos, 1994; Bueno Castellanos/Hernández Cáliz, 2007).

Neben den erwähnten Artikeln und Studien wird auch Literatur verwendet, deren Schwerpunkt zwar nicht auf der Unsicherheit der Akteure liegt, die aber dennoch die hier besprochene Thematik anführt. Hierzu zählt beispielsweise eine Studie, die sich mit dem informellen Wohnungsbau und dessen Folgen für die Umwelt beschäftigt (Bazant Sánchez, 2001).

Die theoretische Literatur zur urbanen Subsistenz bezieht sich vorrangig auf die im Rahmen des Projektes „European Port Cities – Disadvantaged Urban Areas in Transition“ entstandenen Veröffentlichungen, wie zum Beispiel eine Ausgabe der Zeitschrift EthnoScripts mit dem Titel „Urbane Subsistenz“ aus dem Jahr 2006. Um die einzelnen Kriterien und weitere Begriffe zu definieren, beziehe ich mich auf Theorien und Konzepte aus den Bereichen der Wirtschaftsethnologie, speziell der Ethnologie der Arbeit, der Stadtethnologie sowie der Wirtschaftsgeographie und Volkskunde.

2. Urbane Subsistenz

2.1 Urbane Subsistenz als Arbeitsbegriff: Kokot und Wonneberger (2006) bezeichnen urbane Subsistenz als „Handlungsstrategien und kulturelles Wissen im Umgang mit (…) unsicheren Lebensbedingungen (…)“ (2). Die Unsicherheit kann sich „auf die Dauer und Zuverlässigkeit der Einkommensquellen [so]wie auf den legalen Status der Akteure oder ihren Aufenthalt im urbanen Raum beziehen (…)“ (ebd.).

Für das Leben und Überleben unter unsicheren Bedingungen im städtischen Raum greifen die Akteure auf unterschiedliche Strategien und kulturelle Ressourcen zurück, welche sich in bestehenden oder sich neu entwickelnden Nischen befinden. Trotz der unterschiedlichen Lebensformen und Praktiken von Akteuren zeigen die Strategien des Überlebens und das kulturelle Wissen gemeinsame Merkmale (Kokot/Wonneberger, 2006:3). Anlehnend an die Ausarbeitung von Kokot/Wonneberger (2006) und Wonneberger (2006) sind dies die folgenden:

1. „keine oder nur geringe Investitionskosten für die ökonomischen Grundlagen;
2. geringe Einkommen und keine oder minimale Möglichkeiten zur Akkumulation von Ressourcen (Kokot/Wonneberger: 2006:3);
3. „informelles Lernen des job-spezifischen kulturellen Wissens - „learning by doing“ (Wonneberger, 2006:8; Hervorh. i. Orig.);
4. undeutliche oder keine Trennung von „Arbeit“ und „Freizeit“;
5. oft flexible oder mobile Arbeitsorte“ (Kokot/Wonneberger, 2006:3; Hervorh. i. Orig.);
6. eine Verflechtung der ungesicherten Lebensweise mit dem urbanen Raum (ebd.);
7. „(…) Nutzung multipler Ressourcen“ (ebd.);

Durch die Einteilung des ethnographischen Materials anhand dieser Kriterien lässt sich systematisch das wirtschaftliche Handeln der Akteure beschreiben. (1.) beschreibt die verschiedenen Einkommensmöglichkeiten sowie die Investitionskosten der selbigen. (2.) geht auf die daraus resultierenden Ressourcen ein, welche Ausgaben und eine eventuelle Akkumulation von Ressourcen ermöglichen. Auch (3.) beschäftigt sich mit der Generierung von Arbeit - speziell mit dem Erlernen einer Tätigkeit. (4.) zeigt auf, inwieweit die Arbeit den Alltag strukturiert und damit eine undeutliche Trennung von „Arbeit“ und „Freizeit“. (5.) und (6.) stellen einen spezifischen Bezug zum Wirtschaften im urbanen Raum dar. (5.) zeigt die notwendige Mobilität und Flexibilität im urbanen Raum um Arbeit zu generieren und (6.) fokussiert auf der Verbindung zwischen den Akteuren und dem (öffentlichen) urbanen Raum. Das abschließende Kriterium (7.) unterstreicht, dass bei der Überlebenssicherung multiple Ressourcen genutzt werden. Außerdem wird hinterfragt, ob eine hohe persönliche Flexibilität notwendig ist, um multiple Ressourcen zu nutzen (Wonneberger, 2006:8).

Die urbane Subsistenz ist eine Alternative zu den verschiedenen Ansätzen des informellen Sektors (Kokot/Wonneberger, 2006:2). Für diese Magisterarbeit ist der Arbeitsbegriff der urbanen Subsistenz aussagekräftiger, weil die Studien welche auf Unsicherheit fokussieren einen vollständigeren Überblick bieten, als die Studien, welche Tätigkeiten im informellen Sektor beschreiben. So werden die Studien zu Bauarbeitern im Angestelltenverhältnis analysiert. Diese weisen trotz einer zumindest teilweise formellen Anstellung Ähnlichkeiten mit Akteuren auf, deren Arbeitsfeld zur informellen Tätigkeit gezählt wird, wie bei einem Großteil der Straßenhändler (Cross, 1998b:1). Die genannten Berufsfelder sind durch unsichere Einkommen geprägt und ähneln sich in ökonomischen Strategien und kulturellem Wissen.

Das Ausüben von Tätigkeiten im informellen Bereich ist teilweise bedeutsam für das ökonomische Handeln der Akteure. Deshalb werden die Entscheidungsprozesse für oder gegen eine Arbeit im informellen Bereich als relevant angesehen. Das abgrenzende Kriterium von informellen und formellen Tätigkeiten ist ein Agieren außerhalb von regulierenden Normen des Staates, wie beispielsweise Arbeitszeitregulierungen[7] (Cross, 1998b:21).

2.2 Kulturelles Wissen und ökonomische Strategien: Das kulturelle Wissen wird auch als „Expertenwissen“ bezeichnet (Kokot/Axster/Gruber, 2002:13) weil es spezifisches Wissen ist, das notwendig ist, um in einer Situation, wie unter extremer Armut, überleben zu können. Trotz der Schwierigkeiten der jeweiligen Situation sind die Akteure kulturelle Spezialisten auf ihrem bestimmten Gebiet. Da sich die Akteure im urbanen Raum befinden, gehört zum Expertenwissen auch, Spezialist zu sein für eine Lebensweise, die dem Lebensraum Großstadt angepasst ist (ebd.:5f). Durch das kulturelle Wissen und die ökonomischen Strategien ist es möglich, die ökonomischen Ressourcen optimal zu nutzen (Wonneberger, 2006:7).

