Das Massaker von Jedwabne

Die Aufarbeitung nach dem Erscheinen von „Nachbarn“


Hausarbeit, 2007
14 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

2 Einleitung

3 Gründe für das Massaker – Entwicklungen vor der Okkupation

4 Gründe für das Massaker – Entwicklungen während der Okkupation

5 Die Frage nach der deutschen Beteiligung

6 Die Jedwabne Debatte
6.1 Die Zahl der Opfer
6.2 Gross Quellenumgang
6.3 Angriffe auf die Person Gross und seine Verdienste

7 Schlussbetrachtung

8 Literaturverzeichnis:

2 Einleitung

Als ich anfing mich mit dem Themenkomplex „Jedwabne“ zu beschäftigen fiel mir auf, dass zwar sehr viel Literatur dazu verfasst wurde, jedoch nur wenig in Englisch oder Deutsch. Somit beschränkte sich die für mich zugängliche Literatur auf ein unbefriedigendes Maß. Die Literatur zum Thema Jedwabne ist sehr neu, da die Forschung darüber erst mit dem Erscheinen von Jan Tomazs Gross Buch „Nachbarn“ begann. Gross erzählt in seinem Buch die abgründige Geschichte einer Nachbarschaft, die mit einem Mal zu existieren aufhörte, nachdem die einen Nachbarn die anderen mit ihren eigenen Händen ermordet hatten. Doch was waren die Gründe für dieses Massaker? Inwieweit waren die deutschen Einsatzkommandos beteiligt? Wie wurde diese neue historische Erkenntnis in Polen aufgenommen? Das sind die Fragen die mich nach der Lektüre von „Nachbarn“ am meisten interessiert haben und die ich versuchen möchte in dieser Hausarbeit zu beantworten.

3 Gründe für das Massaker – Entwicklungen vor der Okkupation

Jedwabne war durch die Vereinbarungen im Hitler-Stalin Pakt in den Einflussbereich der Sowjetunion gekommen. Stalin unterhielt ein totalitäres System und bei diesen ist die Institutionalisierung der verschiedensten Ressentiments eine Basis um Kollaboration der lokalen Bevölkerung in den okkupierten Gebieten zu erleichtern. Es ist also möglich zu folgern, dass die Bewohner von Jedwabne der Besatzung durch ein totalitäres Regime nicht gewachsen waren und unter großem psychischen Druck litten. Denn es nicht untypisch für Gesellschaften, die unter Totalitarismus zu leiden haben, dass eine Verrohung der zwischenmenschlichen Beziehungen durch Denunziantentum und Freibriefen zu Gewalttaten gegenüber politisch unerwünschten Personen einsetzt.[1]

Ferner gelang es der polnischen Gesellschaft nicht die Juden zu integrieren, obwohl sie seit vielen Jahren mit ihnen zusammenlebten. Es war im 20. Jahrhundert sogar mehr eine Gegenemanzipation zu beobachten. Als Antwort auf die zionistischen Bewegungen bildete sich zuerst ein Antizionismus und schließlich im ausgehenden 19 Jh. ein Antisemitismus. Doch Pilsudski, welcher das Prinzip eines multiethnischen Staates verfocht, unterdrückte von 1926-1935 den polnischen Antisemitismus, seine Nachfolger bekämpften anti-jüdische Bestrebungen dann nicht mehr[2]. Immerhin war das Ziel der Antisemiten nicht einen Holocaust an den Juden zu verüben. In ihrer Vorstellung sollte die „Endlösung der polnischen Judenfrage“ durch eine umfassende Auswanderung der Juden gelöst werden[3].

In der Zwischenkriegszeit hatte die „Nationaldemokratische Partei“, ein Mitbegründer war Dmowski (die politische Antipode von Pilsudski), ca. 1500 Anhänger in der Region um Jedwabne, was sich bei verschiedensten Aufmärschen zeigte. Genau wie Dmowski vertrat die Partei antijüdische Ansichten. Eine von ihnen propagierte Parole lautete zum Beispiel: „Nieder mit dem jüdischen Kommunismus“ und in den von ihren Anhängern gesungen Liedern hieß es: „Steh auf weißer Adler und schlage die Juden mit deinen Krallen“.[4]

Die katholische Kirche hatte (und hat) in den Gebieten um Jedwabne einen großen Einfluss. Die Priester predigten einen Antisemitismus und schritten keineswegs für den Schutz der „Christusmörder“ ein. Das Vorurteil, dass Juden das Blut von christlichen Kindern bräuchten, um Matze herzustellen, war noch nach dem Zweiten Weltkrieg der Auslöser antisemitischer Pogrome[5]. Der für Jedwabne zuständige Bischof war ein Freund von Dmowski und Anhänger seiner Partei. In den Zeitschriften der Diozösenpresse war dann häufig zu lesen, dass man sich in der Judenpolitik ein Beispiel an der deutschen Herangehweise nehmen sollte und das es den Juden nicht gut bekommen wird, dass sie noch nicht verstanden hätten, dass Polen in Polen die Hausherren sind. Da die katholische Kirche viele soziale Dienste und Fürsorge übernahm, hatte sie auch viele Kanäle um ihre antisemitischen Ansichten den Bürgern zu predigen[6].

