Fünf Wege zu Gott - Eine Untersuchung der Gottesbeweise bei Thomas von Aquin


Hausarbeit (Hauptseminar), 2012

24 Seiten, Note: 1, 0


Leseprobe

Inhaltverzeichnis

1. Einleitung

2. Erkenntnistheoretisch-ontologischer Hintergrund

3. Die Gottesbeweise des Thomas von Aquin
3.1. Argumentationsgrundlage der Gottesbeweise
3.2. Die fünf Argumente für die Existenz Gottes

4. Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Entsprechend der Grundüberzeugung Thomas von Aquins, dass die Vernunft nicht im Widerspruch zur von Gott gnadenhaft offenbarten ewigen christlichen Wahrheit stehen könne, versuchte der christliche Theologe und katholische Kirchenvater, die Philosophie mit der christlichen Theologie miteinander zu vereinbaren (vgl. Leppin 2009, S. 24). So hatte für Thomas die Philosophie als Metaphysik, deren Gegenstand von Aristoteles durch das Unbeweglich-Intelligible sowie höchste Sein bestimmt worden war, denselben Gegenstandsbereich wie die Theologie im von Thomas bestimmten Sinne als Wissenschaft von Gott. Das inhaltliche Unterscheidungsmerkmal der beiden Wissenschaften sollte jedoch darin bestehen, dass die Theologie Gott nicht nur als verstandesmäßigen Erkenntnisgegenstand, sondern zudem als Ordnungsprinzip aller die Vernunft überschreitenden theologischen Aussagen aus der Offenbarung – in Form der sacra doctrina (Heilige Lehre) – betrachtete (vgl. ebd., S. 29 sowie Forschner 2006, S. 44). In diesem Zusammenhang bediente sich die Theologie der Philosophie, insofern sie „[…] methodisch-formal mit einer an die Philosophie angeglichenen Struktur versehen [wurde] […]“ (Leppin 2009, S. 31).

Mithilfe des philosophischen Instrumentariums sah Aquino die Möglichkeit, Gottes metaphysische Existenz, die auch unabhängig von der christlichen Lehre erkannt werden könne (siehe ebd., S. 52), wissenschaftlich-argumentativ zu beweisen. Dies erfolgte in Form von fünf Argumenten, welche den Gegenstand der vorliegenden Arbeit bilden. Dabei soll folgende Frage untersucht werden: Welche Argumentationsstruktur liegt den Gottesbeweisen zugrunde, und wie ist die Argumentation philosophisch zu beurteilen?

Zur Beantwortung dieser Frage wird zunächst das Weltbild des Aquinaten erläuternd dargestellt, insoweit dieses zum Verständnis des erkenntnistheoretischen und ontologischen Hintergrunds seiner Argumentation beiträgt und verdeutlicht, inwiefern Thomas Gottes Existenz für erkennbar beziehungsweise beweisbar hält (vgl. 2.). Anschließend werden anhand von Einwänden gegen die Position des Aquinaten die Legitimationsgründe seiner Gottesbeweise herausgearbeitet, welche grundlegend für das Verständnis sowie für die Beurteilung seiner Argumentation sind (vgl. 3.1). Vor diesem Hintergrund werden die einzelnen Argumente für die Existenz Gottes vorgestellt und hinsichtlich ihrer argumentativen Struktur sowie Haltbarkeit untersucht (vgl. 3.2). Den Abschluss bildet eine Zusammenfassung, in der unter Berücksichtigung der zentralen Frage die erarbeiteten Ergebnisse resümiert werden (vgl. 4.).

Die Textgrundlage dieser Arbeit sind die Gottesbeweise aus Thomas von Aquins Hauptwerk Summe der Theologie (Summa theologiae).

