„Bemerkungen über eine sonderbare litterarische Erscheinung“

Carlo Deninas Apologie de Frédéric II (1787) und La Prusse littéraire (1790/91) im Kontext der deutschen Diskurse um De la littérature allemande (1780) von Friedrich II.


Hausarbeit (Hauptseminar), 2010

36 Seiten, Note: 1,00


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Carlo Denina und die Nationalliteraturdebatte Ende des 18. Jahrhunderts - Einleitende Überlegungen zu Untersuchungsschwerpunkten und zentralen Fragestellungen der Arbeit

2. Ein spätes Erwachen aus dem „Dornröschenschlaf“ - De la littérature allemande (1780) von Friedrich dem Großen

3. Von deutschen „Eichen“ und „französischen Kunstgärtner[n]“: Die Antwortschriften

4. Ein Verteidiger von De la littérature allemande ? Die Apologie de Frédéric II. (1787 ) und La Prusse littéraire (1790/91) von Carlo Denina

a. Ein Piemonteser Gelehrter und die deutsche Literatur? Einführende Bemerkungen zu Carlo Deninas (1731-1813) Leben und Werk

b. Elemente einer Ästhetik 1: Die Apologie de Frédéric II. (1787) von Carlo Denina

c. Elemente einer Ästhetik 2: La Prusse littéraire (1790/91) von Carlo Denina

5. Abschließende Bewertung von Carlo Deninas Ästhetik innerhalb der deutschen Nationalliteraturdebatte und die Rezensionen zur Prusse littéraire

6. Fazit und Forschungsdesiderata

1. Carlo Denina und die Nationalliteraturdebatte Ende des 18. Jahrhunderts - Einleitende Überlegungen zu Untersuchungsschwerpunkten und zentralen Fragestellungen der Arbeit „ Vous vousétonnez, Monsieur, que je ne joigne pas ma voix à la v ô tre, pour applaudir aux progr è s que fait, selon vous, journellement la Littérature allemande. “ 2

Derart beginnt Friedrich der Große seinen berühmt-berüchtigten Essay De la littérature allemande (1780) - eine Schrift, die aufgrund ihres sehr negativen Urteils über die deutsche Literatur unmittelbar nach ihrem Erscheinen mehrere Repliken deutscher Gelehrter und Schriftsteller auslöst und der deutschen Nationalliteraturdebatte des 18. Jahrhunderts dadurch eine Art späten Höhepunkt verschafft.3

Während deutsche Antworten auf De la littérature allemande - insbesondere die „vermutlich berühmteste[n] Replik auf die königliche Denkschrift“ von Justus Möser, Ü ber die deutsche Sprache und Litteratur (1781), - von der literaturwissenschaftlichen Forschung bereits erschöpfend diskutiert wurden, werden die internationalen Reaktionen in der Regel sträflich vernachlässigt.4 In den einschlägigen Aufsätzen und Überblickdarstellungen findet etwa die Rezeption des Essays in der französischen Öffentlichkeit nur am Rande Erwähnung und selbst die Diskussionen, die zwischen Friedrich dem Großen und Pariser Gelehrten wie d’Alembert und Grimm um diese Schrift entbrennen, sind längst nicht ausreichend untersucht.5

Vor allem die Publikationen Carlo Deninas werden im Zusammenhang mit der deutschen Nationalliteraturdebatte eher stichwortartig erwähnt: Obwohl Volker Steinkamp die Publikation des italienischen Aufklärers La Prusse littéraire (1790/91) als einer der ersten „Korrekturen“ an Friedrichs Essay De la littérature allemande bezeichnet, wird das dreibändige Werk in den literaturwissenschaftlichen Arbeiten Bergers und Heytmanns ausführlich analysiert, aber nicht im Zusammenhang mit den deutschen, zeitgenössischen Diskursen betrachtet.6 In ähnlicher Form wird die Apologie de Frédéric II (1787) zwar in der Dissertation Erich Kästners über die Erwiderungen auf den Essay berücksichtigt, aber unberechtigterweise lapidar als „ohne Wert“ abgetan.7 Diesem Forschungsdesideratum soll mit dieser Arbeit abgeholfen werden: Im Zentrum der Untersuchung stehen dementsprechend vor allem jene Schriften Deninas, die auf den Essay Friedrichs De la littérature allemande reagieren: Die Apologie de Frédéric II. und La Prusse littéraire (1790/91). Obwohl sowohl Friedrich der Große als auch Carlo Denina einen sehr weiten Literaturbegriff vertreten, der sich - erklärbar durch die im italienischen und französischen Sprachraum des 18. Jahrhunderts sehr allgemein gefasste Definition von letteratura oder littérature als geistig anspruchsvolles Schrifttum - nicht nur auf Dichter und Literaten, sondern auch auf Naturwissenschaftler und Mediziner, Juristen und Philosophen bezieht, wird der Schwerpunkt dieser Arbeit auf der Behandlung der Schönen Literatur in den entsprechenden Schriften liegen.8 Angesichts des Umstandes, dass sich in Poesie und Literaturkritik im Deutschland des 18. Jahrhunderts in ästhetischer Hinsicht ein entscheidender Wandel „vom universalen zum nationalen Literaturmodell“ vollzieht, erscheint dieser Fokus auch besonders vielversprechend.9

