Die Informationsgesellschaft - Ein Phänomen des sozialen Wandels oder ein Mythos?


Wissenschaftlicher Aufsatz, 2006
11 Seiten, Note: 1

Leseprobe

DIE INFORMATIONSGESELLSCHAFT - EIN PHÄNOMEN DES SOZIALEN WANDELS ODER EIN MYTHOS?

„Die Leute“ sagte der kleine Prinz, „schieben sich in die Schnellzüge, aber sie wissen gar nicht, wohin sie fahren wollen. Nachher regen sie sich auf und drehen sich im Kreis...“

(Antoine de Saint-Exupéry, Der Kleine Prinz)

Kaum ein anderer Begriff wie „Informationsgesellschaft“ wurde in den vergangenen zehn Jahren so häufig in gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und technologischen Beiträgen gelobt. Experten sprechen von phänomenalen Möglichkeiten der Telekommunikations- und Computerbranche. Neue Technologien verändern den Lebensstandard der Menschen - ermöglichen ein „Immererreichbarsein“ - schaffen Arbeitsplätze und sichern somit den Wohlstand. Aber hält die Informationsgesellschaft auch das, was sie verspricht? Um dieser Frage auf den Grund zu gehen, muss man sich vorerst mit dem Phänomen der Begrifflichkeiten an sich beschäftigen. Was ist die Informationsgesellschaft überhaupt? Fand mit dem technologischem Fortschritt ein gesellschaftlicher Wandel statt, bzw. worin besteht die gesellschaftliche Veränderung? Es erweckt den Anschein, dass Information und Kommunikation einen neuen Stellenwert im Leben der Menschen gewonnen hat. Schon seit Jahrtausenden sind Information und Kommunikation von höchster Bedeutung für die Menschheit. Was faszinierte uns also so an neuen Technologien der Telekommunikations- und Computerbranche, dass es zu einem gesellschaftlichen Wandel kam? Auf den ersten Blick scheint man mit Informationsgesellschaft primär die Entwicklung von Kommunikationstechnologien zu verstehen. Durch den verstärkten Einsatz von Digitaltechnologie wurden bestehende Kommunikationsstrukturen aufgelöst und neue etabliert. Aber ist damit der Kern der Informationsgesellschaft erfasst, bzw. wissen wir, wohin sie uns bringen wird, oder drehen wir uns nur im Kreis?

Wissenschaftler aus allen Disziplinen versuchen seit Jahren dieses Phänomen zu erfassen und zu beschreiben. Das Resultat ist eine unreflektierte Vermengung der Schlagworte „Informations- und Kommunikationsgesellschaft“. Von technischer Seite wird das Hauptaugenmerk auf die globale Vernetzung gelegt. Die Ökonomen hingegen sehen die Informationsgesellschaft in erster Linie anhand der Anzahl der Informationsarbeiter und der Bedeutung des Informationssektors in der Wirtschaft (gemessen am Bruttosozialprodukt eines Landes). Während ein Teil der Wissenschaftler den Ursprung der Informationsgesellschaft in den 70er Jahren sieht, ist er für andere schon seit dem 19. Jahrhundert Realität. Eine weitere Position wiederum verlagert das Aufkommen der Informationsgesellschaft in die Zukunft. Was der Welt als Informationsgesellschaft verkauft wird, ist also ein mehr als fragwürdiges Konzept. Es ist noch nicht geklärt, ob es sich dabei um ein Wunschbild handelt, dass sich zur self-fulfilling-prophecy verwandeln soll. Das Hauptaugenmerk sollte somit in der Frage liegen: Existiert die Informationsgesellschaft überhaupt? Lassen Sie uns dabei fürs erste den Blick auf soziokulturelle und theoretische Ansätze richten.

Die Gesellschaft und ihr Wandel

Theorien sozialen Wandels - von der klassischen Evolutionstheorie zu den neoevolutionären Theorien

Primär stellt sich die Frage, unter welchen Kriterien vollzieht eine Gesellschaft einen Wandel. Es macht keinen Sinn über die Informationsgesellschaft nachzudenken, wenn der Begriff der Gesellschaft ein verschwommener ist. Es gilt also festzuhalten, aus welchen Disziplinen sozialer Wandel erklärt werden kann und welche Faktoren diesen Wandel beeinflussen. Die Soziologie, so heißt es, wurde aus dem Bedürfnis geboren, die Regelmäßigkeiten und Gesetze der Geschichte zu erkennen. (vgl. Tenbruck, 1997, S.21) Geschichte und Evolution gewinnen erst ihren Sinn aus einer angestrebten, perfekten Ordnung. Die ersten Soziologen waren also im wesentlichen Evolutionstheoretiker.1 Trotz unterschiedlicher Aussagen und inhaltlicher Differenzen hatten sie eines gemein: die Vorstellung von der Geschichte als einen in sich zusammenhängenden Prozess und die Idee, dass sich durch diesen Prozess schrittweise ein ganz bestimmter Zweck verwirklicht - nämlich Fortschritt. Verallgemeinernd lässt sich festhalten, dass die Theorien von Durkheim und Tönnies, sowie in den klassischen Evolutionstheorien im allgemeinen, sozialen Wandel für unausweichlich und unbedingt notwendig halten. Die Ursachen für die Veränderungen sind dabei nicht außerhalb der Gesellschaft zu finden, sondern bereits in deren Wesen angelegt. (vgl. Strasser/Randall, 1979, S. 74f) Das bedeutet, dass laut den klassischen Evolutionstheoretikern gesellschaftlicher Wandel nie außerhalb einer Gesellschaft stattfinden kann, sondern er beruht immer auf einer inneren Notwendigkeit. Radikal formuliert könnte man sagen, dass menschliche Handlungen bzw. Bemühungen allein nie einen Gesellschaftswandel hervorrufen können. Jeder Versuch, diese Gesetzlichkeiten außer Kraft zu setzen, muss daher zwangsläufig ohne Erfolg bleiben. Im Gegensatz zu den klassischen Evolutionstheorien betrachten jedoch die neueren Theorien, also die neoevolutionären Theorien, sozialen Wandels im wesentlichen Geschichte als multilinear. Zwar wird auch hier ein allgemeiner Fortschritt der Gesellschaften von niederen zu höheren Stufen angenommen, aber im Gegensatz zu den Klassikern können sich diesen Theorien zufolge Gesellschaften entlang von ganz unterschiedlichen Pfaden entwickeln. Diese Theorien gehen davon aus, dass auch externe Handlungen Geschichte und Gesellschaft verändern können.2

