Grin logo
de en es fr
Shop
GRIN Website
Publish your texts - enjoy our full service for authors
Go to shop › History - Miscellaneous

“[E]in neues Reis [im] […] Stamm des Dramas”?

Die Lutherfestspiele Herrigs, Devrients und Trümpelmanns im Kontext der Lutherrezeption des 19. Jahrhunderts

Title: “[E]in neues Reis [im] […] Stamm des Dramas”?

Term Paper (Advanced seminar) , 2011 , 34 Pages , Grade: 1,00

Autor:in: Carola Katharina Bauer (Author)

History - Miscellaneous
Excerpt & Details   Look inside the ebook
Summary Excerpt Details

Mit diesen Worten beschreibt der evangelische Theologe und Kirchenhistoriker Bernd Moeller die anhaltende Bedeutung Martin Luthers im kollektiven Gedächtnis der Deutschen.
Konzentriert wird die Wichtigkeit des Reformators im „klassischen Mythos von [Luther als] der Reformation in Person“3, dessen Entstehung Moeller auf die Selbststilisierung und den „Massenerfolg“ Luthers bereits zu Lebzeiten zurückführt.4 In der Tat beginnt die Verehrung des Reformators schon im späten 16. Jahrhundert, als Luther, u.a. aus Gründen der Bewahrung seiner Lehre, nicht nur als „heilige und vorbildliche Mittler- und Trägergestalt der christlichen Botschaft, sondern […] auch als ihr autoritativer […] Lehrer und Interpret“5
erinnert wird: Eine Tendenz zur Mythisierung Luthers taucht zudem früh in der protestantischen Volksfrömmigkeit auf, die beginnt mit Luther assoziierte Gegenstände analog zur katholischen Heiligenverehrung zu Reliquien mit Wunderkräften zu stilisieren.6
Doch Höhepunkt des kollektiven Luthergedenkens ist ohne Frage das 19. Jahrhundert, das mit seinem „Personalisierungsprogramm“ eine auf Verinnerlichung des protestantischen Glaubens abzielende Form der Memoria zugunsten eines veritablen Personenkultes um den ‚nationalen Heros‘ Luther verdrängt:7 Nicht umsonst liegt der Fokus eines Großteils der geschichtswissenschaftlichen Forschung zur Lutherrezeption auf dieser Zeitspanne.
[...]
3 Burkhardt, Johannes. Zitiert nach: Medick, Hans; Schmidt, Peer: Einleitung. Von der Lutherverehrung zur konfessionellen Lutherforschung und darüber hinaus. In: Medick, Hans; Schmidt, Peer (Hg.): Luther zwischen den Kulturen. Zeitgenossenschaft – Weltwirkung. Göttingen 2004, S.16.
4 Moeller: Luthers Erfolge, S.271.
5 Brockmann, Thomas: Vorbild, Lehrer und Prophet der letzten Zeit. Luthermemoria und Lutherrezeption 1546-1617. In: Historisches Jahrbuch (2009), S.63.
6 Vgl. Laube, Stefan: Der Kult um die Dinge an einem evangelischen Erinnerungsort. In: Laube, Stefan; Fix, Karl-Heinz (Hg.): Lutherinszenierung und Reformationserinnerung. (Schriften der Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt. Band 2.) Leipzig 2002, S.14 f.

Excerpt


Inhaltsverzeichnis

1. AKT: EINFÜHRUNG IN THEMENSTELLUNG, FORSCHUNGSSTAND UND VORGEHENSWEISE

2. AKT: GLAUBENSHELD, NATIONALHELD, BÜRGER: DER WANDEL DER LUTHERREZEPTION IM 19. JAHRHUNDERT

2.1 Neue Tendenzen in der Luthermemoria

2.2 Luther im Kaiserreich und das Jubiläumsjahr 1883

3. AKT: DIE LUTHERFESTSPIELE HERRIGS, DEVRIENTS UND TRÜMPELMANNS IM KONTEXT DER LUTHERREZEPTION DES SPÄTEN 19. JAHRHUNDERTS

3.1 Der 400. Geburtstag Luthers und die ‚Entstehung‘ einer neuen Gattung

3.2 ‚Volksbühnen‘, Familienväter und die ‚soziale Frage‘: Die Lutherfestspiele als Repräsentationsmedien des (protestantischen) Bürgertums

3.3 Wormser Reichstag, deutsche Kaiser und deutsche Sagen – Luther als Nationalheld in den Lutherdramen Herrigs, Trümpelmanns und Devrients

3.4 Lüsterne Mönche und die Gefahren des Ultramontanismus: Antikatholizismus in den Lutherfestspielen

4. AKT: RESÜMEE UND AUSBLICK – DER NIEDERGANG DER LUTHERFESTSPIELE IM 20. JAHRHUNDERT

Zielsetzung und thematische Schwerpunkte

Die Arbeit untersucht die im späten 19. Jahrhundert populäre Gattung der Lutherfestspiele, insbesondere die Werke von Hans Herrig, Otto Devrient und August Trümpelmann. Das primäre Ziel ist es, diese Stücke im Kontext der Lutherrezeption und des bürgerlichen Selbstverständnisses sowie der politischen Stimmung des Kaiserreichs, insbesondere im Hinblick auf das Jubiläumsjahr 1883, historisch zu verorten und zu analysieren.