Aufgrund der besseren Lesbarkeit nutze ich sowohl den Begriff der ökonomischen Strategien[8] als auch der Handlungsstrategien und Überlebensstrategien. Diese Begriffe sind alle unter der folgenden Definition zusammengefasst und unterscheiden sich im Laufe der vorliegenden Arbeit inhaltlich nicht. Nach González de la Rocha (1994) sind Strategien eine Sequenz geplanter Events[9], die mehr oder weniger logisch und erfolgreich sind. Diese Sequenz wird entwickelt, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen. Das übergeordnete Ziel ist das Überleben zu sichern (15) und die Reproduktion einer Gruppe zu gewährleisten[10] (García/Oliveira, 2006:34).

Es ist zu beachten, dass nicht immer rational gehandelt wird und nicht jede ökonomische oder soziale Veränderung mit einem strategischen Handeln lösbar ist (García/Oliveira, 2006:35). So wählen manche Straßenverkäufer ihren Job aus, obwohl sie in einer Fabrik mehr verdienen könnten. Dieses begründen sie damit, dass sie im Straßenhandel unabhängiger seien und sich mit anderen Verkäufern sozialisieren könnten (Cross, 1998b:103f).

Ökonomische Strategien und kulturelles Wissen sind analytisch voneinander abhängig. Die Strategien sind durchführbar aufgrund des kulturellen Wissens. Das kulturelle Wissen konditioniert die Strategien und durch das vorhandene Expertenwissen ist es möglich strategisch zu agieren. Auch das Ausführen von Strategien kann weiteres kulturelles Wissen generieren. Die Begriffe des kulturellen Wissens und der Überlebensstrategien sind die Basis für die Beschreibung des ökonomischen Handelns anhand der oben erwähnten Kriterien der urbanen Subsistenz.

Um Strategien zu analysieren wird davon ausgegangen, dass Ressourcen vorhanden sind und Entscheidungen über die Verwendung der Ressourcen getroffen werden[11]. Dazu gehören materielle und nicht-materielle Ressourcen. Diese Ressourcen sind beispielsweise wandelbar, tauschbar und konsumierbar (González de la Rocha, 1994:11f).

In der Literatur wird die Bedeutung von sozialen Beziehungen als Ressource hervorgehoben (Franzoni Lobo, 2003; García/Oliveira, 2006; Lomnitz, 1977; Selby et al, 1994:157). Die Nutzung von sozialen Beziehungen und persönlichen Netzwerken ist bedeutsam für die einzelnen Kriterien. Deshalb wird dies im Folgenden genauer erläutert.

Als Analyseeinheiten in der Literatur werden der Haushalt (García/Oliveira, 2006; Selby et al, 1994:157), die Familie (Franzoni Lobo, 2003) sowie soziale Netzwerke (Lomnitz, 1977) angegeben. Obwohl Haushalt und Familie kulturell konstruierte Einheiten sind, müssen die Begriffe voneinander unterschieden werden (Netting/Wilk/Arnould, 1984:XX). Haushalt bezieht sich auf eine soziale Einheit, die gemeinsame Residenz und Reproduktion[12] verbindet (González de la Rocha, 1994:4) und eine ökonomische Einheit darstellt (ebd.:11). Die Verbindungen im Haushalt müssen nicht auf Verwandtschaft basieren (Peoples/Bailey, 2006:151). Die Familie[13] besteht aus Verwandtschaftsbünden und muss weder eine gemeinsame Residenz haben (ebd.:4) noch eine ökonomische Einheit darstellen. In vielen Fällen treffen aber ein oder beide Faktoren zu. Ein soziales Netzwerk bezeichnet „eine Menge von Akteuren, die durch mindestens eine soziale Beziehung verbunden sind“ (Hirschberg, 2005:270). Die Netzwerke bestehen beispielsweise zwischen einzelnen Haushalten, Verwandten, Freunden, Nachbarn und Kollegen.

Soziale Beziehungen sind eine Ressource, die wandelbar ist und in ökonomische Ressourcen umgewandelt werden kann. Soziale Beziehungen sind selbst keine Güter[14], sie ermöglichen aber den Zugang zu Gütern (Lin/Erickson, 2008:4), beispielsweise durch Tauschhandlungen. Außer Gütern werden auch Informationen[15] getauscht. In der ethnographischen Literatur wird der reziproke Tausch hervorgehoben. Reziprozität[16] beinhaltet einen Tausch von Gütern von zwei Parteien, welcher aufgrund von sozialen Verpflichtungen weitergeführt wird (Rössler, 1999:172). Für die Reziprozität ist eine Beziehung zwischen den beiden Parteien notwendig (ebd.:173). Um soziale Beziehungen des reziproken Tausches zu haben, muss Solidarität und/oder Vertrauen vorhanden sein und auch beibehalten werden (Lomnitz, 1977:3). Solidarität kann in einer Situation, wie dem Neuankommen in der Stadt bestehen (Kemper, 1977:48). Das Vertrauen zeichnet sich aus, durch das beidseitige Vertrauen von zwei Akteuren, dass der Andere die Fähigkeit und den Wunsch hat, eine Beziehung des reziproken Tausches einzugehen und aufrecht zu erhalten (Lomnitz, 1977:4).

Die Darstellung des ökonomischen Handelns zeigt, welche Ressourcen über welche sozialen Beziehungen zugänglich gemacht werden. Dies hängt ab von der Art der Beziehung, beispielsweise Verwandte, Freunde oder Kollegen sowie von der räumlichen Nähe und ob eine Beziehung horizontal oder vertikal ist. Des Weiteren können Beziehungen formalisiert werden beispielsweise durch eine Heirat oder durch Compadrazgo[17].

Die Kriterien, die die ökonomischen Strategien und das kulturelle Wissen bei einem Agieren unter unsicheren Lebensbedingungen aufweisen, werden konditioniert durch externe und interne Faktoren. Das folgende Kapitel zeigt die Rahmenbedingungen für das ökonomische Handeln unter unsicheren Lebensbedingungen.

3. Unsichere Lebensbedingungen in der Metropolregion von Mexiko Stadt

Dieses Kapitel beschreibt die Metropolregion der Stadt Mexiko. Der Schwerpunkt liegt auf den Faktoren, welche die unsicheren Lebensbedingungen konditionieren. Dazu zählen nationale, regionale und lokale Bedingungen (Kokot/Wonneberger, 2006:2). Außerdem kann sich die Unsicherheit „auf die Dauer und Zuverlässigkeit der Einkommensquellen wie auf den legalen Status der Akteure oder ihren Aufenthalt im urbanen Raum beziehen […].“ (ebd.). In der Metropolregion gibt es sehr verschiedene lokale Bedingungen und die Unsicherheit variiert zwischen den einzelnen Akteuren. Ihnen gemeinsam ist das Leben in Mexiko sowie in einer der größten Städte weltweit[18] unter prekären Lebensbedingungen.