2. Erkenntnistheoretisch-ontologischer Hintergrund

Zunächst stellt Gott qua intelligibles Wesen für Thomas nicht den Ursprung aller menschlichen Erkenntnis dar; denn Erkenntnis beginnt dem Kirchenvater zufolge mit den Sinneswahrnehmungen von materiellen, raum-zeitlichen Einzeldingen (vgl. etwa Hirschberger 1979, S. 469). Sinneswahrnehmung, so der Aquinat, erfolgt dadurch, dass „[…] ein materieller Gegenstand (über ein Medium) auf das materielle Sinnesorgan einwirkt und dadurch […] neben naturalen Veränderungen eine ‚spirituale‘ Wirkung, die Erfahrung eines Sinneseindrucks […] erzeugt“ (Forschner 2006, S. 38). Für ihn sind die Sinneseindrücke von materiellen Dingen deren Abbilder, genauer: sie sind Vorstellungsbilder (phantasmata, species sensibiles), welche in den Sinnesorganen des erkennenden Subjekts bestehen und aufgrund von Vorstellungs- oder Einbildungskraft (imaginatio) vom menschlichen Verstand beziehungsweise vom rezeptiven Intellekt (intellectus possibilis) aufgenommen werden können (vgl. hierzu Thomas von Aquin 1982a, S. 302, S. 309–310). Dabei geht Thomas davon aus, dass die Vorstellungsbilder deshalb vom Verstand erfassbar sind, weil das menschliche Erkenntnisvermögen dem Erkenntnisgegenstand grundsätzlich angepasst ist (vgl. etwa Hirschberger 1979, S. 470).

Auf diese Weise wird ein Gegenstand hinsichtlich seines sinnlichen Gehalts erfasst. Doch mit dem Erfassen des sinnlichen Gehalts ist für Thomas ein Gegenstand der Sinne noch nicht vollständig, das heißt wesenhaft, erkannt. So ist der Erkenntnisgegenstand des menschlichen Intellekts „[…] das Wesen oder die Natur, die in körperlichem Stoff existiert […]“ (Thomas von Aquin 1982a, S. 303–303, eigene Hervorhebungen).

Das Wesen (essentia) eines Einzeldinges charakterisiert sich durch dessen „[…] Gesamtheit aller wesentlichen Eigenschaften […], die seine Artzugehörigkeit ausmachen“ (Forschner 2006, S. 51); das heißt durch das, „[…] was etwas im Rahmen seiner Gattung ist und was durch Definitionen (über die Angabe seines nächsthöheren Genus und seiner artbildenden Differenz) zum genauen Ausdruck gebracht wird“ (ebd., S. 49). Beispielsweise gehört ein einzelner Mensch der Gattung Lebewesen an, seine artspezifische Differenz zu anderen Lebewesen ist seine Vernunftbegabung (vgl. auch Leppin 2009, S. 35–36). Der Begriff der Natur (quidditas, die Washeit oder das Was-Sein) entspricht dem des Wesens, insoweit er dessen inhaltliche Bestimmung angibt, die in einer Definition beziehungsweise in Gattungs- und Artbegriffen zum Ausdruck kommt[1] (vgl. ebd., S. 35). Laut Thomas steigt nun „[…] durch die Natur solcher sichtbaren Dinge […] [der menschliche Intellekt] auch zu einer gewissen Erkenntnis der unsichtbaren Dinge auf“ (Thomas von Aquin 1982a, S. 303); und zwar insofern die Gattungs- und Artbegriffe qua allgemeine oder geistige Begriffe (intentiones intelligibles) aus individuellen materiellen Gegenständen gewonnen werden. Dieser Gewinnungsprozess erfolgt jedoch nicht durch den rezeptiven, sondern durch den tätigen Verstand (intellectus agens) (vgl. Hirschberger 1979, S. 471), welcher sich den Vorstellungsbildern zuwendet und aus diesen geistige (Erkenntnis-)Bilder (species intelligibles) abstrahiert:

„Der tätige Intellekt abstrahiert […] geistige Erkenntnisbilder aus den Vorstellungsbildern, sofern wir mit der Kraft des tätigen Intellekts in unserer Untersuchung die Naturen der Arten, durch deren Abbilder der rezeptive Intellekt geprägt wird, ohne die vereinzelnden Bedingungen in unsere Betrachtung aufnehmen können“ (Thomas von Aquin 1982a, S. 310).

Mit anderen Worten: „Aus dem sinnlich gegebenen Konkretum wird durch die intuitive (unmittelbar bestimmende) und diskursive (induktiv vergleichende) Aktivität des Verstandes das Wesentliche herausgezogen, indem man vom Unwesentlichen und Individuellen absieht“ (Forschner 2006, S. 49, eigene Hervorhebungen). Die erkenntnisleistende Funktion des Intellekts besteht für Thomas somit in der Abstraktion des geistigen, intelligiblen Gehalts aus sinnlich vermitteltem Material (vgl. ebd., S. 39).

Auf dieser Grundlage unterscheidet der Aquinat drei Abstraktionsstufen, die den Stufen der Entstehung des gesamten menschlichen Wissens entsprechen (vgl. Hirschberger 1979, S. 469).

