Die Teilnahme von ukrainischen Frauen an der Zivilgesellschaft

Ein Blickwinkel auf die Transformationsprozesse


Hausarbeit (Hauptseminar), 2008
24 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Transformationsgesellschaft Ukraine

3. Zivilgesellschaft in den Transformationsländern

4. NGO- Mitgliederinnen in der Ukraine
4.1. Das ethnographische Material
4.2. Gemeinsame Rahmenbedingungen

5. Die Arbeitsweise der NGOs, am Beispiel vom Aufbau von Sozialunternehmen
5.1. Netzwerke zum Austausch von Ressourcen
5.2. Die Umsetzung von Sozialunternehmen
5.3. Probleme bei der Umsetzung eines westlichen Unternehmermodells

6. Eigenwahrnehmung der Frauen
6.1. Der Diskurs
6.2. Selbsthilfe durch Hilfe

7. Die Transformationsprozesse und Zivilgesellschaft auf lokaler Ebene

8. Fazit

9. Quellenverzeichnis

1. Einleitung.

Anfang der 1990er Jahre mit der Auflösung der Sowjetunion und dem Ende des Realsozialismus in den osteuropäischen und asiatischen Staaten, kam es zu verschiedenen Maßnahmen, die den schnellen und reibungslosen Übergang von der Plan- zur Marktwirtschaft mit sich bringen sollten; sowie den Übergang von einem totalitären Regime zu einer funktionierenden Demokratie (Pine/ Bridger, 1998: 3). Unter anderem ist dies mit dem Rückgang von staatlicher Kontrolle sowie mit dem Rückgang vom staatlichem Auffangnetz verbunden. Diese Prozesse waren zum einen vom Westen[1] initiiert sowie von einigen Akteuren des Ostens[2]. Die beschriebenen Prozesse wurden in den ehemals sozialistischen Staaten auf verschiedene Art versucht umzusetzen oder ansatzweise umgesetzt. Dabei kam es während der Transformationsprozesse zu regionalen Unterschieden (Hann; 2002: 27).

Diese Hausarbeit beleuchtet auf der Mikroebene, die Auswirkungen der Transformationsprozesse. Dabei geht es um die Frage, in wie weit der Aufbau eines NGO[3] - Sektors, einen Einblick in Konzepte wie Zivilgesellschaft und Transformation bietet. Die hier beschriebenen NGOs befinden sich in den Städten der Ukraine und wurden von Frauen im mittleren Alters gegründet und werden bis heute von Frauen geleitet. Für die Frauen ist dies eine Anpassungsstrategie an die finanziellen und auch persönlichen Probleme, die innerhalb der beschriebenen Prozesse entstanden sind (Phillips, 2005).

Die Themenfindung beruht auf dem Rahmen des Oberseminars Ethnologische Studien zu Transformationsgesellschaften im Sommersemester 2008. Die Themenwahl fand teilweise als Gruppenarbeit und Diskussion mit anderen SeminarteilnehmerInnen statt. Des Weiteren beruht sie auf Literaturrecherche und dem eigenen regionalen Interesse. Die Wahl fiel auf die Ukraine, da ich mich für ehemals sowjetische Staaten interessiere. Auf Grund des vorliegenden ethnographischen Materials bot es sich an über den NGO- Sektor, der ein Teil der Zivilgesellschaft ist, zu arbeiten. Das ethnographische Material stammt von der US-amerikanischen Kulturanthropologen Sarah Phillips. Sie hat in der Ukraine geforscht und beschreibt unter anderem Frauen aus dem urbanen Raum, die im NGO-Sektor tätig sind. Zur Analyse des NGO Sektors eigneten sich die Theorien von Sampson (2002), der den NGO- Sektor zu einer der neuen Elitenkonstellation zählt.

Um auf das Thema hinzuführen, gehe ich auf Begriffsklärungen zu Transformation im Absatz zwei und zur Zivilgesellschaft im Absatz drei ein. Dabei ist zu bedenken, dass Definitionen Richtlinien und Erfahrungswerte sind, die niemals die soziale Realität eins zu eins wiedergeben können. Des Weiteren hängt das Bild von der Zivilgesellschaft und von den Transformationsprozessen von den politischen und persönlichen Interessen der Akteure ab. Genauso hängen auch unsere Analysen von unseren eigenen Interessen ab (Phillips, 2005: 499).