Zu den beeinflussenden Faktoren gehören ökonomische und politische Ereignisse, Wirtschaftskrisen, extreme Wetterverhältnisse, Wohnungsnot und eine kaum vorhandene Sozialversicherung genauso wie ein Arbeitsmarkt, der teilweise nur unter extremen Bedingungen den Arbeitern erlaubt zu überleben. Auch interne Faktoren, wie die Demographie und Machtverhältnisse innerhalb der Akteurgruppen und körperliche Beschwerden sowie Schicksalsschläge, können die unsicheren Lebensbedingungen hervorrufen.

3.1 Lokale, regionale und nationale Faktoren: Ein historischer Überblick des relevanten Zeitraums stellt lokale, regionale und nationale Faktoren dar. Zudem werden der Arbeitsmarkt und staatliche Leistungen erläutert.

Der historisch relevante Zeitraum reicht von den 1940er Jahren bis zur Mitte des letzten Jahrzehnts, weil sich auf jenen Zeitraum die ethnographischen Daten beziehen[19]. Die Beschreibung geht vor allem auf Ereignisse ein, welche für die spätere Darstellung des empirischen Materials von Bedeutung sind, wie die Migrationswellen ab den 1940er Jahren und die Folgen einer neoliberalen Politik ab den 1980er Jahren sowie die Wirtschaftskrisen 1982 und 1994. Mexiko, wie auch der Großteil von Lateinamerika, ist in dem erwähnten Zeitraum durch zwei sozioökonomische Transformationen geprägt. Hierzu zählt ab den 1930er Jahren eine nach innen orientierte Entwicklungsstrategie, die Importsubstituierende Industrialisierung (Parnreiter, 2007:91) sowie eine Abwendung von derselben zugunsten eines neoliberalen Wirtschaftsmodells ab den 1980er Jahren (ebd.:8).

Mit Beginn der 1940er Jahre ist ein starkes Bevölkerungswachstum in Mexiko Stadt zu verzeichnen. Dieses ist vor allem auf Land-Stadt Migrationsbewegungen (Schteingart, 1981:100) aufgrund einer Industrialisierung und Intensivierung der Land- und Viehwirtschaft zurückzuführen (Bernecker/Pietschmann/Tobler, 2004:322). Außerdem wird den Menschen aus den umliegenden Kleinstädten und Dörfern durch die Verbesserung der Infrastruktur ein einfacher und preisgünstiger Zugang zur ZMCM ermöglicht (Arizpe, 1980:42).

Bis Mitte der 1950er Jahre findet die Mehrzahl der Immigranten Wohnraum in den bereits bestehenden Strukturen (Schteingart, 1981:100f). Zum Ende der 1950er Jahre beginnt die urbane Ausbreitung in die Peripherie. Durch die Entstehung spontaner Siedlungen – beispielweise durch Landbesetzungen – und funktionaler Subzentren bildet sich der metropolitane Charakter des Stadtgebietes heraus (Wildner, 2003b:100). Bei der Ausbreitung der Stadt werden bereits bestehende Dörfer und Kleinstädte eingemeindet (Ward, 1998:26). Hierbei kommt es zu einer Eingliederung in den urbanen Arbeitsmarkt (Gónzalez Ortiz, 2009:81f), was unter anderem das Zahlen von Steuern beinhaltet (ebd.:123) sowie eine Anpassung des Lebensstils (Gónzalez Ortiz, 2009:86; Aguilar Medina, 1996:8). Des Weiteren steigen die Mieten und der Boden kann nicht mehr für die Agrikultur genutzt werden, da das Land für Wohnungsbau benötigt wird (Castellanos Domínguez, 2004:140; Gónzalez Ortiz, 2009:68). Seit Ende der 1980er Jahre steigt die Bevölkerungszahl in der ZMCM nicht weiter (Wildner, 2003b:18). Die Metropole breitet sich aber aufgrund von fehlenden Wohnraum weiter in die Peripherie aus (Bazant Sánchez, 2001:184f). Heute zieht sich die Metropolregion über den Distrito Federal, den Estado de México sowie einem Munizipium im Bundesstaat Hidalgo (Ribbeck, 2002:30).

Bis in die 1970er Jahre ist ein stetiges wirtschaftliches Wachstum vorhanden. Dieses bietet vor allem soziale Aufstiegschancen für die mittleren Schichten sowie für die Festigung einer Elite (Bernecker/Pietschmann/Tobler, 2004:302f). In Hinblick auf die generelle Einkommens- und Vermögensentwicklung kommt es zu einer starken Polarisierung der Bevölkerung (ebd.:329), welche durch die Wirtschaftskrise 1982 verstärkt wird (ebd.:332). Die Folgen zeigen sich in einem Ansteigen der Arbeitslosenzahlen, fallenden Reallöhnen und einer Zunahme der Menschen, welche in Bereichen arbeiten, die nicht vom Staat erfasst werden können (ebd.:356), wie die Mehrzahl der Straßenhändler[20] (Cross, 1998b:38). Nach Schätzungen bezieht sich die Anzahl derer, die nach 1982 unter diesen prekären Bedingungen leben in Mexiko Stadt, auf ein Drittel der Einwohner (Bernecker/Pietschmann/Tobler, 2004:344). Vor allem für die unteren Schichten ist die Situation auch in den 1990er Jahren bedenklich (ebd.:356). Dies wird durch die Pesokrise 1994 noch verstärkt (ebd.:358): Die Inflation steigt im Jahr 1995 um 54 Prozent, fast 18.000 Firmen zahlen nicht mehr in die Sozialversicherung ein und 800.000 formelle Jobs gehen verloren (Oliveira/García, 1997:212).

Der Zeitraum von 1940 bis in die 1980er zeichnet sich durch politische Kontinuität aus. Die PRI regiert bis zum Ende der 1960er Jahre unangefochten. Die Politik weist autoritäre Züge auf (Bernecker/Pietschmann/Tobler, 2004:301f). Die Macht der PRI wird gefestigt durch Kooptation[21] innerhalb eines klientelistischen[22] Systems, bei dem der Staat Gefälligkeiten gegen politische Unterstützung vergibt (Cross, 1997:93).

Ende der 1960er Jahre und Anfang der 1970er Jahre kommt es zu einer Legitimitätskrise der PRI Regierung[23], welche bis zur ihrer Abwahl nur teilweise überwunden wird. In der Krise der 1980er erfährt die Politik eine neoliberale Wendung, welche sich in einem Trend der Wirtschaft zu einer Öffnung nach außen, zu einem Abbau der wirtschaftlichen Rolle des Staates sowie zu Privatisierung und Deregulierung äußert (Bernecker/Pietschmann/Tobler, 2004:346). Durch die neoliberale Wende – hierfür steht charakteristisch der Beitritt zum NAFTA[24] - und die „beschleunigte Modernisierung“ wird die soziale Ungleichheit verschärft und es kommt zu verschiedenen Ausgrenzungsprozessen. Auch steigt die Arbeitslosigkeit an, weil die Mehrzahl der Bewohner sich nicht durch entsprechende Spezialisierungen an die neuen technologischen Entwicklungen anpassen (Linares, 2008:181f).

