[...] Wurde er zu Beginn von der Forschung als missratener Sohn des glorreichen Kaisers Karl des Großen gesehen, so wurde dieses Bild mittlerweile relativiert oder zumindest entkräftet. Aus Ludwigs Herrschaft wurden nun die positiven Aspekte stärker betont, dessen Reformationseifer herausgearbeitet und ihm nicht die Alleinschuld an dem
Ende des karolingischen Imperiums gegeben. Ludwig bleibt aber eine umstrittene Figur und
seine Herrschaft ein schwieriger Teil der mittelalterlichen Geschichte. Maßgeblich für die spätere Geschichte und für die Aufstände gegen Ludwig war immer die Bewertung der Nachfolgeregelung Ludwigs, der sogenannten Ordinatio Imperii, von 817. Denn bei der Bewertung der Nachfolgeregelung schwanken die Forschungsergebnisse
erheblich. Während man noch vor einigen Jahren der Ordinatio Imperii eine sehr hohe
Bedeutung für die späteren Ereignisse um den Aufstand gegen Ludwig zumisste, relativierte
sich dieses Bild in letzter Zeit. Die Ordinatio Imperii wird nun nüchterner betrachtet und ihrer
vormals gewichtigen Bedeutung wird viel Kraft genommen. In dieser Arbeit wird die Forschungsbewertung der Ordinatio im Mittelpunkt stehen. Dabei werden zunächst einige kurze Vorbemerkungen gemacht, die den historischen Rahmen
und die Bestimmungen der Ordinatio Imperii selbst betreffen. Dabei sollen aber nur Aspekte
herausgearbeitet werden, die für die spätere Arbeit relevant sind. Anschließend wird der ältere
Forschungskonsens skizziert, dem der Ordinatio eine sehr hohe Bedeutung zumisst. Danach
werden jüngere Forschungsmeinungen aufgezeigt, die dem bisherigen Konsens kritisch
gegenüberstehen. In einem letzten Teil werden die älteren Forschungsmeinungen mit den
neueren Erkenntnissen geprüft. Es soll dabei besonders der Frage nachgegangen werden, ob
die bisherige Bewertung der Ordinatio noch aufrecht gehalten werden kann, oder ob die
Quelle radikal neuinterpretiert werden muss? Als Hauptquelle für die Arbeit dient die Ordinatio Imperii selbst. Daneben wird hauptsächlich auf die beiden Ludwig-Viten von Thegan und des Astronomus zurückgegriffen,
um den historischen Kontext zu belegen. Im zweiten Abschnitt sind besonders die Aufsätze
von Theodor Schieffer, Egon Boshof und Thomas Bauer, sowie das Handbuch von Arnold
Angenendt die Grundlage. Der dritte Abschnitt wird sich dann mit den Einwänden befassen,
die von Steffen Patzold und Johannes Fried gebracht wurden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Ordinatio Imperii von 817
2.1. Historischer Rahmen
2.2. Die Ordinatio Imperii
3. Bewertung der Ordinatio Imperii
3.1. Der Einheitsgedanke der Ordinatio Imperii
3.2. Die Ordinatio Imperii und der Aufstand von 830
3.3. War die Ordinatio Imperii nur eine Wiederholung?
3.4. Gab es einen Einheitsgedanken in der Ordinatio Imperii?
4. Kompromissversuch
5. Schluss
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht die historische Bewertung der Ordinatio Imperii von 817 und hinterfragt den in der Forschung lange dominierenden Konsens, dass es sich dabei um ein theologisch begründetes Einheitskonzept des Fränkischen Reiches handelte. Ziel ist es, unter Einbeziehung neuerer Thesen kritisch zu prüfen, ob die Ordinatio tatsächlich eine revolutionäre Abkehr von der fränkischen Teilungstradition darstellte oder ob sie primär als machtpolitisches Instrument zur Regelung der Nachfolge unter Ludwig dem Frommen zu verstehen ist.
