Pierre Gripari und seine Rue Broca Geschichten

Der Kölner Geschichtenerzähler Josef Mahlmeister und die legendären Erzählungen aus einer Straße inmitten von Paris


Fachbuch, 2012

44 Seiten


Leseprobe

INHALT

Vorwort

1. Erzählen, insbesondere das „freie“Erzählen ist eine Kunst!
1.1 Von Idolen, Autoren und lieb gewonnenen Freunden
1.2 Verzaubern und Verhexen konnte mich bislang nur einer: Pierre Gripari!
1.3 Was ist eigentlich „Erzählen“und was ist ein Erzähler?
1.4 Meine Arbeitsstelle im Kindergarten
1.5 Wo „freies“Erzählen zur Unfreiheit führt
1.6 Der Idealfall des freien Storytellers
1.7 Von Limelight zum Lampenfieber
1.8 Lesen, Lernen und Lebenserfahrungen

2. Kurze Reflektion von J. M. - 1999
2.1 Storyteller vs. Santa Claus

3. Der französische Erzähler Pierre Gripari
3.1 Mein Leben mit Pierre! - 2002
3.2. Die Akte Mensch - Les Dossiers H (omme)! - 2011

4. Ein nachdenklich machendes Nachwort!

5. Ein zu Unrecht vergessener Erzähler / Buchrezension in der Gazette - 1999

6. Die Leidenschaft namens: Pierre Gripari!

7. Der französische Homme-o-sexuelle Kommunist und Atheist!

8. Nachwort aus der Übersetzung der Rue Broca Zaubergeschichten - 2011

9. Literaturverzeichnis - Fachliteratur / Sekundärliteratur

10. Literaturverzeichnis - Französisch / Deutsch

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Geschichtenerzähler findet man am Lagerfeuer ebenso wie auf dem Weihnachtsmarkt

VORWORT

Wer kennt die Geschichte von der Hexe in der Besenkammer? Oder die von dem lieben kleinen Teufel, der nur den einen Wunsch hegt, brav zu sein und in den Himmel zu kommen? Oder die vom Riesen mit seinen roten Zaubersocken? Oder, oder, oder?

Diese drei und zehn weitere Erzählungen sind im berühmten Band des französischen Autoren Pierre Gripari enthalten. Die Kindergeschichten aus der Rue Broca in Paris.

Gripari verstarb Ende des Jahres 1990 in Paris und ruht dort auf dem Friedhof Pere Lachaise. Seine Arbeitsweise, Geschichten auf Stichwort hin, für die Kinder seiner Nachbarschaft zu erfinden, war oder ist auch die des deutschen Geschichtenerzählers Josef Mahlmeister in Köln.

Als der durch seine Französisch-Lehrerin im Jahre 1993, mit einer ersten Gripari-Ge- schichte, nämlich seiner Hexe in der Besenkammer konfrontiert wurde, hatte der gelernte Erzieher in Köln bereits ein Jahr zuvor seinen ersten Band: „Die Zaubergeschichten vom Zauberer Mirabellum und der Hexe Schlapperspeck“, mit einer Sammlung von zehn eigenen Stegreif-Gute-Nacht-Geschichten veröffentlicht.

Zu den Inhalten der Rue-Broca-Geschichten meint er aber auch heute noch: „Es sind ge- nau die Geschichten, die ich selbst erfunden hätte, wenn sie mir eingefallen wären!“

Der lange fast zwanzig Jahre dauernde Weg, bis es endlich im Jahre 2011 zum 20. Todestag von Pierre Gripari, die erste komplette Buchausgabe mit seinen Rue-Broca-Ge- schichten in deutscher Sprache gab, ist der Inhalt dieses Buches.

Es ist die Geschichte eines Lebens für die Literatur. Eine Geschichte für das Werk eines französischen Erzählers, welches im deutschen Sprachraum bekannt werden sollte. Es beschreibt nur einen Lebensabschnitt und doch das Leben von zwei Menschen aus zwei Ländern und Sprachräumen wie sie unterschiedlicher kaum sein können.