Die Werke Deninas, La Prusse littéraire und die Apologie, werden dementsprechend - nach einer kurzen Skizzierung der wesentlichen Thesen des preußischen Königs und einer ausführlicheren Erörterung der deutschen Antworten auf diese - insbesondere darauf untersucht werden, wie sie sich innerhalb des späten Höhepunkts der deutschen Nationalliteraturdebatte gegen Ende des 18. Jahrhunderts positionieren. Dieser vergleichende Ansatz ist vor allem daher interessant, da durch diese Vorgehensweise die bisher in der Forschung noch nicht berücksichtigten Rezensionen zur Prusse littéraire in der deutschen Presse in einem neuen Licht erscheinen könnten. Am Ende soll dementsprechend entschieden werden können, ob die größtenteils negativen Bewertungen der Schrift als „sonderbare litterarische Erscheinung“ bzw. „leeres Geschwätz“ auf Deninas möglicherweise veraltetes oder ungewöhnliches ästhetisches Urteil oder auf die nationalen Vorbehalte der Rezensenten zurückzuführen sind.10

2. Ein spätes Erwachen aus dem „Dornröschenschlaf“11 - De la littérature allemande (1780) von Friedrich dem Großen „ Schon wenige Jahre nach seinem Regierungsantritt nannte man ihn den ‚ Gro ß en ‘ , den ‚ Einzigen ‘ . Unzählige panegyrische Schriften, nicht selten in Versen, sind bereits in den ersten Jahren seiner Herrschaft erschienen, mit Namen gezeichnete und anonyme. “ 12

Mit diesen Worten beschreibt Volker Steinmetz in seinem Werk Friedrich der II., und die deutsche Literatur des 18. Jahrhunderts (1985) die Begeisterungstürme, die der preußische König als Aufklärer auf dem Thron und ‚roi philosophe’ bei den Gelehrten und Gebildeten auf nationaler und internationaler Ebene entfacht.13

Der Umstand, der Dichter wie Gottfried August Bürger dazu bringen wird, Friedrich dem Großen „deutschen Heldenmuth“ abzusprechen, ist allerdings ironischerweise die Tendenz, die der preußische König in Hinblick auf sein Gelehrtentum aufweist:14 Die Frankophilie Friedrichs des Großen - sowohl als Autor als auch als Regent -, die sich u.a. durch kulturelle Vorlieben - wie die Präferenz des Königs für die französische Klassik und Frühaufklärung - erklären lässt, erzürnt deutsche Dichter und Gelehrte insbesondere, weil Franzosen die wichtigsten Positionen im preußischen Königreich erhalten, während deutsche Gebildete diesbezüglich benachteiligt werden.15 Wie Goethe in seinen Maximen und Reflexionen zu Recht bemerkt, „verdroß“ die deutschen Autoren allerdings am meisten, „[d]aß Friedrich der Große […] gar nichts von ihnen wissen wollte“ - eine Klage, die paradoxerweise gerade zu dem Zeitpunkt gehäuft ausgesprochen wird, als der preußische König mit seinem 1780 publizierten Essay De la littérature allemande zeigt, dass er sich durchaus Gedanken über die deutsche Literatur zu machen scheint.16