Die erste Abstraktionsstufe vollzieht sich im Erfassen des Wesens sinnlich wahrnehmbarer Einzelgegenstände durch Absehen von deren konkret-materiellen Bestimmungen (vgl. Forschner 2006, S. 40). Als zusammengesetzte Substanzen (substantiae compositae) bestehen Einzeldinge aus Materie (materia) und Form (forma). Während die Materie qua Stoffursache (causa materialis) der körperliche Stoff ist, aus dem etwas Einzelnes besteht, ist die Form das, was aus der (als solchen ungeformten) Materie einen in Raum und Zeit existierenden, sinnlich wahrnehmbaren Gegenstand macht (vgl. Forschner 2006, S. 50). Das heißt: Das Wesen eines Naturdinges „[…] ist […] die aus Form und Materie entstehende […] Substanz“ (Hirschberger 1979, S. 477), oder anders: „Die Substanz ist „[…] die Verwirklichung des Wesens […] und sie besteht aus Materie und Form“ (Leppin 2009, S. 43). Demzufolge ist für Thomas „[…] der Gegenstand jedes sinnlichen Vermögens die Form, sofern sie in körperlichem Stoff existiert“ (Thomas von Aquin 1982a, S. 306).

Die zweite Abstraktionsstufe kennzeichnet sich sowohl durch das Absehen von der individuellen wahrnehmbaren Materie beziehungsweise deren sinnlichen „[…] Qualitäten wie warm und kalt, hart und weich usw. […]“ (Thomas von Aquin 1982a, S. 309), als auch von der allgemeinen sinnlichen Materie. Auf diese Weise wird die so genannte intelligible Materie (materia intelligibilis) erfasst. „‚Intelligible Materie‘ heißt […] die Substanz, sofern sie der Quantität unterliegt“ (ebd.). Dementsprechend sind mathematische Gegenstände wie geometrische Figuren oder Zahlen individuelle intelligible Materie, wobei Erstere dem Raum beziehungsweise der räumlichen Ausdehnung unterliegen und Letztere diskreten Einheiten zugrundeliegen. Das Wesen oder das Gemeinsame mathematischer Gegenstände wird somit über quantitative Eigenschaften und Relationen erfasst (vgl. hierzu Forschner 2006, S. 41, S. 43), die „[…] von der individuellen intelligiblen Materie abstrahiert werden“ (Thomas von Aquin 1982a, S. 309).

Schließlich werden in der dritten Abstraktionsstufe durch Abstraktion von der allgemeinen intelligiblen Materie der mathematischen Gegenstände metaphysisch-ontologische Erkenntnisse gewonnen. Hierzu zählen Erkenntnisse über allgemeinste Bestimmtheiten beziehungsweise „[…] Bestimmungen, die Seiendem als Seiendem zukommen […]“ (Forschner 2006, S. 41), wie „[…] z. B. ‚seiend, ‚eines‘, ‚Möglichkeit‘, ‚Wirklichkeit‘ und dergleichen, was auch ohne Stoff existieren kann […]“ (Thomas von Aquin 1982a, S. 309).

Die Grundlage zur verstandesmäßigen Erfassung dieser allgemeinsten Bestimmungen bildet der Begriff des Seienden (ens), welchen „[…] der Verstand zuerst und gleichsam als das Bekannteste auffaßt“ (Thomas von Aquin 1982b, S. 311), weil „[…] jede Natur […] ein wesenhaft Seiendes [ist] […]“ (ebd.). Sie bringen „[…] eine Weise des Seienden zum Ausdruck […], die im Wort ‚Seiendes‘ selbst nicht zum Ausdruck kommt“ (Thomas von Aquin 1982b, S. 311). In diesem Zusammenhang unterscheidet Thomas drei verschiedene Seinsweisen (modi essendi). Er differenziert „[…] im Vollsinn wirkliches Sein vom Sein von Gegenständen, die aufgrund des Vorliegens und der Wirksamkeit ihrer Ursachen im Entstehen begriffen sind, und vom Sein von Gegenständen, die ihr Sein lediglich im Bewußtsein eines Erkennenden besitzen“ (Forschner 2006, S. 42). Dabei bestimmen sich „[d]iese Seinsweisen […] nach der […] Einteilung der Wirklichkeit in Gattungen und Arten“ (Leppin 2009, S. 35).

