Die Themenzentrierte Interaktion nach Ruth Charlotte Cohn

Eine Methode der inklusiven Erwachsenenbildung?


Hausarbeit (Hauptseminar), 2012
17 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

0 Einleitung

1 Grundlagen der TZI
1.1 Entstehung
1.2 Methode
1.3 TZI im Kontext Bildung

2 Die Axiome
2.1 Das existenziell-anthropologische Axiom
2.2 Das ethisch-soziale Axiom
2.3 Das pragmatisch-politische Axiom

3 Die Postulate
3.1 Prinzip der Selbstverantwortung
3.2 Prinzip der Arbeitsfähigkeit
3.2.1 Störungen in der Gruppe
3.2.2 Umgang mit Störungen
3.3 Die Hilfsregeln

4. Fazit

Quellen

0 Einleitung

Anbieter_innen von Angeboten im Bereich der Weiterbildung unterliegen seit Jahren steigenden Anforderungen an die Wirtschaftlichkeit. Dies steigert den Zwang kostengünstig und dennoch effektiv zu arbeiten. Sie müssen ihre Teilnehmer_innen von Angeboten und Konzepten überzeugen, um diese als Kunden zu gewinnen und zu behalten. Eine große Rolle die Qualität dieser Angebote zu sichern, spielen die Methoden, welche Wissen vermitteln. Sind Kurse nicht teilnehmer_innengerecht gestaltet, so brechen die Teilnehmer_innen den Kurs ab, belegen keine weiterführenden Angebote oder nehmen andere Institutionen in Anspruch.

Wie im Seminar „Inklusive Erwachsenenbildung“ festgestellt, gibt es einen allmählichen Paradigmenwechsel in der Erwachsenenbildung und Menschen mit Behinderung werden bei Anbietern von Erwachsenenweiterbildung allmählich als Zielgruppe erkannt. Hier fehlt es bisher nicht nur an inklusiven Angeboten, sondern auch an Methoden, wie Kurse nicht nur theoretisch, sondern auch faktisch inklusiv gestaltet werden können. Konträre Ansichten der einzelnen Teilnehmer_innen können in jedem Angebot der Bildung dazu führen, dass die Durchführung der Gruppenarbeit- und in Folge dessen die Vermittlung von Lerninhalten eines Angebots- verzögert oder ganz verhindert werden. In der folgenden Hausarbeit wird ein Überblick über die Methode der Themenzentrierten Interaktion (im Verlauf der Hausarbeit mit TZI abgekürzt) von Ruth Cohn vorgestellt. Diese soll nicht nur konflikt- und angstfreie Kommunikation ermöglichen, sondern strebt bestmögliche Kooperation an und ist vielfältig anwendbar, auch im Bereich der inklusiven Erwachsenenbildung.

In dieser Hausarbeit wird grundsätzlich die geschlechtsneutrale Schreibweise „_innen” verwendet. Diese hat die Funktion, dass nicht nur Frauen, sondern auch Menschen, die sich zwischen beziehungsweise außerhalb der Zweigeschlechtlichkeit zugehörig fühlen, bedacht werden.

1 Grundlagen der TZI

1.1 Entstehung

„Dem ursprünglich gesunden Menschen ein solches Leben ermöglichen, in dem er gesund bleiben kann – wie kann das gelingen?“[1]

Dies ist die Grundfrage, die Ruth C. Cohn dem Konzept der TZI zugrunde legte. Insbesondere der Abbau von Ängsten und die Förderung kooperativer Kommunikation mit weniger destruktiven Konflikten stehen bei der TZI im Vordergrund. Durch Förderung der Selbst- und Fremdwahrnehmung soll das Lernen und Arbeiten in Gruppen erleichtert und verbessert werden. Die Entstehung der TZI ist eng verbunden mit der Biografie von Ruth C. Cohn und wird im Folgenden stark verkürzt angerissen.