Scheint der ausführliche Titel der Schrift De la littérature allemande, des défauts qu ’ on peut lui reprocher, quelles en sont les causes, et par quels moyen on peut les corriger einen dreiteiligen, systematischen Aufbau zu implizieren, so wird der Essay als „schlecht komponierte Variante über drei dem Jahrhundert wohlbekannte Themen“ diesen Erwartungen nicht gerecht, vielmehr werden verschiedene Komplexe durcheinander behandelt.17 Das Ziel wird jedoch gleich zu Beginn der Schrift programmatisch benannt: Es geht dem preußischen König nicht darum, dem „progrès que fait […] la Littérature allemande“ zu applaudieren, vielmehr soll die deutsche Literatur im Kontext antiker und moderner Nationalliteraturen bewertet werden.18 Das Urteil fällt allerdings recht negativ aus: Im Vergleich zur antiken römischen oder insbesondere der griechischen Sprache - laut Friedrich „la plus harmonieuse qui eût jamais existé“ - bezeichnet der König die deutsche Sprache als „une langue à demi barbare“, da sie sich in viele verschiedene Dialekte aufspalte und einen harten Klang habe.19 Angesichts des Umstandes, dass Friedrich die Vollkommenheit einer Sprache als entscheidende Voraussetzung für die Literaturproduktion ansieht,20 überrascht es dementsprechend nicht, dass die nationale Schöne Literatur wie auch die Wissenschaftspublizistik der Deutschen als rückständig zurückgewiesen wird.21 Zwar bezweifelt Friedrich im Unterschied zu Bouhours in den Entretiens d ’ Aristide et Eug è ne (1671) nicht, dass es Deutschen generell an ‚bel ésprit‘ mangele.22 Aber aufgrund verschiedener Gründe - Glaubenskämpfen wie dem 30-jährigen Krieg oder der staatlichen Zersplitterung des deutschen Gebietes - hinke die deutsche Literatur und Sprache der europäischen Entwicklung in den anderen Staaten hinterher.23 Gemäß seines Selbstverständnisses als Aufklärer, schlägt Friedrich der Große umfassende universitäre und schulische Reformen vor, um die konstatierten Mängel im Bildungswesen zu beheben und damit die zivilisatorische Grundlage für Entwicklung und Blüte deutscher Kultur zu schaffen.24 Berücksichtigt man, dass die Reflexionen über das Schul- und Universitätssystem, einen sehr großen Teil des Essays ausmachen, lässt sich dem Literaturwissenschaftler Lämmert zustimmen, der in einer Art Ehrenrettung Friedrichs betont, dass es dem preußischen Herrscher nicht vordergründig um die genaue Analyse der deutschen Poesie geht, sondern dass die deutsche Literatur in einem weiteren Sinne, als „Gradmesser des derzeitigen kulturellen Lebensstandards“ der Nation angesprochen wird.25 Auch wenn es sich bei dem vergleichsweise sehr knapp gehaltenen „Gericht über die derzeitige deutsche Literatur“ - wie Friedrich Gundolf treffend bemerkt - nur um einen „Einschub“ handelt, wird diese kurze Abhandlung zur deutschen Trias der Schönen Literatur von deutschen Kritikern als zentral wahrgenommen.26 Dabei befindet Friedrich in den insgesamt auf 5 Seiten abgehandelten Bemerkungen lediglich eine Handvoll Autoren für bewundernswert und markiert dies, indem er sie mit antiken oder französischen Meistern der entsprechenden Gattungen vergleicht: Hinsichtlich der Prosawerke setzt er Gottlieb Fürchtegott Gellerts Fabeln und Erzählungen (1746/8) auf eine Ebene mit den Werken des griechischen Fabeldichters Äsop. Auch die Gedichte Friedrich von Rudolph Ludwig von Canitz‘ (1700/27) werden lobend erwähnt, Horaz‘ Werke werden allerdings für überlegen befunden. Ähnlich betont der preußische König hinsichtlich der Idyllen (1756) des Schweizers Salomon Gessner, dass diesen „les ouvrages de Catulle, de Tibulle et de Properce“ durchaus vorzuziehen seien.27 Die geringe Ausbeute preisenswerter Literaten wird durch die „vraie Comédie originale“, den Postzug (1769) von Cornelius Hermann von Ayrenhoff vervollständigt, der als zweiter Molière bejubelt wird.28 Dass die Liste jener - heute eher unbekannten - deutschen Lieblingsautoren Friedrichs schon für Zeitgenossen kurios wirken muss, verdeutlicht die Kritik Christian Garves, der in seinen Fragmenten (1798) den geringen Informationsstand des Königs über die aktuelle deutsche Literatur hervorhebt, durch den dieser „zu wenig Vergleichspunkte“ gehabt hätte.29 In der Tat