Andererseits, was die Intention des Storytellings betrifft, sich wie kaum ein anderes Leben ähneln und letztlich ergänzen! Es ist daher ein Buch mit einem Happy end. Und trotzdem ein Buch wo dieses gänzlich fehlen wird. Wer das nun nicht versteht, der muss es einfach einmal lesen. Dazu sind Bücher schließlich gemacht. Um davon zu erzählen, dafür gibt es dann die Geschichtenerzähler. Beide: Autoren und Storyteller haben in diesem Buch ihren gerechtfertigten Spiel-Raum!

Es sollte oder muss daher mit einem kurzen Exkurs über das Thema „Erzählen“beginnen und wird mit den Empfehlungen der dazugehörenden Fach- und zugegeben einer subjektiv ausgewählten Sekundärliteratur enden.

Viel Freude nun mit zwei abwechslungsreichen Leben, etwas abseits des allgemein beachteten literarischen Mainstreams! Das wünscht Euch

Lesung in Köln, in der “Kölner Stadtbibliothek” Hinweis auf die Pierre Gripari Veranstaltung

1. ERZÄHLEN

insbesondere das „freie“Erzählen ... ist EINE KUNST!

(die eigentlich gar nicht „ erlernbar “ist! - „ Echte “Storyteller, die sind es oder eben nicht!)

1.1 Von Idolen, Autoren und lieb gewonnenen Freunden!

Ein befreundeter amerikanischer Storyteller (auf deutsch also: „Geschichtenerzähler“), sagte uns in einem seiner Kurse einmal so etwas wie: „Leute, ihr habt eine Stimme, ein schönes oder gräßliches Lachen. Ihr habt einen Körper. Ihr habt zwei Hände, zwei Füße und ein Gesicht voller Ausdruck! Nehmt all das und benutzt es bei Euren Vorträgen!“

Ja, und er tat es! Viele andere deutsche und amerikanische Geschichtenerzähler, die ich bisher „live“erleben durfte, praktizierten es auch. Manche ohne darüber nachzudenken. Andere integrierten ganz bewußt, all jene nur ihnen angestammten und von Gott oder dem Schicksal geschenkten persönlichen Stärken und individuellen Eigenarten. Dieser eine Storyteller, er hat den Lebenshintergrund des Landes Amerika und er erfreut dort die Zu- hörer mit den Erfahrungen und Erlebnissen seiner Jugend: Der Jagd nach Eichhörnchen, dem Angeln von riesigen Forellen zusammen mit seinem Vater, und vielem mehr.

Brian „Fox“Ellis aus den Staaten, er hat mich geprägt und begeistert! Begeistert haben mich aber noch viele andere. Davor und auch danach. Deutsche Erzähler etwa, wie Stefan Kuntz bei seinen Auftritten im Kölner Volksgarten. Oder Klaus Adam in der Kölner Stadtbücherei. Und ebenso die ausgebildete Märchenerzählerin Marlis Arnold. Jeder eben auf seine ihm ganz eigene Art und Weise. Und das ist auch gut so!

* *** *

Später beim alljährlichen deutschen Märchenfestival in Neukirchen-Vluyn durfte ich verschiedene Märchenerzähler und Erzählerinnen nebeneinander erleben. Bekannte wie Stefan Kuntz, neben neuen und mir bislang unbekannten wie den Bonner Peter Glass oder die ausgebildete Erzieherin Marianne Vier und den sich auf die Antike und den historischen Mythen Europas spezialisierten Vortragskünstler Kai.

Beeindruckt haben mich dann aber noch der so unscheinbar daher kommende Martin Ellrodt oder Tormenta Jobarteh, der mit selbstgezupfter Musikuntermalung seine Geschich- ten aus Gambia und dem Senegal darbot. Ein nachhaltiges Erlebnis, nicht nur für mich!