1912 wurde Ruth Charlotte Hirschfeld in Berlin als Tochter einer vermögenden deutsch-jüdischen Kaufmannsfamilie geboren. 1933 musste sie ihr Studium der Psychoanalyse abbrechen und flüchtet vor dem zunehmenden Nazi-Terror nach Zürich. Dort setze sie ihr Studium fort und belegte (auch um den Status als Studentin zu erhalten, was sie vor der Ausweisung schütze) zusätzlich Literatur, Pädagogik, Philosophie und Theologie. Neben dem Studium absolvierte sie eine sechsjährige Ausbildung der Internationalen Gesellschaft für Psychoanalyse zur Psychoanalytikerin. Diese Ausbildung war essentiell für Ruth Cohns spätere persönliche und berufliche Entwicklung. Sie erlebte unter dem Eindruck des Nazi-Terrors, dass durch die psychoanalytische Praxis nur eine begrenzte Zahl privilegierter Menschen geholfen werden konnte und stellte die Frage, wie mehr Menschen nachhaltig geholfen werden kann. 1938 heiratete sie ihren langjährigen Lebenspartner den Arzt Helmut Cohn und 1941 schließlich immigriert die Familie in die USA. Dort absolvierte sie eine Ausbildung als Lehrerin und lernte die kindzentrierte, hochengagierte Arbeit der „Progressive Early – Childhood Education“ kennen, welche starken Einfluss auf sie hinterließ.

Ab 1946 praktizierte Ruth C. Cohn in New York in einer eigenen Praxis. Zunächst arbeitete sie mit Kindern, später auch mit Erwachsenen. Als Gegenbewegung zum Psychoanalytischen Institut (welches nur Mediziner_innen zuließ), gründet Theodor Reik die National Psychological Association for Psychoanalysis (NPAP). Ruth Cohn beteiligte sich daran, baute sie mit auf, arbeitete als Dozentin und in der Ausbildungskommission. 1955 machte sie hier als Dozentin während eines Workshops zum Thema Gegenübertragung einen wichtigen Schritt in Richtung Entwicklung der TZI. Der unbeirrte Wunsch von Ruth Cohn, die Einsichten der Gruppentherapien nicht nur Patient_innen, sondern darüber hinaus einem weiten Personenkreis zukommen zu lassen, trieb sie weiter an. Die Beobachtung, dass Mitglieder therapeutischer Gruppen leichter lernten und auch förderlicheres Lernen erlebten, als Schüler oder Studenten während üblichem Unterricht verstärkte diese Bestrebungen. Sie erklärte dies mit der stärkeren Berücksichtigung von Emotionen und des individuellen Wohlbefindens der Teilnehmer_innen. Außerhalb therapeutischer Gruppen aber gab es keinen kein Platz für Emotionen. So hielt sie später dazu fest „Es hatte mich immer wieder in Erstaunen versetzt, in welchem Ausmaß Mitglieder therapeutischer Gruppen mit Hilfe dieser Erfahrungsweise ein ungeheuer anregendes und nutzbringendes Lernen erlebten, während die meisten Studenten in Hörsälen das Studieren als trocken und nicht bereichernd quasi erdulden. So erfuhr ich den Unterschied zwischen „totem“ und „lebendigem“ Lernen.“[2]

Ruth Cohn modifizierte vor allem gruppentherapeutische Methoden, um sie auch in Organisationen, Schulklassen oder Hörsälen verwenden zu können. Ihre Methode basiert demzufolge durch die verschiedenen Einflüsse zum einen auf psychoanalytischen Theorien (Arbeit am Widerstand vor der Arbeit am Inhalt), zum anderen auf gruppen- und erlebnistherapeutischen Erfahrungen (Beachtung des Körpers und der Emotionen) und existential-philosophischen Prämissen der „Humanistischen Psychologie“. Schließlich entstand aus der Methode des lebendigen Lernens, anschließend die Themenzentrierte Interaktionelle Methode und schlussendlich die Themenzentrierte Interaktion.[3]

1.2 Methode

Der themenzentrierte Interaktion liegt also eine ganzheitliche Sichtweise vom Lernen, Leben und Zusammenleben zu Grunde. Sie stellt nicht nur ein Konzept zur Leitung von Gruppen dar, sondern ist als Lebenseinstellung zu verstehen, welches der Förderung ganzheitlicher Kommunikation dient.