- Historische Einordnung der Regierung Ludwigs des Frommen
- Analyse der Ordinatio Imperii als Regelung der Nachfolge
- Kritische Auseinandersetzung mit dem sogenannten "Einheitsgedanken"
- Untersuchung der Zusammenhänge zwischen der Ordinatio und dem Aufstand von 830
- Diskussion revisionistischer Forschungsmeinungen zur Motivation Ludwigs des Frommen
Auszug aus dem Buch
3.2. Die Ordinatio Imperii und der Aufstand von 830
Der Kaiser wird nicht als der alleinige Hauptvertreter der Ordinatio Imperii angesehen. Vielmehr wird in der Forschung besonders die Person Benedikt von Aniane herausgehoben. Benedikts Ziel war, wie bereits kurz aufgezeigt wurde, eine Vereinheitlichung des Klosterwesens. Diese kirchliche Reform gipfelte dann in einer politischen Reform, die mit der Ordinatio Imperii ihre konkrete Form erhielt. Durch Benedikt wurde die Ordinatio auch theologisch, beziehungsweise geistlich begründet. Weiterhin waren andere Personen, aus dem Beraterkreis Ludwigs, maßgeblich an dem Einheitsgedanken beteiligt. Zu nennen sind insbesondere Ludwigs Kanzler Helisacher, sowie dessen Nachfolger Fridugis. Außerdem Hildebald von Köln, dessen Nachfolger Hilduin von Saint-Denis und ab etwa 821 auch Adelhard von Corbie und Wala. Diese Männer waren es, die zu dem engen Beraterkreis Ludwigs zu zählen sind und auch die Einheit des Reiches vertraten. Ob diese Männer wirklich in allen Punkten einig waren, darf darüber hinaus aber sehr umstritten sein. Vielmehr lassen sich zwei Parteien feststellen die auf Ludwig einwirkten, wodurch sich die Ordinatio auch als Kompromiss verstehen lässt. Es ist aber auch verfehlt zu behaupten, dass Ludwig ausschließlich auf den Rat seiner Berater gehört hatte, da sich die Nachfolgeordnung nicht hätte durchsetzen lassen, wenn der Kaiser nicht hinter dieser gestanden hätte.
Es bleibt zudem die Frage zu beantworten, warum die Bewertung der Ordinatio Imperii so hohen Stellenwert in der Forschung einnimmt? Grund hierfür ist, dass sich die Ordinatio Imperii von der Forschung in Zusammenhang mit den Aufständen gegen Ludwig und sogar mit dessen politischen Scheitern bringt. Zum einen wird der Aufstand Bernhards von Italien oft mit der Ordinatio in Verbindung gebracht. Bernhard soll nämlich nur gegen den Kaiser aufgelehnt haben, da er nicht in der Nachfolgeregelung bedacht worden war. Zum anderen aber besonders der Aufstand von 830 mit der Nachfolgeregelung Ludwigs verbunden. Weil Ludwig seinen vierten Sohn Karl mit einem eigenen Reichsteil ausgestattet hatte, sei es zu dem Aufstand gekommen. Denn die Berücksichtigung Karls sei ein Bruch mit den Bestimmungen der Ordinatio, beziehungsweise eine Handlung gegen den Einheitsgedanken gewesen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einführung erläutert die historische Bedeutung Ludwigs des Frommen und skizziert das Forschungsinteresse an der Ordinatio Imperii von 817 im Kontext kontroverser Forschungsmeinungen.
2. Die Ordinatio Imperii von 817: Dieses Kapitel liefert den historischen Kontext der Regierungszeit Ludwigs und analysiert die wesentlichen Bestimmungen der Nachfolgeregelung, um die Ausgangslage für die spätere Bewertung zu schaffen.
3. Bewertung der Ordinatio Imperii: Dieser Hauptteil beleuchtet kritisch den wissenschaftlichen Konsens über den Einheitsgedanken der Ordinatio, diskutiert dessen Bezug zum Aufstand von 830 und hinterfragt, inwieweit die Regelung tatsächlich eine Neuerung darstellte.
