Jagos "Credo" aus Verdis "Otello" - Analyse und Interpretation


Hausarbeit, 2011

13 Seiten, Note: 1.3


Leseprobe

1.) Einleitung

1.1) Allgemeines

„Mir ist eingefallen, daß Sie mit einer Szene Jagos im zweiten Akt in doppelten Fünfsilblern nicht zufrieden waren und daß sie eine gebrochenere, weniger lyrische Form wünschten. Ich schlug Ihnen vor, eine Art von lästerlichem Credo zu machen und habe nun versucht, es in einem zerrissenen und nicht symmetrischen Versmaß aufzuschreiben.“

(Zitat von Arrigo Boito in einem Briefwechsel mit Verdi)[1]

Arrigo Boito, Verdis Librettist für dessen Oper „Otello“, orientierte sich beim Verfassen der Textvorlage zwar stark an Shakespeares Original, nahm jedoch kleine und dennoch bedeutende Veränderungen vor. Dies betraf beispielsweise religiöse Aspekte; Boito konnte sich auf diesem Gebiet größere Freiheiten erlauben, als es Shakespeare zu seiner Zeit möglich war.[2] Eine dieser Veränderungen ist das „Credo“ des Bösewichts Jago in der zweiten Szene des zweiten Aktes, das in Shakespeares Werk gänzlich fehlt. Mit dem Hinzufügen dieses Monologs folgen Verdi und sein Librettist einer Operntradition: Szenen, die sich formal an das liturgische Credo anlehnen, findet man unter anderem auch bei Donizetti oder Gounod.

Jago, der Protagonist dieser Szene, ist eine der inhaltlich gewichtigsten Figuren der Oper. Der Verlauf des Geschehens hängt entscheidend mit seinem Handeln zusammen; es gibt kaum eine Szene, in der Jago nicht auf der Bühne ist oder die ihm zugeordneten musikalischen Motive erklingen. Verdi unterstreicht somit auch kompositorisch die Bedeutung dieser Figur. Es erstaunt nicht, dass das „Credo“ in musikwissenschaftlichen Betrachtungen des „Otello“ meist großen Raum einnimmt: Die Szene ist der einzige Moment der Oper, in dem Jago dem Zuhörer einen Einblick in sein Seelenleben und seine Motivation, Böses zu tun, gewährt.[3]

In dieser Arbeit soll anhand einer analytischen Vorgehensweise im Notentext untersucht werden, wie die markante Figur des Jago in seinem „Credo“ dargestellt wird. Dabei ist insbesondere die vielschichtige musikalische Gestaltung in Zusammenhang mit Boitos Libretto von Interesse.

Nach einigen allgemeinen Aspekten über den Protagonisten und die Handlung der Szene wird zunächst die Textvorlage näher betrachtet und ein kurzer Bezug zu ihrem formalen Vorbild, dem kirchlichen Glaubensbekenntnis, hergestellt. Anschließend werden die bedeutendsten musikalischen und rhetorischen Momente herausgegriffen und unter dem Gesichtspunkt der charakterlichen Darstellung Jagos interpretiert.

1.2) Die Figur Jago

„Jago, ein Bösewicht“ – so steht es in Shakespeares Personenverzeichnis des „Othello“. Ein wahrer Bösewicht ist er auch bei Boito und Verdi, obgleich er vermutlich jung, gutaussehend und charmant ist. Seine attraktive Erscheinung verhilft ihm dazu, sich das Vertrauen seiner Mitmenschen zu erschleichen. In der Oper agiert er stets als Künstler der Hinterlist, der seinen Hang zum Bösen durch gekonnt gesponnene Intrigen auslebt. Schon in der Eröffnungsszene deutet sich das dämonische Potenzial Jagos an, als Cassios Beförderung in der Armee seinen Hass auf Otello schürt. Sein Handeln im weiteren Verlauf der Oper lässt sich jedoch nicht ausschließlich mit dieser Begebenheit erklären; vielmehr bleiben Jagos genaue Motive für seine Intrigen weitestgehend unklar. Lediglich sein „Credo“ liefert dazu einige Anhaltspunkte: Es scheint ein regelrechter Hass auf die Schönheit und das Gute zu sein, der ihn antreibt, das Glück anderer Menschen zu zerstören.[4]

Boito betont jedoch in seiner Personenanalyse, dass es ein Irrtum sei, Jago als Dämon zu betrachten. Er sei zwar dämonisch und sehe das Böse überall, aber dennoch ein Mensch, wenn auch ein schlechter. Die daraus entstehende Grundspannung zwischen der teuflischen und der menschlichen Seite Jagos spielt sowohl in Boitos Libretto als auch in Verdis Vertonung eine gewichtige Rolle, wie später im „Credo“ gezeigt werden soll.[5]

2.) Jagos „Credo“

2.1) Rahmenhandlung der Szene:

Jagos „Credo“ ist die zweite Szene des zweiten Aktes der Oper. Die Handlung findet im Schloss statt, wo Jago Cassio einen hinterlistigen Rat gibt: Er soll versuchen, Desdemona davon zu überzeugen, bei Otello Fürbitte für ihn zu erwirken. Cassio geht zu Desdemona und Jago offenbart sich dem Zuhörer in seinem „Credo“, einer zynischen Selbstanalyse des Bösewichts. Das „Credo“ endet, als Otello erscheint. Jago gelingt es, dessen Aufmerksamkeit auf Cassio und Desdemona zu lenken und seine Eifersucht zu schüren.[6]

2.2) Textgrundlage:

Jagos „Credo“:[7]

- Credo in un Dio crudel che m’ha creato Ich glaube an einen grausamen Gott, der mich erschaffen hat

Simile a sé, e che nell’ira io nomo. Zu seinem Ebenbild und den ich im Ingrimm rufe.