Das Konzept von Zivilgesellschaft geht von einer allgemeinen Arbeitsdefinition aus, die auf Inklusion und einer möglichst weitreichenden Anwendung ausgerichtet ist. Auch beachtet wird der Einfluss des Westens. Dieses allgemeinen Konzept wird mit den Sichtweisen einiger weniger Personen und ihre Aktionen im Bereich der Zivilgesellschaft analysiert. Hierzu gehören die oben beschriebenen Frauen. So ergibt sich eine regionale Wahrnehmung des Konzeptes, die dasselbe spezifiziert und einen Teil der Transformationsprozesse widerspiegelt. Zusammenfassend ergibt sich hieraus ein Bild, wie der NGO-Sektor funktioniert und warum gerade Frauen innerhalb dieses arbeiten.

Es wird verdeutlicht, dass die Zivilgesellschaft - genauso wie die Transformationsprozesse - von außen und von innen gefördert wird. Lokale Akteure reagieren auf die Transformationsprozesse und die Förderung einer Zivilgesellschaft. Durch ihr selbstständiges Agieren beeinflussen sie auch den sozialen Wandel.

Die Absätze zwei und drei sind eine Überblicksdarstellung mit den relevanten Hintergrundinformationen in Bezug auf das vorgestellte Thema. Im folgenden Absatz vier werde ich anhand der Analysepunkte von Sampson den Aktionsradius und damit eine Erklärung für das Funktionieren beziehungsweise nicht weiter Funktionieren der NGOs geben. Dies wird verdeutlicht anhand der globalen und lokalen[4] Netzwerke, in die die Informantinnen integriert sind. Des Weiteren wird dargestellt, welche Ressourcen sie nutzen. Es folgt im Absatz fünf ein Teil eines Diskurses, der verdeutlicht warum die Frauen diese Arbeit gewählt haben. Zusammengebracht werden diese Aspekte nach der Vorstellung des ethnographischen Materials im letzen Teil, wobei eine Sichtweise auf die Transformation durch die lokalen Spezifika der Zivilgesellschaft möglich wird.

Dieser Themenkomplex zeigt unter anderem, dass der oben beschriebene „schnelle und reibungslose“ Übergang zum größten Teil in den postsozialistischen Gesellschaften nicht funktioniert, beziehungsweise funktioniert hat. Die Sprache und Symbole des Sozialismus wurden zwar offiziell gegen die Sprache und die Symbole einer „freien Marktdemokratie“ nach westlichen Vorbild ausgetauscht. Es wurden erste Grundsteine einer Demokratie gelegt (Pine/ Bridger, 1998: 4). Zum Beispiel gab es in der Ukraine im Jahre 1991 Wahlen. Auch ist ein Rückzug der staatlichen Kontrolle zu vermerken sowie des staatlichen Sicherheitsnetzes. Aber wie die Hausarbeit zeigt, geschah die Transformation gegensätzlich zum „schnellen und reibungslosen“ Übergang, außerhalb von den Zentren der Macht[5], oft langsam und mit vielen Rückschlägen (Pine/ Bridger, 1998: 1).

Die Literatur stammt vorrangig von EthnologInnen, die bei dem Max- Planck- Institut für ethnologische Forschungen in Halle an der Saale arbeiten oder für Publikationen desselbigen geschrieben haben. Um die Transformationsprozesse zu beschreiben nutzte ich vor allem die Einleitung des Sammelbandes Surviving Post-Socialism Local strategies and regional responses in eastern Europe and the former Soviet Union (1998) sowie die Einleitung des Sammelbandes Postsozialismus. Transformationsprozess in Europa und Asien aus ethnologischer Perspektive (2002). Dadurch ist es möglich eine Synthese aus den verschiedenen Sichtweisen auf die Transformation zu ziehen. Aus dem zweitgenannten Buch stammt der Text von Steven Sampson Jenseits der Transition: Elitenkonfiguration auf dem Balkan neu gedacht. Ein weiterer Aufsatz von Sampson The social life of projects: importing civil society to Albania aus dem Sammelband Civil Society. Challenging western models (1996) rundet den Blick auf den NGO- Sektor ab. Der letztgenannte Sammelband beschäftigt sich vor allem mit Modellen der Zivilgesellschaft weltweit, die nicht oder nur teilweise nach dem westlichen Vorbild geformt sind.