Ende der 1990er verschärft sich die Krise der PRI (Bernecker/Pietschmann/Tobler, 2004:360). Mit Cuauthémoc Cárdenas Solórzano wird am 6. Juli 1997 ein Vertreter der linken Opposition als Bürgermeister Mexiko Stadts gewählt und 2000 gewinnt der PAN Kandidat Vicente Fox die Wahl zum Präsidenten des Landes (ebd.:361).

Mexikos Präsident und der Bürgermeister vom Distrito Federal werden alle sechs Jahre neu gewählt. Der politische Wechsel resultiert unter anderem in veränderten Regulierungen und Gesetzen. Beispielsweise zeichnet sich die Regierungszeit von Ernesto P. Uruchurtus (1952-1966) durch einen Verbot des Straßenhandels aus (Cross/Pineda Camacho, 1996:98). In anderen Zeiträumen wird der Straßenhandel toleriert (ebd.:101).

Die ZMCM wird mit den folgenden Begriffen in Verbindung gebracht: „Fragmentierung“, „Abschottung“, „zunehmender Segregation“ und „Enklavenbildung“ (Becker et al, 2008:17). Dies zeigt sich beispielsweise in der Peripherie, wo ein Nebeneinander von Gated Communities und informellen Siedlungen besteht (Wildner, 2003b:100).

Nach Ward (1998) führt der spezifische Aufbau der Stadt zu einer „Reproduktion der Armut“. Danach sind mit dem Leben in bestimmten Vierteln, wie dem Großteil der informellen Siedlungen, hohe soziale Kosten verbunden. Diese werden beibehalten und reproduziert durch die physische Umgebung (210). Dies zeigt sich am folgenden Beispiel. Das Fehlen von Infrastruktur, wie ein schlechter Zugang zu kostengünstigen Gesundheitszentren (ebd.:210) sowie eine höhere Krankheitsrate aufgrund schlechter hygienischer Zustände (ebd.:206), erhöhen Ausfälle bei der Arbeit durch Krankheit. Auch muss Zeit aufgebracht werden, um die fehlende Infrastruktur zu ersetzten. Durch den zeitlichen Aufwand können beispielsweise Kinder nicht zur Schule gehen und die Arbeitszeit der Erwerbstätigen wird eingeschränkt (Parnreiter, 2007:127; Ward, 1998:225-230). Durch diese Nachteile werden Unterschiede in einer bereits stratifizierten Gesellschaft verschärft und soziale Gruppen separiert (Ward, 1998:216). Durch die Vorteile anderer Gruppen und einer ungleichen Verteilung wird die Differenzierung beibehalten (ebd.:217).

Am Beispiel der ehemals informellen Siedlung Santo Domingo[25] sowie der Ethnographie von Kemper (1977) zeigt sich, dass die Reproduktion der Armut nicht immer stattfinden muss. Duhau (1991) betont, dass die Lebensbedingungen in informellen Siedlungen sich nach einer Konsolidierung der Stadtviertel erheblich verbessern können (1991:140; Gutmann, 2002:2). Kramer (1977) stellt dar, dass Immigranten aus Tzintzuntzan[26] nach anfänglichen Schwierigkeiten in der Stadt ihre Einkommen stabilisieren und nach eigener Aussage besser Leben als vorher. Es wird betont, dass die Akteure durch einen stabilen Job die Unsicherheit einschränken können (196).

Die sozialen Kosten, welche das Leben in bestimmten Gegenden der ZMCM mit sich bringt, sind ein Faktor, welcher die Unsicherheit begünstigen kann. Es kann aber nicht in jedem Fall von einer Reproduktion der Armut ausgegangen werden.

Der Arbeitsmarkt ist im beschriebenen Zeitraum durch verschiedene Veränderungen gekennzeichnet. Seit den 1960er Jahren liegt der Schwerpunkt nicht mehr auf der Produktion in Industrie- und Manufakturbetrieben, sondern vermehrt im tertiären Bereich. Die Anzahl der im Dienstleistungsbereich Beschäftigten hat vor allem in den 1980er Jahren stark zugenommen (Ward, 1998:28).

Durch gesunkene Einkommen ist es nicht mehr möglich, dass ein Haushalt oder eine Familie mit nur einem Einkommen auskommt. Deshalb tragen vermehrt Frauen (Suárez/Bonfil, 2003:9), Kinder und Jugendliche zur Einkommensgenerierung bei (Leyva Piña/Rodríguez Lagunas, 2002:292). Des Weiteren sind die Jobmöglichkeiten im informellen Sektor sowie in der Selbstständigkeit (ebd.:299) und im nicht-bezahlten Bereich gestiegen. Diese Jobs finden unter unsicheren Bedingungen statt, wie keine vertraglichen Regelungen und nicht vorhandene Sozialversicherung und Arbeitsregulierungen, welche unter anderem Arbeitszeiten bis über zwölf Stunden täglich ermöglichen (Oliveira/García, 1997:215).

Staatliche Leistungen gibt es in verschiedenen Bereichen. Hierzu zählt der Aufbau einer Infrastruktur, beispielsweise die Versorgung mit Elektrizität, Wasser und die Abwasserentsorgung. Des Weiteren existieren ein Bildungs- und ein Gesundheitssystem sowie Gesetze und Regulierungen, wie ein Arbeitsrecht. Auch gibt es unterschiedliche staatliche Programme zur Bekämpfung der Armut, beispielsweise PRONASOL (Bernecker/Pietschmann/Tobler, 2004:356) oder zur Unterstützung bestimmter Bevölkerungsgruppen, wie der indigenen Einwohner[27] (Valencia Rojas, 2000:53).

Die Ressourcen sind in der ZMCM nicht überall gleich verteilt und der Zugang ist eingeschränkt (Oswald Spring, 1991:73). Beispielsweise helfen die staatlichen Programme zur Bekämpfung der Armut nur punktuell, weil finanzielle Mittel fehlen (Bernecker/Pietschmann/Tobler, 2004:356; Valencia Rojas, 2000:53).

Arbeiter, welche nicht offiziell angestellt sind sowie Menschen, die in der Peripherie siedeln, profitieren kaum von staatlichen Leistungen. Für Arbeiter im informellen Sektor gibt es keine soziale Absicherung und Krankenversicherung. Dies verschärft beispielsweise die Situation im Krankheitsfall (Pérez Zamorano, 2010:160). Die Regionen, in denen die meisten benachteiligten Menschen leben, befinden sich vor allem in der Peripherie, in welcher meistens keine ausreichende Infrastruktur vorhanden ist (Rodríguez Sánchez/Torres Lima/García Uriza, 1998:177). Des Weiteren kann sich eine Situation aufgrund von fehlender staatlicher Unterstützung im Fall einer Sucht, wie Drogenabhängigkeit und Alkoholismus (Pérez Zamorano, 2010:160f) oder Wett- und Spielsucht (Lewis, 1963:366) verschärfen.