* *** *

Ja, und auf keinen Fall will ich den Geschichtenerzähler und Dozent der Sozialpädagogik Horst Schwarz vergessen. Er gab mir damals in einer Märchenfortbildung den Hinweis darauf, dass es Storyteller mit abgelegter Prüfung und solche ohne gibt. Er hatte natürlich keine vorzuweisen, bewies mir aber, dass er sich Storyteller im besten Sinne nennen durf- te.

1.2 Verzaubern und Verhexen konnte mich bislang nur einer: Pierre Gripari!

Verzaubert und für immer geprägt aber haben mich nur wenige. Es waren Menschen wie Edith Nesbit, Mark Twain, Lewis Carroll, Joanne Rowling (mit ihrem „Harry Potter“selbstnatürlich ;-) und vor und nach allen anderen: Pierre Gripari!

Erzählen ist ein wenig Kabarett. Es ist ein wenig Clownerie und es hat etwas von Grabrednern. Je nach Publikum und Auftragsanforderung wird der Storyteller zum geforderten Knetmännchen oder auch nicht; falls er den jeweiligen Auftrag erst gar nicht annimmt und sich und seiner Linie, sprich: damit sich und seiner ganz eigenen Art des Erzählens, des freien Vortrags, treu bleibt!

Wer vom Geschichten erzählen leben muss, der hat es heutzutage nicht einfach. Viele haben daher entweder noch einen Brotberuf oder eine Nebentätigkeit. Manche, das sind aber die wenigsten, zugegeben ich kenne keinen davon, haben eine reiche Prinzessin geheiratet und können ihren Beruf völlig frei und nach Lust und Laune ausüben.

Der Erzähler steht fast immer ganz alleine vor einem großen Publikum. Und er geht von ihm weg mit vielen Bekannt-gewordenen, manchen Freunden und dem einen oder anderen potenziellen sich aber vielleicht noch nicht geoutetem künftigen Auftraggeber.

1.3 Was ist eigentlich „ Erzählen “und was ist ein Erzähler? - Kann das jeder?

Wie oft wurde ich gefragt, was für eine Ausbildung man braucht um Geschichtenerzähler zu werden oder Storyteller zu sein! Die Fragen kommen sehr oft auf. In Grundschulen zum Thema „Erzählen“oder auch vor, nach oder während meiner Auftritte. Dann sage ich immer: „Du bist doch schon ein Geschichtenerzähler! Du kannst Lieder singen. Du kennst schöne Gedichte. Du hast schon selbst so vieles erlebt. Erzähl davon, und wenn Dir jemand länger als ein paar Minuten zuhören wird und will. Dann solltest du das einfach öfters machen. Ja, und wenn du dann irgendwann einfach nicht mehr damit aufhören kannst dann bist du einer: Ein Geschichtenerzähler!“

Ein Erzähler wird sich vom anderen wohl immer unterscheiden in dem was und wie er etwas erzählt. Zum Einen ist sein Repertoire an Geschichten immer ein anderes. Zum Anderen die Art und Weise wie er die Inhalte vermittelt.

Es gibt „geprüfte“Märchenerzählerinnen. Diese können einen Text von den Gebrüdern Grimm wortgetreu rezitieren - ... und können trotzdem total langweilig sein! Dann gibt es Storyteller, die Geschichten aus dem Bauch heraus, jeweils dem anwesenden Publikum angepasst erzählen. Sie haben vielleicht nicht diese „Prüfung“abgelegt. Aber wenn sie vor den Kindern oder Erwachsenen stehen, sitzen, tanzen oder herum albern, dann kann manchmal eine Symbiose entstehen, die man einfach nicht beschreiben kann, sondern erleben muss.

Wenn so etwas geschieht, dann ist es „Erzählen“oder „Storytelling“in höchster Vollkom- menheit, ja in einer Perfektion, und das kann geschehen mit oder ohne einer abgelegten Prüfung. Solche Events im Negativen, wie im Positiven durfte ich schon viele Male miter- leben. Bei manchen habe ich Tränen geweint, und mich keiner einzigen geschämt (etwa bei Fox). Bei anderen bin ich nach Hause gegangen und habe mir danach einen Mär- chenfilm angeschaut, weil wir, das Publikum und ich, bestimmt auch nicht wirklich auf unsere Kosten gekommen sind.