  • Die Entwicklung des Lutherbildes im 19. Jahrhundert vom "Glaubenshelden" zum "Nationalhelden".
  • Die Funktion der Lutherfestspiele als Repräsentationsmedium des protestantischen Bürgertums.
  • Die Rolle der Lutherfestspiele im Kontext des Kulturkampfes und der sozialen Frage.
  • Die politisch-nationale Instrumentalisierung der Reformationserinnerung im Deutschen Kaiserreich.
  • Der Niedergang dieser theatralischen Form zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

Auszug aus dem Buch

3.1 Der 400. Geburtstag Luthers und die ‚Entstehung‘ einer neuen Gattung

Zu diesem Urteil über die umfangreiche Lutherpublizistik seiner Zeit kommt Heinrich Boehmer in seinem vergleichsweise häufig zitierten Werk Luther im Lichte der neuen Forschung (1906), wobei unter anderem das „halbe[s] Dutzend […] Lutherdramen“ der jüngsten Zeit besondere Erwähnung findet. In der Tat hat insbesondere gegen Ende des 19. Jahrhunderts die „Begeisterung […] [für Luther] [viele] (oft ungelenke und geschwätzige) Zunge[n] zu seiner Ehre gelöst“ – wie es Horst Stephan etwas altmodisch ausdrückt – wobei vor allem Otto Devrient und Hans Herrig als Autoren im Bereich der dramatischen Literatur hervorstechen, die 1883 „in Volksschauspielen der allgemeinen Festfreude einen Ausdruck [verleihen], der den Tag überdauerte“.

Wie bereits angesprochen, wird das vierhundertjährige Jubiläum von Luthers Geburt am 10. November 1883 auf Erlass des Kaisers Wilhelm I. überall im Deutschen Reich gefeiert – eine Ausnahme bildet Wittenberg, welches den Termin auf den 12. bis 14.9. vorverlegt. Ob die Einweihung der ‚Lutherhalle‘ in Wittenberg, einem reformationsgeschichtlichen Museum, in Anwesenheit des Kronprinzen Friedrich; prachtvolle Festumzügen, bei denen in historischen Kostümen entscheidende Lebensstationen Luthers dargestellt werden; feierliche Denkmalsenthüllungen wie etwa in Eisleben und Leipzig oder die Festreden, welche einer „fast unübersehbaren Zahl von Professoren sämtlicher geisteswissenschaftlicher Fakultäten, Lehrern aller Schulformen, Pfarrern, Superintendenten, Konsistorial- und Oberkirchenräten, Schriftstellern sowie Literaten“ Gelegenheit geben Luther zu preisen: All diese Exempel belegen anschaulich, dass Martin Baeumer durchaus recht hat mit seiner Aussage, dass das Ausmaß des Jubiläums 1883 „allen bisherigen Pomp solcher Feste in den Schatten“ stellt.

Zusammenfassung der Kapitel

1. AKT: EINFÜHRUNG IN THEMENSTELLUNG, FORSCHUNGSSTAND UND VORGEHENSWEISE: Das Kapitel führt in die historische Bedeutung der Luthermemoria ein und identifiziert ein Forschungsdesiderat bezüglich der Lutherfestspiele des späten 19. Jahrhunderts, die bisher oft als Trivialliteratur vernachlässigt wurden.

2. AKT: GLAUBENSHELD, NATIONALHELD, BÜRGER: DER WANDEL DER LUTHERREZEPTION IM 19. JAHRHUNDERT: Es wird analysiert, wie sich das Lutherbild im 19. Jahrhundert von einer rein religiösen Verehrung hin zu einer bürgerlich geprägten, nationalen Lichtgestalt und einem Symbol für deutsche Identität und monarchische Werte wandelte.

3. AKT: DIE LUTHERFESTSPIELE HERRIGS, DEVRIENTS UND TRÜMPELMANNS IM KONTEXT DER LUTHERREZEPTION DES SPÄTEN 19. JAHRHUNDERTS: Dieser Hauptteil untersucht die Entstehung und inhaltliche Ausrichtung der Festspiele, ihre Funktion als Medium bürgerlicher Selbstpräsentation und ihre Instrumentalisierung als nationale und antikatholische Propaganda im Kontext der Jubiläumsfeiern von 1883.