- Dalla viltà d’un germe o d’un atòmo Aus der Gemeinheit eines Keimes oder eines Atomes

Vile son nato. Bin ich gemein geboren.

- Son scellerato Ich bin verworfen,

Perché son uomo, Weil ich Mensch bin,

E sento il fango originario in me. Und ich fühle in mir den Urschlamm.

- Sì! Quest’è la mia fe’! Ja, das ist mein Glaube!

- Credo con fermo cuor, siccome crede Ich glaube festen Herzens,

La vedovella al tempio Mit der Gläubigkeit einer jungen Witwe im Tempel,

Che il mal ch’io penso e che da me procede Dass ich das Böse in Gedanke und Auswirkung

Per mio destino adempio. Nach meiner Bestimmung erfülle.

- Credo che il gusto è un istrion beffardo Ich glaube, dass der Gerechte ein höhnender

E nel viso e nel cuor, Komödiant ist im Gesicht und im Herzen,

Che tutto è in lui bugiardo: Dass alles an ihm Lüge ist:

Lagrima, bacio, sguardo, Träne, Kuss, Blick,

Sacrificio ed onor Opfer und Ehre.

- E credo l’uom gioco d’iniqua sorte Und ich glaube, dass der Mensch das Spiel

Dal germe della culla Eines ungerechten Schicksals ist

Al verme dell’avel. Vom Keim der Wiege bis zum Wurm des Grabes.

- Vien dopo tanta irrision la Morte. Nach all dem Spott kommt der Tod.
- E poi? – La Morte è il Nulla. Und dann? – Der Tod ist das Nichts,

È vecchia fola il Ciel. Der Himmel ist ein altes Märchen.

Liturgisches Credo:[8]

Wir glauben an den einen Gott,

den Vater, den Allmächtigen, der alles geschaffen hat, Himmel und Erde,

die sichtbare und die unsichtbare Welt.

Und an den einen Herrn Jesus Christus,

Gottes eingeborenen Sohn,

aus dem Vater geboren vor aller Zeit:

Gott von Gott, Licht vom Licht,

wahrer Gott vom wahren Gott,

gezeugt, nicht geschaffen,

eines Wesens mit dem Vater;

durch ihn ist alles geschaffen.

[…]

Wir glauben an den Heiligen Geist, der Herr ist und lebendig macht,

der aus dem Vater (und dem Sohn) hervorgeht,

der mit dem Vater und dem Sohn angebetet

und verherrlicht wird,

der gesprochen hat durch die Propheten,

und die eine, heilige, katholische

und apostolische Kirche.

Wir bekennen die eine Taufe

zur Vergebung der Sünden.

Wir erwarten die Auferstehung der Toten

und das Leben in der kommenden Welt. Amen.

[...]


[1] Verdi, Guiseppe: Aus dem Briefwechsel zu „Otello“, S. 50 in: Otello, Drama lirico in vier Akten von Arrigo Boito. Musik von Guiseppe Verdi, Frankfurt am Main, Leipzig 2001.

[2] Parakilas, James: Religion and difference in Verdi’s Otello, in: The Musical Quarterly 81 (1997), S. 377.

[3] Nach Lüderssen, Caroline: Giuseppe Verdis Shakespeare-Opern: Musik als verborgener Text, Bonn 2001, S. 122ff..

[4] Nach Einsfelder, Stefan: Zur musikalischen Dramaturgie von Giuseppe Verdis Otello, Kassel 1994, S. 46ff..

[5] Lüderssen 2001, S. 142ff..

[6] Einsfelder 1994, S. 47.

[7] Verdi, Guiseppe: Otello : dramma lirico in 4 atti / Libretto di Arrigo Boito, Partitura (nuova ed. riv. e corr.), Milano 1980.

[8] Hier in Form des Nicäno-Konstantinopolitanums aus dem katholischen Messbuch.

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Jagos "Credo" aus Verdis "Otello" - Analyse und Interpretation
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin
Note
1.3
Autor
Jahr
2011
Seiten
13
Katalognummer
V193375
ISBN (eBook)
9783656190387
ISBN (Buch)
9783656190769
Dateigröße
469 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Verdi, Otello, Jago, Oper
Arbeit zitieren
Henriette Schwarz (Autor), 2011, Jagos "Credo" aus Verdis "Otello" - Analyse und Interpretation, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/193375

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