1.4 Meine Arbeitsstelle im Kindergarten: Input und Lebensinhalt!

Als Erzieher arbeite ich noch in einem Kindergarten. Eigentlich das Beste, was mir als Erzähler passieren kann und welches mir auch das liebste Publikum ist und bleiben wird. Dort, also für diese Altersgruppe von 3 bis 6 Jahren und darüber hinaus, entstanden und entstehen meine schönsten eigenen und selbst entwickelten Zaubergeschichten.

In diesem Alter, wird man als Erzähler, oft selbst wieder zum Kind! Mimik, Gestik, Tonfall der eigenen Stimme und die ergänzenden Stichworte, Hinweise, Einwürfe und Erfahrungen der Kinder sind so wertvoll, dass man als Erzähler eigentlich für diese Arbeit noch bezahlt werden müsste, anstatt, wie bei mir in der Eigenschaft des Erziehers auch noch dafür ein Gehalt zu bekommen.

So oder so aber profitieren beide: Die Einrichtung mit den Kindern, da sie einen preiswerten Geschichtenerzähler inkl. einem Erzieher bekommt, und ebenso ich als Erzähler, der ... soviel Input und Feed-back erhält, dass es für lange Zeit danach noch als Arbeitsalso Erzählstoff zum Modellieren und Wieder neu erzählen ausreicht.

Wenn wir dann so um den Tisch, im Stuhlkreis oder in der Leseecke zusammen sitzen, dann passiert so einiges.

Lotte, 5 Jahre, bat darum: „Erzähl noch mal die Geschichte mit den Eiern!“Es dauerte etwas bis ich darauf kam, dass sie den Schwank von Till Eulenspiegel meinte.

Aptin, ebenfalls 5 Jahre, hatte sich für die Geschichte mit dem Lolli begeistert, und wollte diese noch einmal hören. Eine Geschichte, die ich schon in zwei Kindergärten erzählt hatte. Die auf Stichwort bzw. aus der Situation heraus entstand und sich dabei quasi als Stegreif-Geschichte entwickelt hat. Sie ist derzeit in Bearbeitung und soll noch als Kinder- geschichte publiziert werden. Deshalb dazu vorerst keine weiteren Erklärungen.

1.5 Wo „ freies “Erzählen, zur „ Unfreiheit “führt, dort trifft Kreativität auf Realität!

Ein Geschichtenerzähler zu werden ist das Eine. Ein „freier“Storyteller zu bleiben. Das ist jedoch das andere. Was will ich damit sagen? Das wichtige Stichwort: „Brotberuf“, als Voraussetzung für ein auch innerlich „freies“Erzählen, habe ich bereits angeführt. Wer einen Beruf hat, der ihn über Wasser hält, der wird kein Wasser schlucken und somit in seiner Berufung als Storyteller auch vorzeitig nicht ertrinken müssen und nicht bevor er sich zu seiner individuellen Persönlichkeit in diesem Genre entwickeln konnte: Unterge- hen!

Das so ungestüm propagierte „freie“Erzählen ist also wirklich der Idealfall des Erzählens!

Was aber wenn ein Storyteller von den Einnahmen seines Tuns „leben“muss? Wenn er sich dem Erzählen, egal ob es Märchen, Geschichten oder andere frei vorgetragene Tex- te sind, ganz hingegeben hat. Dann muss er alles, von diesen Einnahmen bestreiten. Dann wird seine Freiheit schnell zur ihn einengenden Zwangskleidung! Denn wer die monatli- che Miete, die gesetzliche Krankenversicherung, Strom, Internetzugang, Telefon, die eigene Werbung und vieles mehr bezahlen muss, der kommt ganz schnell an den Punkt, wo er sich alles andere als „frei“fühlen darf.