Die Grundlage für die TZI ist das TZI-Dreieck, welches Ruth Cohn gewissermaßen im Schlaf fand. „Eines Nachts träumte ich von einer gleichseitigen Pyramide. Im Aufwachen wurde mir klar, dass ich die Grundlage meiner Arbeit erträumt hatte. Die gleichseitige Traumpyramide bedeutete mir: Vier Punkte bestimmen meine Gruppenarbeit. Aus der Pyramide wurde aus darstellerischen Gründen ein Dreieck, der vierte Punkt durch einen Kreis dargestellt.“[4]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Laut TZI wird also jede Gruppe durch vier Faktoren bestimmt: die einzelne Person („Ich“), die Interaktion zwischen den Teilnehmern („Wir“) sowie durch die Sache mit der sich die Gruppe beschäftigt („Es“), diese sind gleich wichtig. Ergänzt dazu wird die Umwelt, in welcher sich die Gruppenarbeit abspielt, durch den „Globe“ als wichtigen Einflussfaktor, dargestellt. Umwelt im weiteren Sinne stellt alles dar, was auf die Gruppe einwirkt: Ort, Zeit, Wissensstand, Hintergrund der Teilnehmer_innen usw. Nur wenn diese vier Faktoren im Prozess der Arbeit mit der Gruppe angemessene Berücksichtigung in Themenformulierung und Strukturangebot finden, also dynamisch ausbalanciert werden, ist lebendiges Lernen im Sinne der TZI möglich.[5]

Im Folgenden werden die einzelnen Bereiche des TZI-Dreiecks und die Folgen von Verschiebungen in diesen kurz angerissen.

„Ich“ betrifft jedes einzelne Individuum, also jedes einzelne Gruppenmitglied, mit seiner/ihrer Lebensgeschichte, mit allen Fähigkeiten und Beschränkungen, sowie mit allen generellen, aktuellen körperlichen, geistigen und seelischen Verfassungen. Auch persönliche Ziele, Einstellungen, Wahrnehmungen, Wünsche und Ängste der einzelnen Gruppenmitglieder_innen gehören zu dieser Ecke des Dreiecks, da Bedürfnisse und Befindlichkeiten sowohl motivierend sein können, als auch die Handlungsfähigkeit einschränken. Durch eine zu geringe Akzentuierung des "Ich" ergibt sich in der Gruppe eine zu starke Anonymität, während eine zu starke Akzentuierung dieser Ecke des Dreiecks zu Einzelunterricht, bzw. Einzeltherapie führt.

„Wir “ bezieht sich auf die gesamte Gruppe der Individuen, welche sich zur Bearbeitung eines gemeinsamen Inhalts zusammenfinden. In jeder Gruppe herrscht eine eigene, besondere Dynamik, welches im Sinne der TZI Beachtung benötigen. Das „Wir“ steht also für die Interaktionen zwischen den Gruppenmitglieder_innen, also für Sympathie, Akzeptanz, Einflussnahme, sowie gemeinschaftliche Werte. Wenn sich Gruppen lediglich um sich selbst und/oder ihre einzelnen Mitglieder_innen drehen, verkehrt sich die Intension gemeinsam inhaltlich zusammen zu arbeiten in eine lediglich gruppendynamische Selbsterfahrungsgruppe. Zu geringe Beachtung des „Wir“ führt dazu, dass Energien der Zusammenarbeit verloren gehen und für die gemeinsame Bearbeitung des Inhalts nicht zur Verfügung stehen.

[...]


[1] Langmaack, B.: Einführung in die Themenzentrierte Interaktion TZI. Leben rund ums Dreieck, Weinheim/Basel 2001, 17

[2] Cohn, R.: Von der Psychoanalyse zur themenzentrierten Interaktion, Stuttgart 1990, S. 111

[3] Langmaack, B.: Einführung in die Themenzentrierte Interaktion TZI. Leben rund ums Dreieck, Weinheim/Basel 2001, 20ff

[4] ebd., 49f

[5] Vgl. Langmaack, B.: Einführung in die Themenzentrierte Interaktion TZI. Leben rund ums Dreieck, Weinheim/Basel 2001, 48f

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Die Themenzentrierte Interaktion nach Ruth Charlotte Cohn
Untertitel
Eine Methode der inklusiven Erwachsenenbildung?
Hochschule
Universität Erfurt
Veranstaltung
Inklusive Erwachsenenbildung
Note
1,0
Autor
Jahr
2012
Seiten
17
Katalognummer
V193601
ISBN (eBook)
9783656192824
ISBN (Buch)
9783656193302
Dateigröße
530 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
inklusiv, erwachsenenbildung, methode, Ruth Cohn, TZI, themenzentrierte Interaktion, alternativer Unterricht, Schule, Bildung, Inklusion, Erwachsene, methodisches Vorgehen, alternatives Konzept, weiterbildung, Menschen, Behinderung
Arbeit zitieren
Sozialarbeiterin B.A. Karin Luther (Autor), 2012, Die Themenzentrierte Interaktion nach Ruth Charlotte Cohn, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/193601

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