spricht - neben dem Umstand, dass die meisten der erwähnten Werke aus der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts stammen - vieles dafür, dass der Essay De la litérature allemande in seinen Grundzügen bereits in den 1750er Jahren, als kritische Reaktion auf die Schrift Progr è s des Allemands dans les sciences, les belles lettres et les arts (1752) des Baron Bielfelds verfasst worden ist, der die Kulturleistungen der Deutschen verhältnismäßig positiv bewertet.30 Als ein spätes Erwachen aus dem „Dornröschenschlaf“ erscheint die Publikation der Schrift 1780 auch, weil Friedrich noch 50 Jahre nach Gottscheds Critischer Dichtkunst (1730) die französische Klassik als großes, allgemeingültiges Vorbild präsentiert - obwohl die Universalität des klassizistischen Literaturmodells in Deutschland spätestens seit Johann Elias Schlegels Gedanken zur Aufnahme des dänischen Theaters (1747) zunehmend infrage gestellt worden ist.31 Dementsprechend empfiehlt der preußische König die Nachahmung und Übersetzung antiker sowie moderner französischer Werke wie den Lettres persanes oder den l ’ Esprit des lois um eine Verbesserung des deutschen Stils zu erreichen - und setzt damit auf eine Tradition der Imitation zur Aufholung des kulturellen Vorsprung Frankreichs wie sie ähnlich bereits Ende des 17. Jahrhunderts von Thomasius in seiner deutschen Vorlesung Welche Gestalt man denen Frantzosen in gemeinem Leben und Wandel nachahmen solle “ (1686/1702) propagiert worden ist.32 Das Festhalten an der ‚doctrine classique’ wird in De la littérature allemande insbesondere bei der Behandlung der „Königsgattung“ der französischen Klassik, der Tragödie, offensichtlich:33 Indem Friedrich der Große die Dramen Racines als mustergültig beschreibt und im Gegensatz zu diesen Goethes G ö tz von Berlichingen (1773/4) als „imitation détestable de ces mauvaises pièces angloises“ verwirft, bezeugt er seinen Abscheu für in Form und Inhalt innovative Stücke allgemein.34 Im Gegensatz zu den auf der deutschen Bühne populären, „abdominables pièces de Schakespear“ geht der preußische König - analog zu der von Nicolas Boileau in seiner Art poétique (1674) fixierten klassizistischen Regelpoetik - von einem die aristotelischen Regeln der „l’unité de lieu, […] de temps et […] d’intérêt“ befolgenden und den Vorgaben der „vraisemblance“ entsprechenden ästhetischen Ideal der Tragödie aus, dem die Stücke des englischen Dramenautors in keiner Weise entsprechen.35 Neben der Gattungspoetik wird auch die Sprache bei Friedrich an französischen, ästhetischen Kriterien des 17. Jahrhunderts gemessen: Wenn der Essay De la littérature allemande die französische Sprache als besonders schmeichelhaft für die Ohren beschreibt und der deutschen Sprache ebendiesen Klang durch Sprachreformen zu verleihen sucht; wenn Friedrich der Große ‚clarté‘ und ‚élegance‘ der Nationalsprache als entscheidend ansieht, orientiert er sich an Qualitäten, welche der ‚langue française‘ in den Schriften von Bouhors bis Rivarol zugeschrieben werden.36 Auch die für die französische Klassik im Zeitalter des höfischen Absolutismus Ludwigs des Vierzehnten charakteristische Betonung der Bedeutung des Hofes und aristokratischer Werte durchzieht die Schrift des preußischen Königs.37 Dementsprechend hebt Friedrich der Zweite das adelige Mäzenatentum sowie die absolutistische Monarchie als entscheidende Voraussetzungen für die kulturelle Blüte einer Nation hervor - und wendet sich entschieden gegen den Aufbruch der Ständeklausel im Drama, gegen die „mélange bizarre de bassesse et de grandeur“.38 Dass Friedrichs Publikation De la littérature allemande Ende des 18. Jahrhunderts zum Anachronismus werden muss, lässt sich gewissermaßen auch auf die Konstanz im literarischen Geschmack des Königs zurückführen. Bereits in den Briefen des preußischen Thronfolgers an Voltaire und Wilhelmine von Bayreuth der 1730er und 1740er Jahre finden sich ganz ähnliche Bemerkungen bezüglich der „Schwerfälligkeit“ und „erdrückende[n] Ausführlichkeit“ der deutschen Literatur, die belegen, dass die Präferenz der französischen und die Ablehnung der deutschen Dichtkunst im Essay Folge eines in frühen Jahren ausgebildeten, ästhetischen Urteils sind.39