* *** *

Ein guter Geschichtenerzähler sollte gut bezahlt werden. Das ist jedem klar und sollte nicht erwähnt werden. Um aber gebucht zu werden und in Konkurrenz zu den anderen Geschichtenerzählern überhaupt positiv wahr genommen zu werden, braucht er eine Indi- vidualität und muss evtl. auch preiswerter als seine Kollegen sein. Das ist eigentlich nach- vollziehbar, oder? Denn: Eine individuelle Persönlichkeit hat jeder Mensch im Laufe sei- ner Lebensjahre und seinen diversen Erfahrungen angehäuft und gesammelt.

Ein wirklich guter Geschichtenerzähler aber, also ein Storyteller im allerbesten Sinne, wird seine frei vorgetragenen Geschichten erst dann zur wahren Meisterschaft und Vollendung bringen können, wenn auch die Sorge um sein täglich Brot, also sein Rücken durch finanzielle Absicherung frei gehalten wird.

Wenn er also einen Brotberuf hat, der ihn durch gesetzlicher Krankenkassenpflichtbeiträge, Mietzahlungen und Ähnlichem, die innere Freiheit in seinem Tun gewährt, der ist auch wirklich „freier“Erzähler. Natürlich gibt es auch Hartz IV als Lebensabsicherung. Wer je- doch schon einmal die Prozedur, der monatlichen Rechtfertigung über sich ergehen las- sen musste, weiß dass auch eine Selbstachtung und Erhalt eigener Menschenwürde für die Freiheit des Tuns nicht in unbeträchtlichem Maße mitverantwortlich sind.

1.6 Der Idealfall des „ freien “Storytellers ist eine von allen Alltagszwängen befreite Persönlichkeit!

Der Vortragende erzählt, weil er das will. Selbst und gerade weil es ein bewußt angenommener Auftrag ist. Er wird etwa für eine Geburtstagfeier engagiert und darf dort sein ihn schon sehnlichst erwartendes Publikum gut und „frei“unterhalten. So kann er dort also auch immer „frei“Erzählen.

Er liest oder - Verzeihung! - spult, also nicht von einem Buch den Text herunter. Er ist frei in der Auswahl der Geschichten, die er meint, dass sie für die vor ihm sitzende oder quer- feldein, etwa auf dem Gartenrasen liegende, große oder kleine Zuhörerschaft passen mö- gen.

Ein völlig „frei“agierender Geschichtenerzähler wird auch einmal Aufträge ablehnen können, weil er sich sicher ist, sie nicht so ausfüllen zu können, wie es sein Programm und seinen Fähigkeiten im jeweiligen Themenschwerpunkt entspricht.

Das andere Extrem ist jenes: Ein unfreier Storyteller wird jeden Auftrag annehmen, weil es ihm Geld und egal welches, Hauptsache ein Einkommen, verspricht!

Über kurz oder lang wird dabei der Enthusiasmus und der Sinn und Zweck seines Tuns: Gute und qualitativ wertvolle, einzigartige Unterhaltung zu bieten, auf der Strecke bleiben! Die Geschichten werden keine Funken mehr versprühen. Eine wird wie die Andere sein und das Publikum wird sagen: „Ach, Geschichtenerzähler, die kenne ich. Das sind Leute, die labern dir nur was vor! - Nein, da lese ich zu Hause lieber ein spannendes Buch!“

1.7 Von Limelight zum Lampenfieber - Vom „ Allein-sein “in der Ö ffentlichkeit!

Charlie Chaplins wunderbarer Film „Limelight“erzählt die Geschichte des alternden Clowns Calvero, der eine junge hübsche Ballerina, die Schönheiten des Lebens wieder nahe bringt.

Jeder Mensch kommt einmal an einen Punkt, wo er zu sich sagt: „Wozu das alles?“Wer dann dieses Urvertrauen in sich trägt, der den Blick fürs Wesentliche nicht verstellt, der kann sich glücklich schätzen und wird trotz noch so schlimm anmutender Tragik immer wieder einen Grund zum Lachen finden. Er wird wieder aufstehen und seiner Situation, gleich wie schlimm sie im Moment auch scheint, doch auch etwas Positives abgewinnen; wird aufstehen und wieder weiter machen können und wollen.

So viele Bücher schwirren mir im Kopf herum. So viele Autoren mit so vielen Geschichten, die mir zu jedem Stichwort einfallen. Was das Dilemma der Ballerina anbetrifft, die am Leben verzweifelt und die Chaplin in Film Limelight wieder hin zu den Schönheiten des Lebens und zum letztlich verdienten Erfolg geleitet, so heißt das Stichwort hier: „Selbst- mord!“

Der Schatzinsel-Autor Robert Louis Stevenson hat dazu etwa eine wundervolle Erzählung geschrieben, mit dem Titel: „Der Selbstmörderclub“. - Antoine de Saint-Exupery wurde durch sein Märchen „Der kleine Prinz“bekannt, worin die Botschaft mitgeteilt wird: „Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar!“

Was tun, wenn das Herz aber vor jedem Auftritt bis zum Halse schlägt. Wenn das Lampenfieber einen zu überwältigen droht? Nun, ohne Lampenfieber, wären meine Geschichten ohne Qualität. Mein Lampenfieber ist der Schalter, der umgelegt werden muss, um den positiven Kontakt mit dem Publikum herzustellen.

Hermann Hesse schrieb in einer seiner Veröffentlichungen, so etwas wie, man solle sich aus der Masse ein ganz bestimmtes Augenpaar auswählen und bei einer Lesung (so praktizierte er es selbst!), wenn sich die Nervosität oder aufkommende Unsicherheit einschleicht, allein für diese Augen, für diesen „ausgewählten“Menschen erzählen. Ja, und das praktiziere ich so, bis zum heutigen Tage. Fast immer wirkt es sogar! Glücklicherweise ist ein Augenpaar inzwischen aber schon gar nicht mehr auswählbar, weil es zu viele gibt, denen man jetzt gerne, nach den ersten Sätzen fast wie im Rausch, froh und entspannt seine Geschichten mitteilen kann.

1.8 Lesen, Lernen, Zuhören sind ebenso wichtig wie eigene Lebenserfahrungen!

Wie schon erwähnt, ist kein Geschichtenerzähler wie der andere. Jeder bringt etwas mit, was andere nicht haben oder nicht so können wie er oder wie sie. Gute und interessante Storyteller, egal ob männlich oder weiblich, bestechen durch Einzigartigkeit. Manche ergänzen ihren Vortrag mit Musikinstrumenten oder mit Liedern. Mit Puppen oder sogar mit den Fingern, die urplötzlich zu Hund und Katze, Kasperl und Drache oder zu Himpelchen und Pimpelchen Fingerspielzwerge werden können.

Wie Gripari verlieben sich bei mir im Erzieher-Alltag auch tagtäglich die Schuhe von Neu- em. Hat das Kind sie selbst aber links und rechts verdreht herum angezogen, dann mögen sie sich vielleicht nicht und sind sauer aufeinander? Damit alles wieder gut wird, sollten sie sich eben dann wieder anschauen, um am Ende wieder ein glückliches, zufriedenes und „verliebtes Paar“zu werden.

Wer etwas macht und etwas kann, was andere nicht können oder nicht machen, der hat dieses besondere Etwas. Ein Etwas, was ganz allein ihn ausmacht und ihn von der großen Masse der anderen Erzähler abhebt und unvergleichlich macht, heißt: für die Zuhörer und das Publikum in Erinnerung behalten lässt.