Das ethnographische Material stammt von der US- amerikanischen Kulturanthropologen Sarah Phillips. Das ethnographische Material von Phillips hat sie selber aus dem Ukrainischen oder dem Russischen ins Englische übersetzt. Es folgte eine Selektierung von Phillips, da sie nur die ihre Theorien unterstützenden Materialien publiziert hat. Nach meiner Auswahl wurde das Material zweimal selektiert, was eventuell den Ausschluss von möglichen Themenkomplexen mit sich bringt. Ethnographisches Material zum selben Thema von anderen Wissenschaftlern gab es nicht.

In Bezug auf das ethnographische Material bestand das Problem, dass es nicht eindeutig wurde, wann Phillips wenn interviewt hat und ob manche Interviews in 2 Artikeln vorkommen. Da teilweise die Namen[6] in ukrainischer oder russischer Schreibweise wiedergegeben wurden und teilweise in englischer. So wurde der Name Vira auch als Vera geschrieben. Ich habe versucht auf Grund der Namen und Beschreibungen die Personen nicht zu verwechseln.

Diese Hausarbeit stellt vor allem die westlichen Einflüsse auf die Ukraine dar. Es war nicht möglich auf die Einflüsse aus Russland einzugehen. Zum einen weil dies den Rahmen gesprengt hätte, zum anderen habe ich auch nur sehr allgemein verfasstes Material gefunden. Eventuell wäre dies durch die Kenntnisse des russischen oder ukrainischen einfacher gewesen. Auch wurde bei der Literaturrecherche deutlich, dass die Ukraine, sowie andere Transformationsländer ethnographisch nur sehr wenig dokumentiert ist.

2. Die Transformationsgesellschaft Ukraine.

Wie in der Einleitung angedeutet ist, sind die Transformationsprozesse nicht ein geradliniger Prozess von einem System zu einem anderen (Pine, 1998: 3), sondern “transition[7] constitutes a complex reworking of old social relations in the processes which attempt to construct a form of capitalism on and with the ruins of the communist system” (Smith/ Pickles, 1998: 2). Es wird verdeutlicht, dass ein neues System auf einem alten konstruiert wird, dabei ist zu beachten, dass das alte System nicht sofort aufhört zu existieren, sondern der Einfluss weiter besteht. Dabei beziehen die Transformationsprozesse sich auf verschiedenen Ebenen, wie der politischen, der wirtschaftlichen und der gesellschaftlichen. Die Transformation ist ein stetiger Prozess, dessen Ergebnis prinzipiell offen ist (Walker, 1998: 189).

Die folgend Aussage eines ukrainischen Vorgesetzten von Fabrikarbeitern verdeutlicht die Schwierigkeiten bei der Anpassung des neuen Systems:

“We cannot run things like you do in the West. Take, for example, the X works. In western terms it is totally bankrupt and should be closed down. Yet if we close it down we put 25.000 people out of work. That is impossible. So it is funded to continue working three days a week while we encourage workers to think of alternative products which can be made with the machines and equipment of the present enterprise. We have to find a way of integrating western business methods with our own culture” (Walker, 1998: 189).

Verdeutlicht wird, dass das Wissen fehlt, wie mit dem neuen System umzugehen ist, da die Menschen sich noch im Prozess der Transformation befinden und teilweise nach ihren alten Gewohnheiten arbeiten und leben. So zeigt das Zitat, dass westliche Geschäftsgepflogenheiten in die eigene Kultur integriert werden müssen. Die Transformationsprozesse unterstehen einem westlichen Einfluss. Dabei wird vom Westen eine Modernisierungsstrategie verfolgt, durch die die Transformationsländer in die politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen integriert werden sollen (Sampson, 1996:121).

Der Ethnologe Michael Walker sagt in Bezug auf die Ukraine, dass mit der Transformation für ca. 20% der Bevölkerung der Lebensstandard steigt, weil sie Vorteile aus dem westlichen System ziehen können. Für ca. 80% fällt der Lebensstandard durch die Transformation kontinuierlich. Es kommt zu einer ständig sich vergrößernden Differenz in Bezug auf den Lebensstandard (Walker, 1998: 200f). Nach dem UN- Report von 2003 ist das pro Kopf Einkommen zwischen 1992 und 2000 um 42% gesunken und die Lebenserwartung lag 1990 bei 70,5 Jahren, im Jahre 2000 bei 67,9 Jahren (Bakshish, 2003: 14). Von diesen Entwicklungen sind hauptsächlich Frauen, Familien mit mehreren Kindern und ältere Menschen betroffen. So verdiente 2001 eine Frau durchschnittlich 71% des Einkommens eines Mannes.[8] 2001 lebten 11% der Ukrainer unter extremer Armut. Die Armutsgrenze lag in der Ukraine bei weniger als 4,3 US- Dollar pro Tag zum Leben. Dazu zählten vor allem Familien mit 3 oder mehr Kindern. Familien mit 3 Kindern machten 18% der Bevölkerung, die unter totaler Armut lebten aus, aber nur 5% der Gesamtbevölkerung. Familien mit 4 Kindern machten 8% der unter absoluter Armut lebenden Bevölkerung aus, aber nur 1,6% der Gesamtbevölkerung (ebd.: 26).