Das wirkliche, eigentliche Sein (esse) von etwas ist die Seinsweise, welche das Was-Sein und daher die Wesensbestimmungen beziehungsweise die Gattung und Art von individuell Seiendem zum Ausdruck bringt. In diesem Zusammenhang gehen für Thomas die spezifischen Wesensbestimmungen dem Einzelnen sachlich voraus (vgl. Leppin 2009, S. 34), „[…] insofern sie als Formen durch Verbindung mit der Materie die Einzelwesen konstituieren, die […] ohne sie nicht existieren können“ (ebd., S. 37). Die Wesenheiten sind somit das, wodurch die einzelne Substanz als Seiendes ihr Sein, das heißt Dasein, hat (vgl. ebd., S. 34). Mit anderen Worten: Sie sind die Wirkursache (causa efficiens), der äußere Anstoß oder diejenigen Kräfte und Bewegungen, welche die an sich ungeformte Materie auf eine bestimmte Form hin verändern lassen (siehe ebd., S. 46). In diesem Sinne kommt den in dem durch die Gattungs- und Artbegriffswörter ausgedrückte Sinn (der Washeit) ein ontologischer Status zu (vgl. ebd., S. 37), und zwar insofern diese Allgemeinbegriffe „echte Universalien“ (Hirschberger 1979, S. 471) sind. Dementsprechend sind die zusammengesetzten Substanzen nicht mit ihrem definitionsgemäßen Wesen identisch (Forschner 2006, S. 54), sondern diesem nur insoweit ähnlich, als ihr aktuales Sein in ontologischer Abhängigkeit zu den jeweiligen allgemeinen Wesensbestimmungen steht. Anders ausgedrückt: „Das einzelne Individuum hat […] an diesen allgemeinen Merkmalen Anteil und ist doch in seiner Individuierung bestimmt“ (Leppin 2009, S. 39, eigene Hervorhebung). Denn für Thomas kann „[d]as, was Sein hat und doch das Sein nicht selbst ist, dieses Sein nur durch Teilhabe besitzen“ (Berger 2004, S. 98, eigene Hervorhebung); und zwar in dem Sinne, dass dieses Ding „[…] für sein Sein eine Ursache haben [muss], da das Sein ja mit seiner Natur nicht völlig identisch [ist]“ (Leppin 2009, S. 51).

Die zweite Seinsweise drückt die Verwirklichungsweise eines Seienden durch die Form aus (vgl. ebd., S. 32, S. 34). So ist die Form diejenige „[…] Weise, in der die essentielle Bestimmung in die einzelnen Ausprägungen von Gattungen und Arten hineinkommt. Sie gewährleistet für dieses Einzelne die Zugehörigkeit zu den übergreifenden, allgemeinen Ordnungsgruppen […]“ (Leppin 2009, S. 39). Genauer: Die Form von Seiendem vollzieht als innere Ursache (Formursache, causa formalis) den Akt des Seins (actus essendi), sie bringt „[…] das Sein in Wirklichkeit, begründet ein esse in actu“ (ebd., S. 42). Sie ist das seinsgebende Prinzip von an sich möglich oder kontingent Seiendem.

[...]


[1] Von den wesentlichen Eigenschaften unterscheidet Thomas akzidentelle Eigenschaften oder Akzidentien, die nicht wesensbestimmend sind. Diese unterteilt er in nicht-notwendige Akzidentien, die nicht notwendig zur Existenz eines Einzelgegenstandes gehören, und notwendigen Akzidentien, die aus den Konstitutionsbedingungen einer bestimmten Art notwendig folgen (wie zum Beispiel die Lachfähigkeit, die notwendigerweise zum Menschsein gehört, aber nicht ihrerseits sein Wesen konstituiert) (vgl. hierzu Leppin 2009, S. 45).

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Fünf Wege zu Gott - Eine Untersuchung der Gottesbeweise bei Thomas von Aquin
Hochschule
Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen
Veranstaltung
Analyse von Texten zu Problemen der Philosophie des Mittelalters und der Renaissance
Note
1, 0
Autor
Jahr
2012
Seiten
24
Katalognummer
V193457
ISBN (eBook)
9783656190554
ISBN (Buch)
9783656191797
Dateigröße
518 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Thomas von Aquin, Gottesbeweise, Summe der Theologie, ontologischer Gottesbeweis, Philosophie des Mittelalters, Scholastik, Heilige Thomas, Sacra Doctrina
Arbeit zitieren
Christian Reimann (Autor), 2012, Fünf Wege zu Gott - Eine Untersuchung der Gottesbeweise bei Thomas von Aquin, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/193457

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Fünf Wege zu Gott - Eine Untersuchung der Gottesbeweise bei Thomas von Aquin



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden