Zur „Ichlosigkeit“ des Protagonisten „Ginster“ in Siegfried Kracauers gleichnamigem Roman


Hausarbeit, 2012

15 Seiten, Note: 1,3

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1 Zum Begriff der Ichlosigkeit

2 Ginsters Entwicklung und seine zentralen Eigenschaften

3 Das planzenhafte Dasein Ginsters

4 Vergleich von Ginster mit Charlie Chaplin und Buster Keaton

5 Die Identität Ginsters

Literatur

Einleitung

Der Titelfigur „Ginster“ in Kracauers gleichnamigen Roman wurde in der zeitgenös- sischen und in der neueren Forschung enorme Beachtung geschenkt und insbesondere Ginsters Wesen wurde häufig thematisiert. In zahlreichen Rezensionen und Interpre- tationen wird der Titelfigur Ginster nachgesagt, er habe kein „Ich“ und besitze keine Individualität.1 Daneben werden ihm immer wieder „Ichlosigkeit“2, fehlende Identität oder auch Willenslosigkeit attestiert.3 Bei Thomas Hecken4 und ebenso bei Hildegart Hogen5 finden sich jedoch Anhaltspunkte, diese "Ichlosigkeit" kritisch zu hinterfragen. Hecken führt bspw. an, dass die bisherige Forschung Ginsters äußere Ungeschicklichkeit und Wehrlosigkeit auf dessen gesamtes Wesen überträgt, um ihn somit relativ schnell auf den Begriff der Ichlosigkeit zu bringen. Heckens Ansicht nach wurde in der Forschung aber bislang "übersehen", dass nicht nur eine beruflich und weltanschaulich gefestigte Existenz über ein Ichbewusstsein verfügen kann, sondern dass auch Ginster über wesentliche Aspekte der Selbstgewissheit verfügt, die bislang ausgeblendet wurden. Eine systematische Untersuchung dieser Aspekte findet sich bei Hecken jedoch noch nicht. Es bleibt bei einer knappen Argumentation, mit dem Hinweis darauf, dass bei Ginster durchaus "durchgehaltene Schematisierungs- und Klassifizierungsakte"6 zu finden sind, die auf ein vorhandenes Ichbewusstsein schließen lassen. Ziel der folgenden Arbeit ist es daher einerseits zu untersuchen, welche Aspekte für Ginsters "Ichlosigkeit" sprechen und andererseits aber auch gezielt zu erörtern, welche Argumente für eine aus- gebildete Identität des Protagonisten stehen.

Zur Bearbeitung dieser Fragestellung ist zunächst in Kapitel 1 zu klären, was unter „Ichlosigkeit“ zu verstehen ist und wodurch sich das „Ich“ einer Person entwickelt. Das

1 Zum Begriff der Ichlosigkeit 3

'Ich' eines Menschen wird maßgeblich geprägt durch dessen persönliche Entwicklung. Aus diesem Grund werden im 2. Kapitel zentrale Stationen in Ginsters Lebensgeschichte aufgegriffen und es wird erörtert, ob in seiner persönlichen Entwicklung eine Ichbildung erfolgt ist. Der Sinn eines Spitznamens liegt üblicherweise darin, einen besonders her- vortretenden Charakterzug einer Person zu betonen. In Kapitel 3 wird erörtert, welche Eigenschaften der Protagonist mit der Pflanze Ginster, nach der er benannt ist, gemein- sam hat und was diese Eigenschaften über Ginsters Identität aussagen. Verschiedene Autoren, wie bspw. Ernst Bloch und Joseph Roth, haben auf Parallelen zwischen der Romanfigur Ginster und Charlie Chaplin sowie Buster Keaton hingewiesen7, denn auch von Chaplin und Keaton wird gesagt, sie haben kein 'Ich'.8 Daher wird im 4. Kapitel ein Vergleich mit den beiden Figuren vorgenommen, um Ähnlichkeiten zu finden und wei- tere Aspekte von Ginsters 'Ichlosigkeit' aufzuzeigen. Abschließend wird zusammen- fassend gegenübergestellt, welche Aspekte für bzw. gegen eine ‚Ichlosigkeit’ der Titelfigur sprechen (Kapitel 5).

Wie in der Einleitung bereits beschrieben, wurde Ginsters Wesen mit den verschiedensten Attributen umschrieben. Doch egal, ob man ihn willenlos, identitätslos oder individualitätslos nennt, im Kern bezeichnen alle diese Ausdrücke das fehlende ‚Ich’ des Protagonisten. Was mit ‚Ichlosigkeit’ gemeint ist und welche Aspekte zur Ausbildung des „Ichs“ bei einer Person beitragen, wird im Folgenden geklärt.

Das ‚Ich‘ bzw. die Identität einer Person wird definiert, als „eine Konzeption dessen, wer man ist.“9 Ein wesentlicher Aspekt, der zum ‚Ich‘ gehört, sind die zentralen Werte und Überzeugungen eines Menschen.10 Dazu gehört auch das Vorhandensein von Idea- len. Ein weiteres Kennzeichen ichbewusster Individuen ist planvolles Handeln, das auf bestimmte Ziele bzw. Zwecke ausgerichtet ist.11 Dies impliziert, dass Menschen, die über ein ‚Ich‘ verfügen, Pläne und Ziele im Leben haben müssen. Menschen mit einen ausgeprägten ‚Ich‘ weisen darüber hinaus in der Regel Anzeichen von Selbstbehauptung und Selbsterhaltung auf.