Eine fehlende rechtliche Absicherung oder die nicht funktionierende Durchsetzung dessen erlauben eine Kündigung im Krankheitsfall (Kramer, 1986:97), oder dass keine Unterhaltszahlungen für Kinder getätigt werden (García/Oliveira, 2006:121). Des Weiteren gibt es am Arbeitsplatz kaum Schutz vor Unfällen oder vor toxischen Flüssigkeiten und Hygienevorschriften werden nicht beachtet (Bueno Castellanos, 1994:109). Auch sind weder eine funktionierende Arbeitslosenversicherung (Rodríguez Sánchez/Torres Lima/García Uriza, 1998:176) noch ein Rentensystem vorhanden (Aceves Azcárate, 2007:371). Ein Angestellter berichtet, dass vielen Erwerbstätigen im Alter zwischen 40 und 50 Jahren gekündigt und in den meisten Fällen keine Pension ausgezahlt wird (Kramer, 1986:108).

Trotz dieser Einschränkungen sind die staatlichen Leistungen in der ZMCM vergleichsweise besser als in anderen Regionen Mexikos (Ward, 1998:26). Beispielsweise ist auf dem Land ein schlechterer Zugang zum Bildungssystem vorhanden. So ist bei Immigranten oft keine oder eine rudimentäre Schulbildung vorhanden[28]. Dies limitiert das städtische Arbeitsangebot stark und wird durch fehlende Spanischkenntnisse (Arizpe, 1980:8, Hiernaux-Nicolas, 2000:63) und Analphabetismus verschärft (Arizpe, 1980:56).

3.2 Weitere Gründe für die Unsicherheit: Des Weiteren wird die Unsicherheit nach Kokot und Wonneberger (2006) durch informelle und illegale Handlungen sowie unzuverlässige Einkommensquellen bedingt (2).

Viele der Berufsgruppen, wie die Arbeiter im informellen Sektor, haben einen gefährdeten Arbeitsplatz, weil sie außerhalb von staatlichen Regulierungen agieren (Cross/Pineda Camacho, 1996:99). Des Weiteren sind die Wohnunterkünfte, welche nicht auf dem offiziellen Immobilienmarkt erworben wurden, durch Zwangsräumungen gefährdet (Ribbeck, 2002:50).

Ein Leben in der Illegalität wird in der Literatur nicht detailliert beschrieben. Es gibt Literatur zu Akteuren, die einen Teil ihres Einkommens aus illegalen Tätigkeiten gewinnen, wie beispielsweise die Straßenbanden, die Passanten ausrauben (Magazine, 2003:311). Keine Studien gibt es zu Menschen, die vollständig von illegalen Tätigkeiten leben, wie vom Diebstahl oder Drogenverkauf sowie Studien zu Menschen, die keine Aufenthaltsgenehmigung für Mexiko haben. Hierzu könnten Immigranten aus Zentralamerika zählen. Ohne offizielle Dokumente, wie einer Geburtsurkunde oder einen Reisepass, lebt ein Teil der Menschen, die vom Land in die Stadt migrierten. Diesen wird zwar der Zugang zu staatlichen Institutionen und dem Arbeitsmarkt erschwert. Es droht ihnen aber keine Ausweisung (Arizpe, 1980:87; Valencia Rojas, 2000:53).

Die unsicheren Einkommen werden in der Literatur folgendermaßen beschrieben: Es existieren nur selten Arbeitsverträge (Kramer, 1986:95) und bei vorhandenen Verträgen liegt die Geltungsdauer bei einer Woche, bei einem Tag (Bueno Castellanos, 1994:105, Lomnitz, 1977:64) oder es gibt keinen Kündigungsschutz (Cross, 1998b:103). Bei verschiedenen Jobs basiert die Arbeit auf den täglichen Einnahmen, wie beim Straßenhandel (ebd.) und beim Betteln (Magazine, 2003:311). Auch kann das Einkommen eingeschränkt werden durch disziplinarische Aktivitäten von Seiten des Arbeitgebers, beispielsweise beim Zuspätkommen nach der Mittagspause (Kramer, 1986:108). Gegensätzlich hierzu gibt es Beispiele bei denen eine Stabilität der Einkommen beschrieben wird, wie bei den Immigranten aus Tzintzuntzan (Kemper, 1977:148) sowie bei Straßenverkäufern an bestimmten Orten zu gewissen Zeiten (Cross, 1998b:106f; Wildner, 2003b:137).

Im Arbeitsbegriff der urbanen Subsistenz wird nicht beachtet, dass die Unsicherheit der Akteure unter anderem auf verschiedene Formen der Diskriminierung zurückzuführen ist. Diese kann sich innerhalb des Arbeitsplatzes oder der Haushaltseinheit zum Beispiel als Diskriminierung wegen des Geschlechtes zeigen. Auch können Nachteile aufgrund des Aussehens, beispielsweise dem Tragen von traditioneller Kleidung (Arizpe, 1980:23), fehlender Bildung oder wegen des Wohnortes entstehen (Ribbeck, 2002:12). Am Beispiel von Teilen der indigenen Bevölkerung in der ZMCM zeigt sich, dass Diskriminierung und soziale Marginalisierung den Zugang zum formellen Arbeitsmarkt, Bildungsinstitutionen, gutem Wohnraum sowie staatlicher Unterstützung erschweren (Valencia Rojas, 2000:51). Deshalb ist meistens nur eine Arbeit unter prekären Bedingungen, wie im informellen Sektor, möglich (ebd.:53).

Die Diskriminierung kann auf verschiedene Teile der Bevölkerung zurückzuführen sein sowie auf die Stadtverwaltung oder die Medien (Cross/Pineda Camacho, 1996:99), beispielsweise werden Jugendbanden von den Kommunikationsmedien per se als kriminell dargestellt (Villafuerte, 2002:97).

Dieses Kapitel stellt dar, dass lokale, regionale und nationale Spezifika die verschiedenen Charakteristika der Unsicherheit bedingen. Ein Einschränken der Unsicherheit ist aufgrund von wenigen verfügbaren Arbeitsmöglichkeiten sowie einer Arbeit im informellen Sektor nicht möglich. Hinzu kommen Probleme wegen nicht (vollständig) legalisierten Aktivitäten sowie Diskriminierung, die den Zugang zum Arbeitsmarkt erschweren. Von staatlicher Seite werden kaum Lösungsvorschläge umgesetzt. Dies zeigt, dass die unsicheren Bedingungen, aus welchen die Handlungsstrategien und das kulturelle Wissen der urbanen Subsistenz resultieren, vorhanden sind. Das folgende Kapitel präsentiert das ökonomische Handeln, um die vorhandenen Ressourcen so effektiv wie möglich zu nutzen.