Strukturfunktionalismus und Systemtheorie

Eine der bedeutendsten soziologischen Denkrichtungen ist der Strukturfunktionalismus. In vielerlei Hinsicht stellt er das Erbe der klassischen Evolutionstheorie dar. Ein wesentlicher Aspekt ist nämlich auch hier die Organismusanalogie, d.i. der grundsätzliche Vergleich gesellschaftlicher Systeme mit lebenden Organismen. Der bekannteste Vertreter und vielfach auch als dessen Vater bezeichnet - ist Talcott Parsons. Er versteht gesellschaftliche Evolution so, dass sich Prinzipien und Normen durchsetzen, die unserer westlichen Form von Rationalität entsprechen. Für das Individuum ist mit dieser Entwicklung die Entstehung eines sogenannten „institutionalisierten Individualismus“ verbunden. (vgl. Zapf, 1990, S. 34f) Er sieht in den westlichen modernen Gesellschaften diesen Typus verwirklicht, wobei er aber nicht eine vollkommene Übereinstimmung existierender Gesellschaften mit dem Modell postuliert. Weiters erkennt er auch an, dass Veränderungen innerhalb der Systeme möglich sind. Sie stellen jedoch keine strukturellen, sondern graduelle Vorgänge dar. (vgl. ebenda S. 36) Niklas Luhmann, ein weiterer Systemtheoretiker, hat Parsons’ Konzept zum Funktionalstrukturalismus weiterentwickelt. Die funktionale Differenzierung stellt für Luhmann ein wesentliches Merkmal moderner Gesellschaften dar.(vgl. Burkart, 1998, S.449) Dabei erkennt er Geschichte als Abfolge verschiedener Stadien, wobei er allerdings den Motor des Wandels in der Herausbildung der Kommunikationsmittel sieht. Im konkreten bedeutet dies, dass sich erst mit der Entwicklung der Schrift Hochkulturen herausbilden konnten - mit der Etablierung der Massenmedien wurden diese erneut abgelöst, nämlich von der heutigen technisch-industriell fundierten Gesellschaft. Durch die rasante Entwicklung der Kommunikationstechnologien erfolgte eine Ausweitung der Reichweite des Kommunikationsnetzes weltweit, wodurch es nunmehr möglich geworden ist, eine Botschaft zu einem bestimmten Zeitpunkt potentiell allen Menschen in der Welt mitzuteilen. Zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte ermöglichen uns technische Errungenschaften - theoretisch - die gesamte Menschheit an einer gemeinsamen Realität teilhaben zu lassen3. (vgl. ebenda, S. 177ff) Für Vertreter des Strukturfunktionalismus bedeut Wandel in der Regel nur Wandel im System und nicht Wandel des Systems. Sowohl die klassischen, als auch die neueren Evolutionstheorien sind von der Wissenschaft heftig umstritten. Der häufigste Kritikpunkt darin ist, dass die Wissenschaftler die Entwicklung der Gesellschaft von der niederen zu höheren Stufe postulieren. Das würde bedeuten, dass es sich also um eine ständige qualitative Verbesserung handelt. Diese These ist jedoch, laut Popper, nicht einmal bei biologischen Phänomenen haltbar: „Es gibt kein Gesetz der Evolution; es gibt nur die historische Tatsache, dass sich Pflanzen und Tiere verändern oder, genauer gesagt, dass sie sich verändert haben.“ (Popper, 1997, S. 27) Dies führt zu dem Schluss, dass diese Theorien weniger geeignet sind sozialen Wandel zu erklären, denn gesellschaftliche Wandlungsprozesse können weder angemessen erklärt noch richtig beurteilt werden.4 Aber welche Theorie findet für die Konzepte und Theorien der Informationsgesellschaft eine angemessene Erklärung?

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Details

Titel
Die Informationsgesellschaft - Ein Phänomen des sozialen Wandels oder ein Mythos?
Hochschule
Universität Wien
Note
1
Autor
Jahr
2006
Seiten
11
Katalognummer
V193698
ISBN (eBook)
9783656188070
ISBN (Buch)
9783656188452
Dateigröße
432 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Informationsgesellschaft, Systemtheorie, Wandel, Theorien
Arbeit zitieren
Dr. Edith Huber (Autor), 2006, Die Informationsgesellschaft - Ein Phänomen des sozialen Wandels oder ein Mythos?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/193698

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