3. Von deutschen „Eichen“ und „französischen Kunstgärtner[n]“: Die deutschen Antwortschriften

„ Jede Nation spricht also, nach dem sie denkt, und denkt, nach dem sie spricht.“40 41

Derart formuliert Johann Gottfried Herder den Zusammenhang zwischen Sprache und Nation in den Fragmentenüber die neuere deutsche Literatur (1767) und verweist mit dieser Publikation auf eine entscheidende Wende bezüglich des Verständnisses von Nationalcharakter und den sich daraus ableitbaren Nationalgeschmack in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Der sich abzeichnende Wandel vom universalen ästhetischen Ideal der französischen Klassik hin zum nationalen Literaturmodell äußert sich in zunehmenden Reflexionen darüber, welche Literatur „der deutschen Denkungsart angemessen sei“ - wie Lessing dies in seinem 17. Literaturbrief (1759) in Auseinandersetzung mit Gottscheds Poetik betont.42 Ein von der deutschen, bildungsbürgerlichen Elite vertretener Kulturpatriotismus macht also - verstärkt vor allem seit den 1770er Jahren - die deutsche Literatur und Sprache zu „Kristallationspunkten eines deutschen Frühnationalismus“.43 Die Emanzipation der deutschen Nationalliteratur in den ästhetischen Schriften vollzieht sich dabei - vergleichbar mit der französischen ‚Querelles des Anciens et des Modernes‘ um 1700 - in dezidierter, polemisch aufgeladener Abgrenzung vom übermächtigen Vorbild, in diesem Fall von der kulturellen Hegemonialmacht Frankreich.44 Da der preußische König sich mit seinem Essay De la littérature allemande (1780) - wie bereits ausführlich erläutert - zugunsten einer frühaufklärerischen, supranationalen, rationalistisch-klassizistischen Ästhetik ausspricht, ist der im Anschluss an die Publikation ausbrechende ‚Sturm der Entrüstung‘ unter den Gelehrten und Literaten nicht verwunderlich.

Von den - insbesondere zwischen Ende 1780 bis 1782 erscheinenden Antwortschriften - erweist sich vor allem die sehr radikale Erwiderung Justus Mösers‘ Ü ber die deutsche Sprache und Literatur (1781) als komprimierte Version der Argumente und Argumentationsstrategien der Gegner Friedrichs, das heißt der ‚Vertreter des neuen Systems‘.45 In Anlehnung an die von Herder formulierte organologische Kulturauffassung unterstreicht Möser die Individualität jeder Nation und der ihr zugehörigen Nationalliteratur durch die Verwendung von Naturmetaphorik und spricht von „eigne[n] Gewächse[n] oder „eignen Früchten“, um den Eigenwert deutscher Dichtkunst und Sprache zu unterstreichen.46 Obgleich der Verfasser eine gewisse Rückschrittlichkeit der deutschen Literatur eingesteht, wendet er sich daher nicht nur dezidiert gegen die von Friedrich dem Großen vorgeschlagene Verbesserung durch Nachahmung, sondern sieht in der Imitation italienischer oder französischer Poesie die eigentliche „Ursache, warum Deutschland nach den Zeiten der Minnesänger […] so lange in der Kultur […] zurückgeblieben ist.“47 Scheint Ü ber die deutsche Sprache und Literatur (1781) in vielerlei Hinsicht die Relativität bzw.

[...]


2 Frédéric II de Prusse: De la littérature allemande. Des défauts qu’on peut lui reprocher, quelles en sont les causes, et par quels moyens on peut les corriger. Avec une préface et des notes de Paul Aizpurua. Paris 1994, S.21.