4. Kompromissversuch: Hier wird der Versuch unternommen, die widersprüchlichen Forschungsansätze zu versöhnen und die Rolle der Ordinatio Imperii neu als politisches Instrument zur Nachfolgeregelung zu bewerten.
5. Schluss: Das Kapitel fasst die Ergebnisse zusammen, wonach die Ordinatio vorrangig als Nachfolgeregelung und nicht als ideologisches Einheitskonzept zu verstehen ist, und identifiziert weiteren Forschungsbedarf.
Schlüsselwörter
Ludwig der Fromme, Ordinatio Imperii, Fränkisches Reich, Karolinger, Nachfolgeregelung, Einheitsgedanke, Reichseinheit, 817, 830, Aufstand, benedikt von Aniane, Herrschaftslegitimation, Forschungsgeschichte, unitas imperii, Teilungstradition.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der wissenschaftlichen Rezeption der Ordinatio Imperii aus dem Jahr 817, einem zentralen Dokument der karolingischen Herrschaft unter Ludwig dem Frommen, und hinterfragt deren traditionelle Interpretation als theologisches Einheitskonzept.
Was sind die zentralen Themenfelder der Publikation?
Die zentralen Themen sind das Verhältnis von politischer Macht und ideologischer Legitimation, die fränkische Teilungstradition versus den Einheitsgedanken, der Einfluss der Berater Ludwigs des Frommen sowie die Ursachen für die Aufstände während seiner Herrschaft.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das primäre Ziel ist es, den bisherigen Forschungs-Konsens zur Ordinatio Imperii zu prüfen und aufzuzeigen, dass die bisherige Annahme eines rein ideologisch motivierten Einheitsgedankens die komplexen machtpolitischen Realitäten und die tatsächliche Funktion der Regelung verkennt.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer quellenkritischen Analyse der historiographischen Hauptquellen der damaligen Zeit (z.B. Astronomus, Thegan, Nithard) sowie einer detaillierten Auseinandersetzung mit der modernen Forschungsgeschichte und kontroversen Interpretationsansätzen (z.B. von Johannes Fried und Steffen Patzold).
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden der historische Rahmen, der Inhalt der Ordinatio, die Bewertung in der Forschung, die Verbindung zwischen der Reichsteilungsordnung und späteren Aufständen (insbesondere 830) sowie revisionistische Thesen, die die Ordinatio als Wiederholung früherer Programme sehen, diskutiert.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Die zentralen Begriffe umfassen Ludwig den Frommen, Ordinatio Imperii, Reichseinheit, karolingische Erbfolgeregelung, Machtpolitik und die kritische Distanz zum Begriff der "Reichseinheitspartei".
Inwiefern spielt der "Einheitsgedanke" eine Rolle bei der Argumentation des Autors?
Der Autor hinterfragt kritisch, ob es einen wirklichen, theologisch begründeten Einheitsgedanken gab oder ob die Terminologie (wie etwa unitas imperii) eher als spätere historiographische Zuschreibung oder bloßes Legitimationselement für politische Ziele genutzt wurde.
Welche Rolle spielen die Berater Ludwigs für die Bewertung der Ordinatio?
Die Berater, allen voran Benedikt von Aniane, werden als treibende Kräfte einer kirchennahen Reformpolitik identifiziert, die die Ordinatio mitgeprägt haben, wobei der Autor betont, dass Ludwig selbst als Entscheidungsträger agierte und das Dokument kein reines Produkt einer Beraterclique war.
Welches Fazit zieht die Arbeit bezüglich des Aufstands von 830?
Die Arbeit kommt zu dem Schluss, dass der Aufstand von 830 nicht allein aus dem Bruch mit dem "Einheitsgedanken" der Ordinatio erklärt werden kann, sondern vielmehr andere machtpolitische Motivationen der beteiligten Akteure im Vordergrund standen.
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- Sven Wunderlich (Autor), 2012, Die Ordinatio Imperii von 817, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/193634