4. Kriterien des ökonomischen Handelns: Urbane Subsistenz in der Metropolregion von Mexiko Stadt

In diesem Kapitel werden das kulturelle Wissen und die ökonomischen Strategien von Akteuren beschrieben, die unter prekären Bedingungen in der Metropolregion von Mexiko Stadt leben. Der Aufbau orientiert sich an den Kriterien, welche bezüglich der urbanen Subsistenz in Abschnitt 2.1 „Urbane Subsistenz als Arbeitsbegriff“ genannt wurden.

4.1 Keine oder geringe Investitionskosten für die ökonomischen Grundlagen: Im Folgenden werden die ökonomischen Grundlagen und die dafür benötigten Investitionskosten formuliert. Als ökonomische Grundlage wird die Erwerbstätigkeit[29] gesehen, da diese vorrangig monetäre Ressourcen produziert.

4.1.1 Die ökonomischen Grundlagen: Die ökonomischen Grundlagen werden innerhalb der Literatur unterschiedlich beschrieben und variieren im Laufe des Lebens der Akteure.

Es existieren Beschreibungen zur selbst generierten Erwerbstätigkeit als zum Angestelltenverhältnis. Zum Ersten zählen die Prostitution, das Putzen von Autoscheiben (Magazine, 2003:311), das Betteln (Arizpe, 1980:23; Magazine, 2003:311), der Straßenhandel (Arizpe, 1980; Neira Orjuela, 2003) und die urbane Landwirtschaft (Lewis, 1963) sowie das Einkaufen von Waren in den USA, um sie gewinnbringend in Mexiko zu verkaufen (Kemper, 1977:145; Lewis, 1959:129). Angestelltenverhältnisse gibt es bei der Polizei (Hiernaux-Nicolas, 2000:107), beim Militär (Hiernaux-Nicolas, 2000:107; Lewis, 1963:191), in einer Fabrik (Lewis, 1963:129), im Baugewerbe (Bueno Castellanos, 1994; Bueno Castellnos/Hernández Cáliz, 2007; Kramer, 1986) oder bei einer Regierungsbehörde (Hiernaux-Nicolas, 2000:107; Lewis, 1963:430).

Es finden sich detaillierte Beschreibungen zum Straßenhandel (Arizpe, 1980; Neira Orjuela, 2003), zur Arbeit auf dem Bau (Bueno, Castellanos, 1994; Bueno Castellanos/Hernández Cáliz, 2007; Kramer, 1986) sowie zur urbanen Landwirtschaft (Lewis, 1963). Zusätzlich wird die Suche von Immigranten nach einer Arbeit in der ZMCM behandelt (Bueno Castellanos, 1994; Hiernaux-Nicolas, 2000; Hirabayashi, 1991; Lomnitz, 1977; Kemper, 1977; Kramer, 1986). Der Fokus der Untersuchung liegt auf den Investitionskosten dieser Bereiche.

4.1.2 Investitionskosten: Der Straßenhandel und die urbane Landwirtschaft[30] erstrecken sich über eine Bandbreite von sehr wenigen bis vergleichsweise hohen Investitionskosten. Der ambulante Verkauf kann die alleinige Einkommensquelle sein oder erfolgt in Kombination mit anderen Lohnarbeiten (Franzoni Lobo, 2003:70). Die urbane Landwirtschaft kann durch den Verkauf der angebauten Produkte das alleinige Einkommen darstellen, in Kombination mit anderen bestehen und/oder dem Autokonsum dienen (Rodríguez Sánchez/Torres Lima/García Uriza, 1998:178f). Da von rudimentären Ausprägungen bis zu komplexen Produktionseinheiten mit Tierhaltung und Pflanzenzucht die unterschiedlichsten Formen vertreten sind, variieren die Investitionskosten stark (ebd., 1998:181). Die Arbeit im Baugewerbe erfolgt größtenteils im Angestelltenverhältnis. Die monetären Investitionskosten sind sehr gering. Die Bauarbeiter sehen das Angestelltenverhältnis als eine sichere ökonomische Grundlage (Bueno Castellanos, 1994:58) oder als einen Übergangsjob. Die Immigranten arbeiten in verschiedenen Berufsfeldern. Ihr Lebensstil ähnelt sich durch kaum bis gar keinen monetären Ressourcen und dem nicht-vorhandenen Wissen zum Leben in der ZMCM. Ausgeglichen wird dieser Umstand durch soziale Beziehungen (Kemper, 1977:48).

Zum Erhalt einer Erwerbstätigkeit wird Folgendes benötigt: Arbeitsmaterialien, soziale Beziehungen, persönliche Mobilität und Zeit.

Bei einigen Jobs müssen Arbeitsmaterialien selbst gekauft werden. Dies variiert von sehr wenigen Materialien, die monetär angeschafft werden bis zu Arbeitsmaterialien, deren Erhalt nur durch einen hohen Aufwand möglich ist.

Im Baugewerbe werden sehr wenige Arbeitsmaterialien benötigt. Bauarbeiter kaufen ihr eigenes Werkzeug (Bueno Castellanos, 1994:96; Kramer, 1986:97). Bei nicht vorhandenen monetären Ressourcen wird der Kauf durch einen Vorschuss des Arbeitgebers ermöglicht (Bueno Castellanos, 1994:107). Bei einigen lohngenerierenden Tätigkeiten ist das einzige Arbeitsmaterial eine bestimmte Kleidung, beispielsweise ziehen sich Bettler dreckige Kleidung an (Arizpe, 1980:139).

Bei der selbst generierten Arbeit variiert die Nutzung von Arbeitsmaterialien stark von sehr wenigen bis zu relativ hohen Investitionskosten. Dies zeigt sich anhand des Straßenhandels und der urbanen Agrikultur. Der Verkauf der Produkte aus der urbanen Landwirtschaft findet meistens im Straßenhandel statt (Neira Orjuela, 2003:142).

Straßenhändler, die weder eine Erlaubnis noch eine Duldung haben und/oder denen nur sehr geringe finanzielle Mittel zur Verfügung stehen, besitzen einen kostengünstigen Stand, beispielsweise ein Tuch, auf welchem die Waren ausgebreitet werden (Arizpe, 1980:26ff).

Die urbane Agrikultur zum Autokonsum oder zum geringfügigen Verkauf zeigt, dass möglichst wenige Arbeitsmaterialien speziell gekauft werden müssen. Dies ist ersetzbar durch das Recyceln. Weggeworfene Metallstücke dienen beispielsweise dem Bau von Käfigen genutzt und Essensreste werden an die Tiere verfüttert. Auch werden natürliche Ressourcen wie Wasser genutzt (Rodríguez Sánchez/Torres Lima/García Uriza, 1998:187). Des Weiteren kommt eine multifunktionale Nutzung von Gegenständen vor. Gabeln und Messer werden im Anbau von Pflanzen verwendet. Auch wird der Wohnraum benötigt[31], beispielsweise werden Käfige für Tiere aufgestellt (Lewis, 1963:45) oder ein Feld befindet sich auf dem eigenen Grundstück (Hiernaux-Nicolas, 2000:130). Die städtische Landwirtschaft benötigt den urbanen Raum. Gewisse Regionen werden präferiert, wie zum Beispiel Xochimilco[32] (Neira Orjuela, 2003:135) und Stadtteile in der Peripherie (Bazant Sánchez, 2001:96). Die urbane Landwirtschaft findet auch in stark bebauten Gegenden, wie Santo Domingo, statt. Hier wird unbebauter Stein mit Erde versehen, um Nutzpflanzen an ziehen (Lourdes Vega, 1997:298).