3 Vgl. Braun, Guido: Von der politischen zur kulturellen Hegemonie Frankreichs 1648-1789. Darmstadt 2008, S.175.

4 Krämer, Olaf: „Welcher Gestalt man denen Frantzosen […] nachahmen solle“. Stationen einer Jahrhundertdebatte (Thomasius, Prémontval, Herder, Friedrich II., Möser). In: Häseler, Jens; Meier, Albert (Hg.): Gallophobie im 18. Jahrhundert. Akten der Fachtagung vom 2./3. Mai 2002 am Forschungszentrum Europäische Aufklärung. Berlin 2005, S.82. Vgl. Stauf, Renate: Justus Mösers Konzept einer deutschen Nationalidentität. Mit einem Ausblick auf Goethe. Tübingen 1991, S. 323-344.

5 Vgl. Braun: Von der politischen zur kulturellen Hegemonie Frankreichs, S.175.

6 Steinkamp, Volker: Zum Preußenbild in La Prusse littéraire von Carlo Denina. In: Heitmann, Klaus; Scamardi, Teodoro (Hg.): Deutsches Italienbild und italienisches Deutschlandbild im 18. Jahrhundert. Tübingen 1993, S.170. Vgl. Berger, Günter: Die Deutschen kommen: Carlo Denina als Vermittler deutscher Literatur . In: Lieber, Maria; Cusatelli, Giorgio; Thoma, Heinz; Tortarolo, Edoardo (Hg.): Gelehrsamkeit in Deutschland und Italien im 18. Jahrhundert. Tübingen 1999, S.150-158.

7 Kästner, Erich: Friedrich der Große und die deutsche Literatur. Die Erwiderungen auf seine Schrift ‚De la littérature allemande‘. Stuttgart; Berlin; Köln; Mainz 1972, S.93.

8 Vgl. Heitmann, Klaus: Das italienische Deutschlandbild in seiner Geschichte. Band 1. Von den Anfängen bis 1800. Heidelberg 2003, S.404.

9 Fink, Gonthier-Louis: Vom universalen zum nationalen Literaturmodell im deutsch-französischen Konkurrenzkampf (1680-1770). In: Barner, Wilhelm (Hg.): Tradition, Norm, Innovation. Soziales und literarisches Traditionsverhalten in der Frühzeit der deutschen Aufklärung. München 1989, S.33-67.

10 Archenholtz,: Bemerkungen, S.209. Anonym: Denina, la Prusse litteraire sous Frederic II. ou Histoire abrégée de la plupart des Auteurs - qui sont nés - depuis 1740 jusque à 1786. Tom. III. In: Allgemeine deutsche Bibliothek. 1793 (2), S.315. Zitiert nach: http://www.ub.uni-bielefeld.de/cgi- bin/navtif.cgi?pfad=/diglib/aufkl/adb/254933&seite=00000331.TIF&werk=Zeitschriften+der+Aufklaerung&scal e=6 (aufgerufen am 29.1.2010)

11 Fink, Gonthier-Louis: Die französische Monarchie und das Heilige Römische Reich Deutscher Nation - Die gegenseitige Bespiegelung der janusköpfigen Nachbarn 1670-1780. In: Häseler, Jens; Meier, Albert (Hg.): Gallophobie im 18. Jahrhundert. Akten der Fachtagung vom 2./3. Mai 2002 am Forschungszentrum Europäische Aufklärung. Berlin 2005, S.171.

12 Steinmetz, Horst: Nachwort. In: Steinmetz, Horst (Hg.): Friedrich II., König von Preußen, und die deutsche Literatur des 18. Jahrhunderts. Texte und Dokumente. Stuttgart 1985, S.333.

13 Vgl. ebd., S.333 f. Dementsprechend beschreibt Ewald von Kleist in seinem Gedicht An den K ö nig Friedrich den Großen bereits 1745 als „Vater Deines Volkes!“. (Kleist, Ewald Christian von: An den König (1745). In: Steinmetz, Horst (Hg.): Friedrich II., König von Preußen, und die deutsche Literatur des 18. Jahrhunderts. Texte und Dokumente. Stuttgart 1985, S.9.)

14 Bürger, Gottfried August: Auf den König von Preußen. In: Consentius, Ernst (Hg.): Bürgers Gedichte. Teil 2. Berlin; Leipzig; Wien; Stuttgart 1909, S.144.