Dennoch gab es auch andere Ansichten. Einem Bewohner Jedwabnes zu Folge waren die Juden in Jedwabne: „Handwerker, einfache Arbeiter und Fuhrleute“, also keineswegs Angehöriger der jüdischen Intelligenz. Derselbe Zeitzeuge weiß weiter zu berichten, dass „es hier keine so großen Unterschiede in den Absichten oder sonst gab, weil sie in diesen kleinen Städtchen mit den Juden auf gutem Fuß stehen. Das Leben hier war ja ziemlich idyllisch.“[7]. Diese Äußerungen beziehen sich auf die 1920er Jahre und zeigen deutlich, dass dieser ehemalige polnische Apotheker nichts Schlechtes über Juden und die polnisch-jüdschen Beziehungen in seinem Wohnort Jedwabne zu berichten hat. Diesen Aussagen schließt sich die Schilderung von Rabbi Baker zu seiner Kindheit in Jedwabne an: „I could give many examples to show that Jews and Poles lived peacefully in Jedwabne. We trusted each other“[8].

Im Gegensatz dazu stehen die 1930er Jahre. Jüdische Gelehrte sind der Meinung, dass Polen die Juden zur „edge of destruction“ geführt haben und das die Unterwicklung des Landes und die Armut der Bevölkerung zu Neid gegenüber reichen Juden geführt hat. Sie erklären, dass: „by the 1930s both the Polish regime and Polish society were waging a bitter and increasingly successful war against the Jewish population”[9]. Mit dieser Isolation, manche sprechen von Entmenschlichung[10], ist auch die grundsätzliche Passivität der Polen gegenüber antisemitischen Ausschreitungen zu erklären. Denn Ende der 1930er kam es zu Boykotten von jüdischen Geschäften und Überfälle auf Juden oder wie Rabbi Baker es zusammenfasst: „[...]Assaults on Jews started; it came to murders“[11].

4 Gründe für das Massaker – Entwicklungen während der Okkupation

Vor dem Zweiten Weltkrieg war jeder zehnte in Polen lebende Bürger ein Jude. Da ca. 25 % der in die Sowjetunion deportierten Polen Juden waren, kann man nicht folgern, dass in Relation zur Gesamtbevölkerung weniger Juden als katholische Polen deportiert wurden.

Da die sowjetischen Beamten im Gebiet Jedwabne nicht aus lokalen Kommunisten rekrutiert wurden, sondern aus kommunistisch gefestigteren Gebiet der Sowjetunion kamen, kann man auch nicht argumentieren, dass die Juden entschiedene Positionen unter den Sowjets innehatten. Weiterhin war es für Polen schockierend, dass unter den Sowjets (1939-1941) auch Juden die staatlichen Behörden repräsentierten. Durch diese ungewohnte Situation entstand eine Überbewertung der jüdisch-sowjetischen Kollaboration, sowohl in der Qualität, als auch in der Quantität[12].

[...]


[1] Jan Tomasz Gross: Nachbarn. Der Mord an den Juden von Jedwabne, München, 2001, hier: S. 115, im Folgendem: Gross, Nachbarn.

[2] Stephanie Kowitz: Jedwabne. Kollektives Gedächtnis und tabuisierte Vergangenheit, Berlin, 2004, hier: S. 23f., im Folgenden: Kowitz, Jedwabne.

[3] Vgl. Dariuz Stola: Jedwabne. Revisiting the Evidence and nature of crime, in: Holocaust and Genocide Studies, Bd. 17, Heft 1, 2003, S. 139-152, hier: S. 145.

[4] Zitiert nach: Anna Bikont: Wir aus Jedwabne, in: Ruth Henning (Hrsg.), Die „Jedwabne Debatte“ in polnischen Zeitungen und Zeitschriften, Potsdam, 2001, S. 174-200, hier: S. 182, im Folgenden: Bikont, Wir.

[5] Hier vor allem der Kielce-Pogrom 1946. Vgl. Anna M. Cienciala: The Jedwabne Massacre. Update and review, in: The Polish Review, Bd. 48, Heft 1, 2003, S.49-72, hier: S. 54, im Folgendem: Cienciala, Jedwabne Massacre.

[6] Siehe: Bikont, Wir, S. 182f.

[7] Zitiert nach: Gross, Nachbarn, S. 36 u. S. 166.

[8] Zitiert aus: Krzysztof Darewicz: Interview with Rabbi Baker, in: http://info-poland.buffalo.edu/classroom/J/Baker.htm (24.01.2007), im Folgenden: Baker, Interview.

[9] Zitiert nach: Anthony Polonsky: What made the massacre at Jedwabne possible, in: The Polish Review, Bd. 46, Heft 4, 2001, S. 403-417, hier: S. 403f., im Folgendem: Polonsky, The massacre.

[10] Vgl. Ilya Prizel: Jedwabne. Will the right question be raised?, in: East Europenas Politics and Societies, Bd. 16, Heft 1, 2002, S. 278-290, hier: S. 288.

[11] Baker, Interview.

[12] Karol Sauerland: Polen und Juden. Jedwabne und die Folgen, Berlin Wien, 2004, hier: S. 235, im Folgenden: Sauerland, Polen und Juden.

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Das Massaker von Jedwabne
Untertitel
Die Aufarbeitung nach dem Erscheinen von „Nachbarn“
Hochschule
Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover  (Historisches Seminar)
Veranstaltung
: „Noch ist Polen nicht verloren“. Die Geschichte Polens im „kurzen“ 20. Jahrhundert 1918-1989
Note
2,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
14
Katalognummer
V193361
ISBN (eBook)
9783656184966
ISBN (Buch)
9783656185147
Dateigröße
503 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Jedwabne, Polen, Antisemitismus, Zweiter Weltkrieg, Holocaust, Shoa, Jan Tomasz Gross
Arbeit zitieren
Master of Arts Henning Priet (Autor), 2007, Das Massaker von Jedwabne, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/193361

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