Neben den einfachen Aufbauten, die oben beschrieben sind, werden eigene Stände[33] (Cross, 1998b:37), Transportfahrzeuge[34] (Castellanos Domínguez 2004:131; Rodríguez Sánchez/Torres Lima/García Uriza, 1998:191; Pyle, 1978:137) und bei der urbanen Agrikultur ein Feld zum Anbauen außerhalb des Wohnraums benötigt (Rodríguez Sánchez/Torres Lima/García Uriza, 1998:191).

Das Geld für diese materiellen Grundlagen wird angespart (Neira Orjuela, 2003:138) oder durch eine andere Erwerbstätigkeit generiert[35]. Zu diesen Übergangsjobs gehört zum Beispiel die Arbeit auf dem Bau (Kemper, 1977:138) oder als Angestellter an einem Straßenstand (Cross, 1998b:118). Zum Kauf eines Standes in einer Markthalle wird auch auf staatliche und informelle Kredite zurückgegriffen[36]. (Cross, 1997:99). Nach einer einmaligen Zahlung von zehn Prozent des Kaufpreises folgen sechs Jahre lang monatliche Zahlungen. Als Garantie wird, wenn vorhanden, ein eigenes Haus oder der Stand selbst eingesetzt. Andere Händler verkaufen ihr eigenes Haus oder Grundstück, um sich den Standort leisten zu können (ebd.:111).

Um die Lizenzen für einen Standort zu erhalten, müssen monetäre, soziale und zeitliche Ressourcen genutzt werden (Lewis, 1959:153). Dies wird durch staatliche Hilfen erleichtert (Cross, 1998b:95; Franzoni Lobo, 2003:38), beispielsweise konnte in den Markthallen im historischen Zentrum in den 1960ern ein Standort gegen einen symbolischen Betrag erworben werden (Cross, 1997:99) und Teile der indigenen Bevölkerung bekamen eine Erlaubnis zum Straßenverkauf (Arizpe, 1980:92f).

[...]


[1] Aufgrund der besseren Lesbarkeit wird nur die männliche Form verwendet. Akteure können Individuen oder mehrere Personen, wie in Haushalten oder bei Stadtteilbewohnern, sein (Hirschberg, 2005:270).

[2] Neben der erwähnten Arbeit von Wonneberger (2006), in welcher der Arbeitsbegriff angewendet wird auf Dublins Hafenregion, gibt es eine Magisterarbeit, die das Konzept der urbanen Subsistenz unter anderem als Analyserahmen nutzt. Bierbrauer (2009) hinterfragt in der Arbeit „Informelle Aktivitäten und Überlebensstrategien der Abfallsammler (Recuperadores Urbanos) in Buenos Aires“, ob die einzelnen Kriterien auf das ökonomische Handeln der Akteure zutreffen.

[3] Die Magisterarbeit „Ökonomische Strategien von ressourcenarmen Haushalten in Kairo und Mexiko-Stadt“ von Glauser Layadi (2006) vergleicht die ökonomischen Strategien der Haushalte in den genannten Städten. Des Weiteren unterstreicht die Ausarbeitung, dass es zu der ZMCM genügend relevante Literatur zu einem Leben unter prekären Bedingungen gibt.

[4] Der Umfang dieser Arbeit ermöglichte nur eine Literaturrecherche, der in der Bundesrepublik Deutschland über die Bibliothekskataloge zugänglichen Werke sowie von Veröffentlichungen im Internet.

[5] Die Autoren müssen keine ethnologische Ausbildung gemacht haben, um ethnographisch zu arbeiten, sondern die empirischen Daten sind das Resultat einer Feldforschung.

[6] Einige Studien beziehen sich auf mehrere mexikanische Städte (Selby et al, 1994). Mögliche Unterschiede bezüglich der einzelnen Städte werden dargestellt.

[7] Illegale Aktivitäten, wie der Drogenhandel, werden gesondert betrachtet (Cross, 1998b:21).

[8] Eine Abgrenzung besteht zu Strategien, welche nicht vorrangig das Überleben als Ziel haben – wie eine bewusste Konsumtion von lokalen Produkten um die Umwelt zu schützen.

[9] Es wird nicht immer deutlich, ob eine Handlung geplant ist oder nicht.

[10] In der Literatur wird von verschiedenen Strategien gesprochen. Langfristig gedachte Strategien erlangen das Wohlergehen auf einen langen Zeitraum und erreichen eventuell eine ökonomische Verbesserung oder eine Absicherung, so dass die Unsicherheit sich verringert. Hierzu zählt der Aufbau eines Familienunternehmens (Franzoni Lobo, 2003). Des Weiteren existieren Strategien, die für die täglich auftretenden, erwarteten und nicht-erwarteten, Probleme sind (González de la Rocha, 1994:15). Dies trifft zu bei der Reaktion auf Verdienstausfall durch plötzliche Krankheit (Lewis, 1963:412). Die kurzfristigen Strategien können sich dabei negativ auf die langfristigen Strategien auswirken[10] (González de la Rocha, 1994:15).

[11] Das Konzept der Handlungsstrategien wird kritisiert, weil unter Armut keine Ressourcen bestehen und damit auch kein strategisches Handeln aufgrund eigener Entscheidungen möglich wäre (González de la Rocha, 1994:12). Die Daten zeigen, dass Entscheidungen zur Nutzung unterschiedlicher Ressourcen getroffen werden. Weiterhin wird kritisiert, dass im Konzept der Strategien nicht die Wandelbarkeit, die Konflikte und Machtbeziehungen innerhalb von Gruppen aufgezeigt werden können (ebd.). Dies geschieht ansatzweise in den Unterkapiteln 4.2.3 „Generierung von Ressourcen außerhalb der Erwerbstätigkeit“ und 4.2.4 „Ausgaben“. Eine detaillierte Analyse ist aber nicht möglich.

[12] Zu den reproduktiven Aktivitäten zählt die Einkommensgenerierung, Konsumption, Hausarbeit und die häusliche Reproduktion von Dienstleistungen (González de la Rocha, 1994:4).