15 Vgl. Petersilka, Corina: Zur Zweisprachigkeit Friedrichs II. In: Wehinger, Brunhilde (Hg.): Geist und Macht. Friedrich der Große im Kontext der europäischen Kulturgeschichte. Berlin 2005, S.51-60. Vgl. Steinmetz: Nachwort, S.338.

16 Goethe, Johann Wolfgang von: Maximen und Reflexionen. Zitiert nach: Steinmetz, Horst (Hg.): Friedrich II., König von Preußen, und die deutsche Literatur des 18. Jahrhunderts. Texte und Dokumente. Stuttgart 1985, S.337.

17 Kästner: Friedrich der Große, S.22.

18 Frédéric II: De la littérature allemande, S.21.

19 Ebd., S. 21-22; S.23. Vgl. ebd. 47.

20 Vgl. ebd., S.33 f. Siehe dazu auch: Kästner: Friedrich der Große, S.24.

21 Vgl. Frédéric II: De la littérature allemande, S.25-28.

22 „C’est une chose singliere qu’un Bel esprit Allemand […]; & s’il y en a quelques-uns au monde, ils sont de la nature des esprits qui n’apparoissent jamais sans causer de l’étonnement.“ (Bouhours, Dominique: Les entretiens d’Ariste et d’Eugène. Nouvelle édition. Paris M.DC.CXI., S.231.) Vgl. Frédéric II: De la littérature allemande, S.28, S.31.

23 Vgl. ebd., S. 28-32.

24 Vgl ebd., S. 34-41, S.49-51; S.57-70. (Universitäten/Schulen) Kästner bezeichnet die Anschauung des Königs als typisch aufklärerisch. (Vgl. Kästner: Friedrich der Große, S.24.)

25 Lämmert, Eberhard: Friedrich der Große und die deutsche Literatur. In: Wehinger, Brunhilde (Hg.): Geist und Macht. Friedrich der Große im Kontext der europäischen Kulturgeschichte. Berlin 2005, S.14. Vgl. ebd., S.14 f.

26 Gundolf, Friedrich: Friedrichs des Großen Schrift über die deutsche Literatur. Herausgegeben von Elisabeth Gundolf. Zürich 1985, S.37. Vgl. Lämmert: Friedrich der Große, S.14.

27 Frédéric II: De la littérature allemande, S.26. Vgl. ebd., S.25 f.

28 Ebd., S.28. Vgl. ebd., S.27 f.

29 Garve, Christian: Fragmente zur Schilderung des Geistes, des Charakters und der Regierung Friedrich des Zweiten. In: Steinmetz, Horst (Hg.): Friedrich II., König von Preußen, und die deutsche Literatur des 18. Jahrhunderts. Texte und Dokumente. Stuttgart 1985, S.232.

30 Vgl. Geißler, Rolf: „il n’est pas possible qu’un Allemand ait de l’esprit …“ Beiträge zur Überwindung eines Vorurteils im Frankreich des 18. Jahrhunderts (Grimm - Beausobre - Bielfeld). In: Krauß, Henning (Hg.): Offene Gefüge. Literatursystem und Lebenswirklichkeit. Festschrift für Fritz Nies zum 60. Geburtstag. Tübingen 1994, S.357.

31 Fink: Die französische Monarchie, S.171. Vgl. Fink: Vom universalen zum nationalen Literaturmodell , S.37 f., S.52.

32 Vgl. ebd., S.36. Vgl. Fink: Die französische Monarchie, S.169 f. Vgl. Frédéric II: De la littérature allemande, S.45 ff.

33 Krauß, Henning; Kuhnle, Till R.; Plocher, Hanspeter: Einführung. In: Krauß, Henning; Kuhnle, Till R.; Plocher, Hanspeter (Hg.):17. Jahrhundert Theater. Aus der Reihe: Französische Literatur. Tübingen 2003, S.2.

34 Frédéric II: De la littérature allemande, S.55 f. Vgl. D’Aprile, Iwan-Michelangelo; Siebers, Winfried: Das 18. Jahrhundert. Zeitalter der Aufklärung. Berlin 2008, S.49.

35 Frédéric II: De la littérature allemande, S.55. Vgl. Fink: Die französische Monarchie, S.161.

36 Vgl. Petersilka, Corina: Die Zweisprachigkeit Friedrichs des Großen. Ein linguistisches Porträt. Tübingen 2005, S.24. Vgl. Frédéric II: De la littérature allemande, S.48, S.81.