So gehören Frauen zu den „neuen Armen“. Durch den teilweisen Wegfall des staatlichen Auffangnetz wird dies gefördert. Zum Beispiel gibt es weniger Unterstützung für Eltern, welche zur Zeit der Sowjetunion vom Staat unterstützt wurden (Phillips, 2005: 490). Des Weiteren werden Unternehmen, in denen traditionell eher Frauen gearbeitet haben, wie die Dienstleistungsbrache öfter geschlossen (Pine, 1998: 10).

Es zeigt sich, dass die Transformationsprozesse tiefgreifende Veränderungen mit sich bringen (Sampson, 2002: 425). Daraus resultieren verschiedene survival strategies, die entweder für oder neben dem Staat agieren. Diese survival strategies entstehen innerhalb eines kulturellen Kontextes oder/ und eines sozialen Wandels. Dadurch sind sie für die Betroffenen und ihre bestehenden Möglichkeiten, wie die Einbindung in Netzwerke, eine Lösung mit den neuen Faktoren, wie den Transformationsprozessen umzugehen. Die Individuen reagieren dabei auf externe Veränderungen (Smith/ Pickles, 1998: 7ff). Agieren aber auch selbstständig, ohne genau zu wissen, was sie erreichen können/ werden (Pine/ Frances, 1998: 11).

Im folgenden wird eine Anpassungsstrategie dargestellt. Diese basiert auf Frauen, die Arbeit im NGO-Sektor gefunden haben. Dabei gehört dieser zur Zivilgesellschaft, die genauso wie die Transformationsprozesse internationalen Einflüssen und Interessen untersteht. Vor dem Einstieg in das ethnographische Material folgt ein Überblick über das Konzept der Zivilgesellschaft, da dieser Begriff genauso wie der der Transformation, zum Verständnis der Situation der Informantinnen beiträgt.

[...]


[1] Mit dem Begriff Westen beziehe ich mich auf Westeuropa sowie auf die USA.

[2] Mit dem Begriff Osten beziehe ich mich auf die postsozialistischen Transformationsländer.

[3] Non- Governmental Organization.

[4] Neben den globalen Netzwerken auf jene Sampson wert legt, besteht auch eine Verbindung in lokale Netzwerke.

[5] Mit Zentren der Macht sind an dieser Stelle, zum Beispiel die Politiker, die auf nationaler Ebene regieren gemeint. Des Weiteren zählen Wirtschaftsunternehmer dazu.

[6] Die Namen der Frauen sowie von Organisationen wurden von Phillips zum Schutz der Privatsphäre verändert. Ich übernehme dieselbigen (Phillips, 2005).

[7] Die Begriffe Transformation und Transition werden oft als synonyme verwendet. Ich habe mich in diesem Zusammenhang für Transformation entschieden, da es im Gegensatz zu Transition eher einen geradlinigen Prozess ohne ein bekanntes Ziel impliziert. An dieser Stelle würde ich demnach den Begriff transformation vorziehen.

[8] In dieser Statistik ist es nicht möglich den informellen Sektor als potenziellen Arbeitsbereich zu beachten (Bakshish, 2003: 14).

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Die Teilnahme von ukrainischen Frauen an der Zivilgesellschaft
Untertitel
Ein Blickwinkel auf die Transformationsprozesse
Hochschule
Universität Hamburg  (Institut für Ethnologie)
Veranstaltung
Ethnologische Studien zu Transformationsgesellschaften
Note
2,0
Autor
Jahr
2008
Seiten
24
Katalognummer
V193329
ISBN (eBook)
9783656185932
ISBN (Buch)
9783656187806
Dateigröße
506 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Transformationsgesllschaften, Postsozialismus, Ukraine, Frauen, Zivilgesellschaft, Überlebensstrategien
Arbeit zitieren
Magister Anja Nikodem (Autor), 2008, Die Teilnahme von ukrainischen Frauen an der Zivilgesellschaft, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/193329

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