Das ‚Ich‘ eines Menschen ist nicht selbstverständlich vorhanden, sondern entwickelt sich kontinuierlich und festigt sich vor allem in der Auseinandersetzung mit anderen Personen, wie der Familie, Lehrern, Freunden und Bekannten. Ichfindung kann ebenso durch Liebe und Sexualität erfolgen. Weitere Aspekte, die zur Identitätskonstruktion beitragen, sind die Ausbildung und der ausgeübte Beruf.12 Daneben gibt es auch Menschen, die sich über Eigentum und Besitz definieren. Einen wesentlichen Bestandteil der Ichentwicklung junger Männer in der damaligen Zeit stellte auch der Kriegsdienst dar.13

Ob und inweieweit Ginster die genannten Aspekte des Ichbewusstseins aufweist, ist im Verlauf der folgenden Arbeit zu klären.

2 Ginsters Entwicklung und seine zentralen Eigenschaften

Wie in Kapitel 1 aufgezeigt wurde, wird das Ich eines Menschen maßgeblich geprägt durch dessen persönliche Entwicklung im Laufe seines Lebens. Aus diesem Grund werden hier zentrale Stationen in Ginsters Lebensgeschichte betrachtet, um zu sehen, inwieweit diese zur Identitätsbildung der Titelfigur beigetragen haben. Zwar setzt die Romanhandlung erst bei Kriegsbeginn ein, jedoch erfährt der Leser, insbesondere durch die Rückblicke im 2. Kapitel, einiges über die Vergangenheit des Protagonisten.

Ein wichtiger Bestandteil der Identität einer Person ist deren Name. Bei Ginster ist das anders, sein „eigentlicher Name“14 bleibt unwichtig und wird dem Leser daher auch nicht mitgeteilt. Der Leser erfährt nur den Spitznamen: „Ginster“. Wie wenig sich Ginster mit seinem eigentlichen Namen identifiziert, zeigt sich beim Aufrufen der Soldaten, die sich mit einem „hier“ melden, wenn sie ihren Namen hören:

[...]

1 Vgl. Belke, Ingrid: Identitätsprobleme Siegfried Kracauers (1889-1966). In: Benz, Wolfgang; Neiss, Marion (Hgg.): Deutsch-jüdisches Exil: Das Ende der Assimilation? 1. Aufl. Berlin 1994. S. 45-65, hier S. 49.

2 Lau, Jörg: Ginsterismus. Komik und Ichlosigkeit. Über filmische Komik in Siegfried Kracauers erstem Roman ‚Ginster‘. In: Volk, Andreas (Hg.): Siegfried Kracauer. Zum Werk des Romanciers, Feuilleton- isten, Architekten, Filmwissenschaftlers und Soziologen. 1. Aufl. Zürich 1996. S. 13-42, hier S. 28.

3 Vgl. Belke, 1994, S. 49ff.

4 Vgl. Hecken, Thomas: Ginster und die Angestellten als Konstruktion. 2004. http://homepage.ruhr-uni-bochum.de/thomas.hecken/angestellte.pdf (11.03.2012). S. 8.

5 Vgl. Hogen, Hildegart: Die Modernisierung des Ich. Individualitätskonzepte bei Siegfried Kracauer, Robert Musil und Elias Canetti. 1. Aufl. Würzburg 2000. S. 78ff.

6 Hecken, 2004, S. 8.

7 Vgl. Roth, Joseph: Wer ist Ginster? In: Kesten, Hermann (Hg.): Joseph Roth. Werke. Bd. 4. Neue erw. Ausg. Köln 1976. S. 360-362, hier S. 361.

8 Lau, 1996, S. 19ff.

9 Henning, Tim: Personale Identität und personale Identitäten - Ein Problemfeld der Philosophie. In: Petzold, Hilarion (Hg.): Identität. Ein Kernthema moderner Psychotherapie - Interdisziplinäre Perspektiven. 1. Aufl. Wiesbaden 2012. S. 19-38, hier S. 21.

10 Vgl. ebd., S. 29.

11 Vgl. ebd, S. 21ff.

12 Vgl. Oschmann, Dirk: Auszug aus der Innerlichkeit. Das literarische Werk Siegfried Kracauers. 1. Aufl. Heidelberg 1999, hier S. 101.

13 Vgl. ebd., S. 101.

14 Kracauer, Siegfried: Ginster. 1. Aufl. Frankfurt am Main 1990, S. 7.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Zur „Ichlosigkeit“ des Protagonisten „Ginster“ in Siegfried Kracauers gleichnamigem Roman
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Note
1,3
Jahr
2012
Seiten
15
Katalognummer
V193729
ISBN (eBook)
9783656188759
ISBN (Buch)
9783656189633
Dateigröße
481 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Ichlosigkeit, Ginster;, Identität, Ichbildung, Ichentwicklung
Arbeit zitieren
Anonym, 2012, Zur „Ichlosigkeit“ des Protagonisten „Ginster“ in Siegfried Kracauers gleichnamigem Roman, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/193729

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