37 Vgl. Fink: Die französische Monarchie, S.162. Vgl. Petersilka: Zweisprachigkeit Friedrichs des Großen, S.17 f. Vgl. Krauß, Kuhnle, Plocher: Einführung, S.7-10.

38 Frédéric II: De la littérature allemande, S.55. Vgl. ebd., S.29, S.77, S.80 f.

39 Kronprinz Friedrich an Voltaire (6. Juli 1737). Zitiert nach: Gutknecht, Christoph; Kerner, Peter: Einleitung. In: Gutknecht, Christoph; Kerner, Peter (Hg.): Friedrich der Große. De la littérature allemande. Französisch- Deutsch. Mit der Möserschen Gegenschrift. Kritische Ausgabe. Hamburg 1969, S.31. Vgl. Gutknecht, Kerner: Einleitung, S.9, S.32 f.

40 Möser, Justus: Über die deutsche Sprache und Literatur (1781). In: Steinmetz, Horst (Hg.): Friedrich II., König von Preußen, und die deutsche Literatur des 18. Jahrhunderts. Texte und Dokumente. Stuttgart 1985, S.123.

41 Herder, Johann Gottfried: Fragmente über die neuere deutsche Literatur. Zitiert nach: Gerecke, Anne-Bitt: Transkulturalität als literarisches Programm. Heinrich Wilhelm von Gerstenbergs Poetik und Poesie. Göttingen 2002, S.95.

42 Lessing, Gotthold Ephraim: Briefe, die neueste Literatur betreffend. Erster Teil. In: Göpfert, Herbert G. (Hg.): Gotthold Ephraim Lessing. Werke. Band 4: Dramaturgische Schriften. München 1973, S.71. Vgl. Fink: Vom universalen zum nationalen Literaturmodell, S.33, S.57.

43 Echternkamp, Jörg: Der Aufstieg des deutschen Nationalismus (1770-1840). Frankfurt am Main 1998, S.110. Vgl. ebd., S.118. Zur Idee der deutschen Kulturnation, die sich im 18. Jahrhundert formiert: Vgl. Dann, Otto: Nation und Nationalismus in Deutschland, 1770-1790. Dritte überarbeitete und erweiterte Auflage. München 1996, S.48 f.

44 Vgl. Krämer: Welcher Gestalt, S.87. Vgl. Fink: Die französische Monarchie, S.187.

45 Vgl. Kästner: Friedrich der Große, S.9-11. Vgl. Woesler, Winfried: Die Idee der deutschen Nationalliteratur in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. In: Garber, Klaus (Hg.): Nation und Literatur im Europa der Frühen Neuzeit. Akten des I. Internationalen Osnabrücker Kongresses zur Kulturgeschichte der Frühen Neuzeit. Tübingen 1989, S.716. Die Unterscheidung zwischen Friedrich als ‚Vertreter des alten Systems‘, Justus Möser als ‚Vertreter des neuen Systems’ und den dazwischen befindlichen ‚Vertretern des Übergangs’ führt Erich Kästner in seiner Dissertation ein. Die Begrifflichkeiten werden im Folgenden verwendet. (Vgl. Kästner: Friedrich der Große, S.5.)

46 Möser: Über die deutsche Sprache, S.123, S.126. Vgl. Woesler, Winfried: Die Idee der deutschen Nationalliteratur, S.725.

47 Möser: Über die deutsche Sprache, S.127. Vgl. ebd., S.123.

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Details

Titel
„Bemerkungen über eine sonderbare litterarische Erscheinung“
Untertitel
Carlo Deninas Apologie de Frédéric II (1787) und La Prusse littéraire (1790/91) im Kontext der deutschen Diskurse um De la littérature allemande (1780) von Friedrich II.
Hochschule
Universität Bayreuth
Note
1,00
Autor
Jahr
2010
Seiten
36
Katalognummer
V193459
ISBN (eBook)
9783656185093
ISBN (Buch)
9783656185239
Dateigröße
621 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schlagworte
Friedrich der Große, Carlo Denina, 18. Jahrhundert, Sturm und Drang, Nationalliteratur
Arbeit zitieren
Carola Katharina Bauer (Autor:in), 2010, „Bemerkungen über eine sonderbare litterarische Erscheinung“ , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/193459

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