Bei einem Märchen- oder Geschichtenerzähler, sollten es doch einfach die Märchen sein, die sie besonders gut darbieten können? Stimmt! Aber es gibt so viele Märchen, Geschichten und Anekdoten, dass man oft klagen könnte: „Wer die Wahl hat, ...“

Und doch kann es so einfach sein. Denn: Wer eine Qual beim Auswählen der passenden Geschichte fürs jeweilige Publikum haben wird. Nun, der hat die falsche Rolle gewählt. Vielleicht wäre die des Sankt Martins besser für ihn geeignet? Wenn er nämlich gerne mit dem Schwert umgeht und Mäntel in zwei Hälften teilt, ja, dann sogar mit ziemlicher Sicher- heit!

An großes und thematisch breites Repertoire an Texten ist daher immer hilfreich. Wenn das Publikum anders zusammen gesetzt ist, als man gedacht oder geplant hat, dann ist es gut, wenn man variieren und auf die Altersgruppen oder ganz bestimmte Themen situativ und stimmig eingehen kann.

Eine laute Rabaukenhorde wird andere, wahrscheinlich spannendere und gruseligere Geschichten mögen, als das bei einer Gruppe von Mädchen, die als Prinzessinnen und Elfen verkleidet sind, auf einer Geburtstagsfeier der Fall wäre.

Wenn die Kinder einen länger kennen, kann man sogar, wie Opa das früher tat bei seinen Erlebnissen vom 2. Weltkrieg, mit eigenem Erlebten aufwarten. Bei mir etwa sind es mei- ne beiden sichtbaren Narben an den Händen. Sie werden Auslöser oder „Knoten“-Punkt für allein zwei abenteuerliche Geschichten, die ich selbst in meiner Kindheit erlebt habe.

Manchmal werden Geschichten auch schon mal zu sogenannten „Running Gags“, die wie Anekdoten immer wieder gerne von Neuem erzählt werden sollen und wollen. Wenn man sie dann immer wieder erzählen wird, weiß man, dass sie bei der Zuhörerschaft immer wieder sicheren Anklang finden.

Vielleicht auch mal eine Möglichkeit, etwa eine unvorhergesehene Wartezeit zu überbrük- ken oder die eine oder andere Zugabe noch an einen Erzählnachmittag anzuhängen.

Wie auch immer, das Thema „Erzählen“ließe sich noch in vielen Bereichen gliedern und erörtern. Da dieses Buch aber den Erzähler Pierre Gripari zum Schwerpunkt haben soll, empfehle ich für Interessierte die Website: www.erzaehlen.de - dort gibt es z.B. von Kristin Wardetzky einen informativen und zum Thema lehrreichen und ergänzenden Artikel.

Chaplin sagte im Film Limelight übrigens auch, mit einem Fingerzeig auf seine Stirn: „Hier drin hast Du das wertvollste Spielzeug, das Dir keiner nehmen kann, Deine Fantasie. Mit ihr wird es Dir im Leben niemals langweilig werden!“

Mit diesem Hinweis möchte auch ich das Thema abschließen und wünsche mir und Euch: Gebt Eurer Fantasie die Chance sich zu entfalten!

2. Kurze Reflektion

von Josef Mahlmeister (Mai 1999)

Warum soll es heute noch Märchen- und Geschichten-Erzähler geben?...

Kinder brauchen Märchen! Nicht nur, da er von Bruno Bettelheim stammt, ist dieser prägnante Ausspruch in aller Ohren. Aber warum? - Warum brauchen Kinder heute mehr denn je Geschichten, Märchen, und all das, was damit einhergeht? - So vieles könnte man sich dazu aus Quellen holen, von denen es doch mehr als zur Genüge gibt. Psychologen, Soziologen, Therapeuten und Forscher der verschiedensten Art haben sich seit jeher damit befasst. Doch kaum einer kommt zu dem einfachen, so lapidar simplen Ergebnis:

Weil es Ihnen gefällt!