[13] Im Laufe dieser Arbeit sind folgende Familienformen wichtig: Kernfamilie bezeichnet ein verheiratetes Pärchen und deren unverheiratete Kinder. Die erweiterte Familie ist eine Kernfamilie sowie mindestens ein weiteres Mitglied, dass als kulturell so definierte Verwandte bezeichnete wird (Peoples/Bailey, 2006:152). Für diese Ausarbeitung ist es wichtig zu beachten, dass bei einer matrifokalen Familie eine Frau die Hauptverdienerin ist und bei einer patrifokalen ein Mann (ebd.:167).

[14] Der Begriff Gut beinhaltet Sachgüter und Dienstleistungen. Eine Ware ist primär für den Tausch gemacht (Rössler, 1999:28f).

[15] Hierzu zählen beispielsweise Informationen zu einem geeigneten Wohn- oder Arbeitsort.

[16] Der Fokus der empirischen Quellen liegt auf der Reziprozität, aber auch die Redistribution ist teilweise von Bedeutung. Diese beschreibt eine kollektive Handlung innerhalb einer Einheit und bezieht sich auf die Verteilungsmechanismen innerhalb einer Gruppe (Rössler, 1999:172), beispielsweise in Familien und Haushalten.

[17] Compadrazgo bezeichnet eine Form der rituellen Verwandtschaft, wobei soziale Beziehungen institutionalisiert werden, mit dem Ziel die Verbindungen zu festigen. Compadres sind die Paten eines Kindes (Lomnitz, 1977:159f).

[18] Ende des 20 Jahrhunderts und Anfang des 19. Jahrhunderts lebten nach Schätzungen ungefähr 20 Millionen Einwohner in der Metropolregion (Wildner, 2003b:18).

[19] Lewis‘ Informanten erwähnen die mexikanische Revolution, sie lebten zu dieser Zeit aber noch auf dem Land (1986:8).

[20] Beim Straßenhandel werden augenscheinlich legale Güter in der Öffentlichkeit verkauft. Obwohl der Verkauf von gefälschten CDs eine Reihe von illegalen Handlungen aufweist, zählt dieser zum Straßenhandel. (Cross, 1998b:85f).

[21] Bei der Kooptation werden Akteure aus der Opposition in den Staatsapparat eingebunden, indem ihnen beispielsweise lukrative Jobs angeboten werden. Diese Taktik schwächt die Opposition, weil wichtige Führungspersonen fehlen.

[22] Klientelismus strukturiert politische Macht durch Netzwerke informeller dyadischer Beziehungen. Diese Beziehungen verbinden Individuen mit ungleicher Macht in Tauschbeziehungen. Durch die ungleichen Machtbeziehungen entscheidet eine Partei – meistens die machtvollere – über die Distribution von Ressourcen (Cross, 1997:94).

[23] Die Krise Ende der 1960er Jahre und Anfang der 1970er Jahre hat verschiedene Gründe: Eine zunehmende Unzufriedenheit im Volk, wegen fehlender demokratischer Strukturen; ein Rückgang des wirtschaftlichen Wachstums sowie eine Legitimationskrise, welche sich dadurch auszeichnetet, dass sich das Volk vom Staat entfremdete (Bernecker/Pietschmann/Tobler, 2004:331).

[24] Mexiko ist 1994 dem NAFTA beigetreten und damit einer Freihandelszone zwischen Mexiko, den USA und Kanada (Bernecker/Pietschmann/Tobler, 2004:356).

[25] Santo Domingo liegt in Coyoacán. Die Lage der im Text genannten Stadtteile ist dargestellt unter 7.1 „Karte der ZMCM.

[26] Tzintzuntzan liegt ungefähr 400 Kilometer westliche von der ZMCM (Kemper, 1977:15).

[27] Die Bezeichnung indigene Bevölkerung nutze ich, wenn die Autoren (Hiernaux-Nicolas, 2000) die Bevölkerungsteile als indigen bezeichnen. Dies kann auf Selbstzuschreibung, Sprachkenntnissen oder bestimmten kulturellen Merkmalen sowie der Herkunft basieren.

[28] Die Schule wird in der ZMCM vernachlässigt, weil gearbeitet werden muss und nicht weil Schulen schwer erreichbar sind (Lewis, 1963:34f).

[29] Die Erwerbstätigkeit oder Lohnarbeit ist nicht gleichzusetzen mit Arbeit. Zur Arbeit werden produktive und reproduktive Tätigkeiten gezählt. Zu den produktiven Tätigkeiten gehört die Lohnarbeit und zu den reproduktiven Tätigkeiten die Kinderfürsorge sowie die Hausarbeit (Rössler, 1999:150). Das Ziel der Arbeit sind die Produktion, das Management und die Umwandlung von Ressourcen, welche notwendig sind zum Leben (Wallmann, 1979:7) sowie zur Reproduktion einer Gruppe (González de la Rocha, 1994:4).

[30] Die urbane Landwirtschaft kann jede Form von agrikultureller Produktion von Nahrungsmitteln oder Waren für den Menschen sein. Diese gewinnt aus der städtischen Infrastruktur von Dienstleistungen menschlicher Konzentrationen, wie Städten (Rodríguez Sánchez/Torres Lima/García Uriza, 1998:178).

[31] Welche ökonomische Funktion der Wohnraum hat und die monetären Ressourcen für den Erhalt, zeigt der Abschnitt 4.2.4. „Ausgaben“.

[32] Xochimilco liegt im Süden der ZMCM und ist ländlich geprägt.

[33] Die Stände werden gemietet oder gekauft (Cross, 1998b:37).

[34] Alternativ zu eigenen Transportfahrzeugen werden Taxis genutzt. Bevor es kostenpflichtig wurde, Waren in der Metro zu transportieren, wurde diese benutzt (Pyle, 1978:137).

[35] Teilweise werden gezielt Jobs angenommen, um monetäre Ressourcen für den Aufbau einer ökonomischen Grundlage zu generieren. Diese Art von Jobs sind geplante Übergangslösung und werden mit dem Ziel angenommen, später aus dem gewonnen Wissen und den eingenommen Geld eine andere ökonomische Grundlage aufzubauen. Dies ist als langfristige Strategie zu sehen, da der Übergangsjob als Basis für den Aufbau einer lukrativen ökonomischen Grundlage dient.

[36] Es gibt keine Informationen zu den Arten der informellen Kredite.

Ende der Leseprobe aus 82 Seiten

Details

Titel
Wirtschaften in der Armut: Eine Analyse ökonomischer Strategien in Mexiko Stadt
Hochschule
Universität Hamburg  (Institut für Ethnologie)
Note
2,3
Autor
Jahr
2011
Seiten
82
Katalognummer
V193271
ISBN (eBook)
9783656182764
ISBN (Buch)
9783656184010
Dateigröße
784 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
urbane, subsistenz, metropolregion, mexiko, stadt, eine, analyse, studien
Arbeit zitieren
Magister Anja Nikodem (Autor), 2011, Wirtschaften in der Armut: Eine Analyse ökonomischer Strategien in Mexiko Stadt, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/193271

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