4. AKT: RESÜMEE UND AUSBLICK – DER NIEDERGANG DER LUTHERFESTSPIELE IM 20. JAHRHUNDERT: Das Kapitel schließt mit einer Bilanz des schnellen Bedeutungsverlustes der Gattung nach der Jahrhundertwende, der auf ihre enge zeitliche Bindung an die spezifische Ideologie und Mentalität der protestantischen Elite des Kaiserreichs zurückzuführen ist.

Schlüsselwörter

Lutherfestspiele, Lutherrezeption, 19. Jahrhundert, Protestantismus, Bürgertum, Nationalismus, Lutherdenkmäler, Kulturkampf, Reformationsjubiläum, Hans Herrig, Otto Devrient, August Trümpelmann, Luthermemoria, Sozialfrage, Kaiserreich.

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?

Die Arbeit analysiert die im ausgehenden 19. Jahrhundert erfolgreiche dramatische Gattung der sogenannten Lutherfestspiele und deren Bedeutung für die zeitgenössische Erinnerungskultur.

Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?

Im Mittelpunkt stehen die Wandlung des Lutherbildes vom religiösen Vorbild zum nationalen Helden, die Rolle dieser Stücke als Medien des Bürgertums sowie ihre konfessionelle Instrumentalisierung im Kontext des Kulturkampfes.

Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?

Ziel ist es, die Festspiele von Herrig, Devrient und Trümpelmann historisch einzuordnen und aufzuzeigen, wie sie als Mittel der Identitätsstiftung und als politische Repräsentation der protestantischen Elite fungierten.

Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?

Die Arbeit nutzt eine kulturwissenschaftliche Analyse, die den Rückgriff auf zeitgenössische Rezensionen, Publikationen sowie die dramatischen Texte der Stücke mit einer historischen Kontextualisierung der Reformationsjubiläen und des gesellschaftlichen Klimas im Kaiserreich verbindet.

Welche Aspekte werden im Hauptteil behandelt?

Der Hauptteil widmet sich der Entstehung der Gattung, der Darstellung Luthers als nationaler Identifikationsfigur, dem bürgerlichen Familienideal in den Stücken sowie der polemischen Auseinandersetzung mit dem Katholizismus.

Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?

Zentrale Begriffe sind Lutherrezeption, Verbürgerlichung, Nationalheld, Kulturkampf, Lutherfestspiele und protestantische Erinnerungskultur.

Warum wurden gerade Herrig, Devrient und Trümpelmann als Autoren ausgewählt?

Diese drei Autoren bildeten laut zeitgenössischen Quellen das maßgebliche Trias der Gattung und deren Stücke waren für die Debatten um Lutherdarstellungen und Aufführungspraktiken am Ende des 19. Jahrhunderts am präsentesten.

Welche Rolle spielt das Jubiläumsjahr 1883?

Das 400. Geburtsjahr Luthers markiert den Höhepunkt der Lutherbegeisterung im Kaiserreich und gilt als Geburtsstunde der spezifischen Gattung der Lutherfestspiele.

Excerpt out of 34 pages  - scroll top

Details

Title
“[E]in neues Reis [im] […] Stamm des Dramas”?
Subtitle
Die Lutherfestspiele Herrigs, Devrients und Trümpelmanns im Kontext der Lutherrezeption des 19. Jahrhunderts
College
University of Bayreuth
Grade
1,00
Author
Carola Katharina Bauer (Author)
Publication Year
2011
Pages
34
Catalog Number
V193478
ISBN (eBook)
9783656184829
ISBN (Book)
9783656185154
Language
German
Tags
Luther Memoria 19. Jahrhundert kollektives Gedächtnis Kulturkampf Nationalismus Kaiserreich
Product Safety
GRIN Publishing GmbH
Quote paper
Carola Katharina Bauer (Author), 2011, “[E]in neues Reis [im] […] Stamm des Dramas”? , Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/193478
Look inside the ebook
  • Depending on your browser, you might see this message in place of the failed image.
  • Depending on your browser, you might see this message in place of the failed image.
  • Depending on your browser, you might see this message in place of the failed image.
  • Depending on your browser, you might see this message in place of the failed image.
  • Depending on your browser, you might see this message in place of the failed image.
  • Depending on your browser, you might see this message in place of the failed image.
  • Depending on your browser, you might see this message in place of the failed image.
  • Depending on your browser, you might see this message in place of the failed image.
  • Depending on your browser, you might see this message in place of the failed image.
  • Depending on your browser, you might see this message in place of the failed image.
  • Depending on your browser, you might see this message in place of the failed image.
Excerpt from  34  pages
Grin logo
  • Grin.com
  • Shipping
  • Contact
  • Privacy
  • Terms
  • Imprint