Nun ja, ganz so einfach und reduziert ist es auch wieder nicht. Aber wer doch einmal in die Gesichter mit den großen Augen, der gebannt dasitzenden Kindern geblickt hat, das Wechselspiel von Erzähler/in und Zuhörer/innen, egal ob groß ob klein, ob dick oder dünn, hässlich oder schön, in dieser Runde werden alle eins, wer diese unsichtbare Stimmung miterlebt hat, wer die Fragen gehört, wer die Spannung im eigenen Bauch gefühlt, vielleicht sogar mit einem Schluckauf das Lachen in einer besonders humorvollen Erzählpassage krönen konnte, wer dem allem und vielem mehr beigewohnt, es erlebt, gesehen & gefühlt hat, der weiß und versteht es auch ohne allzu „großer“Worte, was es ausmacht, ein Erzähler von Kindergeschichten und Märchen sein zu können und auch zu dürfen.

Diese Verzauberung, die oft schon nach wenigen Minuten eintritt; diese Verwandlung der Knirpse von ängstlichen und zaghaften Mäusen, hin zu manchmal schon über-mutigen lautstarken selbstbewussten kleinen Helden, die fast selbst zu den Bezwingern des Bösen um sie herum werden.

Es ist immer wieder faszinierend. Auch wenn die Kinder schon alle Geschichten kennen und Du sie dennoch zum x-ten Male wiederholen sollst, sie sich vielleicht durch ein anderes Publikum, wiederum erneuern und wer weiß sie gar noch viel schöner werden. Wenn sie sich dann neu formen, gestalten, sich immer wieder aufs Neue konstruktiv mit den Kindern zusammen, mit oft anderem dennoch positivem Ausgang dann zum Happy End entfalten werden.

Das ist Glückseligkeit, wenn dies auch etwas kitschig klingen mag. Das schafft dann aber dieses Urvertrauen, diese Zuversicht, dass das Morgen noch besser werden kann, als es das Gestern vielleicht einmal war. Die Hoffnung und das Vertrauen in den Anderen und den Glauben an die Welt und in ihr an das immer aufs Neue siegende Gute.

Keiner „erzählt“alleine; vor dem Spiegel etwa, wie es einige verständige Allwissende Leute propagieren. Erzählen wird, ob im Märchen oder in der Stegreif-Geschichte, tagtäglich neu doch stets im Wechselspiel von Erzähler und Publikum gemacht und erlebt, sprich: konstruktiv verändert! - Jeder hat seine Lieblingsgeschichte, jeder sucht und findet etwas anderes in seinen Träumen und Sehnsüchten. Und darum geht es letztendlich. Wenn Janosch sagt: „ Komm, wir finden einen Schatz! “, so steckt darin allein schon die tausendprozentige Gewissheit, dass keiner alleine suchen muss und es für jeden Menschen irgendwo und irgendwann auch einmal einen Schatz zu finden gibt. Und das, das ist doch eine viel verständlichere Erklärung, als man sie in irgendwelchen dicken theoretischen, dünnzeiligen Schmökern mit den hochgestochensten Fremd-Wörtern herausfinden wird. .

* *** *

[...]

Ende der Leseprobe aus 44 Seiten

Details

Titel
Pierre Gripari und seine Rue Broca Geschichten
Untertitel
Der Kölner Geschichtenerzähler Josef Mahlmeister und die legendären Erzählungen aus einer Straße inmitten von Paris
Autor
Jahr
2012
Seiten
44
Katalognummer
V193597
ISBN (eBook)
9783656185475
ISBN (Buch)
9783656186137
Dateigröße
3775 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Fachbuch, welches die Arbeit in bezug auf die französisch-deutschen Übersetzungen zu den Texten von Pierre Gripari zum Inhalt und Thema hat.
Schlagworte
Erzählen, Pierre Gripari, Josef Mahlmeister, Erzähler, Geschichtenerzähler, Märchenerzähler, Storyteller, Storytelling, Zaubergeschichten, Rue Broca, Paris, Köln, Erzählungen, Märchen, Geschichten
Arbeit zitieren
Josef Mahlmeister (Autor), 2012, Pierre Gripari und seine Rue Broca Geschichten, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/193597

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